The Purge ist eine blutarme Schlaftablette im Serienformat

The Purge
© USA/Amazon Prime
The Purge
moviepilot Team
wieselmax Max Wieseler
folgen
du folgst
entfolgen

Das Konzept der Purge-Reihe ist so unlogisch wie auch genial. Für eine Nacht im Jahr sind alle Verbrechen in den USA legal, was die Kriminalitätsrate für den Rest des Jahres drastisch vermindert. Durch diese Prämisse schaffte es die Microbudget-Schmiede Blumhouse, mit 4 Filmen in den letzten 5 Jahren über 454 Millionen Dollar weltweit an den Kinokassen einzuspielen. Die Vermischung von Horror, Thriller und einem dystopischen Blick auf die Entwicklung unserer soziopolitischen Gesellschaft scheint einen Nerv beim Genrepublikum getroffen zu haben. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich das Purge-Franchise auch auf andere Medien ausweitete: Nein, es ist kein Purge-Videospiel geworden, sondern eine 10-teilige Miniserie, die in den USA beim USA Network und in Deutschland bei Amazon Prime Video zu sehen ist. Die diesen Monat startende Serienadaption The Purge bringt dabei einige interessante Ideen und frische Ansätze in das Franchise ein, leidet jedoch stark unter ihrem eigenen Format.

Worum geht es in der Serie The Purge?

Zu Beginn präsentiert uns The Purge vier Handlungstränge, die uns fast in Echtzeit durch die 12-stündige Säuberung in einer namenlosen Stadt in den USA führen, die schon im Trailer gezeigt wurde. Wir starten nur wenige Stunden vor dem Beginn der Purge-Nacht. Die Anwohner versuchen, noch schnell ihre Waffenvorräte aufzustocken und panisch ihre Häuser zu verriegeln oder sich beim großen Masken-Ausverkauf noch ein schickes Purge-Kostüm zuzulegen. Den emotionalen Kern der 1. Folge bildet die Geschichte um Miguel (Gabriel Chavarria), der als Marinesoldat auf der Suche nach seiner Schwester ist. Diese ist einer Sekte beigetreten, deren Mitglieder sich als Märtyrer von Purgern umbringen lassen wollen. Daneben möchte ein Ehepaar auf einer Gala der Privilegierten um Geldgeber für ihr soziales Wohnbauprojekt werben. Der vierte Handlungsstrang dreht sich um die Angestellte einer großen Firma, Jane (Amanda Warren), die aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres sexistischen Chefs in einer beruflichen Sackgasse gelandet ist und den Purge für ihre Rache nutzen will.

The Purge bietet als Serie interessante Ideenansätze

The Purge wirft in seiner Pilotfolge gleich mehrere Plotbälle in die Luft, die interessante und neue Ideen in das Franchise einbringen. Da wäre zum Beispiel die Geschichte um Jane, die im Getriebe des Corporate America feststeckt und eine Auftragsmörderin in der Purge-Nacht anheuert, die ihren schmierigen Chef - William Baldwin als bester Alec Baldwin-Imitator - zur Strecke bringen soll. Dies bringt einen neuen Blickwinkel ins Purge-Universum ein, in dem sich die unterdrückte Mittel- und Unterschicht zur Wehr setzt. Außerdem schafft der Charakter Miguel, welcher eine interessante Verbindung zu The First Purge darstellt, eine neue Sichtweise auf den Purge selbst. Denn während er wie in Wahn nach seiner Schwester sucht, ist ihm die Säuberung selbst vollkommen egal. So sehen wir ihn bereits vor der eigentlichen Purge-Nacht einen Menschen töten, der ihm bei seiner Suche im Weg steht. Auch die Opfer-Sekte beleuchtet eine Seite des Purge, die wir in den Filmen noch nicht gesehen haben, was diesen Handlungsteil zu einem der interessantesten Aspekte des Serienpiloten macht.

Die Serie The Purge leidet an Blutarmut und Trägheit

Während es in den Purge-Filmen ziemlich schnell zur Sache geht, lässt sich die Serie viel Zeit bis die Handlung an Fahrt aufnimmt. Das wäre an sich auch gar nicht so schlimm, wenn die Serie auch nur halbwegs spannend wäre. Doch die Pilotfolge widmet sich ausschließlich der Exposition der einzelnen Handlungsstränge und vergisst dabei das, auf was die Fans eigentlich warten: blutige Purge-Action. Bis es zum großen Gewaltausbruch kommt, müssen sich die Zuschauer aber lange gedulden, denn der eigentliche Purge beginnt erst in den letzten 5 Minuten der Pilotepisode. Doch die Brutalität der Filmreihe wird in der Serienadaption schmerzlich vermisst. Das ist zu großen Teil dem Sender geschuldet, auf dem The Purge in den USA ausgestrahlt wird, und der eine blutige Eskalation wie in den Filmen nicht möglich macht. Deshalb geschieht die blutige Gewalt abseits der Kamera und wird nur angedeutet.

Ein noch größeres Problem als die fehlende Gewaltdarstellung ist aber die dramatische Unausgeglichenheit von The Purge. Dass hier gerade eine Nacht bevorsteht, in der jeder Charakter eigentlich um sein Leben fürchten müsste, wird kaum erkennbar. So ist die Enthüllung, dass Rick (Colin Woodell) und Jenna Bettencourt (Hannah Emily Anderson) auf einer NFFA-Gala die Frau wiedersehen, mit der sie einen Dreier hatten, viel dramatischer inszeniert, als der Fakt, dass die Gäste der Veranstaltung allesamt Masken von Massenmördern tragen. Doch da wir uns am Ende der 1. Episode gerade erst in den Anfangsminuten des Purges befinden, besteht noch Hoffnung, dass die Charaktere in den kommenden 9 Folgen in wirklich dramatische Situationen gelangen.

The Purge begeht die gleichen Fehler wie die Filme

Die Purge-Serie macht leider die gleichen Fehler wie die Filme. Für eine wirksame Sozialkritik, die The Purge eindeutig sein will, fehlt der zeigende Finger. Die Zuschauer fühlen sich nicht schlecht, wenn die reiche Oberschicht die Menschen der Unterschichten abschlachtet. In den 12 Stunden der Absolution sind alle Mörder gleich, egal ob arm oder reich. Der Zuschauer fühlt sich von der glorifizierten Gewalt unterhalten, ohne dass ein wirklicher Denkprozess angeregt wird. Das ist allerdings ein Kritikpunkt, der auf die gesamte Purge-Reihe zutrifft und in dem jüngsten Kapitel, The First Purge, auf die Spitze getrieben wurde, als Nazis für eine reine Schockwirkung durch die Straßen marschierten und Latinos und Afroamerikaner abschlachteten.

Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist das Purge-Franchise jedoch einfach spannende und rasante Unterhaltung, der ein geniales Worldbuilding vorangeht. Diese Welt wird durch die Serie The Purge um eine weitere Säuberung und viele detailreiche Einblicke in die Gesellschaft dieser nicht allzu abwegigen Zukunftsvision erweitert. Fans der Purge-Filme werden sich also schnell mit der Serie anfreunden können, wenn sie sich auf weniger Horror und Gewalt einstellen. Aufgrund des langsamen Erzähltempos und der unspektakulären Pilotepisode würde ich wohl dazu raten, die 1. Staffel von The Purge im Ganzen zu bingen und die 10-teilige Säuberungsnacht als einen langen Film zu betrachten.

Die 1. Staffel von The Purge umfasst insgesamt 10 Episoden, die seit dem 04.09.2018 in den USA ausgestrahlt werden und am 21.09.2018 in Deutschland bei Amazon Prime Video erscheint. Als Grundlage für diesen Serien-Check diente die Pilotfolge.

Kann euch der Purge im Serienformat überzeugen?

moviepilot Team
wieselmax Max Wieseler
folgen
du folgst
entfolgen
Deine Meinung zum Artikel The Purge ist eine blutarme Schlaftablette im Serienformat
2d7d69ac60804b54a2bd78eccf8c433c