jp@movies - Kommentare

Alle Kommentare von jp@movies

  • Da legst du den Finger in eine offene deutsche Wunde, liebe Andrea. An der Synchronisationskultur alleine oder dem Hochdeutsch liegt es nicht. Deutsche sind entsetzliche Besserwisser (ein Punkt, den ich natürlich gerade selbst belege ^^). Nimm zum Beispiel DAS BOOT - nein, nicht das Remake, sondern das Original. Ist damals in der hiesigen Presse zerrissen worden. Verharmlosung, und so weiter und so fort. Da wurde extra so besetzt, das Dialekte vertreten waren, und an der Sprache lag es nicht, das gemäkelt wurde. (Aber immerhin gab es damals überhaupt noch einen breiten gesellschaftlichen Diskurs darüber, Interviews mit dem Autoren der Vorlage, und haste nicht gesehen.) Inzwischen haben alle den Film und die Serie schon immer gut gefunden, jetzt wo Jahrzehnte später kein Zweifel mehr über den Stellenwert besteht. Deutsche brauchen immer Jahrzehnte, ehe sie wirklich wissen, was sie schon immer gesagt haben. Waren ja auch alle keine Nazis, sondern versophieschollen im Widerstand, und den Kniefall von Willy Brandt fanden auch schon immer alle gut und richtig, sogar die Union. Wir sind scheiße darin Kritik zu üben und sogar noch beschissener darin Kritik anzunehmen, weil zwischen totaler Zustimmung ("wollt ihr den…" ähem) und kompletter Ablehnung kein Platz für einen Diskurs gelassen wird. Deutsche wollen recht (ähem) haben, nicht diskutieren.

    DIE ZWEITE HEIMAT von Edgar Reitz wurde überall im europäischen Ausland geliebt und mit großem Interesse geguckt, bei uns führte die schlechte Quote zum Niedergang einer Serienkultur, die es gab. Qualitätsserien haben eine erstaunlich lange Geschichte in Deutschland, von der die aktuellen Fernsehredakteure noch nie gehört haben. Dann müssten sie sich ja mit Film- und Fernsehgeschichte befassen. Es gab Autorennamen und namhafte Regisseure, die jedem etwas sagten, und es wurde darüber gesprochen. Nur galt uns Deutschen auch damals erst dann etwas, wenn es uns von außerhalb bestätigt wurde. Diese Verunsicherung sitzt so tief, sich auf der richtigen Seite wähnen, und dann hinterher feststellen müssen, wir waren die Bösen? Das hat die deutsche Seele nie verwunden. Wenn andere unsere Werke plötzlich gut finden, dann können wir endlich, endlich sicher sein, und wussten das in Wahrheit schon immer, sind natürlich nur immer falsch verstanden worden. Ehrenwort.

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    • Schade, dass dieser Haneke in den Kommentaren hier so wenig Liebe findet. Dabei werden Behauptungen aufgestellt, die mich ratlos machen, als hätte ich einen anderen Film gesehen. Die Kamera von Christian Berger könnte nicht klarer machen, welcher Figur hier die Schlüsselrolle zukommt. Mit ihrer Perspektive beginnt und endet der Film, und zwischendrin heftet sich die Kamera immer wieder an ihren Hinterkopf, folgt ihr überall hin. Wie klarer soll man es formal denn noch machen? Überhaupt begeistert mich die Kamera hier sehr. Kompositorisch ohnehin über jeden Zweifel erhaben, aber auch hier verbirgt sich immer wieder eine Versuchsanordnung für den Zuschauer unter der Oberfläche. Offenbar müsste vielen Einstellungen der Hinweis „wait for it“ vorangestellt werden, damit den ungeduldigen Zuschauern nicht entscheidendes entgeht. Denn die Medienkritik steckt eher hier, nicht in den hochkanten Handyaufnahmen oder Computerbildschirmen - und wird glatt übersehen, weil laaangweilig. Noch toller sind die „oner“, die Plansequenzen, in denen man nicht nur ein sehr präzises Gefühl für Echtzeit und Räume bekommt, sondern die gekonnt mit Licht- und Perspektivwechseln so viel erzählen. Großes Kino, mit einer Bildsprache zum Augen öffnen.

      Wer den Film noch sehen möchte, sollte jetzt nicht weiterlesen, denn es folgen SPOILER. Die Parallelen zu AMOUR sind nicht nur überdeutlich, sondern die entsprechende Szene ist der Höhepunkt des Films, der Schlüssel zum Verständnis. Dazu muss man AMOUR nicht gesehen haben. Das unterstreicht nur die Seelenverwandtschaft von Großvater und Enkelin - hier ist sie diejenige, die (auch?) im Ferienlager gewesen war, und verhandelt werden zwei Tötungen, von der eine nicht gestanden wird, der wir aber am Anfang des Film beigewohnt haben. Ja, ein Unfall mit Todesfolge, sehr Haneke eben. Wesentlich ist, dass die beiden sich in ihrer geistigen Schärfe hier ebenbürtig sind, es ist die einzige Szene echter Nähe, von Verwundbarkeit, Menschlichkeit. Wärmer wird es bei Haneke nicht, und es gibt keine Erlösung durch eine gemeinsame Kadrierung, es bleibt beim Schnitt und Gegenschnitt, aber immerhin bis in Großaufnahmen hinein.

      Schaut man sich dann die Familienkonstellation an, liegt eine klassische Versuchsanordnung vor: Auf der einen Seite die Mutter, die zu sehr liebt, ihren Sohn erdrückt, der sich nicht in die für ihn vorgesehene Rolle fügen will, der beim Karaoke nicht aus der Bühne ausbrechen kann; „die Lieder der anderen“ eben, die will er doch gar nicht singen. Auf der anderen Seite ist der Vater, der der Liebe nicht mächtig ist, und die Distanz braucht, um überhaupt so etwas wie Gefühle zu zeigen. Der Großvater sucht den Ausweg im Suizid, und es bleibt unklar, ob er seine dementen Episoden nur spielt, um in Ruhe gelassen zu werden, aber davon würde ich mal ausgehen. Auf jeden Fall ist er klar genug im Kopf, um als einziger die offensichtliche Verbindung zwischen den Tabletten und der Vergiftung zu ziehen. In der besagten Szene gibt es dann echte Empathie, wie sie die Enkelin selbst beim Baby zeigt, wenn es schreit und von ihr aus dem Bett gehoben wird. Bei Haneke heißt das so viel wie: hier ist noch nicht alles verloren.

      Bleibt die „Medienkritik“. In einem der Videos filmt sie ihren Halbbruder, wie er im Bett spielt und teilt (mit wem?) den Schmerz über den Verlust ihres älteren Bruders, als sie fünf war. Das ist ein ganz zentraler Moment, und eben nicht so platt, wie es mal bei BENNY’S VIDEO war - ja, auch ein Haneke entwickelt sich weiter und stößt nicht nur ins gleiche (Bocks)Horn. Wenn ich das mit dem YouTuber, den die Enkelin anguckt richtig verstanden habe, dann macht sich der doch über seine eigenen Haarschnitte und Tanzfiguren von früher lustig? Reflektiert sich also selbst. Und die Enkelin reagiert trotz der Kopfhörer auf das Schreien des Babys. Ich mein, these kids are alright. Und wie. Denn die Vermutung liegt nahe, dass die Enkelin diese Videos diesem reflektierten jungen Mann schickt. Und was genau sind das eigentlich für Videos, die sie da live mit Kommentaren versieht? Die eben nicht als Chatverlauf oder E-Mail einsehbar sind, wie die der doofen Oldschool-Noob-Elterngeneration? Ich nehme an: Streams. Denn was dort fehlt, ist der rote „Aufnahmeknopf“, wie wir ihn erst ganz am Ende sehen. Hier passiert etwas, das erste, was festzuhalten würdig ist: es wird jemandem zu Hilfe geeilt, dem das Wasser schon bis zum Halse steht. Und der kurze Blick den Isabelle Huppert der Kamera zuwirft, ist der Blick auf uns Zuschauer zurück, der „call to action“: Was machst du? Siehst du auch nur zu, läufst du mit, nur hinterher, oder bist du gar der Beihilfe schuldig? Vielleicht eben all das auf einmal. Es macht eben einen Riesenunterschied, ob man etwas nur im Fernsehen sieht, oder in echt, wie es der Großvater seiner Enkelin in der Schlüsselszene erzählt hat. Und wenn man das begriffen hat, dann lässt man vermutlich weder Flüchtlinge ersaufen, noch den eigenen Vater.

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      • jp@movies: Film & TV Kamera 23.01.2021, 14:47 Geändert 23.01.2021, 15:25

        Die Begeisterung über diese Serie konnte ich in ihrem Verlauf immer weniger nachvollziehen. Die Idee ist hervorragend, die Besetzung und die Ausgangssituation in der Gegenwart auch, aber dann hört es halt leider auch schon auf. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn ich Aufmerksamkeit übrig habe, um z.B. auf die Kameraarbeit und die Lichtsetzung zu achten. Oder das Blocking, die Inszenierung, und dann halt auch noch die Drehbücher. All das ist halt leider überhaupt nicht gut, eher gerade mal TV-Durchschnitt, zu hell, zu statisch, zu steif. Wäre zu verkraften, wenn es denn die Drehbücher rausreißen würden, das tun sie meiner Meinung nach aber nicht.

        Der technologische Fortschritt, ökologische und innerpolitische Krisen werden im Großen und Ganzen noch ganz gut vorhergesagt, lehnen sich aber auch nicht allzuweit aus dem Fenster. Vivienne Rook, die populistische Politikerin wird anfangs sehr gut nebenbei eingeführt, aber spätestens mit ihrer Wahlrede, die auf so große Begeisterung stößt, wird es unglaubwürdig. Da wurde es dann halt doch platt, und blieb es auch. Der eigene Medienkanal war noch eine gute Idee, und ist wohl auch das, was uns bei Trump erst noch bevorsteht.

        Die Flüchtlings- und Lagerpolitik dominiert die Serie leider, bleibt dort nur sehr oberflächlich und mündet in ein völlig überzogenes, unglaubwürdiges Happy End, dessen mediale Wirkung in einer Gesellschaft, die zu diesem Zeitpunkt mehr als ein Jahrzehnt lang indoktriniert und durch Propaganda verseucht und abgestumpft wurde, komplett verpufft wäre, das war schlicht hanebüchener Quatsch. Es sterben heute Coronaleugner auf Intensivstationen, die bis zuletzt Sauerstoffversorgung ablehnen und Pflegepersonal beschimpfen, das sie angeblich umbringen will. Bis dahin haben wir weniger als ein Jahr gebraucht. Zehn Jahre unter solchem Einfluss, und die Befreiung wäre nicht nur als von der Antifa inszeniert abgetan worden, es wäre nichts davon auch nur in die Nähe der "watch next" Empfehlung gekommen. Ja, der eigene Sohn klickt schon in der ersten(!) Folge die "breaking news" erfolglos weg. Ja was denn nun?

        Technologien, die man einführt, muss man auch ernst nehmen. Bethany mag ja voll vernetzt sein, die Maschine selbst hätte ihre Schwester aber nicht mal in die Nähe des Gebäudes gelassen. Wenn sie da die Gesichtserkennung hätte austricksen wollen, hätte sie besser ihre Mutter geschickt. Was sie obendrein selber macht, hinterlässt ja ebenfalls Spuren in den Metadaten. Wenn sie Eigentum der Regierung ist, dann wird die auch ein entsprechendes Cookie gesetzt haben. Mir ist schon klar, dass es dramaturgisch erforderlich war, aber da klafft halt eine Lücke zur eigens dafür geschaffenen Welt, deren Regeln sie nicht begreift, und demzufolge bricht, für den Plot außer Kraft setzt. Sorry, da bin ich raus.

        Und Verzeihung, was ist überhaupt mit der Außenpolitik? Wo sind die Brexit-Folgen? Wo die blinde Gefolgschaft den Amerikanern in jedes noch so hirnrissige außenpolitische Husarenstück zu folgen? Müsste Großbritannien nicht ab Folge 2 an der Seite der USA im Krieg mit China sein? Und Schottland im Zuge dessen spätestens dann wieder erfolgreich der EU beigetreten? Und und und, da fehlt ne ganze Menge. Daniel wäre wohl eher eingezogen worden und dann im Krieg gefallen, ok. Aber mit dem Schlauchboot über den Kanal, und dann nicht mal von einer autonomen Drohne versenkt worden? Damit geht die Glaubwürdigkeit baden, und was bleibt ist eine kitschige Soap mit ein bisschen Fremdgehen und ihrem Kopf in den Wolken.

        War absolut nix für mich, da warte ich lieber weiter sehnsüchtig auf die Serienadaption der Madd Addam Trilogie von Margaret Atwood, die vor drei Jahren angekündigt wurde. Lest das, bringt euch locker durch jeden Lockdown. Versprochen.

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        • Hallo zusammen, schön euch alle wieder zu sehen!

          Da bin ich wieder.

          Ein Jahr lang habe ich nach der Kängufant-Krise mit meiner Beziehung zu Moviepilot gerungen, sie reflektiert und nach einem neuen Zugang gesucht - bislang ziemlich erfolglos. Eine bruchlose Rückkehr zum Schreiben wie zuvor ist mir nicht möglich, aber da es auch vor 10 Jahren, als ich anfing hier mitzulesen bis zu den ersten gelungenen Kommentaren ein langer Prozess war, bis ich endlich die richtigen Worte und Sätze fand, werde ich auch jetzt wieder in einem Prozess auf die Suche nach einer neuen Sprache gehen. Die Geschichte wiederholt sich also nur. Überraschung!

          Der Schlüssel oder Weg dorthin soll das “Wiedersehen” sein, genauer gesagt das Wiedersehen von Filmen oder Serien, die man bereits gesehen hat, vielleicht als man noch jünger war im Vergleich zu heute, oder in der Begeisterung mehrfach in kurzer Folge hintereinander - alles ist möglich. Darin steckt gelegentlich nicht nur ein großer, oft überraschender Erkenntnisgewinn sowohl über die besagten Filme, sondern meist mehr noch auch über uns selbst.

          Wichtig ist mir dabei gerade diese persönliche Beziehung zum Werk, weil wir Filme und Serien immer seltener mehrfach auf uns wirken lassen, und wie mir scheint, uns immer häufiger keine Zeit mehr zur Reflektion des Gesehenen nehmen, und stattdessen schon auf den nächsten Trailer oder Film klicken. Ein Fluch der Streaminganbieter, Bequemlichkeit, was auch immer. Als wir noch DVDs geguckt haben, versanken wir Kinoliebhaber nach dem Film noch im Bonusmaterial - wisst ihr noch damals, die Stunden an Bonusfeatures vom “Herrn der Ringe”? Wie sehr die das Warten auf den nächsten Film erleichtert, die Liebe zu den Filmen, dem Team, der Drehfamilie vertieft haben? Gut, manche von uns machen das immer noch, oder können sich jetzt auch die ganzen Blu-rays und alles leisten, aber was ist mit den Generationen, die zunehmend von Algorithmen versaut werden, anstatt von schrägen Filmfreaks hinter dem uns schützenden Tresen einer Videothek? Wie vielen muss man eigentlich schon erklären, was eine Videothek war? Suchen wir nicht viel zu selten nach einer Sichtung making-of Schnipsel auf youtube? Oder lesen uns eine halbe Nacht auf https://cinephiliabeyond.org/ fest? Ja, eben, auch darum geht es mir. Denn Filme und Serien mehrfach zu sehen sollte so selbstverständlich sein, wie beim Anhören von Musik, nur eben dass es mit mehr Zeitaufwand verbunden ist. Zugegeben, bei Musik ist das auch sonst leichter, da kann im Zweifel jeder nach kurzer Aufwärmphase der Stimmbänder mitsummen, nachdrehen erweist sich hingegen als vergleichsweise schwer und scheitert schon oft an den Terminproblemen und Gagenvorstellungen der Darsteller. Hollywood Snobs!

          Kurz gesagt, die Wirkung eines Films auf uns ist nicht von der Art und Weise wie wir damit umgehen und uns damit beschäftigen zu trennen. Je mehr Zeit wir in das Sehen investieren, desto mehr sehen wir manchmal auch Sachen, die gar nicht da sind, dann haben vor allem andere das Nachsehen. Wir laden den Film, das Material und das Drumherum mit Bedeutung auf, die nur zum Teil tatsächlich da ist, und zu immer größeren Teilen allein aus unserer Beschäftigung damit entspringt. Das macht es ja auch manchen so schwer darüber zu reden, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen, wenn jemand unseren Lieblingsfilm runter macht; wir haben selbst vielleicht schon mehr Zeit in unsere Vorstellung davon investiert, als die Filmemacher selbst in den eigentlichen Film. Dann könnte man auch von einer Form von Besessenheit reden, oder?

          Aber da ist noch eine Möglichkeit des Wiedersehens, und die bringt mich endlich zu diesem Film, den ich sicher öfter gesehen habe, als die meisten von euch. Weil ich ihn geschnitten habe.

          “Wir werden uns wiederseh’n” war der erste Spielfilm, den ich schneiden durfte. Ja, ich weiß, im Abspann steht nur “unter Mitarbeit von”, weil schlicht kein Geld da war, um mich bis zum Ende zu bezahlen; ich war junger Vater und konnte es mir nicht leisten unentgeltlich weiter daran zu arbeiten, obwohl ich das gerne getan hätte. Willkommen im Filmbusiness, ihr Lieben. Jedenfalls haben mir die beiden Regisseure - die viel zu selten Geld von Förderungen bekommen, weil sie ihre Drehbücher erst während des Drehs organisch mit den Darstellern entwickeln, was regelmäßig das unterkomplexe Vorstellungsvermögen der Gremien sprengt - so viel Vertrauen geschenkt, dass sie mich eine erste Version haben alleine erstellen lassen. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann jemals wieder so viel in so kurzer Zeit über Filme gelernt habe.

          Wenn man einen Film schneidet, der so entsteht wie dieser, mit einem losen dramaturgischen Gerüst, viel Spielfreude, Mut zum Experiment und Glaube an das Medium Film, dann sieht man nicht nur einen, sondern immer gleich mehrere Versionen, die miteinander verschwimmen. Im Sichtungsprozess wachsen einem die Figuren ans Herz, Nebenstränge überschatten dann schon mal die Haupthandlungen, manche Szenen wollen überhaupt nicht funktionieren, passen nirgendwo hin, sind aber notwendig, wieder andere finden überhaupt keinen Platz. Beispiel gefällig? Diese Szene ist weder im Film, noch auf der DVD zu finden, und im Beschreibungstext dort steht auch nochmal explizit warum: https://vimeo.com/28812494 - und? Wäre doch schade drum gewesen, oder? Aber in den Film gehört sie zurecht nicht.

          Jetzt habe ich ihn mir eben zum ersten Mal seit dem 13.10.2007 angesehen (hab gerade die Kinokarte in der DVD Hülle entdeckt), und es war tatsächlich ein unverhofftes Wiedersehen. Und wie das unter Freunden und guten Bekannten eben so ist, nimmt man aneinander neue Dinge war. Was der Film an mir sieht, weiß ich jetzt im ersten Augenblick nicht, aber ich sehe ihm heute vor allem den unglaublichen Sprung der digitalen Kameratechnik an. Alter Schwede, was sich da inzwischen getan hat. So sehr sieht er jetzt nach Dogma 95 aus. An der Kameraarbeit selbst gibt es nichts auszusetzen, ist ja auch von Daniela Knapp, deren jüngster Filmbeitrag aktuell für Deutschland in das Rennen um den Auslandsoscar geht. Der Look des Materials lässt den Film halt inzwischen älter aussehen, als er ist, und ich hab ihn damals in Final Cut Pro auf einem G5 geschnitten, wem das noch was sagt. Meine Fresse, was sich da in der Zwischenzeit getan hat. Heute drehe und grade ich in 4K bei 10bit Farbtiefe zu Hause, was damals undenkbar war und auch so schon Unsummen an Geld verschlungen hat, die dann der Produktion an anderen Stellen fehlte. Traurig, aber wahr.

          Der Film hat seine Momente, seine Stärken und Schwächen, und ich fand ihn immer noch schön, wenn man von diversen Ab- und Aufblenden absieht, geteilte Szenen verzeiht, und den für meinen Geschmack zu häufigen Musikeinsatz überhört. Ohne jetzt meine Schnittfassung im Vergleich zu gucken, weiß ich, dass ich das jetzt anders schneiden würde, um irgendwo gefühlt zwischen beidem zu landen. Das wäre sicher auch damals so ähnlich geworden, wenn wir das Geld gehabt hätten, aber ob es auch ein besserer Film geworden wäre? Ich weiß es nicht. Das muss man sich auch nicht fragen. Erstaunlicher finde ich, wie präsent so viele Szenen noch immer in meinem Kopf sind, auch fehlende Szenen, andere Chronologie und so viel mehr. Das Mehrwissen vor allem, wer Schauspieler und wer Laie ist, wer mit der Improvisation besser konnte und wer nicht, was in etwa so geplant war und was nicht… das trötet mir immer noch im Hinterkopf rum, und stört vermutlich niemanden, der den Film erst heute für sich entdeckt. Das sind eben meine Geister, die mir durch den Kopf spuken, so lange ich lebe. Geister, auf die man beim Schnitt nicht hören darf, die man ausblenden muss. Das ist gar nicht so leicht. Ich wusste auch da schon von anderen Filmen, die ich schneiden durfte, dass manche Darsteller im Rohmaterial durchweg schlecht rüber kommen, aber in geschnittener Form plötzlich überzeugender wirken, als ihre Partner, als würden sie sich mehr für die Kamera eignen, als andere. Aber eben erst in der Montage. Da die richtige Balance zu finden ist eine Kunst, und immer wieder auf’s neue verblüffend.

          Einzig beim Ende würde ich meine Version immer noch vorziehen, denn die hat ein happier end, für Barbara, Holger und Frau Opels. Übrigens allein mit dem gleichen Material, nur durch eine andere Reihenfolge. Probiert’s mal aus (aber nicht so: https://www.youtube.com/watch?v=U58IdBjMeS4 ). Damit bleibt es allerdings weniger offen und das ist dann am Ende doch eine Geschmacksfrage? Würde mich interessieren, wie die beiden Regisseure das heute sehen, mit Abstand und so.

          Und was sieht der Film jetzt Neues an mir? In Ermangelung eines besseren Wortes würde ich sagen: Altersmilde? Und neue Ideen. Zum Beispiel wenn Holger mit seiner Ex in der Wohnung explodiert - das kommt so zu heftig, dabei müsste man nur sein wütendes Umrühren vorziehen, vor die Frage mit dem “Weißt du noch, Rathenow?” - und schon träfe einen die Performance nicht mehr so unvermittelt. Filme sind halt nie fertig, man könnte ewig daran herum tüfteln. Das macht es ja auch so schön, das Filmemachen. (Hab jetzt doch in meine Schnittfassung gespickt, und da hatte ich das so gemacht! Manche Ideen sind halt gar nicht neu, sondern man bläst sie nur wieder ins gleiche Bockshorn… seufz) Andere nervt das vielleicht, aber ich liebe diese Suche nach der passenden Form. Nicht mehr nach der perfekten, richtigen, wie auch immer gearteten Form - die ist ja selbst immer nur temporär, ein Abbild dessen, was gerade möglich ist. Man muss auch lernen Filme loslassen zu können, und das kann ich inzwischen besser, das auch mal “gut sein” lassen können. Alles geben, aber Unebenheiten ertragen, aushalten, hinnehmen können, das musste ich erst lernen. Da geht sicher auch noch mehr. Hier noch mein alternativer Trailer von damals, der den Ton des Films etwas besser wiedergibt, als der offizielle: https://vimeo.com/28812811

          Diese Art Filme zu machen ist eine wunderbare Nische, mit der man mal experimentiert haben sollte, wenn man selbst in der Richtung Ambitionen haben sollte. Und da habe ich Glück gehabt, denn es gibt ja noch andere Filmemacher, die so ähnlich mit Improvisation arbeiten, Axel Ranisch zum Beispiel. Da würde ich wahnsinnig werden, das ist einfach nicht meins, zu viel Geschrei, zu schrill. Ich ziehe einen geerdeten Realismus vor, wie ihn hier etwa das Altersheim bietet. Im Idealfall kann man Realität und Fiktion dann gar nicht mehr auseinander halten, wie zum Beispiel bei “The Rider” von Chloé Zhao, oder auch aktuell ihrem “Nomadland”. Bei ihr verschmilzt beides zu perfektem Kino. Bei uns kriegt man so etwas gar nicht erst finanziert, oder muss sich jahrelang darum bemühen und Anträge schreiben, bis man eigentlich gar keine Lust mehr auf den Film hat.

          Bis zum nächsten Mal, euer Schnittch… Ach nee, halt, das wäre ja eine Wiederholung dessen, was ich schon gemacht habe. Die Macht der Gewohnheit. Streicht das. Hm… Wisst ihr was? Macht doch mit! Wir machen das jetzt anders, denn wir sind eine Community, und gemeinsam über Filme zu schreiben, sollte uns wieder viel mehr miteinander verbinden. Um uns gegenseitig die Augen zu öffnen, gerade für das, was wir nicht sehen oder übersehen, machen wir hieraus doch gleich den Auftakt einer Mitmachliste: https://www.moviepilot.de/liste/wiedersehen-jp-movies

          Alle, die mit uns eine wiederholte Seherfahrung teilen wollen, posten mir den Link zu ihrem Text als Kommentar unter die Liste, die ich gleich anlegen werde, wo ich dann auch gleich diesen Kommentar einpflegen werde. Alles weitere ist dann… ein Wiedersehen. Schön wieder hier zu sein.

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          • Den mit Abstand schönsten Adventskalender macht dieses Jahr übrigens Kirsten Fuchs auf youtube, wo sie seltene und lange nicht gehörte Texte von sich vorliest. So schnell kann man gute Laune kriegen: https://www.youtube.com/channel/UCl5ORXAPjwDlwoLUCLnxw7A/videos

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            • Stantz zum grün wabernden Geist von Spengler beim Anblick des Autos: "Chewie, we're home..."

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              • Tag zusammen, zwei Lichtlein brennen und ... Moment, es brennt? Löööschen!!!
                *in Panik Kaffee über den Adventskranz schütten und jetzt im Qualm sitzend*

                Für *frenzy_punk<3 gewichtelt: https://www.moviepilot.de/movies/rocco-und-seine-brueder/kritik/2024508

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                • Dies ist ein Wichtelkommentar für frenzy_punk<3 , enthält Spoiler über einen Film, den ihr euch wahrscheinlich sowieso nicht ansehen werdet, weil alt, in s/w und auch noch knapp drei Stunden lang. Außerdem drin: persönliche Befindlichkeiten, intellek… intelli… schlaues Geschwurbel ohne Duden und flache Gags. You’re welcome :)

                  Näheres zur MP Kommentar Wichtelaktion 2019: https://www.moviepilot.de/news/user-kommentar-wichtelaktion-2019-1122862

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                  Mein Sinn stand zwar überhaupt nicht nach Melodram, dennoch habe ich mich Hals- über Kopf in dieses gestürzt. Visconti denn das passieren? Na, weil dieser Kommentar für Gina ist, und da liegt ein italienischer Film schon allein klanglich nahe. Gefilmt vom großen Giuseppe Rotunno, der vor 20 Jahren auf dem Camerimage in Toruń den Preis für sein Lebenswerk bekam, und damals war ich zum ersten Mal hingefahren und hab dort die Chance verpasst den Film im Kino zu sehen. —> Hier bitte den Soundtrack starten: https://youtu.be/-uJFVb6L2hM <— Jetzt, 20 Jahre später kehrte das Festival (und ich ebenso) nach ebenso vielen Jahren im Exil in eben diese Stadt zurück, wo es einst gegründet worden war. Doch kann man nach so langer Zeit überhaupt in eine Heimat zurückkehren, die sich in den Jahren ebenso verändert hat, wie man selbst?

                  Fragen, mit denen man bereits kopfüber in den Motiven des Films steckt, in dem es auch um eine entwurzelte Familie geht. Man war vielleicht arm, aber man hatte immerhin einander, und das bedeutete Halt. Doch auch die italienische Mama wollte von dort immer weg, wie sie gegen Ende des Films verrät, weiß dann aber auch nicht mehr weiter, als es endlich so weit ist, die ökonomischen Sorgen überdecken alles andere. Und hat man es endlich so weit auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben geschafft, dann klebt das Blut schon symbolträchtig an allen in der Familie, dem Türrahmen, der Wohnung. Diese Heimat, von der hier die Rede ist, kriegt man nie zu sehen, was eine brillante ästhetische Entscheidung ist, wie sie heute niemand mehr macht: Heute würde es da eine Rückblende in Farbe und Zeitlupe geben, die uns ein Italien aus der Olivenöl-Werbung zeigt. Direkt kaltgepresst. Hier muss man sich das noch selbst dazu denken, und erst dadurch wird es universell. Man muss sich selbst vorstellen, von Zuhause weg zu gehen, hinaus in die weite Welt oder auch nur die großen Stadt, um Arbeit zu finden, mit der man seine Familie mit durchbringen muss. Wie sehr diese Familie anfangs noch aneinander klebt, sieht man schon in der ersten Szene am Bahnhof, wenn sich selbst der mutigste Sohn von Mama nicht weiter weg wagt (WWW?), als eine Waggonlänge. Dann kommt es zum ersten Boxkampf (oder Schattenboxen), wenn die beiden zukünftigen Schwiegermütter aufeinander treffen und ihre Prioritäten verbal und mit theatralen Gesten untermauert ausfechten. Man gerate ja nicht zwischen zwei sich streitende Mütter! Es braucht die Kraft zweier Familien, die beiden nicht nur wieder in getrennte Ecken, sondern in getrennte Wohnungen auf der Ringbahn Mailands zu führen. Die Verlobung liegt auf Eis und es heißt erstmal Schnee schaufeln - endlich Arbeit! Auf dem Weg dahin wird man im Vorbeilaufen schon Immigrant geschimpft, was eigentlich nur Konkurrenz meint, die im Zweifel bzw. aus der Not heraus noch billiger zu haben ist, als man selbst. Klingt sehr aktuell, nicht wahr? Hier steht den Ertrinkenden halt nur das Kellerfenster bis zum Hals, aber man muss ihn recken, um hinaus zu sehen. Wer nichts hat, weder Arbeit, Geld, Liebe, Familie oder Heimat - was bleibt da noch als Halt? Hass vielleicht, Neid und Rache, aber die richten einen hier zugrunde. Nur dem Jüngsten, Luca stehen am Ende noch alle Wege offen, er kann vielleicht die richtigen Lehren aus dem Versagen seiner Brüder ziehen, ebenso wie wir.

                  Anzuschauen ist das vor allem schön, weil die Bilder, die Kompositionen wunderbar sind. Allein wie sparsam Großaufnahmen in den drei Stunden eingesetzt werden ist eine Wohltat, man erschrickt förmlich, wenn ein Kopf mal bildfüllend wird. Sie werden für eine handvoll Momente reserviert, ansonsten dominieren Bezüge der Personen zueinander im Raum, bei Licht und ordentlich Schatten. Etwa diese tolle späte Kranfahrt, wenn der Boxtrainer wütend in sein Büro geht, dort wie ein wütender Tiger im Käfig im Kreis läuft, sich selbst bemitleidet und Trophäen umwirft, dann mit dem Kollegen draußen diskutiert, um schließlich doch einen Blick über den “Zaun” zu werfen: fantastisch. Oder die, wenn Simone beim Manager in der Wohnung ist, und beide nur als Silhouette erkennbar sind - ehe dann das Cutout-Fernsehbild-Compositing nachhaltig auf sich aufmerksam macht. Was habt ihr denn gedacht, dass es Greenscreens in einer s/w Produktion gibt?!1!11 Hallo?! Oder die Szene auf dem Dach der Milaner Kathedrale? Ganz stark. Nicht zu ertragen ist allerdings die Vergewaltigungsszene, an der gleich drei Menschen zerbrechen. Als wäre die nicht schon schlimm genug und zu lange zu wenig am Opfer interessiert, wird sie durch eine andere spätere Szene unterschwellig auch noch mit Homophobie aufgeladen, dass es einem die Fussnägel aufrollt. Es trifft immer diejenigen am Härtesten, die gesellschaftlich ganz unten stehen, bis alles melodramatisch in einem Gemisch aus Blut und Tränen zu Ende geht.

                  Man könnte jetzt sagen, dass das mit der - durch seinen Tod begünstigten - Abwesenheit des Vaters seinen Anfang nimmt, der außer als wiederkehrendes Portrait auf einem Button über dem Herzen der Mutter getragen, nur insofern eine Rolle spielt, als dass er diese an seine Orgelpfeifen von Söhnen vererbt, die dann der Reihe nach (ihre Vornamen werden dem Alter nach eingeblendet) daran scheitern - jedenfalls in den Augen der Mutter, deren Geldsorgen nie gestillt sind, obwohl es sichtlich aufwärts geht. Einzig dem Ältesten gelang quasi der Liebe wegen die Abkapselung von Zuhause und oder der Mutter, was diese ihm ja wohl nie verzeihen wird, Enkelkind hin oder her. So bleiben viele auf der Strecke, und unterwegs werden reichlich Ohrfeigen verteilt, Backen abwechselnd gewatscht oder geküsst, und da sind die Boxkämpfe noch nicht mal mitgerechnet. Also hat der Film alles, was einen waschechten Klassiker ausmacht, der einem obendrein die Hosen in fünf Minuten bügelt.

                  Und was ist mit der Frage? Kann man je in seine aufgegebene Heimat zurückkehren? Nein. Aber man könnte sich neu in sie verlieben.

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                  Vielen Dank Gina, dass ich dieses mit Schmuckstück bei dir mitgehen lassen durfte. Eine letzte Assoziation fehlt aber noch, denn ich kannte vor Jahren mal eine Gina, die jedesmal die Flucht ergriff, wenn auf einer Party dieses Lied lief: https://youtu.be/7pOr3dBFAeY - was für einige vielleicht an sich schon verständlich sein mag, aber auch die mögen sich jetzt bitte ein Video vorstellen, dass so geschnitten ist, als würde es Simone in der zweiten Hälfte des Films Nadia als Ständchen bringen. Toxic masculinity, right there. Creepy, oder? Eine Renaissance der Backpfeifen wäre da schon mal ein Anfang: lasst der Italienerin in euch öfter freien Lauf, Ladys!

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                  • Lassen sich Traumata, die von einer Generation an die nachfolgenden weitergegeben werden, überwinden? Wenn man diesen Gedanken überhaupt erstmal annimmt und begreift, dann ist die Antwort: ja, natürlich. Das ist das vielleicht wichtigste Thema, das man derzeit aufgreifen könnte, was in diesem Jahr sogar - CG Jung lässt grüßen - dreimal der Fall ist: In STAR WARS kommt die Skywalker-Saga gewohnt oberflächlich zu ihrem Ende, WATCHMEN jongliert virtuos damit und vielen weiteren Geschichts-Schneebällen, und THE AFFAIR macht eben das, was sie schon die vorangegangenen Staffeln ausgezeichnet hat: sie erfindet sich einmal mehr neu, ohne sich zu wiederholen.

                    Trotzdem dieser Echos geht es hier jetzt allein um THE AFFAIR, denn ihr “unique selling point” wird viel zu selten in seiner Zentrifugalkraft gewürdigt, denn es ist gerade die Abwesenheit dieser einen zentralen Erzählperspektive, die sie so herausragend macht. Viele verkennen die Brillanz dieser Serie, weil sie sie gucken, wie jede andere auch. Das mag in der ersten Staffel funktioniert haben, wenn die Rahmenhandlung mit dem ermittelnden Polizisten eine “wahre Perspektive” und damit zuverlässigen Angelpunkt erahnen lässt, doch spätestens ab der zweiten Staffel ist man mit vier einander überschneidenden und oft widersprechenden Perspektiven konfrontiert, ohne jemals wieder die Sicherheit einer “wahren Sicht auf die Dinge” zu erlangen. Was anderswo als Continuity-Fehler angekreidet würde, ist hier nicht mehr als Erinnerung daran, dass wir gerade die selektive, verfälschende Wahrnehmung nur eines Charakters erleben, und damit nur seine bzw. ihre Ansicht und Interpretation der Wirklichkeit. Am deutlichsten wird das bei Helen, die in den Augen anderer (oder ihrer eigenen) jedesmal sehr anders wirkt oder “erscheint”. Nichts kommt unserer eigenen Wahrnehmung näher, als diese Form des Erzählens (die auch z.B. gerade die GAME OF THRONES Buchvorlage auszeichnet). Man wechselt nicht nur die Schuhe, um darin ein paar Meilen zu laufen, obwohl sie drücken und man Blasen kriegt, sondern sieht die Welt ganz sprichwörtlich noch einmal mit anderen Augen. Nur eben, dass all das ein labiles Konstrukt von Realität ist, an dem jede/r anders scheitert. Wer das nicht mitdenkt und fühlt, verpasst mehr als die Hälfte.

                    Der Mut dieser Serie, diesem Konzept jedes Jahr etwas neues abzugewinnen, begeistert mal mehr, und mal weniger. Allein das Risiko einzugehen spricht für Sarah Treem, die Showrunnerin, die obendrein jedes Jahr neue AutorInnen um sich schart, und damit Karrieren startet. IN dieser letzten Staffel wird für meinen Geschmack zwar zu viel geredet, aber das tut dem sich schnell wieder einstellenden Genuss keinen Abbruch. Man muss halt zuhören können, und sich dann Zeit nehmen das Gehörte (und Gesehene, und Gefühlte) zu reflektieren - anders verpasst man halt wieder zu viel. Schade, das viele die nötige Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr mitbringen oder zu investieren bereit sind, drum bleiben wirklich einzigartige, herausragende Serien wie diese auf der Strecke. Aber während andere längst wieder von Unkraut überwuchert sein werden, wird dieser Weg so frisch und gangbar bleiben, dass er auch noch in hundert Jahren jene Wanderer sicher ans Ziel bringen wird, die, wenn sie nur die ersten Schritte wagen, und einen langen Spaziergang nicht scheuen, jede Menge Freud (und Jung) und Leid unterwegs erleben wollen. Als Lohn wartet ein befriedigendes und schönes Serienfinale, wie ich nur wenige erlebt habe.

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                    • *hust* Netflix vertickt sehr wohl physische Medien seiner Eigenproduktionen, jedenfalls jene, bei denen es sich offensichtlich für sie lohnt: STRANGER THINGS, ORANGE IS THE NEW BLACK...

                      Ansonsten sehe ich das mit der Chance in der Spezialisierung von Kinos ebenso, möchte aber ergänzen, dass Disney es da aber den Betreibern schwieriger macht, etwa auf den Katalog von Fox zuzugreifen: https://www.change.org/p/distributors-ask-disney-to-release-older-titles-for-repertory-usage

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                      • Liebes Dashboard, die letzten Wochen waren hier richtig scheiße, der Verlust von Kängufant weder zu kompensieren, noch vergessen (nehmt ihn virtuell bei jeder Gelegenheit in den Arm —> Profilbild) und eine adäquate Reaktion fehlt von Seiten der Redaktion ebenso, wie die Community weiter mit ihrer Trauer ringt. Nein, eine Lösung habe ich auch nicht anzubieten. Aber:

                        Dennoch gibt es mich verhalten hoffnungsvoll stimmende Lebenszeichen aus der Community, etwa die dank *frenzy_punk<3 wiederbelebten Wichtelkommentare, schaut mal rein: https://www.moviepilot.de/news/user-kommentar-wichtelaktion-2019-1122862 - und dank Mekridi habe ich die Liebe zum Musik auf Moviepilot posten wiederentdeckt: https://www.moviepilot.de/liste/meine-top-50-songs-mekridi - beides hat mich dazu veranlasst, mich nach langer Pause wieder an etwas zu versuchen, einem Mix-Tape (ja, ich nenne es immer noch Mixtape, erstens bin ich alt, und zweitens alt genug um tatsächlich noch selbst welche gemacht zu haben) zu Weihnachten, nur in neuer Form (vgl. Listenbeschreibung oben).

                        Kängufant, lieber Andreas, das ist für dich. Und alle die dich vermissen.
                        We remember everything.
                        Always.

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                        • 8
                          • Für den zweiten Advent wäre ich zu haben, wenn sich ein/e Partner/in findet.

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                            • Like ... the definition of style over substance.
                              So boooring!
                              But that style, though ... wow.

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                              • Da alle, die mir spontan eingefallen sind schon auf der Liste stehen, steure ich halt einen Werbespot von Stella Artois bei, der den Anforderungen gerecht wird: https://www.youtube.com/watch?v=tSZES6e8d0w (und es spielt immerhin Zbigniew Zamachowski mit)

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                                • Camerimage 2019 - #10

                                  IF! Verzeihung. Der Anfang ist ein bisschen holprig erzählt, das wäre wahrscheinlich besser - FRESSE, MACH’S DOCH BESSER! - äh, es muss halt ein bisschen Exposition sei - FREMDWÖRTER MACHEN DICH NICHT SCHLAUER, OPA - dann groovt sich der Film langsam ein, mit einem schönen Jazz-Vibe - DAMIEN CHAZELLE STYLE? - mehr so Miles Davis, jedenfalls wenn dann Michael Kenneth Williams seine Performance hinlegt. Allein für die Szenen mit ihm sollte man sich den Film angesehen haben. Wer Chinatown CHINATOWN SPIELT DOCH NICHT IN NEW YORK, DUMMY mochte, der findet hier eine Art Ostküstenvariante davon vor. Nicht ganz so elegant vielleicht, aber fern liegt der Vergleich nicht. Dick Pope hat gezaubert, denn optisch ist der Film ein Genuss. Kleiner Unstimmigkeiten, wie die ästhetisch irritierenden Rückspulmomente HA, HA, VORFÜHRER ANS TELEFON! verzeiht man gerne, weil dafür gibt es ja so wunderbare Sequenzen, wie die Einführung des Antagonisten, dessen Gesicht uns lange clever vorenthalten wird. Edward Norton macht seine Sache gut, Leute mit Ticks zu spielen macht er ja nicht das erste Mal. IF! Entschuldigung. Wen das auf die Dauer nervt, etwa wie in diesem Kommentar, der sollte besser einen Bogen um diesen Film machen. Alle anderen werden an diesem sonst sehr klassischen Werk ihre Freude haben, denn die machen sich zunehmend rar. KLAPPE MARVEL. Das, ich kann das nicht kontrollieren, tut mir leid.

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                                  • Camerimage 2019 - #8

                                    Fängt stark an, wirkt beinahe wie ein Dokumentarfilm, der fließend in eine Romanze, die nicht sein soll übergeht, täuscht dann eine Tragödie an, um schließlich eine märchenhafte Parabel mit einem Hauch Krimi zu werden. Das mag zwar ein bisschen durcheinander sein, aber die starken Bildern von Claire Mathon, die die Fiebrigkeit und Schönheit von Dakar fantastisch einfängt, halten die Teile gut zusammen. Dieser Debütfilm hat zwar sichtliche Schwächen in der Inszenierung, und der Schnitt könnte stellenweise etwas das Tempo anziehen, sehenswert ist er dennoch, denn die Ausbeutungs- und Fluchtthematik einmal so anders erzählt zu bekommen, ist in ihrer Schlichtheit schaurig schön.

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                                    • Camerimage 2019 - #11

                                      John Bailey brachte direkt noch einen Film mit, der ein paar Jahre auf Eis lag. Am letzten richtigen Festivaltag, in der vorletzten Vorstellungen waren vielleicht noch 50 Leute anwesend, aber er eben auch. Der Rest des Festivals ließ sich schon auf der Hawk-Party volllaufen, während im Kino ein kleiner Junge den Mongolen in sich entdeckt. Gerade der Anfang zeichnet sich durch einen wunderbaren Humor bei tiefer Charakterzeichnung aus, der auch in die volle Tragik umschwingen kann, ohne dabei auch nur ansatzweise kitschig zu sein. Das kommt dann leider doch noch im Hauptteil des Films, der etwas zu sehr mäandert und Fässer aufmacht, die man einfach am Wegesrand hätte stehenlassen können. Dennoch ist alles in tollen Bildern eingefangen, die die Mongolei auf dem Nordamerikanischen Kontinent findet. Also bis auf ein paar obligatorische Second-Unit Shots. Die sentimentale Stimmung und pädagogisch wertvolle Auflösung kann man hinnehmen, die Standing Ovations für den sichtlich gerührten Bailey nach der Vorführung waren ohnehin unübertroffen. Näher kann man sich als Filmfan und Filmemacher nicht sein. Um so schöner war es, dass er eben ein Herz für die vergessenen Werke seiner Filmografie hatte, als es um die Zusammenstellung seiner Retro ging, die auch sehr gut ohne TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER auskam. Ein bescheidener, herzenswarmer Handwerker.

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                                      • jp@movies: Film & TV Kamera 17.11.2019, 19:36 Geändert 17.11.2019, 19:46

                                        Camerimage 2019 - #7

                                        Der Andrang war so groß, dass tatsächlich eine zweite Vorführung organisiert wurde. Ich hätte vielleicht auch besser die zweite genommen, als in der dritten Reihe noch mehr Verzerrung des Bildes hinnehmen zu müssen, als ihnen durch die antiken Optiken ohnehin innewohnte. Innewas? Ich wähle so ein selten benutztes Wort, weil es die Dialoge im Film auch tun, die zum Teil 1:1 aus Leuchtturmwärtertagebüchern des 19. Jahrhunderts stammten. Robert Eggers ist halt ein klein wenig besessen, was Details betrifft, und das ist mir nicht ganz unsympathisch. Auch sein Kameramann kreiert den Look lieber gleich in der Kamera, ohne sich auf die Postproduktion zu verlassen. Das birgt auch Risiken (VFX Einstellungen etwa), aber sorgt auch für größere Kontrolle der Datenpipeline. Der Film selber macht Spaß. Kaum am Ort des Geschehens angekommen, beginnt ganz sprichwörtlich der Pissing-Contest der beiden ungleichen Männer. Es wird eher wenig gesprochen, und dann von Willem Dafoe immer wieder mal ganz viel, in Untersicht (multipliziert mit Reihe drei), mit hartem Licht auf den Rauschebart und was will man mehr? Was soll das noch überbieten? Ihn nackt als Zeus posieren zu lassen vielleicht, aber kann man sich dessen sicher sein? Was sieht man hier, was bildet man sich ein? Wer was mit Stummfilmen anfangen kann, der kriegt hier die volle Dröhnung. Also auch auf die Ohren. Das Nebelhorn hallt einem durch den Kopf und hört auch nach dem Film im vergleichsweise moderaten Regen von Toruń nicht auf. Jedenfalls habe ich jetzt direkt Lust mir THE PHANTOM LIGHT von Michael Powell anzuschauen: https://www.youtube.com/watch?v=wVfqTJZi4AU

                                        PS: Muss dringend THE WITCH nachholen. Als nächstes macht er übrigens was mit Wikingern. Kein Scheiß.

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                                        • jp@movies: Film & TV Kamera 17.11.2019, 16:50 Geändert 18.11.2019, 20:18

                                          Und da ist es auch schon wieder vorbei. Hat sich lang angefühlt, war anstrengend, glänzte dann aber doch wieder durch diese großen kleinen Momente, für die man es liebt. “You know how it is, Doyle never shuts up, and Quentin talks even more!” ist eins meiner Lieblingszitate aus diesem Jahr, zu dem ich nicht mehr Kontext geben kann, als dass er gestern fiel, während die beiden zusammen länger mit Edward Norton beim Frühstück saßen, während das Hotel von Autogrammjägern belagert wurde. Das habe ich in der Art bei dem Festival noch nie erlebt und belegt meine Befürchtung, dass man es dieses Jahr mit der Starpower übertrieben hat. Die Jury des Hauptwettbewerbs hat Lawrence Sher (great Interview coming up) für JOKER ausgezeichnet, was handwerklich ebenso wenig überrascht, wie die Wahl der beiden anderen Gewinner. Allen dreien ist gemein, dass sie ihre Ästhetik ganz in den Dienst der Narration stellen, ihr den Vortritt lassen. So viel Fingerspitzengefühl legten nicht unbedingt alle Jurys (hier hat jede Sektion ihre eigene) an den Tag, aber das würde jetzt zu weit führen. Der Neustart an alter Wirkungsstätte ist geglückt, vielversprechend, und doch auch Besorgnis erregend. Eben die ganze Bandbreite, die man hier erwarten konnte.

                                          Hier noch die vollständige Liste der Gewinner: https://camerimage.pl/en/laureaci-energacamerimage-2019/ Den vollständigen Festivalbericht gibt es dann wie gehabt in der Januar/Februar Ausgabe 2020, die Ende des Jahres erscheint. Danke für’s Mitlesen :)

                                          #6 / https://www.moviepilot.de/people/geraldine-orawe/comments/2016426
                                          #7 / https://www.moviepilot.de/movies/der-leuchtturm/kritik/2017751
                                          #8 / https://www.moviepilot.de/movies/atlantique/kritik/2018112
                                          #9 / https://www.moviepilot.de/movies/gareth-jones/kritik/2017552
                                          #10 / https://www.moviepilot.de/movies/motherless-brooklyn/kritik/2018174
                                          #11 / https://www.moviepilot.de/movies/in-der-ferne-zu-hause/kritik/2017758
                                          #12 / https://www.moviepilot.de/movies/once-upon-a-time-in-hollywood/kritik/2017551

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                                          • Camerimage 2019 - #9

                                            Agnieszka Holland inszeniert nahezu auf Autopilot ein wenig bekanntes Kapitel vom Vorabend des zweiten Weltkrieges. Der junge Journalist Gareth Jones reist nach Russland, um Stalin zu interviewen, und will außerdem unbeobachtet im Land recherchieren. Als es ihm dann tatsächlich gelingt, erlebt er hautnah die Hungersnot in der ausgebluteten Ukraine, der Millionen zum Opfer gefallen sind. Die Bilder rund um den Hunger sind eindrücklich, in langen, ruhigen Einstellungen, mit wenigen oder ganz ohne Schnitte, und der Horror wird auf eine Weise greifbar, die einem selbst den Magen zuschnürt. Da ist der Film wirklich bei sich und echtes, großes Kino. Andere Erzählstränge leider weniger, etwa jener, der ihn bzw. seine Arbeit zur Inspirationsquelle von George Orwell werden lässt, klingen auf dem Papier besser, als sie sich in den Film einfügen. Besser gelingt das beim Flirt mit der Kollegin (einmal mehr ganz toll: Vanessa Kirby), dafür verwirrt der Film mit unfassbar unpassenden Highspeed-Montagen - und damit meine ich nicht die Schnittfrequenz, sondern tatsächlich, dass das Filmmaterial chaplinesk schneller läuft. Das fällt ästhetisch dermaßen aus dem Rahmen, dass man sich fragt, was die Regisseurin da geritten hat. Das Konzept den Bildern ausgehend von London via Moskau zur Ukraine nahezu alle Farben zu entziehen, wird gut umgesetzt, ist aber auch ein bisschen platt. Unterm Strich bleibt dennoch ein Film, der insofern relevanter nicht sein könnte, weil er sich um das rechtzeitige Erkennen von Vorzeichen einer sich ankündigenden Katastrophe dreht, die Rolle und Macht der Medien dabei beleuchtet, sowie die Erkenntnis, dass kulturelle Werke am Ende den längeren Atem haben, als hasenfüßige Politik, die Konflikte ebenso scheut, wie den Kampf um Menschenrechte. Ob wir was draus lernen, liegt natürlich wieder an uns selbst, und es sieht einmal mehr schlecht für uns aus.

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                                            • jp@movies: Film & TV Kamera 17.11.2019, 01:55 Geändert 17.11.2019, 18:13

                                              Camerimage 2019 - #12

                                              Lehne ich mich zu sehr aus dem Fenster, wenn ich vorhersage, dass Tarantinos zehnter und letzter Film aus viereinhalb Stunden Großaufnahmen nackter Frauenfüße bestehen wird, die jemanden zum Sound ausgegrabener Oldies blutig treten? Da kommt einfach nichts neues mehr. Früher hat er gut geklaut, frisch remixed und heiß serviert, jetzt recycelt er nur noch sich selbst, was so aussieht wie das Hundefutter aus der Dose (ich hätte Pitt aber noch ne Stunde länger dabei zugeguckt, wie er Dosen aufmacht und den Inhalt in den Napf plumpsen lässt). Immerhin behält er damit zumindest in Bezug auf sich selbst Recht, was die Qualität von so manchem Alterswerk angeht. Auf der Bühne legte er vor dem Film eine Rampensauerei hin, die man inzwischen sicher schon auf youtube finden kann, während sich sein Kameramann offenbar kurz vor der Preisverleihung eine der LSD-Zigaretten reingezogen hat, die drei Stunden später aber so richtig gezündet haben. Meine Fresse, war der breit. Ich hab mich lange nicht so vor Fremdscham gewunden. Alte Männer, die sich wie Teenager gebaren, sind einfach ein bemitleidenswerter Anblick. Nun ja, Quentin wird in Kürze Vater, das könnte dann tatsächlich noch einmal spannend werden - und in der vorangegangenen Nacht sind wohl in Toruń knapp 40 Seiten Drehbuch entstanden (also schätzungsweise 50 Minuten Film bzw. 2 Dialogszenen). Will er auf irgendetwas hinaus, außer mit coolen Songs in alten Autos durch die Gegend zu fahren? Finde ich ja legitim, aber wenn die Luft raus ist, weil man sich selbst sabotiert hat, dann kann man gefälligst auch selbst den Reifen wechseln, und muss deswegen nicht gleich die Kavallerie rufen. Oder sich selbst im Kino bewundern. Merk ihr was? Wiederkäuen dauert einfach länger, als etwas in einem Rutsch zu verdauen. Vier mal der gleiche Gag mit der eingeblendeten Uhr im Kontrast zur vagen Zeitangabe des Voiceovers in drei Minuten? Ernsthaft? Die Szene auf der Ranch war wenigstes in Ansätzen spannend, weil einmal die Örtlichkeit wunderbar zur Geltung kam, und man spürte, dass da niemand mehr sagt, was er denkt. Aber ehe ich es mir noch schlimmer mit meiner halben Freundesliste verscherze, lobe ich lieber nochmal Brad Pitt, der jetzt endgültig Steve McQueen Level erreicht hat. Eigentlich hätte man ihn in GESPRENGTE KETTEN kopieren können. Wait, what? Die haben was… und ich dachte, ich hätte wenigstens das schon erfolgreich verdrängt.

                                              PS: Ich poste das absichtlich jetzt gleich, weil so mitten in der Nacht sieht es ja vielleicht keiner, und ich komme ungeschoren davon.

                                              PPS: Einmal mehr bestätigt sich der Verdacht, dass Quentin seine Materialfülle ohne Sally Menke am Schnittplatz einfach nicht gebändingt bekommt. Gefilmt ist alles nach wie vor toll, aber ohne sie ufert es aus, und ich verliere unterwegs komplett das Interesse.

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                                              • jp@movies: Film & TV Kamera 15.11.2019, 08:08 Geändert 15.11.2019, 08:09

                                                Nur kurz was zur Kamera, weil ich da beruflich drüber schreibe, ansonsten halte ich es mit der spannenden Einsicht und Erfahrung von GierigeEnte im Kommentar weiter unten, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Seine Meinung ändern zu können, weil man etwas gelernt/erfahren hat, ist der Goldstandard.

                                                Also: Je mehr Begriffe man kennt, desto mehr sieht man. Wahrgenommen habt ihr es auch schon vorher, benennen kann man es nur, wenn man weiß, dass es auch einen Namen dafür gibt. Oder um es mit Ludwig Wittgenstein zu sagen: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Zwischen scharf und unscharf kann wohl noch jeder unterscheiden, bei Schärfentiefe hört es wahrscheinlich schon auf. Stativ und Handkamera lassen sich ebenfalls leicht voneinander unterscheiden, auch wenn da der Schein trügen kann. Objektiv (pun intended) lässt sich vieles beurteilen, indem man nachfragt - drum mache ich ja Interviews :) Die Frage nach Brennweiten und Herstellern ist dabei zwar Standard, aber auch die uninteressanteste. Beim Warum wird es spannend, da geht es dann um Prozesse, subjektiven Geschmack und wie man ihn erzielt. Klingt lecker, und hat auch sonst viel mit Küche und Kochen gemeinsam. Filmemachen ist halt ein Hexenkessel.

                                                Es gibt so viele Herangehensweisen an einen Film, wie es Kameraleute gibt, das kann in die Hose gehen, oder es findet sich ein Team, das für einander geschaffen ist, weil es intuitiv auf einer ähnlichen Wellenlänge arbeitet. Nehmt etwa Todd Philipps und Lawrence Sher. Letzteren habe ich diese Woche gesprochen, und er hat übrigens die Analyse von Jenny hier ( https://www.moviepilot.de/news/joker-im-kino-was-den-dc-film-antreibt-haben-die-hangover-filme-vorgemacht-1121616 ) zu 100% bestätigt. Cool, oder? Und weil es so schön ist, lasst euch doch von ihm gleich ein paar Begriffe aus dem Kameradepartment erklären, und ihr werdet mehr in dem erkennen, was ihr objektiv eigentlich schon längst gesehen habt: https://www.youtube.com/watch?v=th9pG9Q6Kuo Wer davon angefixt ist, kann dann bei Steve Yedlin so richtig nerdig werden, bis einem der Kopf raucht - science, bitches: http://www.yedlin.net/

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                                                • Camerimage 2019 - #6 - MARIETTE IN ECSTASY (1996)

                                                  Alter Falter, jetzt aber doch eine faustdicke Überraschung, die Weltpremiere eines Films, der aufgrund einer Studiopleite nie die Lichtspielhäuser erblickte: die zweite Regiearbeit von John Bailey, gefilmt von Paul Sarossy, der am Set seine zukünftige Ehefrau (und hier Hauptdarstellerin) Geraldine O'Rawe kennenlernte. Alle drei waren nach dem Film da. Worum es geht? Um die Jahrhundertwende geht eine junge Frau freiwillig ins Kloster, und … nun ja, das war’s schon. Rutger Hauer spielt einen katholischen Pfarrer, ist dabei aber so zahm, wie man ihn vielleicht noch nie gesehen hat. Überhaupt ist das Ensemble fantastisch besetzt, und die Einstellungen sind wie gemalt, obwohl die Abtastung des DCPs nur suboptimal war. Was für eine Perle von Film, nahezu auf der Höhe mit BLACK NARCISSUS, nur mit einem anderen Twist, der den Glauben der Nonnen auf die Probe stellt, und nicht die Novizin. Allein das ist schon mal eine gelungene Variante, aber auch sonst weiß er zu überzeugen.

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                                                  • Der leere Schreibtisch von Kängufant - DEN nenn' ich ein Bild aus der Hölle!

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