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Criminal: Spannendes Netflix-Experiment scheitert auf hohem Niveau

David Tennant in CriminalAbspielen
© Netflix
David Tennant in Criminal
20.09.2019 - 19:25 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Nicht eine, sondern gleich vier Serien laufen derzeit unter dem Titel Criminal bei Netflix. Alle vier bieten spannende Verhöre vor einer eintönigen Kulisse.

Mit Criminal hat Netflix ein neuartiges Serienkonzept an den Start gebracht. Gleich vier Serien unterschiedlicher Herkunft laufen unter einem gemeinsamen Label: Criminal: Deutschland, Criminal: Vereinigtes Königreich, Criminal: Frankreich und Criminal: Spanien. Jede einzelne von ihnen hat ein eigenes Ermittlerteam, das in je drei Episoden drei unterschiedliche Fälle bearbeitet.

Es ist ein interessantes Konzept, das zwar seine Kernaufgabe mit Bravour erfüllt, aber durch seinen begrenzten Raum schnell an seine eigenen vier Wände stößt. Warum? Das erfahrt ihr in unserem Serien-Check.

Die ersten Eindrücke zu Criminal auf Netflix

  • Spannend: Die Dialoge zwischen den Ermittlern und den Verdächtigen sind packend, gut durchdacht und regen zum Rätseln an. Sie machen den Großteil von Criminal aus.
  • Peinlich: Außerhalb des Verhörraums sorgen eigenartige Klischees für Fremdscham.
  • Eintönig: Einzelne Folgen sind stark, auf lange Sicht ödet die immer gleiche Kulisse aber nur noch an.

Darum geht's in Criminal

Alle vier Criminal-Serien basieren auf dem gleichen Grundprinzip. Jede davon findet komplett in und um einen Verhörraum statt. Im Fokus jeder Folge steht ein Verdächtiger, den die Beamten mit Fragen löchern. Das Konzept ist in allen vier Serien gleich, ja sogar die Räumlichkeiten, in denen die Beamten agieren, sind exakt dieselben.

Sara Giraudeau in Criminal: Frankreich

Auch wenn alle vier Versionen in Madrid gedreht wurden, kommen die Schauspieler vor der Kamera und die kreativen Akteure dahinter aus verschiedenen Ländern. Sie erzählen ganz eigene Geschichten, die teils eng mit der Geschichte der jeweiligen Nation verbunden sind, zum Beispiel die Ost-West-Teilung in Berlin oder die Terroranschläge in Paris im Jahr 2015.

Die deutschen, britischen, französischen und spanischen Ermittler sind wiederkehrende Figuren in ihren jeweiligen Serien. Als Verdächtige treten Gaststars auf, wie zum Beispiel David Tennant (Doctor Who) in Criminal: Vereinigtes Königreich oder Peter Kurth (Babylon Berlin) in Criminal: Deutschland. Gerade der zentrale Konflikt in jeder Episode zwischen Gesetzeshütern und potentiellen Kriminellen ist dabei hochspannend.

Criminal reduziert das Genre aufs Wesentliche

Alles, was sich in Criminal innerhalb der vier Wände des Verhörraums abspielt, funktioniert hervorragend. Netflix nimmt das, was bei anderen Krimiserien oft die intensivsten und spannendesten Szenen sind, und macht ein Produkt daraus, das eben fast ausschließlich nur daraus besteht.

David Tennant in Criminal: Vereinigtes Königreich

Nehmen wir als Beispiel die erste Episode der britischen Variante. David Tennant spielt den Familienvater Edgar, der verdächtigt wird, seine Stieftochter vergewaltigt und getötet zu haben. Beweise gibt es dafür keine, weshalb die Beamten versuchen, ihn bei der Befragung in Widersprüche zu verwickeln. Doch Edgar kommentiert jede Frage - mag sie auch noch so trivial sein - mit "kein Kommentar".

Den Ermittlern läuft die Zeit davon, denn sie dürfen den Verdächtigen nicht ewig in ihren Räumlichkeiten festhalten. Also versuchen sie verschiedene Strategien, um ihn endlich zum Reden zu bringen. In diesen Momenten ist Criminal am stärksten. Die einzelnen Fälle sind nie so, wie auf den ersten Blick scheint. Mit der Zeit offenbaren sich clevere Twists. Die wechselnden Verdächtigen verleihen jeder Episode ihren eigenen Charakter und auch die Ermittler reagieren stets intelligent und glaubwürdig - zumindest diejenigen im Verhörraum.

Außerhalb des Verhörs schwächelt Criminal

Leider schwächelt Criminal immer dann, wenn sich der Schauplatz nach außen verlagert. Auf der anderen Seite des Einweg-Spiegels sitzen nämlich weitere Ermittler, die teilweise fragwürdige Dinge tun. Es hat den Anschein, als würden die Figuren innerhalb des Verhörraums in einer magischen Sphäre leben, in der Criminal extrem gut geschrieben ist. Doch sobald sie diese Blase verlassen, folgen dumme Klischees, Gefühlsausbrüche und Dialoge auf Seifenoper-Niveau.

Emma Suárez in Criminal: Spanien

In Criminal: Frankreich gibt es zum Beispiel eine Ermittlerin, die ohne großen Anlass plötzlich völlig ausrastet, wie wild an die Scheibe klopft und damit die Lösung des Falls gefährdet. In Criminal: Spanien wirkt eine Liebesbeziehung zweier Kollegen völlig fehl am Platz und der von Sylvester Groth gespielte Kommissar in Criminal: Deutschland quengelt herum wie ein kleines Kind, als eine Kollegin für ein paar Minuten seinen Fall übernommen hat, weil er zu spät kam.

Niemand übertrifft aber den klischeehaften Teenager aus der deutschen Variante, der durchgehend Space Invaders auf seinem Laptop zockt. Das ist nicht nur furchtbar anachronistisch, sondern dem Ernst der Lage total unangemessen. Seinen Kollegen scheint es jedenfalls nicht zu stören, was er so in seiner Arbeitszeit treibt, während sie versuchen, einen Mordfall zu klären. Diese qualitativen Ausrutscher sind wirklich schade und stören den Gesamteindruck, kommen zum Glück aber nur vereinzelt vor.

Criminal ist ermüdend wie ein Verhör

Ein anderes Problem von Criminal ist weniger qualitativer Natur, sondern vielmehr logische Folge des Grundkonzepts. Bereits nach drei bis vier Episoden treten Ermüdungserscheinungen ein. Denn obwohl sich die Macher beste Mühe gegeben haben, die begrenzten Räumlichkeiten in allen möglichen Kameraperspektiven zu beleuchten und visuell wohl das Maximum aus den Möglichkeiten herausholen, geht dem winzigen Verhörraum doch schnell die Luft aus.

Peter Kurth in Criminal: Deutschland

Das soll aber nicht heißen, dass ihr Criminal deswegen links liegen lassen solltet. Niemand ist gezwungen, alle zwölf Episoden zu schauen. Die Aufteilung in vier Serien bietet sich ja quasi dafür an, nur eine davon zu konsumieren. Dadurch, dass jede Folge einen anderen Fall bietet, könnt ihr auch nur diejenigen herauspicken, deren Gaststars euch ansprechen.

Vor allem die erste Folge der britischen Variante bietet mit David Tennant ein echtes Highlight, doch gerade für deutsche Zuschauer ist Criminal: Deutschland wohl nochmal interessanter. Wenn ihr auf spannende Kriminalfälle und gute Dialoge (zumindest beim Verhör) steht, solltet ihr Criminal eine Chance geben und wenigstens eine Episode ansehen. Danach könnt ihr selbst entscheiden, für wie lange euch das Konzept bei der Stange hält.

Die 1. Staffeln von Criminal: Deutschland, Criminal: Vereinigtes Königreich, Criminal: Frankreich und Criminal: Spanien bestehen aus jeweils 3, also insgesamt 12 Episoden à 45 Minuten, die am 20.09.2019 bei Netflix veröffentlicht wurden. Als Grundlage für diesen Seriencheck dienten die jeweils ersten Episoden von jeder der vier Versionen.

Was haltet ihr vom ungewöhnlichen Konzept von Criminal?

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