Der Bergdoktor - Abgründige Grausamkeiten in saftigem Alpengrün

Die Bergdoktor-Familie
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit stürzt man als Charakter in einer Der Bergdoktor-Episode irgendwann einen Berg hinunter. In den wenigen stichprobenartigen eineinhalbstündigen Episoden, die ich gesehen habe, fallen zwei Figuren in die Tiefe und eine, weil es eben die naheliegenste Todesursache ist, tut so, als ob, um seine Mutter zu erschrecken. Viele Menschen haben, wenn sie vor einem Abgrund stehen, keine Angst, dass sie herunterfallen. Sie fürchten sich vielmehr davor, freiwillig, aus einer plötzlichen Laune heraus, den Schritt ins Nichts zu tun. Als würde ein bei einem jeden Menschen versteckter Todeswunsch freigelegt durch die Höhe der Berge, als hätten die Berge irgendeine mächtige hypnotische Kraft, die das Bewusstsein in die Tiefe saugt. Inmitten der gefährlichen Erhabenheit der Alpen, dieser mystischen alten Schönheit, liegt, wie ein ruhiges Tal, die Serie Der Bergdoktor.

Entsetzliche Dinge passieren in dieser Serie. Man muss das, und das ist durchaus als Schauempfehlung zu werten, gesehen haben. Wie The Walking Dead arbeitet Der Bergdoktor all jene Unglücksvariationen ab, die einer Familie in der schlimmsten aller Welten widerfahren können, geht dabei aber nicht so subtil und metaphorisch vor wie die Zombieserie. Der Bergdoktor übt sich ganz offen in einer einfallsreichen wie grausamen Familiendestruktion, einer Vergiftung von heimatlicher Idylle und Harmonie. In der aktuellen am vergangenen Donnerstagabend ausgestrahlten Folge muss sich ein Vater entscheiden, ob er seine Tochter oder seinen Sohn mit einer Leberspende rettet. Die 16-jährige Tochter hatte sich gerade mit einem Tabletten-Cocktail das Leben nehmen wollen, der jüngere, lebhafte Sohn aus dem selben Glas versehentlich eine verdünnte Dosis zu sich genommen. Beiden Kinder liegen im Krankenhaus. Der Vater hatte seine Tochter in die zweite Ehe mitgenommen, der Sohn ist das gemeinsame Wunschkind des Ehepaares. Diese Konstellation gibt es tausendfach in Deutschland. Die Ehefrau bittet ihren Mann nun im verzweifelten Vertrauen, sich im Fall der Fälle für den gemeinsamen Sohn, nicht die ohnehin lebensunwillige Stieftochter zu entscheiden. Den Familienvater zerreißt es. Wenn er tot wäre, sagt er sich, könnte man ja seine Leber vollständig transplantieren und beide Kinder retten.

Dem Bergdoktor Martin Gruber (Hans Sigl) ergeht es kaum besser. Er muss am Ende der Episode dem 16-jährigen selbstmordgefährdeten Teenagermädchen erklären, dass sich ihr Vater wahrscheinlich gegen sie und für ihren Halbbruder entscheiden wird und warum das eigentlich gar nicht mal so schlimm ist, wie es sich zunächst anhört. Dr. Martin Gruber bestreitet die Folge übrigens humpelnd und stöhnend mit einer frisch genähten Oberschenkelarterie. Blaue Flecken und eine Narbe zeugen von einem Sturz von einer Klippe (genau, siehe oben), der ihm von dem impulsiven Sohn seiner derzeitigen Freundin zugefügt wurde, welcher ihn daraufhin 12 Stunden schwer verletzt auf dem rettenden Vorsprung fast verbluten ließ. Martin Gruber, der Tausendsassa, beendet die 5. Episode der 10. Staffel (Titel: Blut und Wasser) als gebrochener, müder Mann und ich frage mich, wie eine solche Serie bloß als Wohlfühl-Reihe durchgehen kann.

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