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Warum Aziz Ansaris Master of None die charmanteste Sadcom ist

Master of None - S02 Trailer (English) HD
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Master of None: Dev und Arnold
06.07.2017 - 11:15 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Aziz Ansari erzählt seit zwei Staffeln in der Netflix-Serie aus dem Leben seines Alter Egos Dev. Weshalb die Sitcom, die keine richtige ist, dennoch zugleich berührt und zum Lachen bringt, verrate ich euch.

In den letzten Jahren trat vermehrt der Begriff der "Sadcom" zu Tage, der Serien bezeichnet, die als Sitcom oder Comedy daherkommen, ihre Protagonisten mit Hang zum Depressiven aber häufig in unangenehme Situationen schicken oder an den Tücken des Alltags scheitern lassen. Beispielhaft dürfte Louis C.K. für dieses Konzept stehen, der die fiktionale Version seiner selbst in Louie ziemlich schonungslos und zuweilen gar grob behandelt. Beziehungen scheitern, bevor sie überhaupt in Gang kommen und beruflicher Erfolg ist ihm auch nur bedingt vergönnt. In die gleiche Kerbe schlagen Serien wie Fleabag oder BoJack Horseman. Auch Aziz Ansaris Netflix-Serie Master of None reiht sich in die Sadcoms ein.

Das Grundkonzept kennen wir aus zahlreichen Comedy-Formaten der letzten Jahrzehnte: Eine Gruppe von Freunden Ende Zwanzig/Anfang Dreißig könnte das Großstadtleben in New York in vollen Zügen genießen, wenn nicht ständig die eigenen Gedanken um berufliche Selbstverwirklichung oder komplizierte (nicht gelebte) Liebesbeziehungen kreisen würden. Den klassischen Motiven Karriere und Traumfrau jagt zwar auch Ansaris Alter Ego Dev hinterher, dennoch unterscheidet sich die Serie in vielen Punkten von ihren Artgenossen. Am offensichtlichsten dürfte die Diversität des Freundeskreises sein, von der in den 90er Jahren bei Seinfeld und Friends noch keine Rede war und deren Fehlen Lena Dunhams Girls oft angekreidet wurde.

Master of None: Dev

Dev, selbst Sohn indischer Einwanderer, hat mit Denise (Lena Waithe) eine homosexuelle afroamerikanische beste Freundin, sein Kumpel Brian (Kelvin Yu) hat taiwanesische Wurzeln. Seinen besten Freund Arnold (Eric Wareheim) bezeichnet Ansari in Interviews selbst als den “Quotenweißen” . Damit vollzieht sich ein Rollentausch, den man selten auf dem Bildschirm zu sehen bekommt. Denn sonst bekommt der weiße Protagonist den lustigen Buddy anderer Ethnie als Sidekick an die Seite gestellt, der hin und wieder kluge Lebensweisheiten und schlaue Ratschläge erteilen darf. Besonders stark sind die Episoden, die von dem primären Erzählstrang abweichen und in abgeschlossene Kurzgeschichten die Nebencharaktere in den Fokus rücken. In der ersten Staffel widmet sich eine Episode der Erfahrungen, die Devs Vater als Kind in seiner indischen Heimat sammelte, bevor er in die USA immigrierte. Dev wusste bis zu diesem Zeitpunkt nichts von den Widrigkeiten und belächelte seinen, zugegeben, ziemlich nervigen Vater oft.

In der warmherzigsten Episode der 2. Staffel dreht sich alles um Devs beste Freundin Denise. Über eine Zeitspanne von etwa 20 Jahren nimmt das Publikum an verschiedenen Thanksgiving-Feierlichkeiten der Familie teil, in denen auch Dev stets zu Gast ist und Denise sich Stück für Stück vor ihrer stolzen Mutter (Angela Basset) und ihrer Großmutter outet. Master of None setzt sich episodenhaft mit ernsteren Themen auseinander, die in der aktuellen Serienlandschaft nur bedingt Aufmerksamkeit finden. Neben Homosexualität geht es um Einsamkeit im Alter, Sexismus und Alltagsrassismus. Familiäre Konflikte, bedingt durch den Generationsunterschied, Bruch mit Traditionen und Religion ergeben sich ebenso hin und wieder. Allerdings schwingt Dev bzw. Ansari nie die dicke Moralkeule oder erhebt belehrend den Zeigefinger, sondern geht die Dinge mit einer gesunden Portion Humor an, die genau den richtigen Ton trifft.

Master of None: Rachel und Dev

Master Of None zeichnet sich durch Vielfalt und Abwechslungsreichtum der Themen aus. Neben den gewichtigen Inhalten widmen sich die Protagonisten den trivialeren Stoffen wie die ausbleibende Karriere, unerfüllte Liebesbeziehungen, verkorkste Tinder-Dates oder der Suche nach dem besten Taco-Restaurant in ganz New York. Die Grundstimmung der Serie ist niemals so erdrückend wie in Louie oder Fleabag. Dev ist ein grundsätzlich positiver Charakter, dem die Sympathien seiner Mitmenschen (und der Zuschauer) sicher sind. Es fällt schwer, sich beim Schauen der Serie nicht zu 100 Prozent auf seine Seite zu stellen. Spätestens nach der kulinarischen Reise mit seinem nicht minder liebenswürdigen Buddy Arnold durch Bella Italia und die zahlreichen formalen wie inhaltlichen Anspielungen an Vittoria de Sica und andere Riesen des italienischen Kinos, hat Master of None Dev mein Herz für Serie erobert und meinen Appetit auf handgemachte Pasta geweckt.

Habt ihr die zweite Staffel von Masters of None schon gesehen?

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