Was der Tod von Serienfiguren mit uns anstellt

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The Walking Dead
09.04.2016 - 08:50 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Wir hassen es, wenn Serienfiguren sterben, und lieben doch die Gefahr, dass es jederzeit passieren kann. Darin liegt vielleicht einer der Gründe für den Erfolg von Serien, die nicht zimperlich mit ihren Figuren umgehen – und irritierende Gefühle produzieren.

In Kino- und Fernseherzählungen werden Figuren unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt keine filmische Figur, die nicht – wenn auch möglicherweise mit Abstrichen – als eine serielle denkbar wäre und umgekehrt, aber durchaus gravierende Unterschiede unserer Bereitschaft, sich auf sie einzulassen: Wir können 100 Minuten mit uninteressanten Figuren zubringen und trotzdem den besten jemals gedrehten Film sehen, doch keine 100 Serienstunden bei gleichen Bedingungen ertragen. Daraus lässt sich nicht unbedingt schlussfolgern, dass Kino und Fernsehen primär ästhetische bzw. erzählerische Medien sind. Aber das Verlangen nach Serien, die wir in den letzten Jahren so fleißig zu bingewatchen (und manchmal eben auch dem Kino vorzuziehen) gelernt haben, hat gewiss mit einer Sehnsucht nach figuraler Verlässlichkeit zu tun: Entscheidend ist nicht unbedingt, ob wir eine Figur sympathisch oder unsympathisch finden, sondern ob wir etwas mit ihr und der an sie gekoppelten Erzählung anzufangen wissen – über zwei, drei und mehr Staffeln hinweg.

Bindung zum Publikum

Wenn eine geliebte oder auch leidenschaftlich gehasste (und damit ebenso unentbehrliche) Serienfigur stirbt, ist das für Serienmacher zunächst einmal die zuverlässigste Art, sich der Bindung zwischen Serie und Serienpublikum zu versichern. Worin sicherlich eine gewisse Koketterie liegt: Nichts durchkreuzt die Sehnsucht nach figuraler Verlässlichkeit so stark wie der möglichst unerwartete, zumindest aber möglichst dramatische Serientod, und nichts könnte ebendiese Sehnsucht deutlicher bestätigen. Als am Ende der dritten Staffel Game of Thrones gleich mehrere Hauptfiguren und fan favourites der sogenannten "roten Hochzeit" zum Opfer fielen, wurde HBO von Beschwerden aufgebrachter Zuschauer überrollt, die ihr Abonnement zu kündigen und das serielle Fantasy-Epos fortan zu boykottieren drohten. Dennoch schalteten in Staffel 4 mehr Zuschauer denn je ein: Nicht obwohl, sondern weil die Serie sich jederzeit Figuren entledigen könnte, auf deren Bindung zum Publikum ihre Macher so viel Mühe verwenden.

Game of Thrones

Denn figurale Verlässlichkeit lässt sich gerade dadurch herstellen, dass eigentlich überhaupt nichts verlässlich ist. Man kann leicht von einer Serie und ihrer Prämisse verführt werden (also hooked sein, wie es sich der Pilot zum Ziel setzt), aber sich noch leichter abwenden, wenn ihr keine Überraschungsmomente gelingen. Der Serientod hat nicht allein die Aufgabe, uns über Identifikationsangebote stärker an eine Fiktion zu binden, sondern auch die Fiktion selbst in Schach zu halten. Es ergeben sich neue Dynamiken für die Erzählung und manchmal auch für die Welt, in der sie verortet ist. Und es zwingt verbliebene Figuren, auf den Verlust ihrer Mitmenschen zu reagieren – was praktischerweise auch eine Trauerverarbeitung für uns zulässt, die vom Serientod erzürnt oder tief getroffen sind: Mag der Schockmoment scheinbar Gefahr laufen, den Zuschauer zu verlieren, schmieden kathartische Effekte ihn und die Serie wieder zusammen. Die Bindung wurde neu ausgehandelt. Und es kann egal sein, dass das zu einseitigen Bedingungen geschah.

Der Serientod als Cliffhanger

Streng genommen wird das Ableben einer Serienfigur dadurch zum masochistischen Akt. Wir gestatten es den Serienmachern, dass sie uns vorzeitig Figuren entreißen, zu denen wir eine – wie auch immer im Einzelnen ausgeprägte – emotionale Beziehung pflegen. Und statt darauf vielleicht mit einem Abwehrreflex zu reagieren, kehren wir bereitwillig zum Ort des Schreckens zurück. Wir lassen uns verführen, ja, aber eigentlich lassen wir uns quälen. Wenn eine Serie unsere Empfindungen so sehr auf die Spitze treibt, dass sie nicht einmal Gewissheit darüber verschaffen möchte, ob denn diese oder jene Figur auch tatsächlich ums Leben gekommen ist, bedient sie sich eines durchschaubaren und dennoch wirksamen Tricks: Der Serientod als Cliffhanger – damit wir auch nächste Woche oder, wie zuletzt bei The Walking Dead, nächstes Halbjahr wieder einschalten – nimmt sein Publikum gleich ganz auseinander. Es baumelt nur deshalb bereitwillig an der Klippe, weil es darauf vertraut, dass die Serienmacher es wieder hochziehen und gründlich zusammenflicken werden.

Six Feet Under

Solche dramaturgischen Manöver führen direkt nach Absurdistan. Dort täuschen Serien den Tod ihrer Hauptfiguren lediglich vor, um spektakuläre Wiederauferstehungsmomente zu feiern (Fox Mulder in Akte X, John Locke in Lost, Buffy Summers in Buffy) oder um Seriensterben freiwillig und unfreiwillig zu persiflieren (Brian Griffin in Family Guy, Kenny McCormick in South Park, Dean und Sam Winchester in Supernatural). Die berühmt-berüchtigte "Traumstaffel" von Dallas, in der sich Bobby Ewings Ableben und sämtliche darauf folgenden Ereignisse nach rund 30 Folgen (!) als Träume einer anderen Figur entpuppten, hat gezeigt, dass ein Serienpublikum auch die unwahrscheinlichsten Erzählkniffe zu akzeptieren bereit ist, wenn sie nur Erleichterung vom Tod verschaffen. Wir fühlten uns nicht betrogen, dass Roseanne das tatsächliche Schicksal ihrer Familienmitglieder verschleierte, sondern waren froh über die erst am bittersüßen Schluss gelüfteten Lügen der Serie. Andernfalls würde sich die finale Folge nicht so großer Beliebtheit erfreuen.

Ausgeliefert sein

In die Trauer über verstorbene Mitmenschen ziehen die von Verlusterfahrungen erzählenden HBO-Serien Six Feet Under und The Leftovers sogar die Verstorbenen selbst mit ein. Sie gönnen uns ein Wiedersehen mit dahingeschiedenen Figuren durch Visionen, Wahnvorstellungen und Projektionen der Hinterbliebenen, um wenigstens jenseitig Trost spenden zu können. Allerdings lassen sie auch keinen Zweifel daran, wie allein die Hinterbliebenen mit ebendieser Trauer sind – ganz gleich, welche emotionalen Zweckbündnisse sie besonders in The Leftovers eingehen, um diese Erkenntnis Lügen zu strafen. Für uns als Zuschauer ergibt sich daraus gerade kein delegierter Genuss, denn wir lassen zu, dass fremde Dramen die eigenen abrufen, weil wir über ähnliche Erfahrungen verfügen oder uns fürchten, sie zu machen. Im Moment des Todes von fiktiven Figuren, für deren Schicksale wir uns wochen- und jahrelang vielleicht mehr interessieren als für manch einen tatsächlichen Menschen, wird vor allem deutlich, dass sich auf eine Serie einzulassen immer auch heißt, ihr ausgeliefert zu sein.

Ein irritierendes Gefühl.

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