Polizeiruf Kritik

Polizeiruf 110 - Der verlorene Sohn in Magdeburg

Polizeiruf 110 - Der verlorene Sohn
© MDR/ARD
Polizeiruf 110 - Der verlorene Sohn

Sollte jemand ein Lehrbuch über die Einführung neuer Krimikommissare in Tatort und Polizeiruf schreiben, müsste sich auf Seite 245 im Praxisbeispielkapitel eine Gegenüberstellung von Tatort: Mein Revier und Polizeiruf 110: Der verlorene Sohn finden. Vielleicht auch auf Seite 246. Bei den Dortmunder Neulingen geriet der Fall angesichts der Anhäufung ermittlerischer Exzentrizitäten in Vergessenheit. Anstatt die psychischen Probleme der Kommissare ganz modern in die größte Attraktion ihres Krimis zu verwandeln, finden die Autoren Christoph Fromm und Friedemann Fromm eine elegante Lösung, die Magdeburger einzuführen, ohne sie mit Ausrufezeichen ins Scheinwerferlicht zu stellen, hinter dem alles andere im Dunkel verschwindet. Sie wecken in Polizeiruf 110 – Der verlorene Sohn unsere Neugier und befriedigen diese absichtlich nur teilweise. Dass ihnen die starken Darsteller Claudia Michelsen (als Brasch) und Sylvester Groth (als Drexler) zur Verfügung stehen, stört natürlich nicht.

Lokalkolorit: Nach soviel einführendem Lob, muss erst einmal die Handbremse gezogen werden. Die jüngeren Sonntagskrimis des MDR, also der Leipziger Tatort und der beendete Hallenser Polizeiruf, schaff(t)en es auf leider höchst nachahmliche Weise, jeder regionalen Färbung aus dem Weg zu gehen. Das Gefühl – irgendein Gefühl – für die jeweilige Stadt, in der die Ermittler Beweisen nachgehen, beschränkt sich meist auf Aufnahmen der Wahrzeichen, weshalb der angehende Tourist durchaus auf die Idee kommen könnte, Leipzig bestünde nur aus dem Hauptbahnhof. Obwohl sich der neue Magdeburger bzw. Machdeburcher Polizeiruf mit dem rechtsradikalen Milieu befasst, dessen Einflussnehmer auch in bürgerlichen Kreisen zu finden sind, lernen wir weder diese kennen, noch vermag es der Krimi, tiefer an der Perspektivlosigkeit zu kratzen, welche unter anderem als Motiv fürs Abdriften in die rechte Szene vorgeschoben wird. Besagte Szene selbst versammelt sich nur in einem einzigen, baufälligen Hinterhof, der sich mit hübschen, aber nichtssagenden Stadtansichten abwechselt. Der regionale Glanzpunkt in dem von stark gesättigten Farben und der Handkameraarbeit als irgendwie gritty und ein bisschen CSI verkauften Polizeiruf kommt von einer ganz anderen Seite: Da fängt der gebürtige Sachsen-Anhaltiner Sylvester Groth in Rage plötzlich an bezaubernd zu sächseln. Hoffen wir nur, dass Brasch Drexler noch öfter zur Weißglut treibt.

Plot: Ein Asylbewerber wird in einem Fitnessstudio, in dem er arbeitete, erschossen aufgefunden. Schlecht versteckte Anabolika deuten auf den Besitzer des Studios hin, die genauere Überprüfung führt Hauptkommissarin Doreen Brasch in die rechte Szene der rund 229.000 Einwohner starken Landeshauptstadt. Denn bald stellt sich heraus, dass der Mann vor den Schüssen tot war. Um den Fall möglichst unauffällig über die Bühne zu bringen, wird Brasch Kollege Drexler zur Seite gestellt, ein stiller Geselle, der zu Beginn entsprechend inszeniert wird: Wie vergessen sitzt er in einer Ecke des Präsidiums, während Brasch und Kollegen im Vordergrund herumwuseln. Dass Paragraphen-Drexler mehr drauf hat, als dem Chef den Status der Ermittlungen mitzuteilen, lernt auch Brasch. Die kann die Hilfe gut gebrauchen, denn ihr entfremdeter Sohn Andi (Vincent Redetzki aus Tatort: Im Namen des Vaters) steht mit beiden Beinen in der rechten Brühe und gerät unter Mordverdacht.

Unterhaltung: Ungleiche Cops sind das A und O der Krimiunterhaltung, weshalb die Idee, eine forsche Polizistin mit einem introvertierten Erbsenzähler ermitteln zu lassen, niemanden vom Hocker haut. Viel hängt bei solchen Formaten von der gern beschworenen Chemie der Schauspieler ab, die sich in Polizeiruf 110 – Der verlorene Sohn als Trumpf erweist. Claudia Michelsens Brasch rauscht mit ihrem Motorrad über die Treppen Magdeburgs, schwingt wenn nötig die Fäuste, wird durch ihre verborgene verletzliche Seite jedoch vor dem Abgleiten in die Karikatur bewahrt. Der Fokus liegt in diesem ersten Einsatz auf ihr. Der private Drexler wird erst einmal ausgespart, ohne dass Sylvester Groths Figur von seiner Kollegin völlig überstrahlt wird.

Michelsen und Groth legen die Reibungsstellen der beiden frei, aber entgehen der dauerhaften Irritation, worunter etwa der Tatort aus Saarbrücken leidet. Spaß gibt es in der hochdramatischen Story, die sich nicht mit einem einfachen Happy End begnügt, durchaus. Gerade in der zweiten Hälfte weiß das Drehbuch mit seinen amüsanten Dialogen zu überzeugen, ob nun in der schmissigen Brasch-Variante (“Endlich mal Nazis, die keine Loser sind.”), im trockenen Drexler-Modus (“Was soll’n das für’n Sinn machen, Flugzeugen beim Fliegen zuzuhören?”) oder in der Kombination der beiden (“Salat macht impotent.” – “Impotenz macht frei.”)

Tiefgang: Anstatt uns im Stile eines lustlosen Problemfilms mit der Aufzählung bekannter Versatzstücke zu langweilen, nutzen die Autoren die Perspektive von Doreen Brasch als Mutter und Kommissarin, um das Milieu zu erkunden. So werden die verschiedenen “Typen”, die mal mehr, mal weniger tief durch den braunen Sumpf waten, vorgestellt: vom Fußvolk, das sich über eine Ersatz-Familie freut, über die gebildete Elite bis zu den Profiteuren am Rand. Das alles ist nicht neu und durch die Mutter-Sohn-Beziehung verliert der Film die sehr realen, sehr alltäglichen Opfer der rechten Gewalt aus dem Blickfeld. Vielleicht wäre ein weniger brisantes Thema für den automatisch mit den Kommissaren beschäftigten Einstieg sinnvoller gewesen. Gleichzeitig deuten die Autoren mit Braschs Sohn Andi das Potenzial charakterlicher Weiterentwicklung in späteren Folgen an, die verhindern dürfte, dass wir es mit einem weiteren überflüssigen “Frühstück mit der Mutti und weg”-Krimikind zu tun haben.

Dem MDR ist mit diesem Magdeburger Polizeiruf sicher kein Meisterstück gelungen, aber das war bei der Krimi-Vergangenheit des Senders nicht zu erwarten. Neben den Hallenser Rentnern und den Leipziger Autopiloten wirkt der erste Einsatz dessen ungeachtet wie eine herbstliche Frischluftkur. Wünschenswert wäre, dass Brasch nicht noch eine im Drogenhandel verwickelte Schwester, einen illegal migrierten Cousin und einen sich prostituierenden Opa zur Verwandtschaft zählt.

Mord des Sonntags: Gehetzt von der Gotcha-Meute und nachträglich auch noch erschossen.

Zitat des Sonntags: “Ich würde auch Adolf Hitler dutzen.”

Für eine MDR-Produktion war der erste Polizeiruf aus Magdeburg erstaunlich unterhaltsam oder was meint ihr?

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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