Die Wanderhure

Rachegelüste in historischem Gewand

Rachegeschichte in historischem Gewand: Die Wanderhure
© Sat.1
Rachegeschichte in historischem Gewand: Die Wanderhure

Die Wanderhure konnte bereits in Romanform Millionen von Leser überzeugen, weil darin erstmals die Notlage vogelfreier Frauen im Mittelalter schonungslos thematisiert wurde. Tatsächlich konnte auch der gestrige Sat 1-Film mit “Verliebt in Berlin” Darstellerin Alexandra Neldel überzeugen. Die ersten Befürchtungen, Die Wanderhure sei eine kitschige Schmonzette, verflüchtigten sich spätestens mit der Vergewaltigung der Protagonistin. Fortan appellierte der Event-Film unerbittlich an den Gerechtigkeitssinn der Zuschauer und bot schließlich Abendunterhaltung auf gutem Niveau, bei der der naive Plot insgesamt den Genuss jedoch wenig verhinderte.

Foto-Show: die Bilder zur Wanderhure

Eine harte Gesellschaft und ein naiver Plot

Die Wanderhure schockte wohl vor allem durch das Gesellschaftsbild, welches darin gezeichnet wurde: Durchweg alle Charaktere wurden als unmoralisch dargestellt. Die Tragödie begann mit dem Vater, der seiner Tochter Marie die freie Wahl eines Zukünftigen versprach, sein Wort brach und damit die Familie unwissentlich in ihr Unglück stürzte. Auch der Graf, an den Marie geriet, hatte am Ende nur Prügel für sie übrig. Nicht wohlwollender als ihre Ehemänner handelten die weiblichen Figuren. Die Adelsdame von Arnstein (Elena Uhlig) handelte schlichtweg skrupellos. Hier galt: Haste nichts, biste nichts. Zusammen mit ihrem Ehemann (Thure Riefenstein) schikanierte sie ebenso in jeder möglichen Situation ihren Schwager, einen Pfarrer. Aufgrund der unsympathischen Charaktere riefen sämtliche Intrigen beim Zuschauen keinerlei Mitgefühl hervor, sondern dienten ausschließlich dem Vorankommen der Protagonisten. Einzig der umtriebige König (Götz Otto), der seines Amtes entsprechend einforderte, was er nur wollte, sprach am Ende Recht.

Historische Hintergründe der Zeit blieben schleierhaft

Marie wurde nach ihrer Vergewaltigung zu Unrecht der Hurerei schuldig gesprochen und aus ihrer Heimatstadt Konstanz verbannt. Der Plan, den Marie für ihre Rache entwickelte, war recht naiv und in der Aufgabe ihres Liebhabers auch engstirnig, hielt den Zuschauer dank der guten Nebendarsteller aber bei Stange. Denn weil niemand eine Hure schätzte, hatte diese vor ihren Freiern doch immer mehr zu fürchten als zu erwarten. So schien Alexandra Neldel manchmal etwas verloren in der Geschichte, die schlussendlich aber zu einem gewünschtem Ausgang kam. Dabei war zeitweise die Wiederherstellung ihrer Ehre das Hauptbestreben von Marie, was seltsam unpassend schien, da in ihrem eigentlichen Bestreben nach Rache der Ehrbegriff nicht weiter erläutert wurde. Im Gegenzug genoss Marie die Bestrafung ihrer Peiniger am Ende ihres Feldzuges nicht. Die Feststellung, dass mit der Vergeltung kein Wohlbefinden eintritt, wurde mit einer flotten Liebesbekundung des ehemaligen Paares im Keim erstickt.

Leider blieben auch die historische Hintergründe der Zeit schleierhaft. Zwar wurde von der Annahme des Zuschauers ausgegangen, damals hätte kein vergleichbares Rechtssystem wie heute geherrscht, was grundsätzlich richtig ist. Doch dies rechtfertigte dennoch nicht die brutale Wahllosigkeit, mit der in Die Wanderhure Frauen geschändet und Menschen ermordet wurden. Waren im Mittelalter alle Menschen Monster? Die Wanderhure ließ es vermuten.

Die guten Darsteller tragen den Film

Angefangen von Nadja Becker mit der Verkörperung der mitleidvollen Wanderhure Hiltrud bis zu Elena Uhlig, die auf den zweiten Blick tatsächlich eine Portion Verführung in ihre machtvolle Frauenrolle brachte, konnten die Nebendarsteller starke und eigene Persönlichkeiten repräsentieren. Thure Riefenstein und Götz Otto ähnelten sich sehr in ihren Rollen, balancierten jedoch jeder für sich gekonnt auf dem Grad zwischen menschlicher Härte und Herzlichkeit. Nur die Bösewichte der Geschichte der zukünftig Verlobte und der Graf von Keilburg (Michael Brandner) blieben blass. Die Kulissen und Kostüme waren angenehm hintergründig gestaltet, die Maske wohl konzentriert. Insgesamt bot Die Wanderhure trotz des etwas holprigen Plots überraschend stimmige Abendunterhaltung mit reicher Abwechslung an Charakteren und eine durchaus qualitativen Inszenierung. Am 08. Oktober erscheint Die Wanderhure auch auf DVD.

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