Sankt Maik - Das süße Lächeln der großen RTL-Serienoffensive

Sankt Maik
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

In den Werbepausen von RTL, das jetzt gerade niemand schaut, schaltet der Sender vor, zwischen und nach einer Show, die selbstverständlich niemand schaut, Trailer zu Serien, die von möglichst vielen Menschen gesehen werden sollen. Das ist gut gedacht von RTL, weil die Show, die natürlich niemand schaut, zufällig während jener 15 Tage des Jahres ausgestrahlt wird, die zu den quotenstärksten des Senders zählen. Vom 18. bis zum 31. Januar feuert RTL gleich vier neue Eigenproduktionen raus. Mit ihnen verbrennt der Sender einen Bärenanteil des Pulvers für die im letzten Jahr angekündigte Serienoffensive, die, den ersten Eindrücken nach zu urteilen, den mickrigen Wall guter deutscher Serien unter Beschuss nimmt, an dem Netflix, ZDF, ARD und Sky derzeit noch mühsam spachteln.

Nach der Sitcom Beste Schwestern (zwei vollkommen gegensätzliche Schwestern müssen sich in einer gemeinsamen Wohnung zusammenraufen) brachte RTL am Dienstag Sankt Maik in Stellung, dessen Premierenquoten ausgerechnet von Fack ju Göhte bei Sat.1 ausgesbremst wurden. Ausgerechnet, weil, wie schon die kernigen Männerfiguren in den RTL-Serien Bad Cop und Der Lehrer, nun auch Sankt Maik ein Nachfolger im Geiste des Fack Ju Göthe-Antihelden Zeki Müller ist. Diese Männer sind entweder Lehrer oder charakterlich nicht unbedingt sattelfest und sehen aus wie Bonprix-Katalogmodels: sportlich-elegant gekleidet, auf mondäne, nicht-bedrohliche Weise unrasiert und wenn lächelnd, dann auf Hochzeitsschwindlerart. Grundunsympathisch eben, wie diese Menschen, die stolz lächelnd an allen, die schon länger gewartet haben, vorbei zur neu geöffneten Supermarktkasse marschieren - irgendwie faszinierend und auch unterhaltsam, solange man nicht persönlich mit ihnen zu tun haben muss.

Maik Schäfer ist so eine grinsende Type, die mit ihrem unverschämten Charme Kielwasser aus stiller Missgunst hinter sich herzieht. Wie Jan Starck (!) in Bad Cop und Zeki Müller in Fack Ju Göhte infiltriert Maik Schäfer in der Verwechslungskomödie Sankt Maik einen ehrwürdigen Beruf, der mit Anstand, Vernunft und moralischer Standfestigkeit in Verbindung gebracht wird. Schon in den ersten Minuten der Serie erschüttert er die moralische Integrität der letzten Berufsgruppe, der wir noch sowas wie Vertrauen entgegen brachten. Genau, der Schaffner. Als ein solcher verkleidet belangfingert Maik arglose Fahrgäste. Dann ergreift er die Gelegenheit und zieht den nächsten Berufsstand in den Dreck. Ein katholischer Pfarrer stirbt im Zugabteil. Maik flieht in seiner Kluft, wird am Bahnhof für den erwarteten Pfarrer gehalten und wird im selben Moment zum Pfarrer, wie in einem mittelhochdeutschen Pfaffenschwank.

Wenn der vor Leben strahlende, gut aussehende Pfarrer dann in seiner neuen Kirche auf die Chorleiterin trifft, raunt romantische Musik auf und die Gesichtszüge der ebenfalls schönen Chorleiterin, die gleichzeitig Polizistin ist, erschlaffen in Erwartung eines noch fernen, aber unausweichlichen Happy Ends. In Filmen, in denen das erste Treffen eines späteren Liebespaares von romantischer Musik beschworen wird, gibt es auch immer eine Szene, in der einer von beiden den anderen unter der Dusche beobachtet und vor dem Anblick seifiger Nacktheit erstarrt, bis der Begaffte aus der Dusche tritt und eine peinliche Situation entsteht, die das Eis zwischen dem künftigen Paar bricht, quasi der letzten Schubs zur unendlichen Liebe. Diese Duschszene existiert auch in Sankt Maik. All das, die Wandlung vom Trickbetrüger zum begehrten Pfarrer, geschieht übrigens in ungefähr drei Sekunden.

Sankt Maik brennt in seiner ersten Folge einen Haufen Kirchtürme ab. Schon nach 45 Minuten hat Maik die Existenz einer Kleinfamilie geordnet und eine alte Dame den kalten Klauen der Einsamkeit entrissen. Nebenbei schmiedet er mit seinem zugeschalteten Bruder Pläne zur gewinnbringenden Entrümpelung des Kirchenbestandes. Dass er dabei nicht als der Betrüger wahrgenommen wird, der er ist, sondern eher als Schlitzohr, das einen kleinen Schabernack mit der braven Gemeinde treibt, liegt am süßen Lächeln von Daniel Donskoy, das aus Maiks eigentlich reinem Herz herausstrahlt. Die Gemeinde und das TV-Publikum verzeihen ihm, weil sie wissen, der ergaunerte Berufsstand wird den Gauner früher oder später läutern. Gott sieht alles, Gott verzeiht alles: Aus Sankt Maik spricht der feste Glaube an das Gute in allem und jedem, oder zumindest die Möglichkeit zur Besserung.

Das neue deutsche Mittelklassefernsehen

Im Trailer zur nächsten großen RTL-Serie Beck ist Back tätschelt eine verschmitzt grinsende mütterliche Sekretärin dem zwei Köpfe größeren Anwalt den Oberschenkel, in Sankt Maik wird der Pfarrer von einer Haushälterin durchgefüttert. Diesen Typ A-sexuelle Sekretärin kennen wir vor allem aus Heimatserien des ZDF und der ARD, etwa Die Rosenheim-Cops mit ihrer Frau Stockl. An der Figur Pfarrhaushälterin Maria (Susi Banzhaf) lässt sich im Grunde das ganze Konzept von Sankt Maik erklären. Es ist die Kapitulation vor dem Einfachen, dem Leichten, dem Süßen, dem Lebkuchenherz mit Claudia + Herbert in der Mitte.

Also von wegen Serienoffensive. Mit kuscheligen Serien wie Sankt Maik, Beck is Back und wahrscheinlich auch mit Jenny - echt gerecht positioniert RTL sich vielmehr als Verteidiger des gemütlichen Heimatfernsehens, ähnlich wie CBS in den USA. Über diese Serien sollen wir nicht diskutieren, wir sollen uns an ihnen beruhigen. So bewahrt RTL dem deutschen Fernsehen den unschuldigen Kindergarten in einem sich zunehmend akademisierenden Serienmarkt.

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