jp@movies - Kommentare

Alle Kommentare von jp@movies

  • Ganz fantastisches Interview über ihre Arbeit an "The Sisters Brothers", mit Jacques Audiard im besonderen und Schnitt allgemein: https://www.provideocoalition.com/aotc-welfling

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    • jp@movies: Film & TV Kamera 06.12.2018, 09:55 Geändert 06.12.2018, 10:50

      Ok, nach zwei Episoden habe ich entnervt aufgegeben, dabei waren die allerersten zwei Einstellungen so vielversprechend: Palme im Aquarium, Palmen vor dem Gebäude mit Pelikan ... doch danach wurde es redundant, und der Schnitt aber mal so richtig schlecht. Völlig planlos, wie hier mit Halbtotalen, Halbnahen und Großaufnahmen gearbeitet wird, leider wie schlecht ausgewürfelt statt überlegt. Schlecht ausgewürfelt übrigens deshalb, weil in beiden Folgen tatsächlich von einer Halbnahen auf einen Darsteller auf eine andere Halbnahe auf den gleichen Darsteller geschnitten wird. Gäbe es einen dramaturgischen Grund dafür, ok, aber da war keiner erkennbar, und dann ist es leider schlechtes Handwerk.

      Natürlich reden die Leute wie schon bei "Mr. Robot" in die Bildkanten, so dass man bei größeren Bildschirmdiagonalen als einem iPad nach dem Schnitt zunächst niemanden mehr sieht, und seiner Intuition widersprechend erst in der "falschen" Bildhälfte nach dem Gesprächspartner suchen muss. Wer kennt das nicht aus Bewerbungsgesprächen, und wundert sich hinterher darüber, dass er den Job nicht bekommen hat?

      Noch schlimmer steht es um den Gebrauch der (meist symetrischen) "two shots", wo man mal die Gesprächspartner zusammen im Bild sieht. Sowas hebt man sich eigentlich gerne für den Moment im Dialog auf, wo man sich näher kommt, einander versteht, also auf der gleichen Seite bzw. im gleichen Bild ist, gleich groß, tip top. Nichts dergleichen passiert hier. Da freut man sich über jede ausgetüftelte Kamerabewegung mit geplanten unsichtbaren Schnitten, weil die immerhin nicht ruiniert werden. Erzählen tun sie aber leider auch nichts, außer eine Art Bewerbungsschreiben zu sein, weil man sie in ein Showreel zu cooler Musik schneiden kann. Pastiche, keine dramaturgische Funktion, leider.

      Und was ist mit den Objektiven los? Immer mal wieder fabrizieren die unscharfen Matsch ober- und unterhalb der Gesichter - auch damit könnte man kreativ arbeiten, wenn ... ja wenn man darauf achten würde? Kann auch sein, dass es sich hierbei um zusätzliche Masken in der Postproduktion handelt, dem Cutter traue ich hier nicht im entferntesten über den Weg. Es sind zwar anamorphe Linsen im Einsatz, womöglich auch ein Zoom dabei, aber dass niemanden solchen Verzeichnungen am Set aufgefallen sein sollen, wage ich dann doch zu bezweifeln. In Folge 2 ist der Ermittler Thomas Carrasco zum Beispiel erst dann scharf, wenn sein Kopf in die Bildmitte wandert, obwohl der Fokus bereits auf ihm liegt. Übrigens ist es alles andere als ein gutes Zeichen, wenn ich Zeit habe auf solche Details zu achten, weil die Dramaturgie dermaßen im Schneckentempo dahinsiecht.

      So bleibt je eine tolle Szene pro Folge (Schuhladen bzw. Frühstück), sowie die beinahe brillante Idee des quadratischen Bildes für die flash-forwards (beinahe, weil auch die Szenen in Folge 2 mit Shea Whigham so gehalten sind). Ärgerlich, denn besonders von Alex Karpovsky hätte ich gerne mehr gesehen, der hat einfach eine tolle Präsenz vor der Kamera (wie auch wie immer Sissy Spacek). Das war mir leider zu wenig um weiter zu gucken (hab danach noch eine Zusammenfassung gelesen und weiß jetzt, dass ich nix verpasse, wenn ich es dabei belasse), dafür gibt es einfach viel zu gute Alternativen auf dem Serienmarkt, die ich gerade lieber weiter verfolge, und die mordsmäßig Spaß machen - "Killing Eve" zum Beispiel. Ich bin dann mal raus.

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      • Nicolas Roeg war ein kompletter Filmemacher, er beherrschte nicht nur die Regie, sondern hat vorher schon lange als Kameramann gearbeitet, unter anderem für Truffaut bei Fahrenheit 451 oder second unit bei Lawrence von Arabien. Aber der Mut, mit dem er geschnitten hat, ist unerreicht. Assoziativ, emotional, dabei immer zugänglich. Dabei sind Werke entstanden, die unmöglich in einem anderen Medium hätten funktionieren können, die als Filme erdacht, konzipiert und umgesetzt wurden. Die Filmkunst hat ihm viel zu verdanken, so furchtlos wie er waren wenige, und sind noch weniger. Mach's gut, richte Witold Sobociński Grüße aus, der eine Woche vor dir gegangen ist, und dreht gemeinsam ein Ding nach dem anderen.

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        • Uh, oh, liebe Ines, da sind einige Fehler drin - das (hoffentlich) letzte Buch hat seit Jahren den Titel "A Dream of Spring", das noch nach "Winds of Winter" erscheinen soll. "Fire and Blood" ist auch kein Prequel, sondern die ausführliche Schilderung eines Hauses, das man bereits kennt, das Ende, wie es die Serie erzählt stammt sehr wohl noch aus der Feder von GRRM, die Geschichte vieler Nebenfiguren hat es nie überhaupt in die Serie geschafft, und das Interesse daran ist nach wie vor enorm ... ehrlich gesagt freuen sich die Buchleser darauf, wenn die Seriengucker endlich mit dem Hype wieder verschwinden, und einen in Ruhe Details diskutieren lässt, von denen die Gucker noch nicht mal gehört haben :)

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          • Camerimage 2018 - #12

            So müde, unausgeschlafen und erledigt, wie die Kidman in dem Film aussieht, fühle ich mich jetzt auch - allerdings gänzlich ohne ihre Maske und schauspielerisches Talent. Das Festival fordert Tribut, Tickets, und Vitamintabletten, und so passt dieser Streifen ideal auf die Position des Rausschmeissers wie die Augenringe unter die Augen. Mit beiden Perücken der Kidman hadere ich noch immer ein bisschen, trotzdem erinnert ihr Spiel an eine schlecht aufgelegte Ellen Ripley, und das ist gar nicht mal so verkehrt. Was dieser Film schnörkellos macht ist, federleicht zwischen seinen Zeitebenen hin und her zu springen, ohne das man es merkt. Wäre es anders, würde er gar nicht funktionieren, oder wäre nur ein weiterer langweiliger Rachethriller. Die kann ich ja überhaupt nicht ausstehen, aber dieser hier interessiert sich kaum für die Rache selbst, sondern für die gebrochene Person, die ihre Vergangenheit weder abschütteln, noch die Gegenwart in den Griff bekommen kann. Es gibt eine atemberaubende Actionsequenz, die mich an "Heat" (ja, richtig gelesen) erinnert hat, und verdammt, der Film macht alles richtig und die Kamera von Julie Kirkwood ist richtig, richtig heißer Scheiß, die kann man gleich für den nächsten Oscar nominieren. Ziemlich viel Lob für einen Film, den ich überhaupt nicht sehen wollte, um mich dann positiv zu überraschen. Das perfekte Ende für ein Festival.

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            • Camerimage 2018 - #11

              Kameramann James Laxton stellte den "Moonlight"-Nachfolger vor, von dessen ästhetischen Vorlieben er sich nicht einmal freizuschwimmen versucht. Der Soundtrack ist instrumental und leitmotivisch sehr ähnlich aufgebaut (und ein Ohrenschmaus), es gibt wunderbar lange Szenen, viele Zeitlupen-Einstellungen und Großaufnahmen die einen förmlich ansehen. Die Farbpalette ist eine andere, aber sie wird einem manchmal aufdringlich auf die Retina gezeichnet, in gelb, blau und grün, der rote Regenschirm ... allein dass ich so sehr darauf achten konnte, ist kein gutes Zeichen, "Moonlight" hat mich mitgerissen. An den Darstellern und des Inszenierung liegt es auch nicht, und was habe ich mich über ein Wiedersehen mit "Leftovers" Regina King gefreut! Befremdlich waren die einen urplötzlich aus der Erzählung reißenden, distanzierenden Montagen mit Archivfotografien, Off-Text der Hauptdarstellerin und zeithistorischer Einordnung, die wie Fremdkörper im Film dessen Rhythmus empfindlich stören. So blieb ich etwas ratlos mit einem unzusammenhängend wirkenden Album überwiegend gelungener Szenen zurück, die sich in meinem Kopf einfach nicht zu einer befriedigenden Filmerfahrung zusammenfügen lassen wollten. Zu viel Druck? Sicheres Pferd? Ich weiß es nicht. Als nächstes kommt ja eine Serie, "The Underground Railroad", darauf kann man sich ja trotzdem freuen.

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              • Camerimage 2018 - #10

                Diese Bilder sind schon mal wunderschön, in Farbe getaucht, Gelb und Blau, viel Schatten und weiße Kreuze auf den Straßen. Ein Feuerwerk, was sich alles in den Augen von Peter Dinklage spiegelt, gerade wenn er sich auch noch ein Tuch vor den Mund hält, des Verwesungsgestanks ebenso wegen, wie aufgrund des praktischen Nebeneffekts nicht reden zu müssen. Es wäre schön, wenn mehr Menschen einfach mal zehn Sekunden die Luft anhalten würden. Der Film hatte mich gut im Griff, bis ... es nach dem einen Aufwachen anders weiter geht, als ich es mir gewünscht hätte. Noch weniger wäre an dieser Stelle noch mehr gewesen.

                Bis dahin ist es aber eine wunderschöne Studie der Einsamkeit, aus zwei Perspektiven, über innere und äußere Fluchten, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Wenn man sich welche macht, wird der Film für einen funktionieren, wer allerdings mehr Plot braucht, ist hier im falschen Film. Aber sind wir das oft nicht alle?

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                • Camerimage 2018 - #9

                  Was für ein königliches Vergnügen! Ihr fragt euch, wie wohl ein Game of Thrones Prequel aussehen könnte? Dann hat eure Suche ein Ende, denn hier kriegt man all das im Überfluss, was in den letzten Staffeln immer weniger vorkam: geschliffene Dialoge, die schärfer sind als alle Schwerter, Intrigen, Gegenintrigen und schon lange vorher eingefädelte Intrigen, und man wird das Gefühl nicht los, dass GRRM diesen Film schon lange vor uns gesehen hat. Das Lannister Wappen steckt ja quasi schon im Titel. Der Geoffrey hat hier halt eher Littlefinger-Qualitäten ( https://www.youtube.com/watch?v=lErlHLCNM_s ), und ... nein, ich werde nicht ins Detail gehen, aber in die Besetzung! Katharine Hepburn gibt Cersei's Mutter, der junge Peter O'Toole mit angeklebtem Bart war wohl die Schablone für den alten Sean Connery mit echtem Bart - kann man sich nicht besser ausdenken. Und man sieht klar die Züge eines Baratheon in ihm. Steht dann plötzlich noch ein weiterer verjüngter Bond in Gestalt von Timothy Dalton vor einem, hat man fast vergessen, dass Anthony Hopkins mit dem lustigsten Haarschnitt seiner Karriere auch noch mitspielt. Was sich dann in Licht und Schatten abspielt (der Film lief in der Douglas Slocombe - Retro) ist der perfekte Weihnachtsfilm für jede disfunktionale Familie (also jede), die Blu-ray wird sofort bestellt, und ich freue mich jetzt tatsächlich auf die Feiertage. Eine schrecklich nette Familie, Mittelalter Edition: https://www.youtube.com/watch?v=QbzcFbhPV-o

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                  • Camerimage 2018 - #8

                    Mit Einführung und unter Anwesenheit des Kameramanns gesehen, und beim Q&A über den Fragesteller gestaunt, der meinte, der Film habe ihn sprachlos zurück gelassen. Nach einem Panel, dass nur aus einer ausgewählten Q&A bestand, brachte mich diese Vorführung auf den banalen Boden der Realität zurück. Wie? Ich soll was über den Film schreiben? Hätte ich jetzt fast vergessen, wie ich den Film vergessen werde. Visuell inspiriert von - Achtung - "Drei Farben: Rot" und "Rosemary's Baby". Ersteres kann ich nicht entfernt nachempfinden, außer das, äh, Rot vorkommt? Letzterer ergibt schon eher Sinn, bleibt von dessen Klasse aber Lichtjahre entfernt. Ich meine da spielen auch Gabriel Byrne und Ann Dowd mit - angeblich. Deren Rollen geben halt nichts her. SPOILER-Warnung: Das wäre alles halb so wild, wenn wenigstens der Eindruck entstehen würde, es gäbe eine Chance, das man dem Zugriff satanischer Kräfte entkommen könnte. Da bleibt einzig die behauptete Verbrennung des Zeichnungsbüchleins. Warum dessen Verbrennung irgendeinen Effekt neben dem Heizeffekt hätte, erschließt sich mir nicht. Ideen, anyone? Das ist Einbildung, ja, schön und gut, ja und? Das Schlafwandelmotiv war nett, aber aus und mit all seinen Motiven macht der Film verdammt wenig. Was bleibt ist eine handvoll toller visueller Ideen, die tatsächlich alle ohne die üblichen Jump-Scares auskommen, aber sonst? Meh. "The Haunting of Hill House" hat hier viel mehr zu bieten, vor allem Figuren, die man ernst nehmen kann. Bleibt das aus, haben die Geister keinen Halt im Diesseits, treiben ab, kleben unter der Decke, und sind aus dem Haus, wenn man das Fenster kurz zum Stoßlüften aufmacht. Genau so gruselig ist Hereditary.

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                    • Handgemenge, Krankenhaus, Polizeigewahrsam ... alter Schwede. Den polnischen Wodka bitte zukünftig genießen, nicht umfüllen. Wenige Stunden vorher war er jedenfalls noch charmant und nüchtern: https://vimeo.com/300399482

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                      • Ein kurzer Einblick auf den Mann hinter der Kamera: https://vimeo.com/300396523

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                          Camerimage 2018 - #7

                          Eigentlich dann doch ein typischer Spike Lee, pendelnd zwischen leichtfüßig fantastischen Einsichten ohne zu belehren und Holzhammer, zu langen Passagen und perfekten Tempo. Ihn als Komödie zu bewerben tut dem Film unrecht, ein Feelgood-Movie sollte man nicht erwarten, so gut man auch unterhalten werden wird. Das Gesamtpaket ist unbequem und verweigert sich jedem Stempel, jeder Einordnung und das ist gut so. Was manchen zu plakativ sein wird, ist vielleicht einfach nicht an diejenigen adressiert, sondern an jene, die bereits so abgestumpft sind, das man sie mit einer anderen Stimme gar nicht mehr erreicht. Insofern passt der den Film einrahmende Brückenschlag in die Gegenwart wie die Faust auf's Auge.

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                          • Camerimage 2018 - #6

                            Das behutsame Portrait eines Mannes, dessen Leben mit jedem Mosaiksteinchen, das einem gezeigt wird, mehr wie ein Mockumentary wirkt, und viel über die Wirren des 20. Jahrhunderts erzählt. Mit Archivmaterial, Filmausschnitten, Fernsehbeiträgen, Wochenschauen, privatem Schmalfilm, Interviews und Tagebucheinträgen wird meisterhaft Schicht um Schicht, Flucht, Verstecken und Neuerfindung zu einer Bewegung, die so selbstbestimmt wirkt, wie die einer Flipperkugel. Dabei verknüpfen sich verblüffend logisch erscheinende Elemente wieder und wieder in der Montage, ohne einem erklärt zu werden, man kann sie versäumen, weil uns keine Off-Stimme die Eigenleistung abnimmt. Da hab ich wirklich eine Perle erwischt, kann ich wärmstens empfehlen. Und falls ihr zweifelt: nichts davon ist erfunden. Das ist Recherche, die ein komplexes Bild zeichnet, dem man mühelos folgen kann, und die Verblüffung als Perlenkette aneinanderreiht.

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                            • Camerimage 2018 - #5

                              Der Trailer verspricht (fast) zu viel, vor allem ein anderes Tempo, das sollte man sich klar machen. Mir war er zu zäh, allem Herumeilen, Gänge entlanglaufen und der Kamera hinterher reiten zum Trotz. Es gibt viele rechtwinklige Schwenks, extreme Weitwinkel, Fischaugen-Objektive, Flüche, Geschubse und dergleichen mehr von einem Regisseur, der anscheinend einem Ohrfeigen-Fetisch frönt. Ein komischer Film, nicht unbedingt im Sinne von witzig, dazu gefallen ihm seine aus der Zeit fallenden Pointen einfach selbst zu gut. Erwartbare Lacher, und das ist dann eben nicht dasFeuerwerk, das ich erwartet habe. Mein Fehler. Rachel Weisz ist fantastisch in dem Film, sie strahlt eine Gefährlichkeit aus, ohne viel dafür machen zu müssen, die beiden anderen Damen gehen mehr aus sich heraus. Die Musik ist stellenweise leider ziemlich nervig, und so bin ich nie wirklich in dem Film angekommen. Ob ich mit Lanthimos noch warm werde, beginne ich langsam aber sicher zu bezweifeln.

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                              • Nicht mal ein Foto???
                                Dann eben ein Video :)
                                https://vimeo.com/300228616

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                                • über Burning

                                  Camerimage 2018 - #4

                                  Habe ich die zugrundeliegende Murakami-Geschichte gelesen? Möglich wär's, aber ich könnte ohne nachzuschauen nicht sagen welche. Da sowohl Katze wie Brunnen und mysteriöse junge Frau drin auftaucht, ist ohnehin der Großteil seines Schaffens umrissen, aber bislang noch nie so magisch und traumwandlerisch perfekt auf die Leinwand gebracht worden. Ich bin in dem Film ertrunken, der an seinem Protagonisten klebt, ihm restlos verfallen als irgendwo in der gefühlten Mitte ein Oner kommt, der mehr erzählt, als eine Plansequenz über fünfhundert Stockwerke. Einfach ein Wechselbad der Gefühle in Bildern. Dann die Blicke, das Gähnen, die geteilten Körperflüssigkeiten (in einem Becher, nicht was ihr wieder denkt! Na gut, ok, das auch), das Glück reflektierten Lichts, das Nicht-Erklären von Metaphern, und Propagandalautsprecher leise im Hintergrund. Ein Meisterwerk, ein Film, den man wieder und wieder sehen möchte, vielleicht auch nur um sich an den Türcode zu erinnern, den zum Stein im eigenen Herzen, oder zur Hoteltür, die sich bei mir auch am zweiten Abend wieder geöffnet hat. Trotzdem werde ich dort jetzt jede Nacht ein Schälchen Milch aufstellen, bis ich eines Tages die dazugehörige Katze dort habe. Oder so ähnlich. Zauberhaft. Oh, und ich glaub, ich brauch eine Brille, oder in dem Film hat ein koreanischer Doppelgänger des älteren Kurt Weinzierl einen Anwalt gespielt. Dafür gäbe es Bonuspunkte.

                                  PS: Verdammte Kacke, warum war der nicht im Hauptwettbewerb? Special Screening, aber so was von.

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                                  • Camerimage 2018 - #3

                                    Jean-Jacques Annaud hatte den als Spielfilmdrehbuch auf dem Tisch, und hat die Produzenten überredet einen Mehrteiler draus zu machen, dessen 9 Stunden Laufzeit er in in 80 Drehtagen in den Kasten gekriegt hat. Gedreht wurde dabei höchstens mit einer Wiederholung, dafür mit bis zu sieben Kameras gleichzeitig (eine davon grundsätzlich an einer Drohne, glaube ich).

                                    So weit so gut, inhaltlich ist vor bla bla Jahren eine 15-Jährige verschwunden, deren Leiche jetzt auftaucht und zwei unsympathische Bestsellerautoren ... nein, Moment, nur einer ist unsympathisch, der andere ist ein angeberischer Mistkerl, den man nicht ausstehen kann, und nun ja, das macht es schwer sich mit ihnen zu identifizieren, und noch schwerer ihnen beim Verschweigen bzw. Nachforschen zusehen zu wollen? Dann gibt es noch eine Zeitebene dazwischen, in der sie sich kennengelernt haben, und auf die ihre höchst befremdliche Männerfreundschaft zurückgehen soll? Professor und Schüler wohlgemerkt, und dann gibt es eine Fight-Club-Gedächtnis-Szene. Doch, doch. Ich wünschte, ich hätte die halluziniert, weil früh am morgen, oder es wäre so ironisch mit Augenzwinkern gewesen, aber, äh, nein. Zack, Drohnenaufnahme und dann eine weitere verunglückte Cop-Buddy-Storyline, die nicht zünden will. Vielleicht wegen dem anfänglichen Regen? Dann gibt es entsetzlich viel unsägliche Voiceover-Passagen, die bestimmt alle aus dem Spielfilmdrehbuch rausgeschmissen worden waren, bzw. nie drin standen. Jetzt aber doch. Und noch eins, und eins, und alles vom Erklärbär, ha! Annaud kommt halt nicht aus seinem Fell, hö hö. Ok, ja, das war jetzt gemein, ich finde es ja toll, dass er mal was anderes macht, mal nicht mit dem Teleobjektiv hinter einer Ländergrenze liegt um authentisch Tier und Natur einzufangen, dass er endlich mal länger Zeit unter Menschen verbringen wollte. Ich glaub das tut ihm gut, ästhetisch sieht das Ergebnis aber aus wie in den 80er Jahren gedreht, die aber für die 2000er herhalten sollen, und ach ich weiß es doch auch nicht. Zwei Folgen wurden gezeigt, und bei denen möchte ich es auch belassen.

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                                      • Camerimage 2018 - #2

                                        Als ob Baby Driver einen Opa hätte. Selbstredend ist Redford charmant. Spacek auch. Und David Lowery weiß, was er an Casey Affleck hat. Die erste gemeinsame Szene von ihm und Redford ist wunderschön. Vermutlich weil da weder der eine noch der andere vom jeweils anderen weiß. Es bleibt nicht die einzige gemeinsame Szene, und es hätten gerne noch mehr sein können. Doch so charmant wie viele Szenen für sich betrachtet sind, Spannung kommt keine auf, und Kameramann Joe Anderson bezeichnete ihn als Gute-Nacht-Geschichte, was es ziemlich gut trifft. Er steuert noch ein paar wunderbar altmodische Zoomfahrten ein, der Cool-Jazz-Soundtrack kommt zu oft zum Einsatz, und noch die eine oder andere Tom Waits Impro-Weihnachtsgeschichte mehr hätte dem Film sicher gut getan, so falle ich jetzt nur ins Bett. Mit einem Lächeln im Gesicht.

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                                        • Camerimage 2018 - #1

                                          Über weite Strecken fühlte sich der Film an, als würde man Rohmaterial sichten. Hier will kein Rhythmus entstehen, alles klebt aneinander, oder wird zu allem übel auch noch überblendet. Es gibt mindestens drei lange Dialogszenen, die viel zu lang sind und sich allein auf - nun ja - den Dialog stützen, aber meistens läuft van Gogh halt über die Felder, liegt in der untergehenden Sonne, malt, der kunstbeflissene Zuschauer erkennt reihenweise Motive wieder, ohne etwas neues darüber zu erfahren. Toll sind die Bilder, wo man seine Füße durch Wiesen und Felder stapfen sieht, und der Höhepunkt ist die Szene (Spoooooooiler), in der er und Gauguin in die Landschaft pullern. Genau diese Respektlosigkeit und Mut geht dem Film über weeeeeeite Strecken ab, so schafft er es nicht sich selbst frei zu schwimmen, egal wie sehr die Kamera herumfuchtelt und mit dem kaputten(?) Split-Diopter den "Künstler-Blick" auf die Leinwand bringt. Viel besser war da der Moment Infrarotbild (vielleicht war es auch nur normales s/w), in dem der Blick für die Kontraste im Bild sichtbar wurde, und die Farbschichten nur noch Schatten werfen. Der Rest erstarrt leider in Ehrfurcht.

                                          Fun Fact, wenn man den Film auf einem polnischen Festival sieht: Als Vincent seinen Bruder anspricht, "Theo ..." und man in die Pause "wir fahren nach Lodz!" rufen möchte, aber einem am ersten Festivaltag noch der Schneid dazu fehlt.

                                          Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=NVHvUT9lMjs

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                                          • Kommen ein Deutscher, ein Pole und ein Jude um die Jahrhundertwende bei Łódź in einen Wald, und was nach dem Anfang von einem schlechten Witz klingt, ist eine rabenschwarze Abrechnung mit dem Kapitalismus, in der es unter, auf und überm Strich nur Arschlöcher gibt. Das einzig sympathische an diesem Film ist wohl, dass diese drei miteinander befreundet sind, denn lieb gewinnt man keinen von ihnen. So wie die Maschinen in den Fabriken hier Menschen in Stücke und blutige Stofffetzen reißen, so wird man als Zuschauer gnadenlos von Plot und Kamera mitgerissen. Wer den Reigen aus Schulden, Wechseln und Krediten nicht aushält, gibt sich die Kugel und weiter geht's.

                                            Nach "Wesele" war das gleich die nächste Literaturverfilmung von Wajda, von der es mehrere Fassungen gibt, Kino, Fernsehen, und sowas wie die Mischung aus beidem. Ich kenne glaube ich nur letztere, und bin einmal mehr von den Bildern betört worden, obwohl ich weder Freund von extremen Weit- noch Zoomobjektiven bin, aber Witold Sobocinski zaubert damit, dass man nur den Hut vor ihm ziehen kann. Dazu die Musik von Wojciech Kilar ( https://www.youtube.com/watch?v=Ckqk_tiRY-g ) und fertig ist das nächste zeitlose Stück Film, das westlich der Oder kaum einer kennt. Ein nicht nur in der Ausstattung bis ins Detail präziser Historienfilm, der niemanden verschont und bei dem alle ihr Fett wegkriegen. Bis auf jene, die schon vorher jämmerlich auf der Straße verhungert sind, versteht sich.

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                                            • jp@movies: Film & TV Kamera 06.11.2018, 14:22 Geändert 06.11.2018, 14:36

                                              Es heißt, wer noch nie auf einer polnischen Hochzeit war, der hat nichts erlebt. Das habe ich jetzt zwar erfunden, aber wenn man diesen Film angesehen hat, fühlt man sich so, als sei man auf einer gewesen. Das kann ich jetzt dann doch verbürgen, ich war auf mehreren (einschließlich meiner eigenen), und in der Erinnerungen blenden alle ineinander über und verschwimmen miteinander - ein Effekt, den dieser Film allein mit harten Schnitten hinbekommt. Auch sonst ist dieser Wajda ein Meisterwerk, wohl mein Lieblingsfilm von ihm, obwohl ich mich nicht annähernd genug in der polnischen Geschichte auskenne, um alle Referenzen einordnen, oder dechiffrieren zu können. Auch mit den sich reimenden, aus dem Theaterstück übernommenen Dialogen tue ich mich schwer, aber wenn man sich daran nicht stört, dann wird man mit einem losgelösten Bilderrausch belohnt, der seinesgleichen sucht, in Farbe, Bewegung und Montage. Stellt euch das wie ein vergessenes Meisterwerk von Nicolas Roeg im Fieberwahn vor, und ihr werdet nicht enttäuscht sein. Auf engstem Raum wird mit Kamera, Licht und Nebel gezaubert, erst versucht man dem Tanz aus dem Weg zu gehen, dann sucht man einen Tanzpartner, und am Ende suchen einen die eigenen Dämonen heim. Dann erfindet sich der Film im letzten Akt noch einmal neu. Ein überbordender Quell an Inspirationen für Filmemacher, gegen den noch heute vieles altbacken aussieht. Ganz klar kein Film für jeden, aber Liebhaber von feinen Filmperlen werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Kostprobe: https://www.youtube.com/watch?v=t1nwQTDd2bk

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                                              • John Logan? Ok, I'm listening ^^
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                                                Sounds a bit like a mashup of TREME and solid WWII foreshadowing ... and immigrants for the rescue. Bring it on.

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                                                • Halt! Einen Riesenunterschied gibt es doch: das Remake wurde mit anamorphotischen Objektiven gedreht :)

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                                                  • Hm. Also so lange John Logan nicht als Autor/Showrunner mit an Bord ist, bleibe ich da mal sehr skeptisch. Der Reiz von "Penny Dreadful" lag zu großen Teilen am Setting im London der Jahrhundertwende und den poetischen Dialogen. LA klingt dagegen ... nun ja, wie im Stau stehen, Smog und Abgasen statt Nebel und Pferdekot.

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