Tom Cruise: Der beeindruckendste Stunt seiner Action-Karriere ist, dass er noch eine Karriere hat

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Top Gun 2: Maverick
21.05.2022 - 10:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Mit Top Gun 2: Maverick begeistert Tom Cruise das Publikum und beweist einmal mehr seine beeindruckendste Fähigkeit: einfach nicht gecancelt zu werden.

Die Filmfestspiele von Cannes sind seit jeher ein Ort, an dem sich die größten Filmstars für zwei Wochen in Südfrankreich zusammenfinden, um das Kino zu feiern. Oder zumindest ihre aktuellsten Projekte zu bewerben. Auch 2022 trifft sich wieder halb Hollywood in Cannes, doch einer überstrahlt sie alle: Tom Cruise.

Hunderte verstopfen die Straßen, um einen Blick auf die Action-Legende zu erhaschen. Selbst abgeklärte Journalist:innen warten über eine Stunde in der heißen Mittagssonne, um bei einem Bühnengespräch mit dem Star ganz vorne sitzen zu können. Anlässlich der Premiere von Top Gun: Maverick fliegen französische Kampfjets (!) über das Festivalgelände. Anschließend wird der Star mit einer goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet. Für seine Schauspielkarriere, natürlich. Dabei hätte er einen Preis für etwas ganz anderes verdient: seine Fähigkeit, noch nicht gecancelt worden zu sein.

Tom Cruise stolperte über Jahre von einem Skandal in den nächsten

Denn neben Artikeln über angebliche Aggressionsprobleme, unschön abgelaufene Trennungen oder beeindruckend gruselige öffentliche Auftritte (erinnert sich noch jemand an die Couch-Situation bei Oprah?), gibt es einen Schatten, der seit den 1990ern über der Karriere von Cruise schwebt: Scientology . Der Schauspieler ist stolzes Mitglied einer Religionsgemeinschaft, die wegen ihres sektenähnlichen Charakters heftig umstritten ist und in Teilen Deutschlands vom Verfassungsschutz beobachtet wird, weil sie nach Einschätzung der Behörden das demokratische Rechtssystem ablehne.

Im Auftrag von Scientology soll Tom Cruise versucht haben, andere Hollywood-Stars zu rekrutieren. Er trat in fragwürdigen Werbevideos für die Organisation auf und profitierte Berichten zufolge von angeblicher "Sklavenarbeit" . Die selbsternannte Kirche soll sogar Castings durchgeführt haben, um Partnerinnen für den Star zu finden. Der wiederum trug die Überzeugungen seiner Religionsgemeinschaft in die Welt – und positionierte sich unter anderem gegen Antidepressiva.

Unsere Review zu Top Gun: Maverick im Video:

Top Gun Maverick: So macht man ein Sequel! | Review
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Doch über die Jahre nahmen die Skandal-Headlines zu Tom Cruise und seiner Scientology-Verbindung ab. Zuletzt wurde sogar spekuliert, ob es zwischen ihm und der Kirche zum Bruch gekommen sein soll. Der Action-Star ist nicht mehr der Typ mit fragwürdigen religiösen Ansichten, er ist das teflonbeschichtete Hochglanz-Lächeln Hollywoods.

Die Art von Star, die durch körperlich anspruchsvolle Drehvorbereitung und einen Kino-Blockbuster nach dem nächsten von sich reden macht. Wenn er auftaucht, bricht selbst das abgeklärte Cannes-Publikum in Jubelstürme aus. Wie hat er das geschafft?

Nach den Scientology-Kontroversen hat der Action-Star den ultimativen Weg gefunden, seine Karriere zu retten

Die naheliegendste Antwort scheint: Kontrolle. Spätestens nach dem Oprah-Vorfall dürfte Cruise gemerkt haben, dass seine Art, Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen, nach hinten losgeht. Wie geht man also damit um, wenn das eigene Privatleben und öffentliche Gefühlsausbrüche das Image der Action-Allzweckwaffe beschädigen? Man gibt der Öffentlichkeit einfach nichts mehr von sich. Zumindest nichts, was sich gegen einen verwenden ließe. Statt dem Menschen Cruise gibt es nur noch den Schauspieler, der gerne über Stunts und Action-Drehs spricht, aber niemals über irgendetwas "echtes".

Egal, welche Frage ihm bei dem Podiumsgespräch in Cannes gestellt wird, Cruise antwortet mit der immer gleichen Art von vermeintlich nahbarer Anekdote. Tom Cruise liebt Kino. Tom Cruise wollte nie nur auf seine Rolle als Schauspieler reduziert werden, sondern am Set möglichst viel lernen. Tom Cruise machte seinen ersten lebensgefährlichen Stunt als Kind und sprang mit einem Bettlaken vom Hausdach. Alle lachen, als er eine einstudierte Pause macht und grinsend Richtung Publikum guckt.

Tom Cruise kann mittlerweile so universell geliebt werden, weil er seine Menschlichkeit mit allem Negativen abgelegt hat. Geleakte Set-Aufnahmen wie sein Covid-Wutanfall sind die einzigen Hinweise darauf, dass hinter dem strahlenden all-american Lächeln und dem alterslos trainierten Körper noch eine echte Person steckt. Ansonsten spielt Cruise die beeindruckendste Rolle seines Lebens: die des vielleicht größten Action-Stars unserer Zeit, der seine problematische Vergangenheit einfach weglächelt – und uns damit meisterhaft um den Finger wickelt.

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Was meint ihr: Wie sollte die Öffentlichkeit mit der Scientology-Vergangenheit von Tom Cruise umgehen?

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