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Warum nicht nur David Lynch-Fans Laura sehen sollten

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© 20th Century Fox
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09.02.2016 - 10:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Otto Premingers Film Noir-Klassiker Laura diente David Lynch als Inspirationsquelle für seine Kultserie Twin Peaks. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der spannende und raffinierte Mystery-Thriller auch heute noch sehenswert ist.

Mit David Lynchs Fortsetzung seiner Kultserie Twin Peaks kehrt 2017 eine der einflussreichsten Mystery-Serien aller Zeiten auf die Bildschirme zurück. Der innovative Mix aus Krimi, Seifenoper und surrealem Drama hinterließ Anfang der 1990er Jahre bleibende Spuren in der US-amerikanischen Fernsehlandschaft und Popkultur. Als eine der größten Inspirationsquellen diente Lynch dabei Otto Premingers 1944 erschienener Film Noir-Klassiker Laura. Dabei übernahm er nicht nur einige inhaltliche Motive, sondern benannte auch das im Zentrum der Serie stehende geheimnisumwitterte Mordopfer Laura Palmer nach der Titelfigur des US-amerikanischen Filmklassikers. Heute werfen wir einen Blick zurück auf den ausgeklügelten und überraschenden Kriminalfilm, der auch 72 Jahre nach seiner Erstaufführung nichts von seiner Faszination verloren hat. Als einer der interessantesten Thriller seiner Zeit ist Laura definitiv nicht nur für David Lynch-Fans und Film Noir-Liebhaber ein Genuss.

In Laura versucht ein zynischer und abgestumpfter Polizist (Dana Andrews), den Mord an der erfolgreichen wie schönen Werbemanagerin Laura Hunt (Gene Tierney) aufzuklären, die mit ihrer charmanten Ausstrahlung reihenweise Männern den Kopf verdrehte. In einem dichten und rätselhaften Geflecht aus zweifelhaften Zeugenaussagen und undurchsichtigen Charakteren wird schnell deutlich, dass hier nichts so ist, wie es scheint: In welcher Beziehung stand Laura zu ihrem selbstgefälligen wie besitzergreifenden Freund und Gönner Waldo Lydecker? Was hat ihr undurchsichtiger Verlobter zu verbergen und welche Rolle spielt ihre wohlhabende Tante? Während sich die Verdächtigen im Verlauf des Films mehr und mehr in ihre eigenen Lügen verstricken, werden die Ermittlungen außerdem durch ungeahnte Komplikationen aufgewirbelt. Im Zentrum steht dabei die mysteriöse Anziehungskraft, die von Laura selbst ausgeht und der sich auch der Ermittler McPherson nicht erwehren kann.

Deshalb ist Laura auch heute noch interessant

Natürlich spielt Laura heute vor allem als wichtiger Beitrag zum Filmgenre des Film Noir eine große Rolle. Die düsteren und spannungsgeladenen Kriminalgeschichten besitzen mit ihrer besonderen Ästhetik bis heute eine große Anziehungskraft für Filmfans auf der ganzen Welt. Eine Vielzahl der Motive in Otto Premingers Laura wurden später zu den klassischen Merkmalen eines Film Noir erklärt. Von der im urbanen Umfeld angesiedelten Kriminalgeschichte mit einem desillusionierten, einzelgängerischen Ermittler und einer faszinierenden Femme Fatale bis hin zur eindringlichen Filmmusik und einem komplexen Handlungsverlauf mit ausgiebigen Flashbacks ist Laura ein Paradebeispiel für die Motive und Strukturelemente des Film Noir.

Laura schaffte es gleichzeitig, mit innovativer Kamera-Arbeit aus der Menge herauszustechen. Die langen, schwebenden Kamerafahrten und weichen Konturen fangen das Geheimnisvolle, Traumähnliche der Geschichte visuell ein, während die Kamera gleichzeitig ungewöhnlich distanziert bleibt und den Zuschauer selbst über die eigentlichen Beweggründe der Figuren grübeln lässt. Für seine beeindruckende und ungewöhnliche Photographie wurde Kameramann Joseph LaShelle für Laura dann auch verdient mit einem Oscar ausgezeichnet.

So wird Laura auch dich in ihren Bann ziehen

Natürlich ist Lauras Bedeutung als Film Noir-Klassiker nicht zu unterschätzen, doch was den Krimi auch heute noch so faszinierend macht und von David Lynch zu einem tragenden Motiv seiner Serie gemacht wurde, ist das unheimliche Mysterium, das von der ersten Sekunde an um das Mordopfer aufgebaut wird. Wie in Twin Peaks, so umgibt auch Premingers Laura eine mysteriöse Aura, die mehr und mehr Einfluss auf den ermittelnden Polizisten nimmt und ihn eine beinah obsessive Faszination für die unnahbare Frau entwickeln lässt.

Von Anfang an wird der Zuschauer zusammen mit McPherson in den rätselhaften Bann der Titelfigur gezogen, sei es durch die schwärmerischen Erinnerungen ihres Verehrers Lydecker oder durch das betörende Porträt der glamourösen Schönen, von dessen Anblick sich der einsame Detective kaum losreißen kann. Je mehr McPherson in die Ermittlungen des Falles eintaucht, desto mehr verfällt er dem zeitlosen Magnetismus der Toten. Lauras Macht liegt in ihrer Undurchsichtigkeit. Sie selbst ist wie ein Gemälde, in das die zahlreichen Verehrer ihre Vorstellung einer perfekten Frau hineininterpretieren. Ob Freund, Verlobter oder Ermittler, sie alle sehen in Laura das, was sie sehen wollen. Ihre wahre Identität bleibt jedoch bis zum Schluss ein unergründliches Rätsel.

Darum wird Laura auch in den nächsten 40 Jahren noch faszinieren

Die zahlreichen überraschenden Wendungen und geschickt konzipierten falschen Fährten des Krimis sind für heutige Zuschauer noch genauso spannend wie vor 70 Jahren. Trotz des relativ langsamen Erzähltempos schafft es Premingers Laura, von Anfang an zu fesseln und die Spannung kontinuierlich zu steigern. Durch seinen komplexen Aufbau und eine interessanten Mischung aus psychologischer Detektivgeschichte und romantischem Melodrama spielt der Film regelrecht mit dem Zuschauer. Das Herzstück des Films sind jedoch die feinfühlig und abwechslungsreich gezeichneten Charaktere und die witzigen wie prägnanten Dialoge, die bis heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Insbesondere die Besetzung von Clifton Webb als arroganter und egozentrischer Intellektueller und Unterstützer Lauras stellte sich als Glücksgriff heraus. Nicht nur bringt er mit seiner Gestik und Mimik die moralische Scheinheiligkeit der porträtierten Oberschicht auf den Punkt. Seine perfekt vorgetragenen, sarkastischen Bemerkungen geben dem Film insgesamt eine interessante humoristische Note. Gene Tierney wiederum bringt eine unglaubliche Eleganz und unschuldige Erhabenheit zu ihrer Figur und schafft es, der speziellen Aura des Charakters gerecht zu werden und den Zuschauer keinen Moment an der Macht ihrer Gegenwart zweifeln zu lassen.

Wie zeitlos Lauras Geschichte und Stil tatsächlich sind, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass bereits seit längerem ein Remake des Filmklassikers geplant ist. Das Drehbuch zu der von Fans mit Skepsis verfolgten Neuverfilmung schreibt James Ellroy (L.A. Confidential, Black Dahlia), dessen eigene Geschichten oft die stilistischen Elemente des Film Noir aufgreifen. Ob es Ellroy gelingen wird, die Geschichte zu modernisieren und eine dem Original würdige Neuauflage zu schaffen, bleibt abzuwarten. Ob Laura eine solche Modernisierung überhaupt nötig hat, ist allerdings zu bezweifeln.

Konnte Laura euch um den Finger wickeln?

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