Bundesliga-Coming Out

Charlotte Lindholm ermittelt bei Hannover 69

Im Fußballstadion mit Charlotte Lindholm
© Das Erste
Im Fußballstadion mit Charlotte Lindholm

Zuweilen wirkte sie wie eine Deutschlehrerin: Man mag sie eigentlich nicht, aber hört sich dann doch ihre gut gemeinten Ratschläge an. Ratschläge aus einer Welt, in der alles heil ist, in der man mittlerweile Schwule akzeptiert und nicht verstehen kann, wie Menschen ihre Zeit in Internetchats vergeuden können. Der schon im Vorfeld umstrittene Bundesliga-Tatort: Mord in der ersten Liga führte LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm, die kühle Blondine und alleinerziehende Mutter, in die Welt des Fußballs: Der Profifußballer Kevin Faber wird ermordet am See aufgefunden, nachdem er sich tagsüber im Interview kritisch gegenüber Hooligans geäußert hatte.

Da ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass der erste Verdächtige nicht der Mörder sein kann, mussten also noch weitere Personen misstrauisch beäugt werden. Verlobte Sandra, schwanger und naiv: Erschütterte sie die mögliche Homosexualität ihres Partners, woraufhin sie ihn killte? Manager Leo Biller (Alexander Held), der Kevin an Inter Mailand verkaufen wollte und von dem sich Kevin angeblich lossagte? Oder doch die blöden Hooligans, die keinen Schwulen in der Bundesliga dulden? Etwas überfrachtet wurde die Storyline dann leider durch einen neuen Mann im Leben der eigentlich mannlosen Charlotte: Benjamin Sadler mimte einen aparten Journalisten, der sich in die Hooliganszene eingeschlichen hatte.

Tatsächlich bildete das Grundmuster dann der Mord des Managers an seinem Zögling Kevin. Biller erschlug den jungen – übrigens doch heterosexuellen – Fußballer im Affekt, nachdem dieser ihm den Vertrag gekündigt hatte. Drumherum schrieb Autor Harald Göckeritz die Schicksale von einigen Hooligans und Kevins bestem Freund, einem schwulen Fußballer, der sich aus Angst und Scham nicht zu seiner sexuellen Ausrichtung bekennen konnte. Bis Charlotte Lindholm kommt und ihm gut zuredet. Am Ende des Tatorts – leider nicht als letzte Szene – hält der Sportler dann auch tatsächlich eine Pressekonferenz mit Coming-Out und bittet, ihn weiterhin und ausschließlich an seinen sportlichen Leistungen zu messen.

Das wäre mal ein lobenswertes Ende eines Tatorts gewesen. Leider rutschte Tatort: Mord in der ersten Liga dann wieder ins unnötig Kitschige ab und ließ Frau Lindholm noch ein wenig mit dem schnuckeligen Journalisten flirten, der – wer hätte das gedacht – ebenso achtsam die Tür zu seinem Herzen verschlossen hält, weil auch er vor langer Zeit sehr, sehr verletzt wurde. Dabei hätte der Lindholm-Fall wirklich das Potential gehabt, einer der Aufschreier in der Tatort-Reihe zu werden. Nur tönen Posaunen eben immer leiser, je lauter man die Jukebox of Love aufdreht. Offensichtlich wollte man hier die kurz vorm Infarkt stehenden Zuschauer nochmal besänftigen. Bleibt nur die Frage, wieso.

Eine kleine Unstimmigkeit tauchte dann auch auf, die Fans der Lindholm-Tatorte sicherlich verstören dürfte: Nachdem Charlottes Mibewohner Martin im letzten Kriminalfall, der Ende Januar ausgestrahlt wurde, sang- und klanglos verschwunden war (Ingo Naujoks hatte einfach keine Lust mehr), hütete er diesmal tagelang Charlottes Sohn David. Ein großes Manko in der Lindholm-Reihe, die sich schon öfters nicht sorgfältig um ihre Nebenfiguren kümmert und Maria Furtwängler stark glorifiziert.

Wie gefiel euch der gestrige Tatort: Mord in der ersten Liga?

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