Der authentische Marsianer

Wie der Science-Fiction-Film eine neue Ära betritt

Der Marsianer - Rettet Mark Watney
© 20th Century Fox
Der Marsianer - Rettet Mark Watney
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Keine Killer-Aliens, keine Klone, keine übernatürlich unverständlichen Phänomene. Diese Woche startet Ridley Scotts von den Kritikern gelobter Der Marsianer - Rettet Mark Watney in unseren Kinos. Matt Damon bleibt darin als totgeglaubter NASA-Astronaut einsam auf dem Mars zurück und muss sich mithilfe seiner wissenschaftlichen Kenntnisse lange Zeit alleine am Leben erhalten, bis eventuelle Rettung eintrifft. Der deutsche Zusatztitel verrät schon einiges. #RettetMarkWatney prangt auf allen Plakaten, die zur Zeit an vielen Berliner Litfaßsäulen anzutreffen sind. Dazu bekommen wir eine Großaufnahme von Matt Damons Gesicht serviert - eine Aufmachung, deren starke Betonung des Namens und Aussehens und der Errungenschaft des Protagonisten an die Werbung für ein Biopic erinnert. Es ist also bei aller Fokussierung auf die Person und nicht auf das spektakuläre Abenteuer kaum verwunderlich, dass einige Leute wirklich glauben, der Film beruhe auf einer wahren Begebenheit.


Wie die Science-Fiction seriös wurde

Obwohl beinahe so lange Science-Fiction-Filme existieren, wie es überhaupt Filme gibt, dauerte es eine ganze Weile, bis das Genre als Kunstgattung halbwegs ernst genommen wurde. Einen wichtigen Schritt für die Etablierung des Science-Fiction-Films als seriöses wie kunstvolles und massentaugliches Genre war Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum von 1968 mit auch heute noch brandaktuellen Themen wie Künstliche Intelligenz und Raumfahrt. Kubricks Odyssee taucht heute noch in vielen Listen der realistischsten Science-Fiction-Filme aller Zeiten auf. Spielberg nannte 2001 den "Urknall der Science-Fiction" und Ridley Scott spricht von einem unschlagbaren Werk, auch wenn es zu seiner Zeit von vielen Kritikern verrissen wurde. 1977 läutete der Star Wars-Auftakt Krieg der Sterne die Blockbuster-Ära ein, brandmarkte jedoch auch die Science-Fiction als Genre spektakulärer neuer Technik und Effekte. Auch heute noch können Science-Fiction-Filme bei den Academy Awards beinahe ausschließlich in technischen Kategorien punkten, was auch Ridley Scotts Der Marsianer bei der kommenden Oscar-Verleihung gelingen könnte. Die NASA selbst hatte ein Auge auf das Projekt, es durften offizielle Logos verwendet werden und Raumfahrt-Wissenschaftler standen der Filmcrew zur Seite.

Physiker werden zu Kritikern

Bevor in den letzten beiden Jahren die Weltraum-Blockbuster Gravity und Interstellar auf den Plan traten, war die Weltraum-Sci-Fi in den 00er Jahren abgeebbt. Ohnehin hatte Matrix zur Jahrtausendwende die Herzen der Öffentlichkeit für terrestrische Science-Fiction und virtuelle Welten erwärmt. Mit Gravity, Interstellar und nun Der Marsianer ist jedoch wieder Aufbruchs- und Wissenschaftsstimmung im Mainstream-Kino angekommen. Sie sind die Speerspitze eines neuen Realismus-Booms im Science-Fiction-Genre. Niemals zuvor wurden so viele 'große' und breit rezipierte Hard Science-Fiction-Filme gedreht, die den realistischen Anspruch über das Verspielte stellen. Her, Ex Machina, Moon, Children of Men & Co. zeugen von einer Tendenz zur Authentifizierung des Genres, indem sie nicht das Unmögliche möglich machen oder sich der Prophezeiung verschreiben, sondern das Menschliche und seinen Umgang mit möglich wirkenden Szenarien in den Fokus rücken, als Drama oder Thriller. Es scheint gut beim Publikum anzukommen.

Mehr Realismus-Anspruch und (pseudo)wissenschaftliche Erklärungen rufen jedoch eine ganz neue Gattung an Kritikern auf den Plan. Zuletzt waren es Gravity und die ersten beiden Drittel von Interstellar, die sich aufgrund aufpolierter Optik und authentischer Thematik der aufkeimenden Kritik von Physikern stellen mussten, ob sie denn wirklich realistisch seien. Es gibt dutzende YouTube-Kanäle von (Hobby-)Physikern, die sich gerne das Maul über unrealistische Filmszenen zerreißen. Das Netz ist voll von Filmfreunden, die sich dem Suchen von Filmfehlern verschworen haben, seien diese dramaturgischer, inszenatorischer oder physikalischer Natur. Kommt ein neuer Science-Fiction-Film in die Kinos, der sich wissenschaftlicher Forschung bedient, wird er auf Herz und Nieren geprüft. Vor allem Gravity und Interstellar sowie nun auch Der Marsianer müssen sich dem stellen.

Die Sache mit dem Oscar

Während sich Der Marsianer im Netz noch dem Physik-Check unterziehen muss, laufen die Oscar-Vorbereitungen mit Sicherheit schon auf Hochtouren. Denn der erste Sci-Fi-Film zu sein, der den Oscar als Bester Film bekommt, klingt erstrebenswert. "Es ist kompliziert", lautet jedoch der Beziehungsstatus vom Oscar und der Science-Fiction. Seit Jahrzehnten Vorreiter in technischen Kategorien, wird vor allem beim Besten Film mit Nominierungen gespart, und erst recht an Auszeichnungen. Gewonnen hat ein Sci-Fi-Film die Königskategorie der Oscars noch nie. Auch der einzige Fantasy-Gewinn, von Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs, ist wohl großteils einer sündhaft teuren, bis ins kleinste Details durchkalkulierten Oscar-Kampagne zu verdanken. Uhrwerk Orange war 1971 der erste Science-Fiction-Film mit einer Nominierung als Bester Film. Ein paar sollten es bis heute noch werden, unter anderem Her und District 9. Für Gravity durfte Alfonso Cuarón vor zwei Jahren sogar den Oscar als Bester Regisseur mitnehmen. Für den Besten Film hat es nicht gereicht. Doch der wissenschaftliche Pragmatismus des Marsianers, der vor allem dem Autor der Vorlage, Andy Weir, geschuldet ist, gepaart mit der Biopic-gleichen Werbekampagne und dem USA-lobenden NASA-Logo, das an jedem Outfit prangt, könnten die Academy überzeugen. Gute Kritiken, faszinierende Optik und Matt Damons Marsianer-von-nebenan-Charme könnten dabei helfen.

Der Marsianer ist die Speerspitze einer Tendenz zu mehr Authentizität im Science-Fiction-Genre und lässt uns endgültig die neue Ära betreten, in der hochbudgetierte, gelobte Science-Fiction von der breiten Masse ernst genommen wird und sich die Vermarktung dahingehend auch lohnt. Das Verspielte weicht dem Präzisen. Aus dem Spiel mit den Möglichkeiten wurde ein Spiel mit den Tatsachen. #RettetMarkWatney

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