Norman Bates - Ein schizophrener Charakter zwischen Film & Serie

Norman Bates
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Norman Bates
05.10.2018 - 08:20 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Norman Bates ist einer der komplexesten Charaktere des Horrorgenres. Doch wer ist eigentlich Norman Bates und was macht seine Figur so faszinierend? Erfahrt es in unserem Porträt.

Vor 58 Jahren versetzte Alfred Hitchcock mit seinem Horrorfilm Psycho die Zuschauer in Angst und Schrecken und legte nicht nur den Grundstein für ein neues Genre, sondern setzte zudem einem der interessantesten Antagonisten des Horrorgenres ein filmisches Denkmal. Vier Filme und eine Serie später stellen wir euch den faszinierenden und tragischen Charakter Norman Bates im Rahmen unseres Themenspecial Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 näher vor. So zwiegespalten der Verstand von Norman Bates ist, so gleicht auch seine Geschichte einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung mit unterschiedlichen Kontinuitäten und Auswegen. Als Grundlage für dieses Porträt dienen die Filme Psycho, Psycho II, Psycho IV und die Serie Bates Motel.

Norman Bates: Der nette Junge von nebenan

Norman Bates war in seiner Jugend eigentlich ein total unkomplizierter, höflicher und zurückhaltender Junge. Wären da nicht seine seltsamen Filmrisse, unter denen er seit seiner Kindheit leidet. So ist es nicht etwa seine überfürsorgliche Mutter Norma, die Norman beschützt, sondern etwas Dunkles, nicht Greifbares und tief in Normans Unterbewusstsein Verwurzeltes, das seine Seele rein zu halten versucht. Denn als kleiner Junge im Alter von 7 Jahren beging Norman seinen ersten Mord, und zwar an seinem gewalttätigen Vater - Ödipus lässt grüßen. Seitdem knüpft sich das Band zwischen Norman und seiner Mutter Norma zu einer ungesunden Mutter-Sohn-Beziehung, die lange über den Tod hinaus halten wird.

Mit der Pubertät formt sich nicht nur der Charakter Normans als vorbildlicher Sohn und zuvorkommender junger Mann, sondern auch seine dissoziative Persönlichkeitsstörung. Daneben ist Norman ein eher zurückgezogener und befremdlicher Jugendlicher mit einer Vorliebe für tote Tiere. Immer wieder leidet er an kleine Anfällen von Amnesie, die zunehmend eine eigene Form annehmen: Eine gespaltene Persönlichkeit manifestiert sich in Normans Geist, die unter der Oberfläche des unscheinbaren Jungen schlummert und jeden Moment ausbrechen könnte. Diese Persönlichkeit ist es auch, die Norman jegliche engere Beziehung untersagt, die nicht jene zu seiner eigenen Mutter ist.

Norman Bates

Eine komplexe Tiefenanalyse von Normans psychischen Verfall würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Heruntergebrochen ist es ein traumatisches Erlebnis, das die Manifestation von Normans zweiter Persönlichkeit endgültig in Bewegung setzt. Eingesperrt und lebendig begraben, setzt der verwurzelte Beschützerinstinkt von Normans Norma-Persönlichkeit ein. Nach diesem Ereignis realisiert Norma, dass in ihrem Sohn etwas erwacht, das sie nicht kontrollieren kann. Selbst die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt kann Norman nicht mehr helfen, denn seine psychische Erkrankung ist zu weit fortgeschritten.

Mama weiß es am besten

Wenn es einen Charakter gibt, der noch faszinierender als Norman Bates ist, dann ist es seine Mutter Norma. Sie selbst erlitt ein schweres Trauma in ihrer Jugend, das ihre Beziehung zu ihrem ältesten Sohn Dylan für immer schädigen sollte. Stattdessen fokussiert sie ihre ganze Liebe auf Norman. Nach dem Verlust ihres Mannes wurde Norma zu einer selbstbestimmten und starken Frau, die sich und ihrem Sohn ein neues Leben von Grund auf aufbaut, indem sie ein altes Motel kauft. Durch Normans blutige Eskapaden wird Normas Kontrollsucht hart auf die Probe gestellt. Sie kann und will sich nicht eingestehen, dass ihr Sohn Hilfe benötigt.

Eine Mutter tut alles für ihr Kind

Schließlich kommt auch Norma an einen Punkt, an dem sie sich ihre eigene Schwäche eingestehen muss. Doch Norman ist schon zu abhängig von seiner Mutter, als diese ihn einweisen lässt. Nach seiner Rückkehr aus Pineview eskaliert die Situation und ihr eigener Narzissmus wird ihr zum Verhängnis. Denn als die idealisierte Vorstellung seiner Mutter durch eine Ehe zu einem anderen Mann in Gefahr gerät, beschließt Norman, sich und Norma das Leben zu nehmen. Natürlich überlebt Norman den Suizidversuch, was ihn komplett entgleisen lässt. Er hat nun das einzige verloren, das ihm wichtig ist.

Ein Geist, den Norman nicht loswerden kann

Norman Bates' Zerissenheit von Begierde und Scham

Nach dem Verlust seiner realen Mutter übernimmt Normans zweite Persönlichkeit immer öfter die Überhand, um ihn vor dem Verlustschmerz zu beschützen und die Personen aus dem Weg zu räumen, die Norman emotional zu nahe kommen. Doch die Serie Bates Motel lässt ebenso die Vermutung aufkommen, dass Normans Norma-Persönlichkeit eine Manifestation seiner eigenen Gelüste und Wünsche ist. Denn wir erfahren, dass Norman als Norma verkleidet Sex mit Männern hat und über längere Zeiträume als diese Persönlichkeit lebt.

Norma(n)

Dieser Norman ist nicht mehr schüchtern und verklemmt, sondern extrovertiert und sexuell befreit. Dies würde zudem nahe legen, warum die Persönlichkeit Norma jegliche Beziehungen von Norman zu Frauen untersagt. Denn sie weiß als einzige, dass Norman seine eigene Homosexualität verleugnet. Norman Bates droht zum Ende der Serie Bates Motel förmlich zu zerreißen. Die zwei Menschen Norman und Norma Bates teilen sich einen Körper, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele, was zu einem inneren Kampf um Normans Seele führt, den Norman schließlich mit dem Leben bezahlt.

Und wenn er nicht gestorben ist ...

Was ist wirklich mit Norman Bates geschehen? Ist die Geschichte über einen Bruder, der Norman zu seinem eigenen Schutz stoppen kann, vielleicht nur eine weitere Einbildung, ein weiterer Charakter in der zersplitterten Seele dieses Mannes? Denn die Filme und die Serie zusammen formen eine noch tragischere Geschichte für Norman. Als Kind wurde Norman von seiner Mutter emotional misshandelt und gebrochen. Die Fixierung auf seine Mutter wurde so stark, dass er sie und ihren Liebhaber umbrachte. Da seine Mutter ihn nicht vor den Schmerzen des Verlustes beschützen konnte, erdachte er sich eine bessere Version von Norma Bates, die schließlich ein Eigenleben entwickelte. Nach dem grausamen Mord an Marion Crane wird Norman für 22 Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo er sich neue Versionen seiner Geschichte entspinnt, in der er gestoppt werden konnte.

Norman viele Jahre nach dem Dusch-Mord

Doch das Kapitel Bates Motel bleibt eine Illusion. Schließlich schafft es Norman, der sich seiner blutigen Taten bewusst ist, seine dissoziative Persönlichkeitsstörung unter Kontrolle zu bringen. Doch die Stimme seiner Mutter wird in ihm nie verhallen. So sehr er sich auch gegen seine inneren Mordgelüste und seine psychische Krankheit wehrt, Norma wird immer wieder zurückkehren. Selbst als sich Norman viele Jahre später ein neues Leben mit einer neuen Frau aufzubauen versucht, übernimmt die Angst, seine Krankheit könnte vererbbar sein, was zu einem erneuten Ausbruch seiner zweiten Persönlichkeit führt. Es ist ein trauriges Ende für eine tragische Figur. Doch ist es wirklich die psychologische Komplexität, die Norman Bates für uns so faszinierend macht? Oder ist es unser eigenes voyeuristisches Verlangen, das uns begierig auf die geschundene Seele und die blutigen Ausbrüche Normans blicken lässt?

Wie steht ihr zu der Figur Norman Bates? Gefällt euch eher die Darstellung in Psycho oder in Bates Motel?

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