Night Is Short, Walk on Girl - Das Studentenleben ist rosarot

Anime-Serien im Kino - Mein viel zu kurzer und völlig verrückter Abend

Das Mädchen mit den schwarzen Haaren
© KAZÉ
Das Mädchen mit den schwarzen Haaren
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Vergangene Woche Dienstag gingen die KAZÉ Anime Nights wieder in eine neue Runde, diesmal mit dem recht eigenwilligen Night Is Short, Walk on Girl. Wie bereits sein Quasi-Vorgänger Lu Over the Wall, beide Filme stammen von Devilman Crybaby-Regisseur Masaaki Yuasa, oder auch die französisch-japanische Koproduktion Mutafukaz kann sich übrigens ebenfalls die abenteuerliche Reise unserer jungen Heldin durch eine Nacht der etwas anderen Art Hoffnungen auf eine Nominierung bei den kommenden Oscars machen. Doch nun stürzen wir uns gemeinsam mit unserer Protagonistin in eine viel zu kurze Nacht.

In Night Is Short, Walk On Girl treffen eindimensionale Hauptcharaktere auf eine ausbaufähige Geschichte

Folgende Situation haben sicherlich viele von uns schon erlebt: Gemeinsam mit Freunden streifen wir durch die Nacht, erkunden die Gegend und genießen schlicht das Leben. Wenn sich dann die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg am Firmament bahnen und das Dunkel vertreiben, wird allen Beteiligten klar: Die Nacht war mal wieder viel zu kurz. So beginnt ebenfalls die Geschichte unserer namenlosen Protagonistin, die von allen eigentlich nur das Mädchen mit den schwarzen Haaren genannt wird. Sie lässt sich durch die Nacht treiben, trifft allerlei illustre Gestalten, trinkt wie ein Ochse und läuft dennoch unbeirrt immer weiter, ihrem unbestimmten Ziel entgegen. Immer wieder kreuzt sich ihr Pfad übrigens mit, Senpai, einem ihrer Kommilitonen, der das Herz unserer Heldin erobern möchte, indem er allerlei verrückte Zufälle herbeiführt.

Im Kern erzählt Night Is Short, Walk on Girl eine klassische Liebesgeschichte, wie wir sie bereits in vielen anderen Filmen gesehen haben. Die Story an sich ist zwar in Ordnung, wird jedoch vermutlich niemanden vom Hocker reißen. Selbiges gilt für unsere beiden Hauptcharaktere, die nicht sonderlich gut ausgearbeitet sind und somit einiges an Tiefe vermissen lassen. Dies ist vor allem deshalb schade, da sich durchaus einige wirklich schöne Ansätze hierbei erkennen lassen, doch das vorhandene Potenzial wird nie gänzlich genutzt. Allzu viel Zeit, um mir wirklich den Kopf darüber zu zerbrechen, hatte ich im Kino jedoch eigentlich nicht, denn die Geschichte wird mit einem äußerst hohen Tempo erzählt und schmeißt uns zusammen mit unserer Heldin immer wieder in neue Situationen, von denen eine verrückter ist als die vorherige.

Night Is Short, Walk on Girl begeistert mit Musical-Szenen und einem einzigartigen Stil

Wer die eingangs erwähnten Devilman Crybaby und/oder Lu Over the Wall gesehen haben sollte, kann sich ungefähr vorstellen, was für ein Zeichen- sowie Animationsstil ihn bei Night Is Short, Walk on Girl erwartet. Der Anime entwickelte auf mich vor allem Dank seiner surrealen, traumhaften Bilder schnell eine ungeheure Sogwirkung, die mich mitten ins Geschehen hinein sogen. In manchen Szenen scheinen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion gänzlich überwunden zu werden, weshalb zwischenzeitlich nicht immer ganz klar ist, ob wir uns gerade in einem Traum oder noch in der Wirklichkeit befinden. Dies mündet in hektischen, verspielten sowie farbenfrohen Explosionen, die einem Fiebertraum entsprungen zu sein scheinen. Auf der großen Leinwand konnten diese Momente ihre ganze Wirkung entfalten und machten diesen Anime Dank seines dynamischen und lebendigen Stils zu einem visuell wahrlich traumhaften Erlebnis.

Just schrieb ich, Night Is Short, Walk on Girl sei eine Liebesgeschichte, doch der Film lässt sich noch einem weiteren Genre zuordnen: dem Musical. Auf ihrer Reise durch die Nacht begegnen unserer jungen Heldin diverse illustre Gestalten, beispielsweise Don Unterhose, welcher die Liebe seines Lebens sucht, die er vor einem Jahr zufällig getroffen hat. Um sie wiederzusehen, führt er für sie ein Stück auf, welches an wechselnden Locations auf einem Uni-Campus aufgeführt wird. Dies ist zwar teils ziemlich bizarr, doch stets sympathisch und liebenswürdig, zumal die Gesangseinlagen dabei die auditiven Highlights des Films sind, in denen die japanischen Original-Sprecher zeigen können, was in ihnen steckt. Von einigen Melodien ließ ich mich dabei übrigens genauso gerne mitreißen wie einige andere Leute im Saal. Darüber hinaus machen auch die deutschen Sprecher einen tollen Job und passen hervorragend auf ihre jeweiligen Charaktere.

Night Is Short, Fall in Love Girl

Obgleich gerade unsere Heldin ohne merkliche Charaktertiefe daherkommt, so sticht sie doch besonders aus der Masse der Figuren heraus. Sie ist eine wahre Frohnatur, die ich wegen ihrer positiven Weltsicht schnell ins Herz geschlossen haben. Witziges Detail: Ihre Uhr tickt während der Titel gebenden Nacht langsamer als jene ihrer Mitmenschen. Sie hat alle Zeit der Welt, lässt sich durch die Nacht treiben und will jeden einzelnen Moment des Lebens vollends genießen und erfährt am Ende sogar selbst die Liebe. Diese positiven Gedanken übertragen sich auf ihre Mitmenschen, die dies aufgrund ihrer zynischen Sicht aufs Leben bitter nötig haben. Darüber hinaus fand ich es wirklich toll, wie der Film an diversen Punkten seiner Handlung, unter anderem einem herrlich verrückten Bücherflohmarkt, verdeutlicht, dass wir alle miteinander verbunden sind, dass alles miteinander verbunden ist. Wir sind keine isolierten Inseln, sondern stets in Kontakt mit unserer Umwelt sowie den Menschen um uns herum. Eine wirklich sehr schöne Botschaft.

Night Is Short, Walk on Girl gehört zweifelsohne zu meinen eigenwilligsten wie gleichsam spannendsten Kinoerfahrungen des Jahres. Trotz einiger unübersehbarer Schwächen entfaltet dieser Anime eine ganz eigene Faszination, derer ich mich nicht erwehren konnte. Jeder von uns hat vermutlich bereits, wenn er mit guten Freunden die Nacht zum Tage gemacht hat, in den frühen Morgenstunden die eine oder andere zweifelhafte Entscheidung getroffen. Night Is Short, Walk on Girl erscheint wie eine Hymne auf eben jene unglücklichen Entscheidungen; es scheint, als wolle dieser Anime genau diesen schelmischen, sorglosen Entscheidungen ein Denkmal setzen und das gelingt auf eine wirklich wundervolle Art und Weise. Die Nacht war am Ende tatsächlich wieder einmal viel zu kurz und obwohl sie zwischenzeitlich echt anstrengend war, war sie den Hangover am nächsten Morgen definitiv wert.

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