The Walking Dead und das Jammern der Fans

The Walking Dead
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The Walking Dead
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Meint es gut mit den Menschen.

Spätestens seit dem wunderbar hintersinnigen, aber übel beleumundeten Cliffhanger der 6. beziehungsweise dessen Auflösung zu Beginn der 7. Staffel stehen die Macher von The Walking Dead unter Dauerbeschuss. In sozialen Netzwerken äußert das Fandom der Serie, oder jedenfalls ein sehr lautstarker Teil ihrer Anhänger, regelmäßig Unmut über angeblich zu drastische, zu unverzeihliche und zu sehr von der Comic-Vorlage abweichende Figurentode. Um den ritualisierten Empörungen scheinbares Gewicht zu verleihen, wurden auch Boykottaufrufe gestartet und Petitionen zur Absetzung des Showrunners ins Leben gerufen. Solcherart Schwarmgeistaktivismus, also Publikumsgebaren der albernsten Art, schien zuletzt eigentlich den Fans von Game of Thrones vorbehalten, jener Serie, die ebenfalls alles so macht, wie Zuschauer und insbesondere Buchleser es einfach nicht gemacht haben wollen. Den Bezahlsender HBO überrollten einst Beschwerdebriefe und Abonnementkündigen, als gleich mehrere beliebte Figuren der sogenannten Roten Hochzeit zum Opfer fielen. Bei Game of Thrones gingen die Methoden der Zuschauerbindung auf, im Anschluss nahm das Interesse an der Serie sogar noch zu. The Walking Dead hat hingegen mit kontinuierlich sinkenden Quoten zu kämpfen, Frust und Enttäuschung schlagen sich hier tatsächlich spürbar nieder.

Zu den – Achtung: Spoiler – gegenwärtig häufigsten Einwänden gegen das Format zählt die Entscheidung seiner Verantwortlichen, den jugendlichen Helden Carl Grimes aus der Serie zu schreiben. In den Comics von Robert Kirkman und Tony Moore überlebt er nicht nur den All Out War genannten Kampf gegen Negan und die Saviors, sondern nimmt eine gewichtige Rolle in der mit großem Zeitsprung präsentierten Neuordnung der Verhältnisse ein. Für manche ist Carl daher die eigentliche Schlüsselfigur von The Walking Dead, ein so wesentlicher Charakter, dass sich die Fernsehadaption nie von ihm hätte trennen dürfen. Klingt nachvollziehbar, einerseits: Kritik an Sinnzusammenhängen durch vorzeitige Entsorgung eines wichtigen emotionalen Antriebsmotors. Im Gegensatz zum bloßen Verdikt mangelnder Vorlagentreue, der grundsätzlichen Verurteilung jedweder Abweichung also, weil eins zu eins verfilmte Buchseiten das Maß aller Dinge sein sollen, könnte sich dieses Argument als valide erweisen. Zumindest in der Serie jedoch war Carl andererseits nie unentbehrlich – kein figurales Zentrum, über weite Strecken allenfalls ein Sidekick, dem Tod oftmals unwahrscheinlich nahe. Wenn das von vornherein ein Versäumnis der Macher war, ist ihr Bruch mit der Comic-Vorlage umso verständlicher. Und wie klug dieser Schritt ist, kann so oder so erst der weitere Serienverlauf zeigen.

Klagelieder über TV-Figurentode sind natürlich eine ziemlich abstrakte Sache, erklärlich vielleicht nur durch den unbedingten Willen, in seriellen Erzählungen ganz aufzugehen. Unberücksichtigt bleibt die Frage, warum sich eine dystopische Geschichte, die erbarmungslos wie keine andere vom Zusammenbruch zivilisatorischer Grundpfeiler und den damit einhergehenden unmenschlichen (Über-)Lebensbedingungen erzählt, nicht vor allem auch zentraler Figuren entledigen sollte. Schließlich sind Ungewissheiten der gebetsmühlenartig eingeforderten Plausibilität nur zuträglich: Was nützt schon der Entwurf einer Welt ohne Hoffnung, die ausgewählten Parteien verlässliche Sicherheiten gewährt. Im Sinne einer offenbar unverzichtbaren dramaturgischen Nahtlosigkeit erfüllt The Walking Dead vielmehr die Erwartungen an den notwendigerweise unentspannten Sehgenuss – mit einer Erzählstrukturierung, die beständig zuspitzt, verunsichert und fassungslos macht. Das ist ja überhaupt die große Kunst der Serie. Als lange und manchmal auch quälend lange Zerfallsbeobachtung menschlicher Errungenschaften geht es ihr nicht um Heldentum, sondern die ständige Neuverhandlung von Zusammenhalt. Figuren kommen und gehen. Entscheidend ist nur, wie die Hinterbliebenen angesichts ihrer als gefräßige Torkelkörper auftretenden Freunde und Verwandten miteinander umzugehen bereit sind.

Manche Fans haben es sich zur Aufgabe gemacht, an mutmaßlichen oder tatsächlichen Schwächen der Serie demonstrativ zu verzweifeln. Das Binge- ist einem Hatewatching gewichen, mit ausgestelltem Unmut und sich selbst feiernder Freude über das eigene Durchhaltevermögen. Die passende Grafik zur stolzen Häme veröffentlichte Buzzfeed schon im Jahr 2012, geteilt wird sie seither ohne Unterlass. Ihr zufolge geht es in The Walking Dead größtenteils um "nichts", hauptsächlich sei man während des Sehens mit der Frage "warum schaue ich die Serie noch immer?" beschäftigt. Sollte es Menschen tatsächlich so gehen, dürfen sie gern weiterhin nach einer Antwort suchen (Vermutung: sie ist bereits gefunden und schwankt zwischen zu viel Freizeit und ebenso viel Lust an Masochismus), doch ersteres lässt sich mühelos widerlegen. Treffend schreibt Georg Seeßlen über die Serie, ihre Erzählung habe "die klassische Wellenform eines Western, auf die Phasen der gewalttätigen Aktion folgen solche der Ruhe und der Kontemplation". Längst stehen in The Walking Dead nicht mehr Zombieattacken oder anderweitig uninteressante Spannungsmomente im Mittelpunkt. Das Augenmerk liegt auf wortreich ausgefochtenen Konflikten darüber, welches Gesellschaftsmodell das tragfähigere ist – eine enervierende Erschließung funktionierender Lebensräume und deren immer auch ideologische Verteidigung.

Diese Disputationen, inklusive all der Widersprüche und Uneindeutigkeiten, gelegentlich auch der verführerischen Flirts mit dem Bösen, wie sie Staffel 7 beschrieb, setzt The Walking Dead aktuell fort. Jene vermeintlich öden, zwingend langwierigen Abschnitte nutzt die Serie, um ihre Figuren unterschiedliche Vorstellungen vom Leben in der Zombieapokalypse ausagieren zu lassen. Ungläubig fragt Morales seinen früheren Weggefährten Rick, wie es in dieser Welt eine romantische Liebe geben könne zwischen Menschen, die nicht "Negan werden" mussten, um es "so weit zu schaffen". Kurz darauf wird er von Daryl hinterrücks ermordet, und später wiederholt sich diese Szene fast exakt, als er einen Savior erschießt, dem Rick eben noch Gnade versprach. Das ist ein Leitthema der Staffel, Menschen verschonen, Barbaren bekehren. Und welchen Preis das erfordert. Als Morgan, der sich vom mörderischen zum friedliebenden Anhänger Ricks beständig vor und zurück bewegt, die Ausbruchsversuche der gefangen genommenen Saviors mit dem Tod bestrafen will, stellt sich ihm Paul (genannt Jesus) entgegen. Sie müssten mit diesen Menschen leben, wenn alles vorbei sei, sagt er, und einen Weg finden, Frieden zu schließen. Auch das ist neu in The Walking Dead, die Utopie vom Danach, der Blick in eine bessere Zukunft (die sogar Negan mit einschließen könnte). "I'm not right", gesteht Morgan. "But that doesn't make me wrong."

Die erste Folge nach der Winterpause verschärft diesen Konflikt durch den – angeblich so überflüssigen – Tod von Carl, der sich eine Bissverletzung zuzog, als er Alleingänger Siddiq rettete. In Carls Sterbeszenen greift die Folge wiederholt ein und schneidet auf die Festnahme des Negan-Schergen Gavin, den Morgan hinrichten möchte, ehe ihm der kleine Henry zuvorkommt. Die Szene spiegelt den Rick-Daryl-Moment vom Anfang der Staffel, entscheidender aber ist, dass sie auf die Abschiedsrede von Carl rekurriert, der sich seiner Sünden erinnert. Vor Jahren habe er einen Teenager niedergestreckt, der sich ihm ergeben wollte, sagt er – und nun werden wir Zeuge, wie die nächste Generation leichtfertig mordender Kinder sein Werk fortsetzt. Darin ist The Walking Dead erstaunlich herausfordernd, geradezu ungefällig. Ständig animieren uns die Macher zu einer Überprüfung der Verhältnisse, wenden Sympathiefiguren oder solche, die als Identifikationsangebote gedacht sind, gegen sich selbst, und stellen sogar die Quasireligion Negan als einleuchtendes Unterdrückungssystem zur Diskussion. Reine Affektdebatten über Figurentode oder das "unlogische Verhalten" irgendwelcher Protagonisten könnten vor diesem Hintergrund kaum banaler wirken. Statt strichlistenartige Vorlagenabgleiche zu führen, sollten unzufriedene Fans endlich die Komplexität der Serie umarmen. Denn momentan gibt es keine bessere.

Die neuen Folgen der 8. Staffel von The Walking Dead werden jeden Sonntag auf AMC gezeigt und laufen jeweils am Folgetag auf FOX in deutscher Erstausstrahlung, außerdem sind die Episoden bei Sky Ticket zu sehen, in OV sowie synchronisiert.

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