Queen of Drags - Heidi Klums neue Show ist ein Reinfall

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Meint es gut mit den Menschen.

Unangepasst wirkt an Heidi Klum, der Verkörperung von Tüchtigkeit, eher wenig. Wer gemeinsam mit Dieter Bohlen und Vera Int-Veen jene Speerspitze amoralischer TV-Unterhaltung bildet, die alles Abweichlerische entweder verhöhnt oder direkt aussortiert, kann zudem schwerlich als inklusiv missverstanden werden.

Kritik an Heidi Klum und Queen of Drags

Bereits im Vorfeld wurden also Zweifel gegenüber Heidi Klum und ihrer neuen Show Queen of Drags laut, insbesondere aus LGBT-Kreisen (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). So befürchten die Initiatoren einer 27.000 Unterschriften starken Petition den "Ausverkauf der Drag-Community" und fordern von ProSieben, die Arbeit mit Heidi Klum "zu überdenken und sie durch eine queere Person zu ersetzen".

Solche Einwände sind nachvollziehbar, obgleich identitätspolitisches Vokabular ("kulturelle Aneignung", "weiße Cis-Frau") der Sache keinen Dienst erweist. Im deutschen Privatfernsehen mag kaum jemand auf heteronormativeren Beinen stehen als Heidi Klum, doch führt ein Argumentieren mit unveränderlichen Eigenschaften zu heiklen Widersprüchen - und gibt der Moderatorin auch Gelegenheit, die Angriffe schon in Folge 1 mühelos abzuwehren.

Ohnehin wäre Kritik angebracht, die grundsätzlicher ist und nicht erst bei Heidi Klum beginnt. Vom "Ausverkauf" jedenfalls scheint RuPaul's Drag Race, die vielfach prämierte und hierzulande auf Netflix zu sehende Reality-Show, deren provinzielles Gegenstück Queen of Drags präsentiert, immer schon bedroht. Die Ursprünge und Wesenszüge der einstmals politischen Performance-Kultur sind auch im US-Vorbild nur zu erahnen.

Drag Queens für den Mainstream

Anstelle verbaler und performativer Angriffe auf herrschende Verhältnisse treten bei RuPaul's Drag Race die aufwändigsten Kostüme, besten Lip-Sync-Battles und amüsantesten Zickenkriege. Von subversiven Tunten, die sowohl optisch als auch sprachlich keine Hässlichkeit scheuen (und damit selbst innerhalb der Szene für Anstößigkeiten sorgen), handelt die seit 2008 produzierte Show zumindest nicht vorrangig.

Ferner gehen manche Drag Queens der mittlerweile auch nach England expandierten Originalausgabe jährlich auf Welttournee, stellen ihre Musikalben vor und absolvieren VIP-Treffen für ihre Fans. Einen kurzen Plausch mit gemeinsamem Foto gibt es in Deutschland schon für 125 Euro zusätzlich zur Eintrittskarte. Sonderlich "queer" ist diese Geschäftspraxis nicht.

Dass auch exklusiv unaktivistische Leichtigkeit ihr buntes Podium errichtet bekommt, muss selbstredend Errungenschaft genannt werden. Der Subkultur-Glamour läuft jedoch mindestens dort Gefahr, ein historisches Bewusstsein über die eigenen Bedingungen zu verlieren, wo Popularisierung nur zum Preis von Entpolitisierung zu haben scheint.

Vielleicht ist daher ein ultimativ in den Mainstream rückendes Format wie Queen of Drags lediglich die (vorerst) zu Ende gedachte Austreibung alles Ungestümen - und nur konsequent, dass es bei Heidi Klum noch mehr um Attitüde und noch weniger um Relevanz geht. Vom Camp, den RuPaul's Drag Race jeglicher Kritik zum Trotz kultiviert, muss sich nun ganz verabschiedet werden.

Queen of Drags beziehungsweise Germany's Next Topqueen

"Queen of Drags bietet Drag Queens endlich die Bühne, die sie schon lange verdienen", tönt Heidi Klum großspurig im Auftakt, um daraufhin beinahe die gesamte erste Hälfte der Folge durch Abwesenheit zu glänzen. Überhaupt agiert sie recht zurückhaltend, nahezu ehrfürchtig - es ist deutlich zu spüren, dass ihr tatsächliche Berührungspunkte fehlen. Den begleitenden Off-Kommentar überlässt sie Jurykollegin Conchita Wurst.

Dramaturgisch orientiert die Show sich weniger an RuPaul's Drag Race, sondern folgt, kaum überraschend, dem Muster von Germany's Next Topmodel. Die zehn Kandidaten, darunter überregional bekannte Drag Queens wie Catherrine Leclery, Katy Bähm und Candy Crash, beziehen zunächst eine Luxusvilla in Los Angeles, ehe sie Giftpfeile verschießen und ihre Darbietungen einstudieren dürfen.

Abgerundet wird die ProSieben-Prozedur von gefühligen Einspielern, in denen es um persönliche und nicht immer schöne Hintergründe der Teilnehmer geht. Wie gehabt bauen Redakteure und Cutter daraus Schicksalgeschichten, die hier allein deshalb etwas profunder anmuten, weil sie von einer bestimmten Erfahrungswirklichkeit erzählen.

Gloss und Glitzer mit Heidi Klum

Der zweite Teil der Sendung ist dann gänzlich vom Wettbewerbsgedanken bestimmt, einer Ellenbogenlogik genauer gesagt, die Community-Zusammenhalt durch Konkurrenz ersetzt. 100.000 Euro kann der Sieger gewinnen, zudem winken Titelseitenfoto, Kosmetikkampagne und Großstadttrip. Zahlreiche Gründe, die Krallen auszufahren.

Obwohl den Drag Queens zunächst freie Bahn gelassen wird ("be yourself", heißt es demonstrativ), droht einem der Kandidaten schon in Folge 1 die Rauswahl. Das ist gewissermaßen symptomatisch für den Charakter von Queen of Drags. Am Ende reicht es eben gerade nicht, man selbst zu sein.

Eine Folge der Klum-Show dauert übrigens zweieinhalb Mal so lang wie RuPaul's Drag Race. Die Performances sind teils bis zur Unkenntlichkeit heruntergekürzt, damit mehr Zeit für ein vom Eurovision Song Contest abgegucktes Punktesystem bleibt, das es Heidi Klum, Bill Kaulitz, Conchita Wurst und Gastjurorin Olivia Jones ermöglicht, ihre Entscheidungen ewig lang hinauszuzögern.

Freilich erinnert das Finale somit an die legendär dämliche Fotovergabe in Germany's Next Topmodel - und betont noch einmal die Nähe von Queen of Drags zu ähnlichen Formaten. Heidi Klums schwule Primetime-Offensive ist leider kaum mehr als eine Castingshow wie jede andere, mit etwas Gloss und Glitzer obendrauf.

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