Body-Horror - Von grauenhaften Verformungen des Körpers

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© 20th Century Fox
Die Fliege
17.10.2018 - 07:30 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Der Body-Horror zeigt uns Dinge, die zutiefst verstören, weil sie unseren eigenen Körper betreffen. Doch was zeichnet den biologischen Horror aus? Wir werfen einen genaueren Blick auf die grauenhaften Verformungen des Körpers.

Der Horrorfilm als Projektionsfläche unserer Ängste bietet genügend Anhaltspunkte, um auch unsere verborgenen Fantasien wahr werden zu lassen. Der Body-Horror - oder auch Biological Horror genannt - bietet dabei einen ganz besonderen Zugang, denn plötzlich befindet sich unser eigener Körper im Mittelpunkt des Geschehens. Die fleischliche Hülle, die gerade im Kino immer wieder Gegenstand einer observierenden bis obsessiven Kamera ist, zerlegt der Body-Horror in ihre Einzelteile, sprengt sie förmlich auf. In einer Welt, die sich weiter entwickelt und immer schneller dreht, verformt sich plötzlich auch unsere eigene vertraute Haut. Der Mensch entfremdet sich völlig von sich selbst, obwohl er missverständlicherweise vom Streben befeuert wird, sich selbst mehr zu entdecken. Dadurch wird der Body-Horror-Film auch zum Zeugnis schicksalhafter Konsequenzen. Im Rahmen unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 werfen wir einen näheren Blick auf diesen Horror des Körpers.

Wenn sich der Körper verformt, herrschen Angst und Schrecken

Bevor wir tiefer eintauchen, in die Abgründe der Transformation, gilt es, einen Blick zu den Wurzeln des Body-Horrors zu werfen. Obgleich die visuellen Darstellungsmöglichkeiten von Filmen, Bildern und Videospielen prädestiniert sind, sich in den Schlund der Verwandlung zu begeben, finden sich die Ursprünge der Gattung in der Schauerliteratur, etwa wenn Mary Shelley im frühen 19. Jahrhundert die Erschaffung von Frankensteins Monster beschreibt. Im Kino breitet sich der Body-Horror als Subgenre des Horrorfilms in den späten 1950er-Jahren aus. Zwei wegweisende Filme in dieser Hinsicht wären Blob, Schrecken ohne Namen und Die Fliege, die beide 1958 erschienen sind. Letztgenannter wurde später von David Cronenberg wieder aufgegriffen, der mit seinem gleichnamigen Remake einen der prägendsten und bis heute populärsten Body-Horror-Filme inszenierte.

Die Fliege (1958)

David Cronenberg, der schon mit seinem Kinodebüt Shivers sowie den später folgenden Rabid und Videodrome zur Schlüsselfigur des Body-Horror-Kinos aufstieg, bewies in seinen frühen Filmen ebenfalls, wie sich das Grauen durch Transformation als dramaturgisches Inszenierungsmittel unabhängig von Genres verwenden lässt. Ein Drama kann genauso wie ein Science-Fiction-Film von einer grafisch sowie auf psychologischer Ebene verstörenden Szene Gebrauch machen, die sich mit der Verformung des - zumeist - menschlichen Körpers beschäftigt. Radikal, unumkehrbar und für gewöhnlich mit destruktiven Folgen verändert das Body-Horror-Kino die auf der Leinwand gezeigten Körper. Selbst wenn sich die betroffenen Figuren etwas anderes versprochen haben, werden sie im Verlauf der Handlung von der Kompromisslosigkeit ihrer Veränderung eingeholt.

Der Body-Horror fasziniert uns genauso, wie er uns verschreckt

Ähnlich wie beim Giallo die Ausführung der Morde zelebriert wird, schöpft der Body-Horror das gesamte Potenzial schockierender Bilder aus, die aus klassischen Metamorphosen, Mutationen, Verstümmelungen, Deformationen, Krankheiten oder unnatürlichen Bewegungen resultieren. Dazu kommen gescheiterte Experimente, extravaganter Sex oder parasitärer Befall als Auslöser für den Ekel, der zur Attraktion stilisiert wird und fraglos in seinen (abschreckenden) Bann zieht. Explizit beugt sich die Kamera über das Abnormale, sodass wir Zuschauer jedes abstoßende bis faszinierende Detail wahrnehmen können. Eine hypnotische Kraft geht von der grauenhaften Verformung des Körpers aus, die stets von Schmerzen begleitet wird, selbst wenn sie als Fetisch in die Handlung einfließt wie etwa in der surrealen Horror-Fantasie Tetsuo, wo Metall auf Menschenkörper trifft.

Die Fliege (1986)

Erschreckend ist der Body-Horror vor allem deshalb, weil es unser eigener Körper ist, der sich mit jeder Verbiegung auf der Leinwand ein Stück verformt. Wenn wir nachfolgend Zeugen des Verfalls werden, verwandeln sich die entsprechenden Geschichten binnen weniger Minuten in existenzielle Abenteuer, die sowohl auf inhaltlicher als auch auf filmischer Ebene daran interessiert sind, die Grenzen der Verformbarkeit unserer Körper auszutesten. Anders als beispielsweise in einem Slasher- oder Survival-Film, wo Körper auch bis aufs Extremste verformt werden, spielt die Gewalt beim Body-Horror keine entscheidende Rolle. Stattdessen liegt der Ursprung in anderen Dingen verborgen. Wenn Jeff Goldblum als Wissenschaftler Seth Brundle in Die Fliege in eine Verwandlungskammer steigt, erwartet er beispielsweise einen Fortschritt im Feld der Teleportation.

Der praktische Effekt als Trumpfkarte des Boddy-Horror-Kinos

Die darauffolgende Verwandlung hat nichts mit Gewalt zu tun, sondern fungiert als Wegbereiter unendlichen Leids, denn die wahre Prüfung ist es, im Anschluss in diesem neuen Körper durch den Film zu manövrieren, der insgeheim längst beschlossen hat, wie die Geschichte zu Ende geht. Bei all dem Wissen, das Seth Brundle angesammelt hat, kann er sich nicht vor den Folgen seiner fatalen Entscheidung verstecken. Es folgt ein Spiel auf Zeit, das demonstriert, wie strapazierfähig der menschliche Körper ist. In diesem Zuge offenbart sich der Body-Horror als Spielwiese für handgemachte Spezialeffekte. Wo der Monsterfilm in seinen Anfängen von der visionär zum Einsatz gebrachten Stop-Motion-Technik profitierte, zehrt der Body-Horror extrem vom Handwerk praktischer Effekte, die der Körperverformung etwas Unmittelbares, Haptisches verleihen.

Das Ding aus einer anderen Welt

John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt steht beispielhaft für diese - durchaus verspielte - Tendenz des Body-Horrors und führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie viel gruseliger der praktische Effekt sein kann, wenn wir uns das knapp 30 Jahre später erschienene Prequel The Thing anschauen, das an dem Versuch scheitert, vergleichbare Effekte aus dem Computer zu zaubern. Zu glatt, zu unnatürlich wirken sie. Der Body-Horror ist deutlich praktischer veranlagt, was uns wieder zur Greifbarkeit und Nähe unseres eigenen Körpers führt, der sich abseits seiner fassbaren Oberfläche mitunter genauso schnell wie die Figuren im Film in einen abstrakte, unberechenbare Bestie verwandeln kann. Zusätzlich zum offensichtlichen Ekel beherbergt der Body-Horror stets auch die Möglichkeit zur Allegorie, um unsere Ängste widerzuspiegeln.

Von welchem Body-Horror-Film lasst ihr euch am liebsten erschrecken?

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