Ein Skandal in Belgravia

Wir schauen Sherlock - Staffel 2, Folge 1

18.05.2012 - 08:50 UhrVor 10 Jahren aktualisiert
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Was für ein Traumpaar: Sherlock Holmes und Irene Adler
© BBC
Was für ein Traumpaar: Sherlock Holmes und Irene Adler
Gestern Abend zeigte die ARD Ein Skandal in Belgravia, Folge 1 der zweiten Staffel von Sherlock. Nach Moriarty hat es der moderne Meisterdetektiv nun endlich auch mit der legendären Irene Adler zu tun.

Zur besten Sendezeit am Feiertag strahlte die ARD gestern Folge 1 von Staffel 2 der Serie Sherlock aus. Ein Skandal in Belgravia (A Scandal in Belgravia) lautet der Titel der Episode, in der Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. Watson (Martin Freeman) auf Irene Adler (Lara Pulver) treffen, die Arthur Conan Doyle-Jünger als The Woman verehren. An starken Frauenfiguren mangelt es der Serie und so war im Vorfeld die Erwartung groß, was Autor Steven Moffat aus der Frau macht, die Sherlock Holmes in der literarischen Vorlage in die Knie zwingt.

Der Fall: Eine Domina! Wie in der Vorlage auch besitzt Irene Adler kompromittierende Fotos einer hochrangigen Persönlichkeit, die ihr in ihrer Tätigkeit als Domina zugeflogen sind. Mycroft setzt seinen kleinen Bruder auf den Fall an. Es beginnt ein 90 Minuten andauerndes Hin und Her, in dessen Mittelpunkt ein Handy steht, dass dem Heiligen Gral der Informationsgesellschaft gleicht. Mycroft instrumentalisiert Sherlock, Sherlock instrumentalisiert Irene und Irene dreht den Spieß um, um für Jim Moriarty an den Plan britischer Geheimdienslter zu kommen, einen geplanten Terror-Anschlag zu manipulieren. Anstatt ein Flugzeug mit lebendigen Passagieren in die Luft zu sprengen, soll eines mit lauter Leichen den Terroristen zum Opfer fallen. Moriarty und Irene Adler machen den Strippen ziehenden Mycroft einen Strich durch die Rechnung, Sherlock steht kurz davor, in die Knie zu gehen. In letzter Sekunde knackt er allerdings den Zugangscode von Irene Adlers Handy. Er lautete: SHER, wie in I Am Sher-locked. Kein Kommentar. Die große Schwäche der Frau wurde entblößt, aber anstatt sie in Karachi köpfen zu lassen, rettet Sherlock die damsel in distress aus der misslichen Lage.

221b Baker Street: Im Idealfall bleibt Irene Adler in Sherlock Holmes-Adaptionen ein Mysterium. Warum auch nicht? Sie hat schließlich den Mann mit dem Dearstalker geschlagen, so dass die Frau ein lebendes Mahnmal seiner Fehlbarkeit bleibt, das ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgt. Sie verleiht Sherlock menschliche Züge. In Großbritannien regten sich einige Kritiker über die neue Irene Adler in der Serie auf. Die Freizügigkeit der Folge wurde kritisiert, immerhin zieht Irene in einem Versuch, Sherlock zu verunsichern, gleich bei der Begrüßung blank. Andere bemängelten, dass diese Frau letztlich nicht mit ihrer Intelligenz überzeuge, sondern mit ihrem Körper, weshalb Sherlock ein noch altmodischeres Frauenbild transportiere als Arthur Conan Doyle. Sexismus würde ich Steven Moffat allerdings nicht vorwerfen. Es ist eher ein Mangel, wenn es darum geht, gute Frauenfiguren zu schreiben.

Lara Pulvers Irene Adler ist eine verpasste Chance. Zunächst einmal brilliert die Folge mit einer lächerlichen Kindergarten-Symbolik, nach der eine (vorgeblich) starke Frau zwangläufig als Domina arbeiten muss. Anstatt Sherlock aktiv zu verunsichern, ihn mit Worten oder falschen Fährten hinters Licht zu führen, zieht sie sich aus, gibt die Kontrolle seiner investigativen Schaulust preis. Doch selbst wenn die lebhafte kleine, schlecht gelaunte Feministin in mir hier nicht aufmucken würde, so fiele es doch negativ auf, dass Sherlock letztlich die Oberhand behält. Er muss sich keine Niederlage eingestehen, denn die Folge ersetzt Moffat-typisch Fehlbarkeit durch Mitleid, weshalb Sherlock Irene Adler in Karachi gar das Leben rettet. Die Frau ist nicht viel mehr als eine Handlangerin Moriartys und der Detektiv bleibt das Exempel gottgleicher Genialität.

Elementary, my dear Watson: Steven Moffat, der Sherlock mit Mark ‘Mycroft’ Gatiss kreiert hat, schrieb das Drehbuch für Ein Skandal in Belgravia. Dass er Figuren in der Regel als vorwiegend statische Zahnräder im Getriebe des Plots betrachtet, ist eines seiner unausgesprochenen Markenzeichen. Daraus können erstklassig getimte Comedy-Momente (Coupling – Wer mit wem?) entstehen, aber leider auch sich überstürzende Stories, deren unzählige, im Verlauf der Spielzeit geschlagene Haken über eine innere Leere hinwegtäuschen (die letzten beiden Staffeln von Doctor Who).

Unter diesem Symptom Moffat’scher Cleverness leidet die ansonsten recht unterhaltsame Folge Ein Skandal in Belgravia. All die liebevollen Verweise auf Geschichten von Arthur Conan Doyle sowie das anfänglich spannende Schachspiel zwischen Sherlock und Irene Adler werden von dem ad absurdum geführten Ratespiel, dem Leben, Sterben und wieder Leben und wieder Sterben und nochmal Leben von Irene Adler verschluckt, bis der Grund, warum, wieso, weshalb die Hatz überhaupt begonnen wurde, in der heißen Luft des künstlich aufgeblasenen Pathos verpufft.

Sherlockgism der Folge: “Mrs. Hudson’s been attacked by an American. I’m restoring balance to the universe.” (“Mrs. Hudson wurde von einem Amerikaner überfallen. Ich bringe das Universum wieder ins Gleichgewicht.”

Zitat der Folge: “We are in Buckingham Palace, the very heart of the British nation. Sherlock Holmes, put your trousers on!” (“Wir sind im Buckingham Palace, im Herzen der britischen Nation. Sherlock Holmes, bitte zieh deine Hose an!”) (Mycroft Holmes)

Weitere Recaps zu Sherlock Staffel 1:
Sherlock Folge 1 – Ein Fall von Pink
Sherlock Folge 2 – Der blinde Banker
Sherlock Folge 3 – Das große Spiel

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