Solo ist der erste Star Wars-Misserfolg - Wie kam es dazu?

Solo: A Star Wars Story
© Walt Disney
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Andere Filme könnten sich mit einem Startwochenende von 83 Millionen Dollar glücklich schätzen, in den Sphären von Lucasfilm ist das Ergebnis von Solo: A Star Wars Story nicht lebensfähig. In einem Zeitalter der Blockbuster war Star Wars noch immer etwas Besonderes, nicht zuletzt dank der Box Office-Erfolge der Reihe. Der Han Solo-Film läuft nun Gefahr, dem ein Ende zu setzten - oder jenen Pessimisten Recht zugeben, die das Ende der Alleinstellung von Star Wars bereits mit dem Kauf durch Disney gekommen sahen. Im Folgenden wollen wir auseinandernehmen, warum einer der vornehmlich größten Blockbuster des Jahres an den Kinokassen enttäuscht hat und das nicht nur in den USA, wo er rund 50 Millionen Dollar unter den Erwartungen seines Studios blieb. Wie konnte es dazu kommen?

Ein paar Fakten über Solo: A Star Wars Story, bevor wir tiefer einsteigen: Die Kosten des Han Solo-Spin-offs belaufen sich laut New York Times auf rund 400 Millionen Dollar, sofern man das weltweite Marketing mit einberechnet. Das reine Budget soll 250 Millionen betragen, was unter anderem auf den Wechsel der Regisseure und die umfangreichen Nachdrehs zurückgeführt wird. Die geläufige Faustregel besagt, dass ein Film rentabel wird, nachdem er das Doppelte seines Budgets eingespielt hat, was bei Solo 500 Millionen Dollar erfordern würde. Allerdings können die enormen Marketing-Kosten nicht ignoriert werden, die diese Zahl in die Höhe treiben dürften.

Weltweit hat Solo an diesem Wochenende 148 Millionen Dollar eingenommen. Das ist ungefähr die Hälfte von dem, was Deadpool 2 an seinem ersten Wochenende eingespielt hat. 83 Millionen Dollar standen nach drei Tagen auf der Habenseite in den USA, für das vier Tage lange Memorial Day-Wochenende werden 101 Millionen Dollar prognostiziert. Dabei lagen die ursprünglichen Erwartungen vor einer Woche noch bei 150 Millionen. Forbes spricht bereits von einem Flop. Zum Vergleich: Rogue One: A Star Wars Story startete mit 155 Millionen Dollar und kam im Endeffekt auf jeweils über 500 Millionen Dollar in den USA und im Rest der Welt, ein Ergebnis, das für Solo bereits außer Reichweite liegt. In China setzt Solo zudem den Star Wars-Trend fort und ging mit einem katastrophalen Startwochenende von 10,1 Millionen Dollar unter.

Der Starttermin des Han Solo-Films war ein Fehler

Beginnen wir bei dem offensichtlichsten Punkt: dem Starttermin.

  • Solo startete nur fünf Monate nach Star Wars 8: Die letzten Jedi in den Kinos. Das kann nur als gescheitertes Experiment von Disney und Lucasfilm bezeichnet werden, die eine Regelmäßigkeit in die Star Wars-Filme bringen, die den Marvel-Filmen ähnelt. Durch die Spin-offs kommen jährlich neue Star Wars-Filme. Das änderte bis inklusive Star Wars 8: Die letzten Jedi nichts an den Milliarden-Ergebnissen der Reihe. Dass nun allerdings weniger als ein halbes Jahr zwischen den beiden Filmen steht, dürfte sich als Fehlentscheidung entpuppt haben.
  • Star Wars gehört in den Winter. Mit dem Mai-Start kehrte Lucasfilm zur Tradition zurück, Star Wars als Sommer-Blockbuster zu lancieren. Sowohl die erste Trilogie als auch die Prequels starteten in den USA im Mai. Die ersten drei Filme unter Disney starteten allerdings im Winter, also außerhalb der heiß umkämpften Blockbuster-Saison, mit deutlichem Abstand zu den Marvel-Filmen und in der Nähe der Weihnachtsfeiertage, die einem Film ein längeres Box Office-Leben verschaffen können. Der Winter-Start folgte zudem der Tradition von Familien-Blockbustern wie Der Herr der Ringe und Harry Potter.
  • Der Han Solo-Film startet in einer der stärksten Blockbuster-Seasons seit Jahren. Vor wenigen Wochen fand das Marvel Cinematic Universe zu seinem bisherigen Höhepunkt, kurz danach folgte Deadpool 2 und bis zur Rückkehr der Dinos in Jurassic World 2 müssen wir auch nicht lange warten. Zwei der größten PG-13-Filme des Jahres rahmen den Kinostart ein, dazu der zielgruppennahe Superheldenfilm mit Ryan Reynolds. Man kann noch so viel Geld in die Werbung stecken, eine Dominanz in den Multiplexen wird schwer, wenn diese noch von anderen Blockbustern besetzt werden.
  • Zu guter Letzt hatte Solo durch die Nähe des Kinostarts zu wenig Zeit, um sich von Die letzten Jedi zu emanzipieren. Star Wars 8 erregte die Gemüter und spaltete Hardcore-Fans. Diese Diskussion um kreative Entscheidungen, das kommerzielle Abschneiden sowie die Zukunft von Episode 9 ragte ins neue Jahr und damit in den Marketing-Zyklus von Solo hinein. Solo wiederum ist kein Film, der an sich Debatten oder Rätselraten auslöst, außer über seine Produktion und sein Kassenergebnis.

Das Personal-Gerangel kam Solo in die Quere

Der Starttermin hätte sich vielleicht nicht so negativ auf das Einspielergebnis von Solo: A Star Wars Story niedergeschlagen, hätte der Film eine reibungslose Drehzeit hinter sich gehabt.

  • Solo sammelte schon Negativ-Schlagzeilen, als er noch gedreht wurde. Die meisten Kinozuschauer werden von dem Regiewechsel bei Solo nichts mitbekommen haben, doch unter Fan-Zirkeln sorgte die Entlassung von Phil Lord und Chris Miller während der Dreharbeiten bereits für runtergeschraubte Erwartungen.
  • Solo hatte eine extrem kurze Werbephase für einen Blockbuster. Unabhängig von der Außenwirkung brachte der Regiewechsel in Verbindung mit dem Sommer-Termin dieses praktische Problem mit sich. Regisseur Ron Howard hatte nur 11 Monate Zeit, um den Han Solo-Film ins Kino zu bringen, nachdem die vorherigen Regisseure entlassen wurden. Während beim Dezember-Film Die letzten Jedi der erste Teaser im April erschien, lagen zwischen der Veröffentlichung des ersten Solo-Videos und dem Kinostart nur drei Monate. Damit lag Solo die ganze Zeit im Schatten des Hypes um Black Panther und dann Infinity War. Gleichzeitig fehlte es an Zeit, um dem Produktionstrubel eine positivere "Erzählung" der Solo-Genese entgegenzustellen.

Han Solo kam dem Erfolg von Solo in die Quere

Bei allen personellen und terminlichen Problemen um Solo: A Star Wars Story können wir das Endprodukt nicht außer Acht lassen.

  • Han Solo als Figur wird erst durch Harrison Ford interessant. Han Solo ist eine unterhaltsame Figur, keine Frage, aber Harrison Ford war stets größer als sie. Mit dem umstrittenen Tod des Original-Han, der gar nicht so lange zurückliegt, erfolgt der filmische Ersatz nicht nur zu kurzfristig. Eine Figur zu verjüngen, die derart vom rauen Charisma ihres Darstellers lebte, ist ein Problem. Anders als bei Obi-Wan Kenobi oder Anakin Skywalker mangelt es Solo zudem an einer verborgenen Vorgeschichte, die sofort das Interesse weckt.
  • Durch die Entlassung von Chris Miller und Phil Lord wurde die Originalität des Solo-Films abgewürgt. Wenn schon die Hauptfigur niemanden vom Hocker haut, dann wenigstens die Machart, die eine völlig neue Star Wars-Erfahrung verspricht - das versprach das Engagement der Lego Movie-Macher. Selbst der erste neue Star Wars-Spin-off, Rogue One, bildete in seinem Ton und der Story einen starken Kontrast zu J.J. Abrams nostalgisch-warmer Episode 7. Mit Solo gibt es hingegen ein solides Heist-Movie, das sich einzig durch sein Weltraum-Setting und den berühmten Markennamen von der Genre-Konkurrenz abhebt.
  • Die Zuschauer finden Solo: A Star Wars Story gut, aber nicht gut genug. Bei den Zuschauern kommt Solo bisher ganz gut an (6,9 bei moviepilot), allerdings fehlt die Begeisterung, die einem Blockbuster übers erste Wochenende hinweg Standfestigkeit verleiht. Der Cinemascore in den USA liegt bei A-, also auf der Höhe der Reaktionen der Prequel-Trilogie, aber unter den Zuschauernoten für die anderen Filme ab Das Erwachen der Macht. Eingezwängt zwischen der harten Blockbuster-Konkurrenz könnte das der finanziellen Genesung von Solo den Todesstoß verleihen.
  • Solo wirkt im Vergleich zur Blockbuster-Konkurrenz zu durchschnittlich. Man muss kein MCU-Fan sein, um anzuerkennen, dass Infinity War auf dem Papier ein Franchise-Meilenstein ist. Ebenso ließe sich begründen, warum Deadpool 2 nicht wie Blockbuster-Einheitsbrei daherkommt (und das schreibe ich unter den Schmerzen einer Deadpool-Hasserin). Wäre Solo nun in einer weniger hart umkämpften Saison gestartet, hätte der Film wohl besser an der Kasse abgeschnitten. So laufen die Termin-Probleme mit den kreativen zusammen und platzieren einen vergleichsweise unauffälligen Stars Wars-Film in eine konkurrenzstarke Blockbuster-Saison. Dass ein Star Wars-Film überhaupt "unauffällig" sein kann, gibt indes Stoff für einen anderen Analyse-Artikel.

Was sagt ihr zum kommerziellen Abschneiden von Solo: A Star Wars Story?

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