Sieben Tage Sonntag: Interview mit Niels Laupert

Sieben Tage Sonntag
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Sieben Tage Sonntag

Im Interview beantwortet Regisseur Niels Laupert Fragen zu seinem Debütfilm Sieben Tage Sonntag.

Sieben Tage Sonntag trifft einen Nerv. Das Thema Jugend und Gewalt ist derzeit wieder sehr präsent. Wie kam es zu der Stoffentwicklung? Was war der Anlass?
Als ich auf die Geschichte aufmerksam wurde, das war im Jahr 2000 durch einen Artikel im SZ Magazin der Süddeutschen Zeitung, war das Problem noch nicht so präsent. Das war vor der Tat in Erfurt, vor Columbine, vor Potzlow und weit vor der Tat in der Münchener U-Bahn. Was mich an der Geschichte schockierte war der Mangel an Motiven, die überaus radikale Vorgehensweise und das Fehlen von jeglicher Einsicht und Reue. Das war für mich neu. Gleichzeitig stellte ich fest, dass ich nicht nur Mitgefühl für die Opfer, sondern auch für die Täter empfand. Was ist das für eine Gesellschaft, in der ein 16-jähriger Mensch zu so etwas fähig ist?

Sie haben sich dann darum bemüht, die zwei jungen Täter während ihrer Haft zu besuchen. Wie war das?
Zunächst traf ich mich mit der Autorin des SZ-Artikels Anuschka Roshani. Sie war unglaublich hilfsbereit und überlies mir ihr gesamtes Recherchematerial. Basierend auf ihren Informationen verfasste ich ein erstes Drehbuch. Es verging dann einige Zeit bis ich zu den Tätern fand. Das besondere an dem Fall war, dass die Täter, trotz ihrer Minderjährigkeit nach Erwachsenstrafrecht zu 25 Jahren lebenslänglich verurteilt waren. Das ist auch für die polnische Rechtsprechung eine Besonderheit. Man wollte ein Exempel statuieren. Bis mir ein Besuch im Gefängnis gestattet wurde, vergingen zwei Jahre. Die Situation wurde dadurch erschwert, dass die Täter in zwei unterschiedlichen Gefängnissen untergebracht worden waren, nachdem sie anfangs für Unruhe gesorgt hatten. Zum Zeitpunkt meines Treffens saßen die Beiden schon seit über 10 Jahren.

Warum eine Geschichte aus Polen?
Ich habe versucht mich im Film so genau wie möglich an den Tathergang wie auch an die Motive/Setting zu halten. So kam es auch zu der protokollarischen Erzählweise. Für mich ist es aber keine explizit polnische Geschichte, sondern ein universelles Problem. Insofern spielte für mich auch nicht das Land so eine große Rolle, sondern eher der Mikrokosmos, in dem sich die Protagonisten befanden.

Wie sehr hat Sie das Treffen mit den Tätern beeinflusst? Oder anders gefragt, wäre der Film anders geworden, hätten sie das persönliche Erlebnis nicht gehabt?
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon eine Menge Informationen gesammelt, hatte Abschriften von verschiedenen Protokollen gelesen und mit dem Richter gesprochen. Das letzte Interview hatte Adam zehn Jahre zuvor gegeben und Tommek hatte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht über die Tat gesprochen. Aus ihm sprudelte es dann auch heraus und er konnte den Tag erzählen, als ob er gestern passiert wäre. Adam war da wesentlich ambivalenter. Das Treffen war sehr deprimierend. Das sind einfach zwei Menschen, die kaum einen Bezug zu sich selbst haben, sich nicht fühlen und auch ihre Umgebung nicht nach unseren Kriterien wahrnehmen. Tommek war es auch noch mal wichtig zu betonen, dass er sein Verhalten nicht bereue. Das ist schwer zu verstehen, aber man muss andere soziologische Ansätze anwenden. Mitgefühl haben die Täter vermutlich nie selbst erfahren und insofern spüren sie es auch nicht in Bezug auf andere.

Es fällt auf, dass es keine Ko-Produzenten gibt. War das eine bewusste Entscheidung und wie schwierig war die Finanzierung?
Thommy Bartl, Alex Dierbach (die Produzenten) und ich hätten sehr gerne mit einem Fernsehsender zusammengearbeitet. Den ersten Rückruf auf unser eingereichtes Drehbuch bekamen wir einen Tag nachdem der Film abgedreht war. Damals, zu Filmhochschulzeiten, hatten wir keine Ahnung, dass mehr als ein halbes Jahr vergehen kann, bis man Feedback auf seinen Stoff bekommt. Es war dann aber nach unseren Dreharbeiten doch sehr großes Interesse da und wir trafen die RedakteurInnen mehrmals im Schneideraum. Letztendlich sind wir dann aber doch nicht zusammen gekommen. Inhaltlich wurde angemerkt, ob die Täter am Ende nicht bereuen könnten, oder, ob man sich nicht stärker und deutlicher von den Tätern distanzieren könnte. Für mich war das aber gerade das Besondere an der Geschichte. Nachträgliche Reue oder der moralische Zeigefinger hätten die Geschichte vermutlich etwas gefälliger gemacht, aber den Kern verraten.

Mir ist schon bewusst, dass der Film sich an manchen Stellen einem gängigen dramaturgischen Muster entzieht. Hansjörg Weißbrich (der Cutter) und ich haben im Schneideraum auch lange das Für und Wieder abgewogen. Für uns lag die Stärke aber genau darin, bestimmte Dinge rhythmisch überraschender zu gestalten und nicht alles “sozialromantisch” erklärbar zu machen, um am Ende gelöst aus dem Kino zu gehen. Aus meiner Sicht wäre eine Erklärung, auch einer Rechtfertigung eines Mordes gleichgekommen. Wenn es einen Schuldigen gibt, ist eine Sache schnell vergessen. Wir hoffen mit dieser Erzählweise etwas nachhaltiger zu wirken. Die Gefahr der Gewaltverherrlichung- oder -verniedlichung, die der Sender befürchtete, wäre meines Erachtens genau, durch solche vordergründige und einfache Antworten gegeben gewesen. Natürlich habe ich den Film ein Stück weit auch gemacht, weil ich Antworten gesucht habe. Je stärker ich mich damit beschäftigte, umso mehr Fragen kamen aber auf.

Ebenso packend wie die Geschichte, ist die Filmmusik. Gab es Schwierigkeiten die Plattenlabels zu einer Freigabe zu bewegen?
Zunächst schon. Selbst mit den entsprechenden Studentenrabatten hätten unsere Musikrechte mehr als das ganze Produktionsbudget verschlungen. Zum Teil haben wir dann einfach direkt zu den Künstlern Kontakt aufgenommen. Die deutschen Bands wie Slut, Notwist oder Naked Lunch sind zum Glück sehr offen gewesen und man spürt bei ihnen auch ein großes Interesse am Medium Film. Bei Portishead und den Baybshambles war es besonders schwierig, da beide Bands international sehr erfolgreich und bekannt sind. Unser anfänglicher Versuch, die Filmrechte klassisch über den Verlag und das Label zu bekommen, war aus finanzieller Sicht unmöglich. Über fünf Ecken sind wir dann an Beth Gibbons, Geoff Barrow und Adrien Utly von Portishead und Pete Doherty von den Babyshambles herangetreten. Wir haben ihnen unseren Film gezeigt und er hat Ihnen so gut gefallen, dass sie uns unterstützten.

Ludwig Trepte spielt den Adam sehr intuitiv und mit einer enormen Präsenz. Gab es ein Casting oder wie wurde die einzelnen Rollen besetzt?
Wir haben bundesweit, aber vor allem in Berlin und Umgebung gecastet. Streetcasting und professionell, wenn man bei 16-jährigen überhaupt schon von professionell sprechen kann. Jaqueline Rietz hat da einen tollen Job gemacht und wie übrigens auch die übrigen Teammitglieder komplett umsonst gearbeitet. Bei Ludwig Trepte und Martin Kiefer wusste ich es eigentlich sofort. Man wägt dann noch mal ab und vergleicht, aber eigentlich war es klar.

Mit Material von timebandits

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