Culpa - Die deutsche Krimiserie mit Stipe Erceg im Serien-Check

Culpa - Niemand ist ohne Schuld
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Culpa - Niemand ist ohne Schuld
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NeonFox Alexander Börste
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Niemand ist ohne Schuld. Der Titel der vor wenigen Tagen auf 13th Street gestarteten neuen Krimiserie ist Programm: Culpa - Niemand ist ohne Schuld. Im Zentrum der Geschichte der deutschen NBC Universal-Produktion steht mit einem von Stipe Erceg (Hell) gespielten namenlosen Priester ein Mann, der als unkonventioneller Beichtvater den Sünden seiner Mitmenschen zur Vergebung derselben lauscht und sich mit bevorstehenden Verbrechen konfrontiert sieht.

Regisseur und Autor Jano Ben Chaabane weiß die nur auf dem ersten Blick einfache Schuldfrage im Sumpf menschlicher Abgründe multiperspektivisch gekonnt freizulegen und Zweifel zu schüren. Denn der Geistliche in Culpa - Niemand ist ohne Schuld gerät selbst ins thematische Epizentrum seiner Geschichte, die Chabaane als seltsam-melancholisches, minimalistisches wie faszinierendes Kammerspiel inszeniert und so einen überaus verheißungsvollen Auftakt auffährt.

Von seltsamen Paaren und dekonstruierten Priestern

Seinen Zuschauern gewährt Culpa - Niemand ist ohne Schuld nur wenige, aber bildstarke Informationen, um die sich zunehmend verdichtende Atmosphäre nicht nur zu etablieren, sondern die knapp 25 folgenden Minuten aufrechtzuerhalten. Das irgendwie in einem engen, aber doch merkwürdig undurchsichtigem Vertrauensverhältnis stehende Paar Frank (Dirk Martens) und Andrea (Barbara Philipp) entschließt sich, endlich etwas zu unternehmen. "Du willst doch auch, dass es ein Ende hat", geht sie ihn nachdrücklich wie verständnisvoll an, nur um ihr offensichtlich nicht erstes Baderitual mit ihm, der es sich vor 70er-Fliesen-Kulisse in der Wanne vergnügt gemütlich gemacht hat, fortzuführen. Sie hätten doch nur sich, versichert Andrea ihrem scheinbar Liebsten. "Und Emma", entgegnet er.

Emma? Der Bass dröhnt und der Zuschauer weiß, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Und wem oder was soll der Verband gewechselt werden, von dem die Frau plötzlich spricht? Ist sie nicht gerade mit einer Leine hereingekommen?

Ein kurz darauf sich anschließender Ortswechsel innerhalb der Kirchenmauern stellt uns in einer effektiven, da minimalistischen und konzentrierten Exposition die Hauptfigur des Priesters vor, der uns Zigarette rauchend und mit nacktem Oberkörper samt tätowierter Brust, das Kollar bereits um den Hals gelegt, empfängt. Wenngleich sein kantiger Schauspieler Stipe Erceg das klischeehafte Bild des Paters so schon physisch dekonstruiert, wird sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn gleichzeitig anhand eines im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelten "Tagebuchs" und seine religiöse Standfestigkeit deutlich. "Nicht jede Sünde ist ein Verbrechen. Aber jedes Verbrechen ist eine Sünde. Es sei denn, ich kann es verhindern." Der kirchliche Glockenschlag schlägt zur ersten Runde im darauffolgenden Dialog-Duell mit dem anfangs eingeführten Paar.

"Und du kommst nicht ins Gefängnis. Also nicht wie Mama."

Entgegen zahlreicher anderer Vertreter des Krimi-Genres erzählt zumindest der Pilot von Culpa - Niemand ist ohne Schuld im Folgenden nicht von der Aufklärung eines Falles, sondern ordnet sich strikt dem titelgebenden Schuldthema unter. Schicht für Schicht, Wort für Wort, wagt sich die Geschichte tiefer in die Abgründe der menschlichen Existenz, mit denen sich der Priester letztlich konfrontiert sieht. Wenngleich uns die Erzählung kaum endgültige Antworten zugesteht, so kreisen doch Themen des Missbrauchs, der Entführung, Mord wie Inzest spürbar durch die Enge des Beichtstuhls, in dem sich ein Großteil der Gespräche abspielt. "Unten" lautet so auch konsequenterweise der treffende, ambivalente Titel der ersten Episode.

Stipe Ercegs Priester versteckt sich in diesen Gesprächen mit den mutmaßlich gegenwärtigen wie potenziellen Verbrechern nicht hinter religiösen Phrasen. Seine Antworten an die nach Rat Suchenden sind persönlicher, wie unmittelbarer Natur. Es ist beinahe so, als redeten sie mit einem Bekannten, der die Kirche nur mit Weihnachtsschmuck kennt. Anstelle der Rezitierung möglichst allgemein gehaltener, automatisiert heruntergeleierter Bibelstellen erhebt er auch schonmal ausdrücklich seine Stimme, um an Informationen zu kommen. Die Verantwortung wälzt er nicht auf eine spirituelle Entität ab, sondern legt sie sich selbst auf. Und öffnet somit der Schuld die Tür zu sich. Sein Wort zählt, nicht das Wort Gottes. Geht etwas schief, trifft es ihn. Ein dramaturgisch cleverer Kniff, der sich in den noch kommenden drei Folgen als schwerwiegend wie wirkungsvoll herausstellen könnte. Sein ihm geradezu heiliges Beichtgeheimnis ist er sogar bereit, zu opfern, um Schlimmeres zu verhindern, was ihn nur noch weiter dem Leitthema gegenüber exponiert.

Culpa - Niemand ist ohne Schuld versucht uns gar nicht weiszumachen, es auf der Gegenseite mit Unschuldigen zu tun zu haben, obgleich die genauen Hintergründe unklar bleiben. Dennoch umgibt diesen Figuren eine ungemein humane und der Serie so auch eine humanistische Aura. Es geht nicht darum, diese Menschen zu hassen (oder zu lieben). Sie leben wie wir. Sie streiten wie wir. Sie lieben wie wir. Auf ihre Weise und mit einem Geheimnis, das verstören mag. So gehört denn auch Dirk Martens' unsichere, womöglich missbrauchende und gleichzeitig aufopferungsvolle wie zutiefst tragische Erscheinung Frank der emotionale Höhepunkt des Serienauftakts: "Und du kommst nicht ins Gefängnis. Also nicht wie Mama", verspricht er seiner ihn mit großen, ungläubigen Rehaugen anblickenden Andrea. Wenn ihnen so auch eine wichtige, dramaturgische Funktion innerhalb des Skripts zukommt, so lebt ihn gleichzeitig eine leichtfüßige Natürlichkeit inne, die ihre Darsteller ungezwungen zu verkörpern verstehen. Dadurch entgehen sie der Gefahr, zu bloßen, allzu bemühten Story-Elementen zu verkommen.

Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich die schweren Konsequenzen aus der Pilotfolge von Culpa - Niemand ist ohne Schuld auf die Hauptfigur auswirken werden. Denn jede der insgesamt vier Episoden erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte. Ein feinfühlig geschriebener, minimalistisch und effektiv in Szene gesetzter Start ist Jano Ben Chaabane aber schonmal gelungen.


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