Hausgemachte Probleme bei Marvel

Marvel's Inhumans - Von Beginn an ohne Chance

Marvel's Inhumans
© ABC / Marvel Entertainment
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Es hätte alles so schön werden können, dachte sich Marvel wohl im Oktober 2014. Die Guardians of the Galaxy hatten gerade einen überraschenden Hit an den Kinokassen gefeiert. Als ungewöhnliche Superhelden-Combo, die vor Veröffentlichung nur echten Comic-Insidern ein Begriff gewesen war, avancierten Star-Lord, Rocket, Groot, Drax und Gamora zu den beliebtesten Helden im Marvel Cinematic Universe (MCU). Warum sollte das Experiment nicht wiederholt werden können?

Die Pläne für einen Inhumans-Film lagen zu jenem Zeitpunkt schon in der Schublade, der Erfolg der Guardians of the Galaxy beschleunigte dann den Prozess zur Umsetzung eines generell interessanten Themas: eine Rasse genetisch veränderter Menschen, geführt von der Königlichen Familie rund um Black Bolt, die jede Menge Stoff für Intrigen und Ränkespielchen à la Game of Thrones bietet. Das Thema war eigentlich perfekt geeignet für das Filmuniversum, dass an den Kinokassen einen Erfolg nach dem anderen feierte.

Ein Sprung in die Gegenwart: Marvel's Inhumans floppte an den Kinokassen, genauer gesagt, an den IMAX-Kinokassen. Weltweit spielten die ersten beiden Folgen der Serie gerade einmal rund 2,8 Millionen US-Dollar ein. Die Einschaltquoten bewegen sich auf einem ähnlich schwachen Niveau. 3,75 Millionen US-Amerikaner sahen die beiden Pilotfolgen, 1,98 Millionen die zuletzt ausgestrahlte 7. Episode. Zum Vergleich: Die Premiere von Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. kam auf 12,12 Millionen Zuschauer, Marvel's Agent Carter auf 6,91 Millionen. Trotzdem ist das Interesse an den Inhumans zumindest etwas größer als an der neuesten Staffel von Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D., die zuletzt nur noch zwischen zwei und drei Millionen Zuschauer anzog. Dennoch gilt Marvel's Inhumans nicht nur bei Kritikern als größter Flop des Marvel-Konzerns.

So wurde bereits das IMAX-Release Anfang September zerrissen, sei es "das zutiefst fehlerhafte und mit Handlungslöchern gefüllte Storytelling, die schlecht durchdachten Charaktere" (Liz Shannon Miller, Indiewire), "die visuelle Aufmachung, die kaum einen Großbildfernseher, geschweige denn eine IMAX-Ausstrahlung rechtfertigt" (Brian Lowry, CNN) oder die Tatsache, dass die Serie "nicht wirklich weiß, was sie sein will" (Robert Lloyd, Los Angeles Times). Dabei waren die Inhumans, zunächst als Film geplant, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Mehr: Der moviepilot Serien-Check zum Auftakt von Marvel's Inhumans

Dass es die königliche Familie überhaupt auf den Radar der Marvel-Filmabteilung Marvel Studios schaffte, verdanken Black Bolt und Co. Isaac Perlmutter, Chief Executive Officer (CEO) von Marvel Entertainment. Der israelisch-amerikanische Geschäftsmann gilt als Befürworter des Inhumans-Films und verortete das Projekt in die 3. Phase des MCU zwischen The Avengers 3: Infinity War und The Avengers 4. Damit stieß Perlmutter auf wenig Gegenliebe bei Marvel-Studios-Chef Kevin Feige, dessen Abteilung derer von Perlmutter unterstellt war. In Hollywood’s Gerüchteküche finden sich einige potenzielle Gründe für den Disput, wobei keiner davon tatsächlich bestätigt ist und die folgenden Vermutungen entsprechend mit Vorsicht zu genießen sind.

So sollen die Inhumans nicht in Feiges Pläne für das MCU gepasst haben. Auf der anderen Seite soll Perlmutter den Marvel-Studio-Chef seinerzeit gedrängt haben, den Film trotzdem zu produzieren. Dahinter soll wiederum der Gedanke gestanden haben, die Inhumans als X-Men-Ersatz ins MCU zu implementieren. Die Rechte an Marvels Mutantentruppe sind seit jeher ein Streitthema zwischen Marvel Entertainment, das die Rechte gerne hätte, und Fox, die sie besitzen. Was auch immer wirklich hinter den Kulissen passierte, unbestreitbar ist das angespannte Verhältnis von Perlmutter und Feige, das bei den Dreharbeiten zu The First Avenger: Civil War, seinen Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt fand.

Das nächste Kapitel der unrühmlichen Geschichte von Marvel’s Inhumans beginnt im August 2015, als Marvel Studios, bis dahin eine Tochtergesellschaft von Marvel Entertainment, als eigenständige Tochter in die Walt Disney Company integriert wurde. Schlagartig änderten sich die Machtverhältnisse im MCU. Feige stand nun nicht mehr unter der Aufsicht von Perlmutter, sondern konnte selbst den Fahrplan für das Kinouniversum festlegen und musste sich „nur noch“ vor Walt-Disney-Chef Alan Horn verantworten. Perlmutter behielt das Kommando über Marvel Entertainment und dessen Abteilung Marvel Television, die für das TV-Universum des Konzerns verantwortlich zeichnet.

Mit Feige im Chefsessel des MCU wurde der Inhumans-Film im April 2016 aus den Plänen gestrichen. Stattdessen schuf er Platz für die Sequels Spider-Man: Homecoming 2 und Ant-Man and the Wasp. Marvel’s TV-Tochter nahm sich der Inhumans-Serie zusammen mit ABC Studios und IMAX im November 2016 an - nur zehn Monate vor dem Release. IMAX-CEO Greg Foster äußerte sich in einem Interview gegenüber Digital Spy, dass zum Zeitpunkt der Terminbekanntgabe noch kein Script existierte. Der Zeitdruck war also enorm.

Auftritt Scott Buck: Der durchaus erfolgreiche Autor und Produzent (Six Feet Under - Gestorben wird immer, Rom, Dexter) wurde als Showrunner verpflichtet. Buck hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit Marvel an der Netflix-Serie Marvel's Iron Fist gearbeitet. Was damals eine nachvollziehbare Entscheidung war, entpuppte sich nach den negativen Kritiken für Marvel’s Kung-Fu-Fäusteschwinger Danny Rand als weiteres Puzzleteil zum Inhumans-Flop. Bereits Marvel’s Iron Fist hatte mit schwachen Charakterentwicklungen und einem teilweise wirren Plot zu kämpfen. Ein Trend, der sich bei Marvel’s Inhumans fortsetzen sollte.

Die Dreharbeiten begannen schließlich Anfang März 2017 auf Hawaii. Vorher musste allerdings noch ein Produktionsstudio auf die Beine gestellt werden. Als Regisseur fungierte Roel Reiné, der bis dahin vor allem mit B-Movies (Death Race 2, Scorpion King 3 - Kampf um den Thron) zu tun gehabt hatte. Laut Reiné wollte Marvel seine Inhumans-Serie "schnell und billig", eine Untertreibung, wie ein Blick auf die zeitlichen Abläufe zeigt. Die Dreharbeiten für die ersten beiden Folgen, aus denen das spätere IMAX-Release zusammengezimmert wurde, dauerten gerade einmal 20 Tage, die zahlreichen Re-Shoots nicht mitgezählt. Insgesamt hatte das Team von der Ankündigung bis zum Release gerade einmal zehn Monate Zeit.

Die Kooperation mit IMAX entpuppte sich somit als Fluch und Segen zugleich. Zwar standen dem Produktionsteam durch den potenten Geldgeber finanzielle Mittel zur Verfügung, von denen andere Serien wie beispielweise Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. nur träumen konnten. Die andere Seite der Medaille war aber der eng gesteckte Zeitplan bis zum IMAX-Release.

Der Rest ist Geschichte. Zwar ist wahrlich nicht alles schlecht an Marvel’s Inhumans. Trotzdem geht die Serie wohl als vorerst größter Flop des Konzerns in die TV-Historie ein. Wir dürfen gespannt sein, ob und wenn ja, wie sich der Misserfolg von Buck und Co. auf das Image des bisher (fast) makellosen MCU auswirken wird. Für Marvel’s Inhumans scheint allerdings jede Hilfe zu spät zu kommen. Die Entwicklung einer 2. Staffel gilt als unwahrscheinlich.

War Marvel's Inhumans wirklich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt?

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