Zum 55. Geburtstag

Quentin Tarantino - Am Wendepunkt einer Karriere

Quentin Tarantino
© Miramax
Quentin Tarantino
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Meint es gut mit den Menschen.

Sundance Film Festival, 1992: Der ehemalige Pornokinoplatzanweiser und Videothekar Quentin Tarantino stellt sein Regiedebüt vor, die Vertriebsrechte erwirbt das unabhängige Produktions- und Verleihunternehmen Miramax. Reservoir Dogs markiert den Beginn einer Erfolgsgeschichte, die eng verknüpft ist mit dem Namen Harvey Weinstein. Als Produzent aller kommenden Tarantino-Filme verhilft er seinem Günstling zu internationalem Ruhm, bereits der Nachfolger Pulp Fiction gewinnt die Goldene Palme in Cannes und den Oscar für das beste Drehbuch. Aus Miramax wurde zu dieser Zeit gerade eine Tochtergesellschaft von Disney. Mit Weinsteins Hilfe erschließt Tarantino sich eine Nische zwischen Mainstream und Autorenfilm, genießt die Vorzüge weitreichender Distribution und künstlerischer Narrenfreiheit. Auch nach Gründung der Weinstein Company (TWC) bleibt er seinem Wegbereiter treu, zweieinhalb Jahrzehnte dauert die fruchtbare Zusammenarbeit ingesamt an. Den einen macht sie zum mächtigen Hollywood-Produzenten, den anderen zum vielleicht bekanntesten Filmemacher der Welt.

Entdecker und Protegé pflegten offenbar ein Verhältnis der schützenden Hand. Weinstein gestattete dem Kinoverrückten kommerzielle Experimente, Tarantino behielt sein Wissen über missbräuchliches Verhalten für sich. Von Mira Sorvino und Uma Thurman habe er Weinsteins Zudringlichkeiten aus erster Hand erfahren, die Vorfälle allerdings heruntergespielt: "Ich wusste genug, um mehr zu tun", gestand Tarantino auf dem Höhepunkt der #MeToo-Diskussion 2017. Ob das noch Opportunismus oder schon unterlassene Hilfeleistung sei, fragten sich einige US-Prominente öffentlich. Fernsehkoch Anthony Bourdain wolle nicht enden wie Tarantino und auf ein Leben zwischen "Komplizenschaft, Schande und Kompromissen" zurückblicken. Uma Thurman berichtete in der New York Times von den Folgen eines später vertuschten Unfalls während der Dreharbeiten zu Kill Bill, ihre Kollegin Vivica A. Fox erinnerte sich an unverhältnismäßig harte Trainingsmethoden. Tarantino bezog Stellung zu Thurmans Vorwürfen, die Kritik wurde daraufhin relativiert. Er hätte, anders als die Produzenten des Films, keine bösen Absichten gehabt und sogar Mut bewiesen, so Thurman.

Erstmals in seiner Karriere muss Quentin Tarantino jetzt einen Film ohne Beteiligung der Persona non grata Harvey Weinstein drehen, ohne jene Produktionsfirma vor allem, die er Weinstein zufolge mit aufgebaut hat. Im Februar 2018 meldete TWC Konkurs an, Tarantinos neuer Partner heißt Sony Pictures. Das bedeutet einen harten, nicht unbedingt sauberen Schnitt – Tarantino versteht es seinerseits, kontinuierlich Negativschlagzeilen zu produzieren. So überschatteten frühere Statements seinen neunten von angeblich nur zehn Filmen schon vor Beginn der Dreharbeiten. Im Interview mit Howard Stern behauptete Tarantino, Roman Polanskis Vergewaltigungsopfer Samantha Geimer sei ein "Partymädchen" gewesen, das es "nicht anders gewollt" habe. Der Audiomitschnitt aus dem Jahr 2003 hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt wieder veröffentlicht werden können. Polanski soll eine Schlüsselrolle im neuen Tarantino-Film Once Upon a Time in Hollywood spielen, der unter anderem vom Mord an seiner hochschwangeren Ehefrau Sharon Tate erzählt. 1969 drangen Mitglieder der sogenannten Manson Family in das gemeinsame Haus ein und erstachen sie.

Quentin Tarantino entschuldigte sich für seine Äußerungen, nannte sie rückblickend "ignorant und unsensibel". Der Filmemacher, dem Harvey Weinstein alle Türen öffnete, dürfte im Hause Sony unter besonderer Beobachtung stehen. An der mutmaßlich 100 Millionen Dollar teuren Zusammenarbeit entscheidet sich zwar nicht die Zukunft seiner Karriere – um sie ernsthaft in Gefahr zu bringen, bräuchte es mehr als unüberlegte Schwätzerei –, doch ein reibungsloser Übergang liegt sicherlich im beiderseitigen Interesse. Über die Bedingungen des Deals lässt sich dabei nur spekulieren. Es ist einigermaßen unwahrscheinlich, dass Sony dem Erfolgsgaranten eine Carte blanche ausstellen wird. Gefälligkeitsdienste wie die flächendeckende Re-Installation von 70mm-Projektoren sind auch für Großkaliber wie Tarantino keine Selbstverständlichkeit. Und nie zuvor wurden mit einem seiner Filme so viele Stars in Verbindung gebracht. Leonardo DiCaprio, Brad Pitt und Margot Robbie gelten als gesetzt. Mit Samuel L. Jackson, Jennifer Lawrence, Al Pacino und Tom Cruise (!) wird Gerüchten zufolge verhandelt. Das wäre nicht nur eine irrsinnig tolle, sondern eben auch strategische Besetzung.

Der Titel Once Upon A Time In Hollywood verrät mehr als die offizielle Zusammenfassung des Films. Leonardo DiCaprio, heißt es, spielt den vormaligen Star einer Western-Serie, Brad Pitt übernimmt die Rolle von dessen Stuntdouble. Beide Männer hätten Probleme, sich im Los Angeles des Jahres 1969 und mit den Veränderungen der Filmindustrie zurechtzufinden. Quentin Tarantino wird sich den Umbruch des alten zum neuen Hollywood gewiss auf die ihm eigene Art ausmalen, frei von spröder Historizität also, reich an Verweisen auf Film und Fernsehen von anno dazumal. Erstmals ist ein Tarantino tatsächlich in jener Zeit verortetet, die sein Kino geprägt hat, und erstmals erzählt ein Tarantino konkret vom Kino selbst (Inglourious Basterds tat das nur indirekt). Statt eigene Vorlieben und Sensibilitäten beliebig aufzurufen, kehrt er an ihre Ursprünge zurück. Der referentielle, oft als bloße Imitation gerügte Formalismus seines Werks hatte immer etwas Kuratorisches, die Filme nehmen eine kunstvolle, leidenschaftliche, gelegentlich geistreiche Arbeit an Kinogeschichte vor, um sie weiter- und sich zugleich darin einzuschreiben. Wenn Tarantino aber konsequent ist, wird er das Material in diesem Fall nicht allein wehmütig handhaben.

Mindestens implizit müsste ein Tarantino-Film über neue Hollywood-Verhältnisse deshalb auch ein Film über die Beziehung zu Harvey Weinstein sein. Über den Aufbruch eines Independentkinos nach der Herrschaft von Studiomoguln. Über ein Filmemachen ohne schützende Hand, ohne (Selbst-)Verpflichtung und Egomanie. Once Upon A Time In Hollywood könnte Tarantinos notgedrungen persönlichste Arbeit werden, der Wechsel zu Sony eine Revitalisierung seines Stils bedeuten: "Based on a true story" ist im Tarantino-Universum schließlich eine Premiere – und Hollywoodfilme über Hollywoodverbrechen gibt es ohnehin viel zu wenige. Debra Tate befürchtet aus nachvollziehbaren Gründen eine Glorifizierung des Mörders ihrer Schwester, die den weitreichend verehrten Tätern mit der Popkulturwerdung von Charles Manson gewissermaßen doppelt zum Opfer fiel. Vielleicht aber findet Quentin Tarantino in Bildern von Nostalgie und Gewalt mehr als nur Kinowahrheiten, wenn sie ein erstes Mal auch vom Leben selbst erzählen. Mit 55 Jahren steht der "Kultregisseur" wieder ganz am Anfang. Mit 55 Jahren wird er sich noch einmal beweisen müssen. Das ist keine schlechte Sache.

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