Sherlock - Unser Recap zu Staffel 4, Folge 2 The Lying Detective

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Benedict Cumberbatch als Sherlock
09.01.2017 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Elend langes Warten und eine gelinde gesagt schräge erste Folge sitzen uns in den Knochen. Kann die zweite Folge Sherlock das wiedergutmachen?

Kurz und bündig ausgedrückt: Sie kann. Zumindest für diejenigen Fans, die bereit sind, ein halbes Auge zuzudrücken. Das Fiasko des Auftakts zu Staffel 4 von Sherlock wieder halbwegs auszubügeln. Das ist kein leichtes Unterfangen, doch irgendwie ist es Steven Moffat und Mark Gatiss gelungen und zwar mit der Hilfe von viel britischem Humor, einem Kampf der Titanen und der einzigen Person der Serie, die wirklich alles richten kann.

Wir beginnen die zweite Folge der 4. Staffel mit dem sehr bezeichnenden Namen The Lying Detective (Der lügende Detektiv) genau so, wie für uns auch der Serienpilot begann: Mit einem zerrütteten John Watson (Martin Freeman) im Sessel seiner Therapeutin. Er und auch Sherlock (Benedict Cumberbatch)stehen vor den Bruchstücken ihres Lebens. Sie beide gehen damit ihrer Natur entsprechend ganz verschieden um. John sitzt in der Therapie, Sherlock verbarrikadiert in seiner Wohnung und konsumiert fragwürdige Substanzen. Er ist selbst für seine Verhältnisse in miserablem Zustand. Zur Ablenkung stürzt sich der Detektiv wirr faselnd in den Fall einer verzweifelten jungen Dame. Die setzt ihn auf die Spur ihres eigenen Vaters: Culverton Smith, gemimt vom endlich erscheinenden Toby Jones. Der will angeblich jemanden töten. Sie weiß nur nicht, wen.

Sherlock steht völlig neben sich.

So gibt es endlich einen neuen Fall, einen richtigen dieses Mal. Die Struktur einer gut gebauten Sherlock-Folge beginnt, sich vor dem Auge des Zuschauers abzuzeichnen. Einen Haken gibt es jedoch: Durch Sherlocks seelisch und psychisch völlig verwirrten Zustand müssen wir stets alles, was er deduziert, kombiniert oder fragt, anzweifeln. Selbst in Schnitt und Effekten spiegelt sich der verdrogte, angeknackste Sherlock wieder. Am erwähnenswertesten sind die Informationen, die Sherlocks Geist sonst in festen Computerlettern neben Verdächtige, Opfer oder Indizien druckt: Diese bestehen inzwischen nur noch aus Kreidestrichen auf einer geistigen Tafel, die Sherlock immer wieder fortwischt. Er ist von sich selbst verärgert und überfordert.

Umso gefährlicher ist sein Widersacher. Wenn Fans auf einen neuen Moriarty gehofft hatten, werden sie enttäuscht. Culverton Smith ist nicht als großer, allumfassender Widersacher angedacht. Das ist gut so, denn ansonsten wäre er mit der Mastermind-Imitation vermutlich ebenso haarscharf am Ziel vorbeigeschlittert wie Bösewicht Magnussen aus der 3. Staffel. Nein, Smith ist ein Mann für eine Folge. Ein genialer. Mit dem Lachen eines Bond-Bösewichts und den schiefen Zähnen eines Lord Blackwood aus Guy Ritchies Sherlock Holmes stellt er sich ins hellste Rampenlicht. Er hat wie Moriarty ein Faible für eine gute Show, doch er beobachtet nicht vom Spielfeldrand aus. Er ist der Starspieler. Ein superreicher Philanthrop, der der Gesellschaft augenscheinlich nur Gutes tut. Sherlock ahnt als einziger, dass hinter dem breiten Grinsen Smiths ein Monster lauert. Smith ist im Vorteil: Er fühlt sich auf offener Bühne wohl und weiß Sherlocks desorientierten Zustand für sich zu nutzen. Er verdreht seinen Gegnern nicht nur das Wort im Munde, sondern auch die Gedanken im Kopf.

Toby Jones als Culverton Smith

Ein Glück, dass Sherlock endlich wieder Verstärkung hat. Denn The Lying Detective ist nicht die Folge des Sherlock Holmes oder Culverton Smith. Es ist die Folge der Mrs. Hudson (und damit die der Una Stubbs). Das Chaos, das The Six Thatchers angerichtet hat, konnte wirklich nur von der liebenswerten, bissigen und wild entschlossenen Landlady der Baker Street aufgeräumt werden. Während Sherlock und John einander aus dem Weg gehen, rammt sie (fast buchstäblich) die Köpfe der beiden zusammen und tritt vehement für ihrer aller Seelenheil ein. Mit Fast and the Furious-verdächtigem Fahrstil, kriminellem Genie und ihrem unendlich großen Herzen beweist Mrs. Hudson, dass die Welt ohne sie vermutlich morgen untergehen würde. Gemeinsam mit ihr, John und einem tatsächlich hilfreichen Mycroft schafft es Sherlock zurück zu alten Geistesblitzen.

Una Stubbs als Mrs. Hudson

The Lying Detective besinnt sich auf die Stärken Sherlocks. Auf den überlegenden Geist, einen ebenso verzwickten wie packenden Fall und das Zusammenspiel aller Pappenheimer der 221 B Baker Street. Zwar werden auch hier viele menschliche Probleme Sherlocks und Johns problematisiert. Doch dies erfolgt in genau richtig dosiertem Maße, unterstützt von dem Humor, an dem es in der letzten Folge allzu schmerzlich mangelte. Kaum zu glauben, dass das Trinken aus Blumenvasen, ein schneller Sportwagen und etwas Kochsalzlösung reichen würden, um dieses Versäumnis aufzuwiegen. Sherlock hat noch längst nicht zu dem zurückgefunden, was die Serie einmal konnte. Die Autoren scheinen aber ihre Orientierung wiedergefunden zu haben. Die zuvor geschlagenen Wunden werden zumindest mit Heftpflastern versehen.

Erschien das Warten auf die nächste Folge letzten Sonntag noch als wenig spannende Tätigkeit, erscheint die Zeit bis zur finalen, unbetitelten Folge nun tatsächlich viel zu lang. The game is on und wir warten gespannt darauf, dass sich die neuen Puzzleteile mit den alten zu einem großartigen Gesamtbild zusammenfügen. Eines hat sich bei all der Reorientierung nicht geändert: der Schluss der Folge. Wie The Six Thatchers endet The Lying Detective mit einem Schuss. Einem Schuss, dem ein erstauntes Nach-Luft-Schnappen und der erste Schritt in Richtung der großen zwei Worte der vierten Staffel vorangingen. „Miss me?“

Hat euch The Lying Detective auch Lust auf das Finale gemacht?

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