Sozialistische Revolution in der ARD

Lenin kam nur bis Lüdenscheid - Heute Abend im Fernsehen

Lenin kam nur bis Lüdenscheid
© Florianfilm
Lenin kam nur bis Lüdenscheid

In dem Film Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution erinnert sich der Schriftsteller Richard David Precht an seine Kindheit in den 1960ern. 1964 wird er in Solingen geboren und wächst in einer Familie auf, die sich eine kleine sozialistische Welt geschaffen hat. Regisseur André Schäfer hat sich des außergewöhnlichen Stoffes angenommen und in einem Dokumentarfilm umgesetzt. Die ARD strahlt ihn heute Abend um 22.45 Uhr aus.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Bis Solingen ist er nicht gekommen. Aber fünfundzwanzig Kilometer weiter östlich, im Zeltlager in Lüdenscheid, schien die Weltrevolution bereits geglückt. Geboren in einer Zeit, die von politischen Umwälzungen in Deutschland und der ganzen Welt geprägt ist, erinnert sich Richard David Precht an den sozialistischen Kosmos seiner Kindheit: Seine Solinger Familie erschafft ein kleines linkes Universum inmitten kapitalistischen Feindeslandes. Vater Precht liest Marx und Engels, während Sohn Richard diese Rauschebärte mit Tiervater Brehm verwechselt. Der Junge entwickelt eine ganz eigene Weltsicht, in der etwa die DDR ein riesiger und paradiesischer, durch eine hohe Mauer geschützter Zoo ist. Mutter Precht trennt scharf zwischen Gut und Böse, Sozialismus und Kapitalismus; so ist Coca-Cola zu Hause ebenso verpönt wie Raumschiff Enterprise. Richard und seine Geschwister, von denen zwei aus Vietnam adoptiert wurden, dürfen aber Asterix lesen, weil das französisch, also irgendwie subversiv ist und die Römer die Besatzer sind, also ähnlich wie die Amerikaner.

Zu Wort kommen die Prechtschen Familienmitglieder – der Vater, Richards Geschwister, von denen zwei ebenfalls aus Mutters Bauch kamen, die beiden anderen aber aus Vietnam. Denn die Prechts wollten Ende der 1960er Jahre ein Zeichen setzen und adoptierten als eine der ersten Familien in Deutschland zwei Kinder, die durch den Krieg ihre Eltern verloren hatten – was der WDR damals in drei Besuchen bei der Familie dokumentierte. Neben zahlreichen Fotos aus dem Familienarchiv der Prechts schöpft der Film auch aus einem großen Fundus von Archivschätzen: aus der Solinger Provinz, aus Vietnam, Berlin, vom DKP-Zeltlager in Lüdenscheid und schließlich vom Mauerfall und dem Erwachsenwerden, wo diese Geschichte endet.

Die Berliner Zeitung in Person von Knut Elstermann lobt den Film wegen seiner flüssigen “Montage aus zeitgeschichtlichem Material und privaten Aufnahmen, zusammengehalten vom Kommentar, den Precht selbst spricht. Wie schon im Buch, so erscheint jene Zeit auch im Film keineswegs als trostlose Epoche massenhafter ideologischer Verblendung, sondern als aufregender, kurzer Abschnitt des Optimismus und der Utopien. Die Revolte, in vielen gegenwärtigen ’68er-Rückblicken lediglich mutwilliger Ausbruch gelangweilter Bürger-Kinder, wird hier als Aufruhr des Gewissens geschildert.”

Bemühte Pointensuche hat Rainer Gansera von der Süddeutschen Zeitung ausgemacht. “Der anfangs prächtig funktionierende Trick des Films besteht in seinem kindlich-naiven Erzählton, mit dem er die Gedanken- und Gefühlswelt des kleinen Richard David selbstironisch erschließt. … Merkwürdigerweise versucht der Film diesen Ironie-Ton beizubehalten, wenn er zu den Erzählungen aus Jugend- und Erwachsenenalter kommt … Hier kippt der augenzwinkernde Charme des Beginns in eine bemühte Pointensuche, die sich um alle entscheidenden Fragen drückt.”

Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau sieht den Film nicht als verklärend-nostalgisch, aber als wohlwollenden Film. “Lenin kam nur bis Lüdenscheid ist nicht der erste Film über die 68er-Bewegung, doch es ist einer der wenigen, die ohne die Konstruktion eines Generationskonflikts auskommen. Unkritisch, ist er dennoch nicht. Man muss nur zwei der Precht-Kinder zusammensetzen, schon widerspricht das eine dem anderen. In der Vermittlung von kritischem Bewusstsein haben die Eltern ganze Arbeit geleistet.”

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