Wie war der Tatort heute?

Tatort: Das verkaufte Lächeln - Macht & Sehnsucht im Netz

28.12.2014 - 20:10 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Tatort: Das verkaufte Lächeln
© BR/ARD
Tatort: Das verkaufte Lächeln
Ihr Lächeln verkaufen im neuen Münchner Tatort Kinder, um sich technischen Schnickschnack, Macht oder ein bisschen Aufmerksamkeit zu sichern. Leider bemüht sich das Drehbuch alle Perspektiven gleichermaßen abzudecken.

Zwischen saarländischem Krippenspiel und Weimarer Neujahrs-Skurrilitäten bemühen sich die beiden Kommissare aus München in Tatort: Das verkaufte Lächeln um etwas Besinnung nach der besinnlichen Zeit. Der Krimi von Regisseur Andreas Senn und Autor Holger Joos folgt Kindern auf ihrer Flucht ins Internet, wo sie Profit aus Bildern und Videos ihrer Körper schlagen. Dass nun die Ausstrahlung des Krimis mit der erneut aufflammenden Diskussion um den Fall Edathy zusammenfällt, bürdet dem Tatort unverhältnismäßig viel Druck auf, erwartet man doch abseits der kurzweiligen Exkursion in die Abgründe des World Wide Web irgendeinen profunden Kommentar in Bild oder Ton. Dass dieser nicht erfolgt, enttäuscht denn auch weniger, als das Scheitern des Tatorts an den eigenen Ansprüchen. Ein intensiver, fesselnder Krimi kommt da aus München, aber eben einer, der alle Seiten beleuchten will, über die Aufführung der Parteien, ihrer grob eingefangenen Wohn- und Familienverhältnisse hinaus aber nur selten psychologischen Einblick gewährt.

Tatort: Das verkaufte Lächeln

Idyllisch wirkt die Szenerie an der Isar, würde sie nicht mit einer Tatort-Sicherung gegengeschnitten. Die drei Freunde Tim (Justus Schlingensiepen), Flo (Nino Böhlau) und Hanna (Anna Lena Klenke) vergnügen sich in der Sonne, immer dabei das Smartphone, mit dem tief in die Seele des Gegenübers geblickt werden soll. Wenig später, die Sonne hat sich verzogen, wird eine Leiche am Isarwehr gefunden, erst nach einer Weile stellt sich heraus, dass es Tim ist, Kind aus einer heilen Vorstadtfamilie. Der 14-Jährige verdiente sich etwas mit dem Design von Apps hinzu, glauben die Eltern. Doch Franz (Udo Wachtveitl), Ivo (Miroslav Nemec) und Technik-Spezi Kalli (Ferdinand Hofer) finden eine Website, auf der Tim sich selbst feilbot. Per Abo und Geschenke konnten pädophile Kunden freizügige Videos und Bilder des Teenies erstehen. Deren Kreditkartendaten führen die Polizei zum Fußballtrainer und Familienvater Guido (Maxim Mehmet), aber auch Tims Freunde Hanna und Flo wissen mehr über den Zuverdienst ihres toten Freundes, als sie zugeben.

Während sich Franz mit der gebotenen Distanz nähert, schießt sich Ivo schnell auf den Saubermann vom Fußballplatz ein. Dass es ganz so einfach nicht ist in diesem Tatort, wird spätestens ersichtlich, wenn wir Hanna dabei zusehen müssen, wie sie per Webcam ihre Kunden anlockt, hinhält, kontrolliert. Denn wo der Krimi seinem ausschweifenden Ansatz am ehesten gerecht wird - wenn auch nur in der Andeutung - das ist die Ebene der pubertierenden Kinder. Ob nun Hanna einen erwachsenen Kunden gerissen an der virtuellen Leine führt oder Flo ganz naiv im Chat den Ersatzvater sucht, leuchten Widersprüche im so leicht festzulegenden Machtverhältnis auf, die auch uns Zuschauer herausfordern. Die hervorragenden Jungdarsteller bereichern Tatort: Das verkaufte Lächeln dabei mehr, als es das Drehbuch verdient.

Verlegt sich der Film hingegen auf die Perspektive der Eltern oder Kunden, fällt der Krimi auf allzu eingängige Typen zurück, um Erklärungsansätze zu liefern. Drei Typen von Elternhäusern etwa, abwesend, zerrüttet oder liebevoll, aber blind. Ein Typ Kunde auch, der kinderliebende Normalo. Von Maxim Mehmet durchaus nicht verharmlosend sympathisch gespielt, bleibt jedoch keine Zeit, seinem gut funktionierenden Doppelleben auf den Grund zu gehen. So fasziniert und abgestoßen zeigt sich das Drehbuch von den Möglichkeiten des Internets, dass es die analogen Triebe oder Sehnsüchte seiner Figuren hintanstellt.

Mord des Sonntags: Eine leere Wunde im Herzen.

Zitat des Sonntags: "Manchmal bin ich mir nicht sicher, wer Opfer und wer Täter ist."

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