Snowfall - John Singletons Kokain-Drama im Pilot-Check

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moviepilot Team
Pfizze Sven Pfizenmaier
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25 Jahre ist es her, seitdem John Singleton für Boyz n the Hood nicht nur als jüngster Kandidat aller Zeiten für den Oscar als Bester Regisseur nominiert wurde, sondern auch als erster Afro-Amerikaner. Die Themen, die ihn damals beschäftigten - (staatliche) Gewalt, Drogen und daraus resultierende Probleme innerhalb von Familien in überwiegend afro-amerikanischen Ghettos - haben ihn nie so ganz losgelassen, doch niemals hat er sich ihnen wieder so sehr genähert, wie er es als Co-Schöpfer mit Snowfall tun möchte. Die Ambitionen sind seit 1991 exponentiell gewachsen: Bewegt sich Boyz n the Hood bei der Sezierung der fast schon systematischen Zerrüttung der Nachbarschaften durch Drogenabhängigkeit und Waffenhandel primär in intimen Freundes- und Familienkreisen, dreht Snowfall die Uhr noch ein paar Jahre zurück und nimmt sich den Ursprung der verheerenden Crack-/Kokain-Epidemie an. Der Ort bleibt der selbe, denn kaum eine andere Region in den USA litt so stark unter der Drogenflut wie South Central, Los Angeles.

Nun ist das Thema nicht gerade unerforschtes Gebiet. In einer Welt, in der es The Wire gibt, haben vor allem Fernsehserien es schwer, dem Panorama des Drogenhandels noch neue Facetten abzugewinnen. Der Vergleich ist natürlich unfair, aber er lässt sich kaum vermeiden, vor allem, weil der Pilot versucht, eine ähnlich breit angelegtes Spektrum abzuarbeiten. Und genau da fangen die Probleme von Snowfall an: Drei Handlungsstränge sollen hier zu einem großen Ganzen zusammengelegt werden. Im Zentrum steht Franklin (Damson Idris), ein gebildeter, junger Afro-Amerikaner, der im Kokain die große Chance wittert, nicht mehr auf seinen Gras-tickenden Onkel angewiesen sein zu müssen. Zwei bislang sekundäre Plots drehen sich um den ehemaligen Wrestler und angehendes Kartell-Mitglied Gustavo Zapata (Sergio Peris-Mencheta) und den in Unwürde gefallenen CIA-Agenten Teddy McDonald (Carter Hudson), der einem von der CIA unterstütztem Kokain-Komplott auf der Spur ist.

Vor allem die Nebenhandlungen machen nicht den Eindruck, als könnten Snowfall ihrer Last auf Dauer standhalten. Die Geschichte um Zapata ist voll mit uninteressanten, schablonenhaften Charakteren, profitiert aber von der noch nicht eindeutig definierten Position ihres Protagonisten, dem mit seiner müden Kaputtheit eine gewisse Anziehung nicht abzusprechen ist. Snowfall möchte prinzipiell viel zu schnell viel zu viel haben: Anstatt die an sich vielversprechenden Charaktere nach und nach auszumalen, werden ihre Konflikte Schlag auf Schlag abgearbeitet. Besonders schmerzhaft gestaltet sich das im Café-Gespräch zwischen McDonald und dem Drogenhändler, bei dem sein ehemaliger Partner gestorben ist. In wenigen Momenten werden hier US-Entscheidungen im Kalten Krieg abgefrühstückt, inklusive von der CIA ausgeführte Subventionen rechter militanter Bewegungen in Nicaragua, um linke Strömungen zu bekämpfen. Und weil das noch nicht reicht, wird das zu genüge durchgenudelte Bild des Gangsters mit herzensguten Intentionen gleich mit etabliert: Wenn der Kokainhandel nicht läuft, dann sterben seine Leute im Dschungel an Hunger und Krankheiten.

Es sind Entscheidungen wie diese, die den Snowfall-Piloten zu einem sehr durchwachsenen Start machen. Der Druck der Autoren, auf dem umkämpften Serienmarkt von der ersten Minute an fesseln zu wollen, ist in jeder Szene zu spüren. Zwischentöne bleiben gänzlich auf der Strecke, um im Schnelldurchlauf ein Handlungselement nach dem nächsten einzuführen. Seinen fragwürdigen Höhepunkt findet das Treiben am Ende der Episode. Als wären der versehentlich zum Mörder gewordene Wrestler, die kokshandelnde CIA und ein netter junger Mann von nebenan, der mir nichts dir nichts von einem israelischen Gangsterboss Koks erwirbt, um es innerhalb eines Tages in Bilderbuch-Abgebrühtheit für 16 Tausend Dollar weiterzureichen, nicht genug, wird schnell noch denkbar grobschlächtig geklärt ("Go baby, get out, talk to your daddy"), dass Franklin ein kaputtes Verhältnis zu seinem Vater hat. Währenddessen steht ein Autor auf und schreit Bingo: Jetzt haben wir wirklich alles vollgemacht. Und das in unter einer Stunde.

Das ist auch deshalb schade, weil Franklins Story an sich gut funktioniert. So gut, dass man sich wünscht, Snowfall würde sich alleine darauf konzentrieren und den ganzen anderen Kram weglassen. Sie funktioniert vor allem dank des überragenden Damson Idris so gut. Er verleiht Franklin eine zurückgehaltene Verletzlichkeit, die in der Umgebung des gewaltbereiten South Central von Anfang an zu einem faszinierenden Charakter macht, gerade weil er sich doch bis zu einem gewissen Grad auf seine kriminelle Sozialisation einlassen will oder gar muss. Sein Schauspiel kann selbst Szenen wie den Kontakt zum Gangsterboss Avi (Alon Aboutboul) tragen, und das obwohl Avi selbst nicht einmal eine Karikatur ist, sondern nur all das, was im Gangsterkino seit Jahren rauf und runter gespult wird, und der Ablauf der Szene mit all den Schema F-Wendungen eigentlich nur zum Augenrollen ist. Dieses Potential wird Snowfall jedoch sehr wahrscheinlich nicht nutzen, dafür wurden die Ziele jetzt schon zu klar abgesteckt.

Besonders vielversprechend ist das alles somit nicht, es bleibt aber die Hoffnung, dass Snowfall die für einen Piloten nicht unüblichen Schwierigkeiten überwindet und in Zukunft zwei Gänge runterschaltet. Das Setting konnten die Regisseure Adil El Arbi und Bilall Fallah zumindest gekonnt inszenieren. Ihrem sonnigen Los Angeles merken wir an, dass die Crack-Epidemie noch in den Kinderschuhen steckt, in den besten Momenten porträtieren sie hier die Ruhe vor dem Sturm, die sich im CIA-Dunstkreis und den Umständen des Kalten Krieges bereits andeutet, bei den reichen weißen Kids und selbst in South Central aber noch nicht so ganz angekommen ist: Bei den bedeutet Kokain unbekümmerten Spaß in der Sonne, bei den anderen so viele Probleme, dass es den Aufwand nicht wert ist. Sogar Franklins Onkel lässt seine Finger davon, zu groß ist die Angst, in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten. Schwierigkeiten, denen auch er sehr wahrscheinlich nicht entkommen wird.

“Money ain’t nothing but the paper with them cracker’s faces on it.”

Notizen am Rande:

- Woran es Snowfall auf jeden Fall nicht mangelt, ist ein astreiner Soundtrack von Run DMC über Donny Hathaway bis Nina Simone. Hier findet ihr die Gesamtübersicht der verwendeten Songs.

- In der Realität würde wohl nur ein Vollidiot sein Koks wie die gut betuchten College-Teens ziehen; am Rande eines Pools, in den permanent Leute springen. Vielleicht ist das aber auch eine bewusste Gegenüberstellung: Während der für vermutlich drei Leute tödlich geendeten Viererparty hatte das Koks einen sicheren Abstand zum Wasser.

- Michael Hyatt, die Franklins Mutter Cissy spielt, hat bereits in True Detective gezeigt, dass sie eine begnadete Schauspielerin ist. Hoffentlich wird hier noch mehr aus ihrer Figur rausgeholt.

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