jp@movies - Kommentare

Alle Kommentare von jp@movies

  • Geht mir weg mit Serienkillern. Ich kann es nicht mehr hören, will es nicht mehr sehen. Seit dem SCHWEIGEN DER LÄMMER und SE7EN dreht sich gefühlt jeder fünfte Plot um einen. ZODIAC war dann eine interessante Ausnahme von der Regel, und mit MINDHUNTER ist es zum dritten(!) Mal wieder Fincher, der der Thematik neue Facetten hinzufügt, denn die "Sequenzmörder" stehen viel weniger im Mittelpunkt, als es den Anschein hat.

    Viel mehr fühlt sich MINDHUNTER ein bisschen an wie eine FBI Version von THE WIRE - hier finden sich zwei Ausbilder von zukünftigen Agenten, die beide wie Fremdkörper wahrgenommen werden, der eine jung, ambitioniert und hoch motiviert, aber ohne das rechte pädagogische Fingerspitzengefühl im Umgang mit einfacher gestrickten Gemütern - wenn es um die Wissensvermittlung geht, und nicht die Verhandlung mit Geiselnehmern, seinem Spezialgebiet. Denen scheint er von Beginn an näher zu stehen, als seinen unmittelbaren Kollegen. Jonathan Groff spielt diesen Holden fantastisch, seine Verunsicherung, seine Leidenschaft, seine mangelnde Distanz. Verloren und einsam wirkt er in seinem Job, bis er von einem älteren, abgeklärten FBI Mann (ebenfalls ganz großartig: Holt McCallany) unter seine Fittiche genommen wird, und mit ihm das Land bereist, mit Flugzeug und Leihwagen zu den bildfüllend eingeblendeten Ortsnamen kreuz und quer in Amerika, wo sie Polizisten psychologische Grundsätze vermitteln. Dort kommen sie auch mit aktuellen Fällen in Kontakt, die sich in den Köpfen der damit überforderten Ermittler festgesetzt haben. Holden kommt dabei die Idee und wenig später Gelegenheit einen dieser Mörder zu befragen, und wer jetzt einen Hannibal Lecter artigen Plot erwartet, liegt nicht gänzlich falsch, aber doch meilenweit daneben.

    Viel mehr interessiert sich die Serie für die Dynamik der beiden Ermittler, was für sich betrachtet auch nicht neu ist, genauso wenig wie deren Kampf gegen innere wie äußere Widerstände, sondern um das Beschreiten neuer Wege. Die beiden leisten Pionierarbeit, was ihnen erst gelingt, wenn Frauen in ihr Leben treten, und hier wird die Serie so richtig großartig.

    Einmal ist da Debbie, die Holden kennenlernt, die ihm intellektuell und emotional haushoch überlegen ist, ohne dass er davon so sehr eingeschüchtert wird, dass er sie nicht mehr attraktiv fände. Von ihr kommen Impulse und Gedanken, die ihn menschlich wie beruflich zu einem runderen Menschen machen. Noch akademischer ist dann Professorin Wendy, die unseren Ermittlern die fehlende wissenschaftliche Methodik an die Hand gibt und ihnen überhaupt erstmalig Feedback gibt. Es ist ein Genuss mit anzusehen, wie diese harten Männerwelten aufgebrochen werden, und starke Frauen sich darin bzw. daneben behaupten können. Zwar sind bislang (habe erst vier Folgen gesehen) einmal mehr nur Frauen (und Hunde) Opfer geworden bzw. Mütter beschuldigt worden, doch wird das hier selber geschickt zum Thema.

    Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich schleichend auch kleine Traumata und obsessive Züge bei den Ermittlern zeigen, die bei den Inhaftierten ins pathologische umgeschlagen haben - dabei haben wir von Wendy bereits gehört, dass Konzernchefs oder auch Präsidenten die gleichen psychopathischen Muster zeigen. Die Frage ist viel mehr, was unsere Gesellschaft zusammenhält oder kollektiv krank macht. Der Schlüssel dazu sind einmal mehr die Frauen, die hier (noch?) eine gesunde Distanz wahren, und das Ermittlerduo auf dem Teppich halten, statt Dinge darunter zu kehren.

    Die Serie ist wunderbar langsam erzählt, großartig gefilmt, geschnitten, geschrieben, besetzt, ausgestattet und inszeniert, eine absolute Wucht und ein süchtig machender Hochgenuss, mit einer famosen Titelsequenz und ebensolchen Musikthema. Lange habe ich keins gesehen, dass die Essenz der Serie so präzise einfängt: Die Musik gibt ein Thema mit sich wiederholenden Muster wieder, dass dann leicht verfremdet wiederholt, ja nachgespielt wird - wie die Psychologen, die in die Köpfe der Mörder sehen wollen. Ihr Werkzeug wird der Bandrekorder, dessen Technik eine Distanz vortäuscht, die sich nicht einhalten lässt, wenn man ein empathischer Mensch ist, was sich in den in blitzartig einmontierten Tatortfotografien ausdrückt. Wäre HANNIBAL so erzählt worden, hätte ich es geguckt. Aber hier werden nicht die Taten ästhetisiert, stilisiert und überhöht, es gibt keine Zeitlupen, keine Klassik, kein tropfendes Blut, sondern mit dem Job, dem Privatleben und den inneren Dämonen ringende Menschen, denen man gerne beim Leben zusieht.

    Das nächste Serienhighlight, das es ansatzlos in meine Top 5 des Jahres 2017 schaffen dürfte (neben bislang THE LEFTOVERS, HANDMAID'S TALE und HALT AND CATCH FIRE - ja, ich weiß dass das erst vier sind, um den fünften Platz prügeln sich mindestens ebenso viele Serien bis mindestens zum Jahresende).

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    • Wenn das nicht direkt aus der Trance-Phase eines Festivals gestreamt kommt, dann weiß ich auch nicht - halt duch Jenny, du hast es fast geschafft und darfst endlich auuusssschlaaaaafen*!

      * voller beknackter Träume, in denen sich alle Motive der gesehenen Filme noch einmal gekonnt vermischen. Lass ne Kamera mitlaufen, ja?

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      • Heartbroken :( Das Lowery nach seinem großartigen AIN'T THEM BODIES SAINTS erneut Casey/Rooney vor die Kamera holte - wenn auch nur betucht bzw. bekucht - hat mir mächtig Vorfreude auf diesen Film bereitet; wenn die Einstellungen dort aber ähnlich "zu lang" stehen gelassen werden, wie in der dritten Staffel TWIN PEAKS, dann ahne auch ich zwar nichts böses, aber langweiliges. *seufz*

        Als Trost dient dann die aktuell laufende letzte Staffel von HALT AND CATCH FIRE, die Trauerarbeit so elegant und zutiefst menschlich erzählt, wie es mindestens seit SIX FEET UNDER nicht mehr der Fall war. Ganz großes Kino und derzeit die größte Freude, die es Woche für Woche auf dem Bildschirm zu bestaunen gibt.

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        • Äh ... nope. Pass.
          Danke für die Warnung.
          Keine weiteren Fragen.

          *großen Bogen mach*

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          • Ok, jetzt muss ich doch noch was los werden, wo hier so ausgiebig Fallbeispiele ausgerollt werden: Als ich mir TSCHICK in Berlin in einer Vormittagsvorstellung angesehen habe, wurde ich bereits an der Kasse vom Kinobetreiber gewarnt, dass noch eine Schulklasse käme. Trotzdem wollte ich den Film gerne im Kino sehen und nicht auf den Heimkinostart warten, also ließ ich mich darauf ein. Ich war der erste im Saal und setzte mich in die Mitte. Wenig später lärmte besagte Schulklasse in die vorderen Sitzreihen, ansonsten blieb der Saal leer. Die Trailer hindurch wurde gequatscht, geschmatzt und gerülpst, im Film selbst hörte man jedoch außer dem Stereoton von der Leinwand her kein Geräusch mehr - abgesehen von ein paar Lachern an den richtigen Stellen. Auch das gibt's. Liebe Eltern und Lehrer, alles richtig gemacht.

            Jedem Kinobesuch wohnt ja ein Lottospiel inne, das auch zu seinem Reiz beiträgt. Es geht ja nicht nur um den Film auf großer Leinwand, unter möglichst optimalen technischen Bedingungen, sondern eben auch um das gemeinsame, anonyme Gucken mit Fremden - nicht um das einem fremde, gemeine Glucksen von Anonymen. Nichts ist schöner, als in einem Kinosaal von einem Film auf die gleiche Wellenlänge gebracht zu werden. Wenn alles gut läuft, dann macht das die Hälfte einer gelungenen Kinoerfahrung aus. Auf Festivals erlebt man es meistens noch, vorausgesetzt man verlässt den Saal vor dem Q&A mit den Filmemachern.

            Bonuskinobeobachtung: Wolfgang M. Schmitt jun. dabei zu beobachten, wie er im Frankfurter "Mal seh'n" Kino gleich zu Beginn des Abspanns von I AM NOT YOUR NEGRO aus dem Saal sprintet - unbezahlbar. #TeamAbspannsitzenbleiber

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            • "Brauchst du Medikamente für deine Beine?" wäre mir auch eingefallen!

              Allerdings erst drei Tage zu spät.

              PS: Bin schon sooooo lange auf MP, dass ich den Originalkommi schon gelesen hab, als man ihn noch gar nicht liken konnte. Habe ich jetzt direkt mal nachgeholt. Das fühlt sich direkt ein bisschen so an wie in ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT 2 (und als ich den im Kino gesehen hab (jaaaaha, so alt bin ich tatsächlich, *hust*) als es solche Sp... äh, Macken im Kino noch gar nicht gab. In echt jetzt.)

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              • Noch kein Kommentar oder Like von Tautou?
                Dann ist wohl das Internet kaputt :(

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                • Viel Spaß*, Jenny!

                  * Knoblauch, Holzpflöckchen, Kreuzschlitzschraubenzieher, ein Fläschen Weihwasser und eine Packung Kekse im Rucksack können (dir) nicht schaden :)

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                  • In der "Rotten Tomatoes Show", die es leider schon laaaange nicht mehr gibt, gab es ein Segment "Screenplay Cliché", das sie dann in einem Mini-Supercut belegt haben. Hab nur noch ein Beispiel online gefunden: https://youtu.be/m3cSgJp2fSE?t=16s (und "This is not what it looks like!" bei https://youtu.be/m3cSgJp2fSE?t=4m10s )

                    Gab aber auch welche zu den Klassikern "I Was Born Ready", "Don't Look Down", etc.

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                    • Max Rebo Spin-off? Da bin ich sooowas von dabei :)

                      "Max Rebo dreams of opening his own Jazz-Club on Coruscant, when the Cantina-Band from Tatooine offers him to go on an interplanetary tour, while his ex-girlfriend - Oola's identical, but traumatized twin sister - is awaiting his baby, that is destined to bring balance to the force ... of music!"

                      Besetzungsvorschläge und -wünsche vor und hinter der Kamera bitte in die Kommentare, alternative Plots ebenso:

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                      • Aronofsky mag ja bibelfest sein, aber ob er Mutter Natur verstanden hat, wenn er sich das Paradies als gepflegt eingerichtetes, wesensleeres, unveränderliches Haus vorstellt, mag ich dann doch sehr bezweifeln.

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                        • Wie wär's mit einer filmübergreifenden Obsession von ein und demselben Stück beim gleichen Regisseur? Ich denke an Peter Weir und Beethoven's 5. Klavierkonzert, Op. 73: https://youtu.be/7EcERd6E0ws?t=21m55s

                          Zu hören in "Picknick am Valentinstag", "Club der toten Dichter", "Fearless" usw.

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                                Yedlin (Episode 8, Septemberausgabe 2017) und Young (Solo-Solofilm, Märzausgabe 2017) schlugen unabhängig voneinander in die gleiche Kerbe. Anders formuliert: jene Handwerker, die damit umgehen können sich innerhalb eines gesetzten Rahmens kreativ zu entfalten, die schaffen das auch. Das nennt man auch Zusammenarbeit. Regie-Diktatoren haben da eher schlechte Karten - und will wirklich jemand einen Lego Star Wars Streifen als Realfilm sehen?

                                Ja, Frau Kennedy mag sich vergriffen haben, und wenn sie sich nicht näher dazu äußert, dann schützt sie damit sogar noch diese Regieanfänger, deren Karriere die sich nun entspinnenden Verschwörungstheorien auch noch in die (unerfahrenen) Hände spielen. Das kann die ab, und ich wünschte manche ihrer männlichen Kollegen wären so konsequent. Sie greift jetzt auch bestimmt nicht zum Telefon und versucht Ridley Scott für Teil 9 zu bekommen. Aber vielleicht könnte sie mal bei Reed Morano anrufen :)

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                                • Mein erster Östlund, und ich hatte mich so darauf gefreut, mir so viel davon versprochen, und war lange nicht so enttäuscht vor einem Abspann gesessen. Wobei enttäuscht war ich schon viel früher von dem Film, über dessen Weigerung auszusprechen, was offensichtlich wäre, die zur Kommunikation gänzlich unfähigen Männer und Frauen dieses Films. Eine Horrorvorstellung, dass die Kinder haben. Die Kinder sind es auch, die noch am vernünftigsten reagieren, wenn sie ihren Papa trösten wollen, weil er traurig ist.

                                  Was will mir dieser Film eigentlich erzählen? Das Männer feige sein können? Weich? Ängstlich? Dass sie sich nur gegenseitig bestätigen können "echte" Männer zu sein, die sich in wenig unterschwelligen "schwulen Partymomenten" ihrer animalischen Urinstinkte versichern? Gähn. Das ist genauso bescheuert und plump wie eine von Mel Gibson inszenierte Schützengrabenszene. Über die Geschlechter lernen wir nämlich nichts, sondern ehe man sich dem möglichen Konflikt überhaupt nähert, wird relativiert: der Vater kriegt die Chance auf Rehabilitation, die er natürlich meistert, dann rettet die Intuition der Frau womöglich eine Buslandung voller Menschen. Und die Moral von der Geschicht? Sprecht über offensichtliches niemals nicht. Stattdessen gibt es eine erbärmliche Heulszene. Kann mir bitte ein Regisseur oder eine Regisseurin Männer beim Heulen zeigen, und es ist normal? Auf Augenhöhe? Nicht im Krieg oder in Extremsituationen, sondern einfach weil sie etwas berührt, ohne dass deswegen gleich ihre Männlichkeit in Frage gestellt oder ihnen gleich ganz abgesprochen wird? Eine Szene, in der dieser Tomas mit seinen Kindern bei einem Disney Film Rotz und Wasser heult hätte ich berührender gefunden, als diese zwei unerträglich zähen Stunden.

                                  Aber ist dieser Tomas ein anderer Mann, wie ihn das Land braucht? Nein, ganz bestimmt nicht. Nur wenn er zu seinem Fehlverhalten stehen würde, dann wär der Hase aber gegessen und der Film schon nach zehn Minuten aus. Stattdessen wird erbärmlich rumgedruckst. Ein Woody Allen hätte höchstens einen Oneliner gebraucht, und die Situation hätte sich in Wohlgefallen und Gelächter aufgelöst. So ein komisch weicher Mann hätte dem Film gut getan. Dafür bekommen wir aber einen schweigend rauchenden Hotelangestellten sowie Mats Giantsbane. Tormund will ich nie wieder so nach Worten ringend sehen, das war leider nicht witzig, sondern einfach nur peinlich. Seinen besten Moment hatte er dann auch auf dem Berg, wenn er zur Schreitherapie rät, da war er wieder "in character" jenseits der Mauer. Da hielten die Figuren endlich mal die Klappe, denn in ihren Dialogen drehten sie sich ohnehin nur im Kreis und erzählten uns permanent wieder von etwas, das wir bereits gesehen hatten. Das natürlich in ewig wiederkehrenden Einstellungen vor wenn, dann überhaupt ebenso leerer Landschaft, Seilbahnkabine oder Skilift, I get it. Das meine ich ja mit plump. Arthouse plump, aber eben doch plump. Plump, plump, plump, und Hauptsache lang und vom Stativ. Gäääähn. Am besten wurde es noch, wenn die Familie im Weiß verschwindet und daraus hervor tritt, und einige der Landschaftsaufnahmen waren wunderschön, ebenso die grandiose Schlußeinstellung, weil da die Kamera endlich mal in Bewegung sein darf - ja, I totally get it! Genial! Trotzdem gähn. Reißbrett-Arthouse zum Fremdschämen.

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                                  • Vorsicht, kann Spuren von Spoilern enthalten! Na ja, jedenfalls nicht mehr als der Trailer, aber entscheidet selbst:

                                    Was für eine Verschwendung! Noch zwei/drei Drehbuchfassungen und der Film hätte das Potential gehabt durchweg fantastisch zu sein. Die wesentlichen Wendepunkte trifft er nämlich mühelos, vor allem den zweiten Plotpoint, bevor es ins Finale geht, verdaddelt aber auch seine Zeit mit dem Bethlehem Schlenker oder dem überlebenden Stiefvater, die weder den Plot großartig vorantreiben oder sonderlich lustig wären. Gleichzeitig kommt etwa der großartige Clancy Brown als Reverend Justin äh Gospel viel zu kurz, dabei hat dieser Film das Zeug das fehlende Carnivàle-Serienfinale zu stellen, das wir von HBO nie bekommen haben. Hier wäre ein Schuss mehr "Rosemary's Baby" angebracht gewesen, und alles wäre schrecklich gut geworden.

                                    Mit einer Vorausblende anzufangen war auch unglücklich, weil es schöner gewesen wäre mehr Hinweise zu zeigen, an denen der noch immer frisch verliebte Stiefvater genauso vorbeiläuft, wie die alles viel zu positiv interpretierende Mutter. Wer selber Kinder hat trifft solche Eltern vom Kindergarten an immer wieder, deren Bälger beißen, kratzen, schlagen und stechen, aber immer eine Ausrede auf den Lippen parat haben, die der Umwelt die Schuld zuschiebt, während sie gleichzeitig ihre Blagen vor die Glotze hocken und nichts mit ihnen unternehmen. Da wäre mehr drin gewesen, obwohl etwa die Szene der Selbsthilfegruppe und der Kindergeburtstag ihre charmanten Momente haben. Was hier fehlte waren keine Edgar Wright Gedächtnis-Zwischenschnitte, sondern ein Pendant zu seiner Inszenierung aus "Shaun of the Dead", wenn die Hauptdarsteller im ersten Drittel an allen offensichtlichen Anzeichen wie Volltrottel vorbei laufen, nur eben nicht an Zombies, sondern der eigenen, verzogenen Göre. Denn mit dem Hochzeitsvideofilmer fällt dann wunderbar komisch der Vorhang, und ich erwartete in der Folge einen Schuss mehr "Poltergeist" mit Videobeweis-Hokus-Pokus, der dann leider ausblieb.

                                    Die tolle Wende vor dem Finale ist dann schon fast total verschenkt, weil auch die mehr erzählerischen Atem verdient hätte, als dem Film noch zur Verfügung stand, so bleiben einige tolle Momente in Erinnerung, sowie der Ärger über zu viel verschenktes Potential.

                                    Oh, und Adam Scott erinnert mich immer mehr an Richard Benjamin, dessen butterweichen Charme er aber noch nicht ganz erreicht, und Evangeline Lilly wird irgendwie kein bisschen älter ... da hat doch bestimmt tatsächlich der Teufel seine Finger mit im Spiel? Das Drehbuch räumt ihr leider keine Wandlung zur Exorzismus-Mama ein, da hätte sie noch mal glänzen können, wie in der Szene mit dem ins Bett bringen, während die Jugendamt-Tante im Wohnzimmer sitzt. Das Männer immer so ein Problem damit haben ... wie gesagt, schöne Momente hat der Film, aber etwas erwachsener wäre er ein Statement für eine entspanntere Elternschaft, vor der sich diese Generation panisch zu fürchten scheint.

                                    Eli Craig fehlt noch jemand an der Seite (und Peter Deming hinter der Kamera), der sein volles kreatives Potential zur Geltung bringt, jedem Tucker sein Dale, jedem Joel sein Ethan und alles wird gut.

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                                    • Also deine Erinnerungen bringen bei mir weit mehr eigene Erinnerungen zurück als die Serie selbst bei mir hervorgerufen hat - Chapeau :)

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                                      • Nach den Episodenpodcasts gibt's noch eine Ehrenrunde zur ganzen Staffel, wie in den beiden letzten Jahren mit Jenny von Moviepilot und Simon von negativ-film/epd.

                                        Viel Spaß: http://fortsetzung.tv/2017/09/01/got-7-ehrenrunde/

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                                        • Das wird dann aber eher ein Kurzfilm, oder? Wieso sollten mit sich allein gelassene Mädchen hierarchisch funktionieren wie Jungs, oder anders gefragt: wie lange? Anfangs vielleicht, wegen "nurture versus nature", auf Dauer müsste sich dann aber die Kooperation durchsetzen, the (happy) end: https://www.sciencedaily.com/releases/2010/09/100930143339.html Den Film würde ich mir dann allerdings anschauen :)

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                                          • Was mich bei jeder Begegnung mit Birgit Gudjonsdottir aufs Neue fasziniert ist, was für eine Ruhe sie ausstrahlt. Man kann sich gar keine Situation vorstellen, in der sie nicht alles unter Kontrolle hätte und den richtigen Hand- griff zur rechten Zeit ausführen würde. Neben so jemanden am Set zu arbeiten, muss ungemein beruhigend sein – vorausgesetzt, man ist dabei so konzentriert und aufmerksam wie sie selbst. Neben ihrer vielseitigen Arbeit als Kamerafrau und Aktivität im BVK und der IMAGO unterrichtet sie auch noch an den Filmhochschulen in Potsdam Babelsberg und Ludwigsburg. Zum Gespräch trafen wir uns während des Camerimage-Festivals in Bydgoszcz.

                                            Das vollständige Interview gibt's jetzt sogar gratis online - bitte sehr:
                                            http://www.kameramann.de/branche/die-kamera-muss-immer-zuhoeren/

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                                            • Was definiert einen Look: die Kamera, auf der man dreht, oder das Material darin? Für jemanden wie Steve Yedlin ist schon diese Frage irreführend, der er sich ebenso neugierig nähert wie viele andere auch. Doch er dreht erst dann so richtig auf, wenn es den meisten längst viel zu kompliziert geworden ist. Glücklicherweise taucht er nach ausgiebiger Beschäftigung mit solchen Fragen wieder auf und präsentiert sie uns dann so aufbereitet, dass ihm auch ungeduldige Geister folgen können, etwa auf seiner „Display Prep Demo“. Wer Yedlin für einen Technik-Nerd hält, mag zwar seiner entmystifizierenden Gründlichkeit gerecht werden, technischen Aspekten auf den (mathematischen) Grund zu gehen, nicht aber dem humorvollen, ästhetischen Geist dahinter, der eben auch Blockbuster drehen kann. Wir sprachen am Rande des letzten Camerimage-Fesivals mit ihm über seinen neuen Vortrag, sowie „Episode 8 – Die letzten Jedi“.

                                              Das vollständige Interview gibt's jetzt sogar gratis online - bitte sehr:
                                              http://www.kameramann.de/branche/zwischen-magie-und-mathematik/

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                                              • Bei den Lynch Werbesports denke ich sofort an den für die Playstation 2: https://www.youtube.com/watch?v=msMehuZo3x8

                                                Weitere findet man immer noch auf dieser uralten, wunderbaren Seite (man muss sie aber runterladen, da vermutlich kein Browser mehr die Codecs dort unterstützt): http://www.lynchnet.com/ads/

                                                Zum Thema welchen Einfluss die Malerei auf seine Filme hat wird in diesem Essay immerhin gestreift: http://www.openculture.com/2017/08/the-art-of-david-lynch.html

                                                Wer mehr von ihm sehen will: Diesen November gibt es eine riesige Ausstellung seiner Werke (über 400 Exponate) in Toruń, Polen, begleitend zur 25. Ausgabe des Camerimage Festivals, bei dem er auch Gast sein wird. Drückt mir die Daumen, denn vielleicht kriege ich sogar ein Interview mit ihm ... *hüpfhüpfhüpf*

                                                EDIT: Da mich Fragen zur Ausstellung erreicht haben: die eröffnet parallel zum Camerimage-Festival in Bydgoszcz, allerdings nicht dort, sondern in Toruń (ein Shuttlebus pendelt zwischen den Städten - man muss aber nicht auf das Festival gehen um in die Ausstellung zu kommen; aber wer auf dem Festival akkreditiert ist, kommt dort umsonst rein), und zwar vom 12.11.2017 - 25.02.2018 - näheres erfährt man über das Kulturzentrum, wenn der Termin näher rückt, hier ein Link zu deren englischsprachiger Seite: http://en.csw.torun.pl/category/art/exhibitions/

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                                                • Sehr schöner Text, Rajko. Ich erinnere mich noch, wie ich es damals gerade noch so in den Kinosaal geschafft habe, dass es eine Nachmittagsvorstellung war, in welcher Sitzreihe ich saß (eher hinteres Drittel und weiter rechts als ich gerne wollte), und wie sich das alles ausblendete, wie mitreißend der Film war, wie überzeugend die Computereffekte (und Miniatursets, wie ich jetzt weiß, etwa von der Atombombenszene). Das hat sich eingebrannt und mich mehr begeistert, als ich als angehender Arthouse-Cineast wahrhaben wollte. Vielleicht war es genau dieser Film, der mich vor einer rein akademischen Filmrezeption bewahrt und in Schutz genommen hat. Ja, man könnte sagen Arnie (bzw. Cameron) nahm mich hier ein wenig vor mir selbst in Schutz. Dafür bin ihm ewig dankbar, denn handwerklich wäre man als Filmhandwerker schlecht beraten, sich allein am Arthouse zu orientieren.

                                                  Übrigens erging es mir dann mit on George Miller's FURY ROAD wieder genauso. Nicht ganz so meta-fähig wie T2, aber immer noch ein umwerfend gut gemachter Spaß, bei dem Analoges und Digitales die perfekte Ehe aus Eis und Feuer (sorry, kann ich mir heute nicht verkneifen) des Filmemachens eingehen. Auch da trieb es mich in eine Nachmittagsvorstellung, ich saß aber nahezu perfekt in der Mitte und ließ mich mitreißen. Sich mitreißen lassen ist doch Kino in seiner schönsten Form, und da es dort dunkel ist, muss man sich währenddessen ja vor niemandem dafür rechtfertigen. Pure pleasure, zero guilt :)

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                                                  • Es muss mal jemand eine Lanze für den Kameramann dieser Folge brechen, denn es gibt kaum etwas schwierigeres zu filmen, als viele Hauptfiguren an einem Ort, die sich auch noch bewegen, und dass über die sich ohnehin ständig wechselnden Blickachsen. Ebenso gebührt dem Cutter dieser Szene(n) größtmögliches Lob, weil der Rhythmus trotzdem funzt, und man nicht ansatzweise den Eindruck hat hier 10 Drehtagen beigewohnt zu haben (mit diversen durchzechten Nächten der Darsteller inklusive). Damit nicht genug, auch die "Umzingelung" von Littlefinger durch die drei Starks in Winterfell war ebenfalls famos gefilmt, wenn sich der Beschuldigte dorthin bewegt - das war bewegender, als das um sein Leben flehen - daran trägt aber Aidan Gillen keine Schuld. Nach dieser Szene merkt man, wie sehr alle ihr vorausgegangenen "reverse-engineered" waren, und dabei stets durch die Hanebüchener Bucht segeln mussten; auf Onkel Euron's Schiff.

                                                    Haben die Autoren dann mal freie Hand ... dreht sich alles um Pimmel. Es ist unglaublich. Angefangen bei den Unsullied ... bei Podrick ... ach, man wird es leid alle aufzuzählen. Bei Theon's Wendepunkt in seinem Kampf um die Führungsrolle ist die Faszination dann so groß, weil man es viermal zeigt? Mag sein, dass ich mich verzählt habe, aber die Information war schon im ersten Cutaway (pun intended) enthalten - Theon's fehlenden Eier sind jetzt seine Geheimwaffe, mit der er den potenten Onkel besiegt. Vergesst es nicht, liebe Zuschauer, drum zack, zack, zack uuuund ... zack! Anstrengend. Aber wieder eine wundervolle Einstellung im Gegenlicht, Theon zwischen zwei Booten am Strand. Vor allem müsste er leichtes Spiel haben, denn Onkelchen fährt nach Osten, da kann er die Schwester auf Pyke retten. Schon jetzt ahnt man, dass es anders kommen wird, und Euron einmal mehr beim Segeln die Gesetzte von Raum, Zeit, Logik, Plot und Quanten bricht, um doch wieder vor ihm dort einzutreffen. Seufz ...

                                                    Dafür war die Szene von ihm und Jon fast die schönste der Folge. Denn Jon's Rat ist ja wie ein Selbstgespräch - die zwei Herzen in Theon's Brust (bei Jon ... weiß man noch nicht in welches ihm gestochen wurde. Doch! Halt! Natürlich in das von Stark. Wobei ... der hat natürlich in King's Landing für den Facepalm-Moment gesorgt. Ohne den hätten wir aber die grandiose Szene mit Tyrion und Cersei nicht bekommen) müssen ja nicht in Konflikt miteinander sein, er sei beides, Greyjoy und Stark. Schöööön, und Alfie Allen rockt. Mit den Bartstoppeln sah man dann sogar sowas wie eine Familienähnlichkeit zu Euron - bei der Gelegenheit vielleicht auch mal ein Lob an die Maske. Und die Kostüme! Und überhaupt das Hammer-Team drumherum, die schrauben Unmögliches zusammen.

                                                    Brienne und der Hound war auch wundervoll, die mir als Pärchen besser gefallen, als der Tormund-Hype um dessen wenig subtilen Flirt-Avancen.

                                                    Tyrion und Cersei nach Jahren wieder im gleichen Raum zu sehen, war fantastisch. Wie Cersei einmal die Fassung verliert, wie lange sie mit sich hadert ihrem Impuls nachzugeben, wow. Für all diese kleinen Momente verzeihe ich dem Autorenteam alle Ausrutscher, die sie sich geleistet haben, weil die immer noch allen Morast überstrahlen, auch wenn dann beim Sex und der Enthüllung natürlich Jon Snow oben liegt. Greyworm lebt ja doch noch, wird mit Missandei Kinder adoptieren und auf einer der Inseln vor Essos irgendwann glücklich zusammen alt werden.

                                                    Was man noch gesehen haben muss, ist diese sehr, sehr schöne behind-the-scenes zum Dragonpit - allein um zu sehen, wie Gwendoline Christie Liam Cunningham den Bart krault ist es wert, oder wie Peter Dinklage über diesen einen Blick von Lena Headey spricht ... und schon verzeiht man der Staffel bereitwillig alle Unzulänglichkeiten: https://www.youtube.com/watch?v=awUCzrpE13M

                                                    Vielen Dank für deine Recaps Jenny, wir sprechen uns dann am Donnerstag :)

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