Pose endlich auf Netflix: So gut ist die bahnbrechendste Serie 2018

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31.01.2019 - 09:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Auf Netflix startet endlich Pose, die bahnbrechende Serie von Ryan Murphy über die Ballroom-Szene im New York der 80er. Ob euch die fiercen Queens in ihren Bann ziehen können, erfahrt ihr in unserem extravaganten Seriencheck.

Update, 31.01.2019: Diesen Seriencheck zu Pose haben wir bereits zur US-Premiere auf FX geschrieben. Pünktlich zur deutschen Veröffentlichung bei Netflix haben wir den Artikel für euch aüberarbeitet.

In Deutschland ist nun auch auf Netflix die Dramaserie Pose gestartet, die das Ende der 15-jährigen Murphy-Fox-Ära einläutet, die mit Nip/Tuck ihren Anfang nahm. Gemeinsam mit Brad Falchuk und Steven Canals kreierte Ryan Murphy das Ensembledrama über die 80er-Jahre-Subkultur der Haus-Ballroom-Szene. Anders als progressiv und historisch kann Pose nicht betitelt werden, denn vor und hinter der Kamera sind mehr transsexuelle Darsteller und Autoren beschäftigt, wie bei keiner anderen Serie. Aber ist Pose auch eine spannende und mitreißende Serie?

Das Motto von Pose: "The category is: Welcome to the Ballroom World!"

Wer zuvor noch nie etwas von der Drag-Ball-Kultur gehört hat, dem sei als Vorbereitung für Pose die Dokumentation Paris brennt ans Herz gelegt. Dennoch verbringt Pose einen Großteil der Pilotfolge damit, seine Zuschauer in die Welt von Walks und Vogue einzuführen. Zu Beginn der Folge werden wir direkt mit dem Vokabular dieser Welt des Jahres 1987 vertraut gemacht und begleiten Mutter Abundance (Angelica Ross) und ihre Legendary Children dabei, wie sie prächtige und royale Kostüme in einem Museum klauen, um diese direkt im Anschluss auf dem Laufsteg des Balls in voller Pracht zu präsentieren.

Bunt und glamourös - Der Cast von Pose

Was die Ballroom-Szene ist, bringt die Figur Blanca (MJ Rodriguez) mit den Worten "Balls are a gathering of people who are not welcome to gather anywhere else" passend auf den Punkt. Der Glanz und Glamour dieser Subkultur diente in den 80er Jahren ausgestoßenen und geächteten homosexuellen und transsexuellen Menschen - vorrangig People of Color und Latinos - als eine Art Zuflucht vor Ausgrenzung. Hier konnten sie das Rampenlicht und die Anerkennung erfahren, die ihnen im weißen Amerika verwehrt blieb.

In verschiedene Häuser gruppierten sich verlorene Seelen zu eingeschworenen Familien, die füreinander einstehen und auf dem Laufsteg in verschiedenen Kategorien ihre Familienehre verteidigen. Doch der Ball dient nicht nur der Expression von Kunst und Traum, sondern diente den Teilnehmern ebenso als Test in der Öffentlichkeit als eine bestimmte soziale Klasse oder ein anderes Geschlecht durchzugehen ("passing") ohne Ächtung und Diskriminierung befürchten zu müssen.

Die Charaktere sind das Herz von Pose

Doch das glitzernde Licht der Diskokugeln weicht schon in der nächsten Sequenz der harten Realität, als der junge Damon (Ryan Jamaal Swain) von seinem Vater wegen seiner Homosexualität fast zu Tode geprügelt und auf die Straße geworfen wird. Am Boden seiner Existenz macht sich der aufstrebende Tänzer auf nach New York City, wo er als Obdachloser von der frischgebackenen Mutter Blanca in ihr neugegründetes Haus aufgenommen wird. Die transsexuelle Frau lässt uns gleich ein weiters düsteres Kapitel der 80er Jahre aufschlagen, als sie von ihrer HIV-Infektion erfährt.

House of Evangelista: Die drei zentralen Hauptcharaktere von Pose

In Pose geht es jedoch nicht um eine prachtvolle Drag-Show oder ein bedrückendes AIDS-Drama. Hier stehen das Ensemble der neugegründeten Familie des Hauses Evangelista und Themen wie Familie, Zusammenhalt und Träume im Vordergrund. Ryan Murphy beweist hier einmal mehr seine Stärke, ein Ensemble aus interessanten und Figuren zu erstellen, die wir direkt in unser Herz schließen wollen.

Neben Blanca und Damon lernen wir auch die junge, transsexuelle Prostituierte Angel (Indya Moore) kennen, die eine Romanze mit dem verheirateten Geschäftsmann Stan (Evan Peters) eingeht. Doch seine Gefühle gegenüber Angel verfallen dem gesellschaftlichen Druck des Corporate America, das in Pose durch Donald Trumps Imperium symbolisiert wird. Der Trump Tower spielt eine wichtige Rolle in Pose und im New York der 80er. Das opulente Gebäude ist das Zentrum des Amerikanischen Traums, des Luxus und des Erfolges.

Pose: Eine verhängnisvolle Affäre?

Neben den vielen unbekannten Darstellern lassen sich auch ein paar bekannte Gesichter in Pose finden. Doch gerade diese bilden das schwächste Glied in der Pilotfolge. Während Evan Peters (American Horror Story) den gequälten und ungeouteten Ehemann noch einigermaßen interessant inszeniert, verkommen bekannte Darsteller wie Kate Mara und James Van Der Beek zu uninspirierten Dekostücken, die nicht mehr tun, als lächeln und nicken.

Pose ist eine klassische Underdog-Story, in der die Riege an sozial ausgestoßenen Figuren eine Familie bildet, die sich in der Gesellschaft und ihrer eigenen Community Anerkennung erkämpfen muss. Im Piloten wird das an der Figur von Damon dargestellt, der zu Beginn alles verliert und am Ende seinen Traum, auf einer renommierten Tanzschule aufgenommen zu werden, erfüllen kann.

Mit Pose im Duckwalk zum Erfolg

Die ersten zwei Episoden von Pose wurden von Ryan Murphy selbst inszeniert, der seinen unverkennbaren Stil in jeder Einstellung aufleben lässt. Besonders sein Einsatz von Musik spielt auch in Pose eine wichtige Rolle. So tragen legendäre Songs wie Whitney Houstons I Wanna Dance With Somebody oder Kate Bushs Running Up That Hill zum Feeling der 80er Jahre bei und katapultieren uns mit aller Kraft in dieses ikonische Jahrzehnt. Das große Highlight von Pose sind jedoch die mitreißenden und energetischen Ballroom- und Tanzszenen.

Pose: Imposante Kostüme und energetische Choreografien

Während die Walksequenzen des Balls ein glamouröses und pompöses Spektakel mit bissigen Kommentaren des Emcees bieten, ist es doch die knapp 5-minütige Tanz-Audition von Damon am Ende der Pilotfolge, die aus der fast 80-minütigen Laufzeit hervorsticht. Innerhalb eines Songs lässt der junge Tänzer eine ganze Bandbreite an Emotionen in seine Choreografie einfließen, die für Gänsehaut und Tränen sorgt. Zum Sieg verhilft ihm der neu erlernte Tanzstil des Voguings, der auf den Balls und den Straßen von Harlem, New York, seine Ursprung fand und 1990 durch Madonna weltweite Bekanntheit erlangte.

Pose ist eine Serie, die geschaut werden muss. Nicht nur wegen ihres progressiven Castings, sondern vor allem wegen ihres emotionalen Kerns, der eine derartige Wucht hinterlässt, wie es nur wenige Serien schaffen. So abstrakt das Thema für viele Zuschauer auch sein mag, sind es doch die Charaktere und ihre Familie, die den Zugang zur Welt von Pose schaffen. Wir lernen sie an ihren tiefsten Punkten kennen und trotz ihrer schier ausweglosen Gefangenschaft in der untersten sozialen Schicht, versprühen sie Lebensfreude und Träume, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren kann. Mein Fazit: Fabulous!

Die 1. Staffel von Pose umfasst insgesamt 8 Episoden, die seit 31.01.2019 bei Netflix zum Bingen bereit stehen. Als Grundlage für diesen Serien-Check diente die Pilotfolge.

Werdet ihr euch Pose auf Netflix anschauen?

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