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Amadeus - Ein wahnsinniger Blick in die Abgründe der Menschlichkeit

Amadeus - Trailer (Englisch)
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© Warner Bros.
Amadeus (1984)
14.04.2018 - 11:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Mein heutiges Herz für Klassiker verleihe ich der in meinen Augen ultimativen Musiker-Biographie: Amadeus (1984) von Regisseur Milos Forman.

Update, 14.04.2018: Zum Tode von Amadeus-Regisseur Miloš Forman haben wir dieses Herz für Klassiker vom 27.03.2018 noch einmal hervorgeholt.

"Mozart! Mozart!", schallt es in der allerersten Einstellung von Milos Formans Amadeus durch die verschneite Wiener Nacht des Jahres 1823. 32 Jahre zuvor hatte eben dieser Mozart (Tom Hulce) seinen letzten Atemzug getan, doch sein großer Schatten liegt schwer wie die winterliche Nacht über der Szenerie: Es ist der stark gealterte Komponist Antonio Salieri (F. Murray Abraham), der mit seinen flehenden Schreien um Vergebung bittet und gesteht: "Ich habe dich getötet." Geplagt von den Dämonen seiner Vergangenheit ist er endgültig dem Wahnsinn verfallen. Einem Wahnsinn, der sein Leben prägte, seit er viele Jahre zuvor das Genie Wolfgang Amadeus Mozarts kennenlernte. Einem Wahnsinn, entstanden aus Missgunst und Neid, aus egozentrischem Absolutheitsanspruch und dem gleichzeitigen Wissen über die eigene Mittelmäßigkeit. Einem Wahnsinn, der Antonio Salieri in die Abgründe der Menschlichkeit schauen ließ und ihn schlussendlich in den versuchten Selbstmord und ins Irrenhaus trieb.

Neben einigen weiteren Gründen, die ich später noch anschneiden werde, ist es eben diese Darstellung des menschlichen Verfalls, von Regisseur Milos Forman (Einer flog über das Kuckucksnest) meisterhaft in einen reich verzierten, rund 180-minütigen Rahmen gefasst, wegen der ich Amadeus von 1984 dieses Herz für Klassiker widmen möchte.

Antonio Salieri (F. Murray Abraham) beäugt heimlich Mozarts neueste Komposition

Vor Jim, Jimi und Janis kam Wolfgang Amadeus

Vielmehr als von der inneren Degeneration des perfektionistischen Hofkomponisten Antonio Salieri, welcher als Hintergrund der Geschichte dient, zeichnet Milos Forman in seiner opulenten Leinwand-Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Peter Shaffer ein generelles Bild von Wahn und Selbstzerstörung, das bis heute Bestand hat und beinahe als Blaupause für den Lebensweg so vieler Ikonen der Kunst und den Menschen in ihrer Umgebung gedeutet werden kann: Sich seines eigenen, grenzenlosen Genies bewusst, zerbricht auch der zunächst so fidele und schelmische "Wolfi" Mozart an dem Druck, den er von Familie, Öffentlichkeit und vor allem sich selbst auferlegt bekommt. Als erster Rockstar der Geschichte verliert er den Kampf gegen das grelle Rampenlicht, in das ihn sein gottgegebenes Talent drängt und gibt sich dem Eskapismus durch Alkohol, Gelage und Frauen hin. Doch auch diejenigen in seinem Schatten, exemplarisch dargestellt von Salieri, leiden. Beide Fraktionen werden auch durch den Einfluss der jeweils anderen in modrige Abgründe getrieben, wo sie einsam und verloren auf ihr unumgängliches Schicksal warten.

Das wilde Leben des Wolfgang Amadeus Mozart

Die 1985 gleich mit acht Oscars ausgezeichnete Theaterstück-Verfilmung ist damit keine biographische Erzählung über Wolfgang Amadeus Mozart, genauso wenig wie sie ein Porträt klassischer Musik ist. Amadeus ist eine bittere Metapher für die Schwierigkeiten eines öffentlichen Lebens, die zwar vor beinahe 250 Jahren angesiedelt ist, aber dennoch über eine eindrucksvoll zeitlose Aktualität verfügt.

Das Herzstück: F. Murray Abraham und Tom Hulce

Wenn die Geschichte um Salieri und Mozart, die beide ihrem eigenen Wahn zum Opfer fallen, die Seele von Amadeus ist, dann bilden die Hauptdarsteller F. Murray Abraham und Tom Hulce das absolute Herzstück. Es ist daher keine Überraschung, dass beide bei der Oscarverleihung 1985 ins Rennen um den Besten Hauptdarsteller gingen - aus dem F. Murray Abraham schließlich als Sieger hervorging. Seine Darstellung des vornehmen, stets akkuraten Komponisten besticht vor allem durch den gelungenen Spagat zwischen staunender Bewunderung ob Mozarts Talent, die ihn unter anderem dazu zwingt, in heimlicher Ehrfurcht jedes neue Konzert seines Konkurrenten zu besuchen, und dem gleichzeitigen, rasenden Hass, der sich in ausgeklügelten Mordplänen niederschlägt.

Die Beziehung zwischen den Komponisten kulminiert in dieser Szene auf Mozarts Totenbett:

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Und während F. Murray Abraham so den Grimm persönlich auf die Leinwand bringt, sorgt die schelmisch-überdrehte Mozart-Interpretation von Tom Hulce für viele amüsierte Lacher - und später im Film für mitleidiges Entsetzen aufgrund der offensichtlichen und größtenteils selbstverschuldeten Degeneration eines musikalischen Genies. Wo sein hysterisches Lachen und Kichern zu Beginn des Films noch als Zeichen jugendlicher Ausgelassenheit und Lebensfreude dient, mutiert es im späteren Verlauf zum unangenehm-schrillen Indiz für den bröckelnden Geisteszustand eines Mannes im ständigen Delirium.

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Das klassische Wien als opereske Szenerie

Kleider machen Leute, Szenerien machen Filme: Ohne die oscarprämierte, authentische Kulisse des klassischen Wiens wäre Amadeus wohl nicht halb so eindrucksvoll. Vor allem die Konzertszenen, die vor Statisten in prunkvollen Kostümen nur so wimmeln, entführen uns Zuschauer ins 18. Jahrhundert und machen das manische Genie der Titelfigur spürbar, wenn diese sich in einen regelrechten Rausch dirigiert. Die ebenfalls oscarprämierten Kostüme dienen zudem stark der Charakterisierung Mozarts: Legt er am Anfang noch höchsten Wert auf elegante und ausgefallene Perücken und Gewänder, sieht man ihn gegen Ende beinahe nur noch in derselben, schlichten und immer ranziger ausschauenden Kleidung, während auch sein verfetteter Wuschelkopf kaum noch von vornehmen Haartrachten geschmückt wird.

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Mozarts Verfall zeichnet sich also auch an seinem Äußeren deutlich ab. Anders ist es bei Antonio Salieri: Nie vernachlässigt er sein Äußeres, selbst im Irrenhaus kleidet er sich noch schick. Im Gegensatz zu seinem chaotischen Konkurrenten, dessen Strahlkraft von seinem Talent herrührt, versucht Salieri sich durch sein Verhalten und Auftreten zu profilieren.

Amadeus: Die ultimative Musiker-Biographie

Die in den obigen Absätzen aufgeführten Eigenschaften sind für mich die Gründe dafür, dass Amadeus die ultimative Musiker-Biographie darstellt. Natürlich gibt es noch viele weitere, die ich ebenfalls sehr schätze: The Doors, Walk the Line, Ray, Control oder Love & Mercy - um nur einige zu nennen. Allerdings bringt Milos Forman in seinem Klassik-Epos den inneren Kern eines jeden dieser Filme auf den Punkt: Die Problematik eines öffentlichen Lebens und welchen Wahnsinn ein solches auslösen kann. Dabei stellt er nicht einzig und allein die Titelfigur in den Mittelpunkt, sondern betrachtet ebenso gefühlvoll und eindringlich die Drangsal der Menschen im Schatten der mit Genialität gesegneten/verfluchten Lichtgestalt. All das vor einer authentischen und audiovisuell prächtigen Szenerie. Der Wahnsinn lebt in Amadeus. Und Amadeus lebt durch den Wahnsinn.

Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Sterbebett

Was ist eure liebste Musiker-Biographie?

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