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Berlinale Retrospektive

Das Weimarer Kino und sein Einfluss auf Hollywood

04.02.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Das Weimarer Kino und sein Einfluss auf Hollywood
© Murnau Stiftung / Ufa
Das Weimarer Kino und sein Einfluss auf Hollywood
Die Berlinale widmet sich in diesem Jahr dem Einfluss des Weimarer Kinos auf den Internationalen Film nach 1933. Ein solch spannendes Thema können natürlich auch wir nicht unberührt lassen.

Am kommenden Donnerstag werden die 63. Internationalen Filmfestspiele in Berlin in eröffnet, dementsprechend dreht sich bei mir aktuell alles um die Berlinale. Als moviepilot-Berichterstatter werde ich euch täglich von meinen Anekdoten, Enttäuschungen, Überraschungen und sonstigen Eindrücken erzählen. Zur Einstimmung auf das Festival wollen wir uns zudem mit Themen beschäftigen, die für die 10 Kinotage in Berlin ebenfalls relevant sind. Die diesjährige Retrospektive widmet sich dem Weimarer Kino, oder besser gesagt dem Einfluss, den es auf das internationale Filmemachen ab 1933 hatte. Tatsächlich ist das Hollywood der 1930er bis 1950er Jahre ohne deutschsprachige Filmemacher undenkbar – wir wollen euch einer kleinen Geschichtsstunde unterziehen.

Deutschland, nach Ende des ersten Weltkrieges: Das Land steckt in einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise, allerdings hat die neu eingeführte Demokratie einen essentiellen Grundstein für das Bestehen der deutschen Filmproduktion gelegt. Die Abschaffung der Zensur am 12. November 1918 machte es Filmemachern möglich, den expressionistischen und kritischen Stil zu entwickeln, der in Zukunft unweigerlich mit dem deutschen Film in Verbindung gebracht werden sollte. Schon 1919 entstand so beispielsweise Anders als die Andern von Richard Oswald, der erstmals die Kriminalisierung von Homosexuellen anprangerte. Da am 12. Mai 1920 jedoch wieder eine Filmzensur eingeführt wurde, fiel Anders als die Andern ihr letzten Endes doch noch zum Opfer. Der Film wurde verboten und alle Kopien restlos zerstört, sodass bis heute die volle Version nicht existiert.

In den 1920er Jahren entwickelte sich Deutschland nicht nur zu einem Zugpferd für die Filmkunst, sondern auch zu einer wirtschaftlich extrem erfolgreichen Filmproduktionsstädte. Regisseure wie F.W. Murnau (Nosferatu, eine Symphonie des Grauens), Fritz Lang (Metropolis), Robert Wiene (Das Cabinet des Dr. Caligari), Georg Wilhelm Pabst (Die Büchse der Pandora) schrieben Filmgeschichte und konnten gleichzeitig Zuschauerscharen in die Lichtspielhäuser locken. Doch das instabile Wirtschaftsgefüge in Deutschland wirkte sich auch auf die Filmproduktion aus, sodass immer mehr Regisseure Angebote aus Hollywood annahmen, um ihre Projekte unter besseren Rahmenbedingungen realisieren zu können. Ab 1922 verschwanden nach und nach so wichtige Männer wie Ernst Lubitsch, F.W. Murnau und Paul Leni.

Die deutschen Filmemacher machten sich durch die Bandbreite ihres Schaffens einen Namen. Die Liebe zur klassischen Story-Erzählung wurde ebenso ausgelebt, wie der Drang, expressionistische Werke zu erschaffen, was die internationale Filmbranche natürlich nicht unberührt lies. Der Todesstoß für die allmählich niedergehende Dominanz des Weimarer Kinos folgte schließlich am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Nun sahen viele kreative Filmschaffende endgültig keine Zukunft in ihrem Land und sahen sich gezwungen, zu fliehen. In den Jahren 1933 bis 1936 flüchteten jedoch noch vergleichsweise wenige Kreative nach Hollywood, da die meisten dachten, der braune Spuk sei bald vorüber und sich somit lieber vorerst irgendwo in Europa absetzten. Letzten Endes verschlug es neben den bereits genannten im Zuge des NS-Regimes Regisseure wie Otto Preminger, Douglas Sirk und Billy Wilder in die Traumfabrik.

Die Einflüsse, die die Exilanten auf die Filme Hollywoods ausübten, stammten natürlich nicht nur von den Regisseuren. Natürlich waren die 1930er Jahre ohne die Komödien eines Ernst Lubitsch nicht vorstellbar, von den enormen Erfolgen eines Billy Wilders ganz zu schweigen. Fakt ist, dass es kaum noch eine Filmproduktion gab, in der kein deutschsprachiger Filmschaffender seine Finger im Spiel hatte. Im Zuge der Emigration Mitte der 1930er Jahre fanden fast 1.000 Künstler verschiedenster Berufe einen Job in Hollywood, was von den Studios durch entsprechende Rettungsaktionen ermöglicht wurde. Sicherlich passte sich diese Masse an Arbeitern dem System Hollywoods an, doch ihre von dem Weimarer Kino angeeignete Handschrift lies sich keineswegs verbergen.

Am deutlichsten zu spüren sind die Einflüsse des deutschen Expressionismus des Weimarer Kinos bei der Entstehung des Film noirs. Groteske Kulissen, kontrastreiches Schattenspiel, sowie der surrealistische und symbolreiche Inszenierungsstil lassen sich in vielen Film noirs wiedererkennen. Passenderweise lieferten die deutschsprachigen Regisseure einen Großteil der bedeutendsten Streifen dieser Gattung, darunter Otto Preminger mit Laura und Billy Wilder mit Frau ohne Gewissen oder Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung. Die Figuren im Film noir haben meist eine pessimistische Weltanschauung und sind verbitterte Charaktere, was ebenso auf viele der Exilanten zutraf, die vor dem NS-Regime ins Ausland geflohen sind.

Ein solch umfangreiches und wichtiges Thema bedarf natürlich einer intensiveren Befassung, als es solch ein Artikel tun kann. Wenn ihr euch näher mit diesem überaus spannenden Kapitel der Filmgeschichte befassen möchtet, sei euch die Retrospektive der Berlinale ans Herz gelegt. Bei der Auswahl der gezeigten Filme wurde dabei auch Wert darauf gelegt, dass Werke gezeigt werden, die häufig zu Unrecht etwas untergehen und somit eher schwieriger zu beschaffen sind. Die ganz großen Klassiker der Geschichte findet ihr jedoch ebenso im Programm.

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