Kommentar der Woche

Der Lost Highway zu deinem persönlichen Mindfuck

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© Senator Filmverleih/moviepilot
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Jeden Samstag präsentieren wir euch an dieser Stelle einen ganz besonderen Kommentar. Was ihn besonders macht? Er hat euch so beeindruckt, so unterhalten, so zum Nachdenken angeregt, oder euch so sehr aus der Seele gesprochen, dass eine Userin da draußen nicht mehr an sich halten konnte und uns den Kommentar vorgeschlagen hat! Du erinnerst dich, mal einen solchen Kommentar gelesen zu haben? Bist du sicher? Dann erzähl uns davon ...

Der Kommentar der Woche
Viele Regisseure da draußen versuchen sich immer wieder mal an dem Spiel mit dem Sehen und den Erwartungen des Zuschauers, mit der Realität und ... dem Anderen - und doch ist kaum einer von ihnen solch ein Virtuose wie David Lynch. Und der Meister setzt, wie MoreThanMeetsTheEye uns in seinem Kommentar aufzeigt, das Unbehagen, das wir beim Sehen empfinden, in Lost Highway noch viel virtuoser ein als ein bloßer Mindfuck auf der Leinwand.

Fun Fact:
Wenn wir uns an eine zurückliegende Begebenheit erinnern, erinnern wir uns nicht an den exakten Tag und die Umstände dieser Begebenheit, sondern an das letzte Mal, an der wir uns an diese Begebenheit erinnert haben.
Unsere Erinnerungen, umso älter sie sind, sind buchstäblich Kopien von Kopien von Kopien, die sich bei jedem neuen Erinnern selbst reproduzieren und so ihre Allgegenwart in unserem Oberstübchen gewährleisten.
Die eine Erinnerung die ihr unbedingt vergessen wollt, die euch aber immer wieder neu heimsucht, Nachts, in stillen Momenten, sie wird stärker mit jedem neuen Versuch sie auszublenden.
Der zwanghafte Versuch nicht an rosa Elefanten zu denken, ist ebenso ein Gedanke über rosa Elefanten. Ein Teufelskreis.
Der Nährboden jeder Neurose.
Uns entfallen die Gesichter von Verflossenen und alten Freunden, weil uns das was sie gesagt und gemacht haben in unseren kurzen, inneren Videoclips wichtiger erscheint, als ihr Auftreten, ihr Aussehen.
Denn was uns Besonders an einer Erinnerung gefiel, wird bei ihrem nächsten Auftauchen deutlich in den Vordergrund gerückt sein, der Rest langsam entschwinden.
Der Grund warum früher alles besser war.
Oder wir das jedenfalls denken.
Und so sind wir in der Tat, von Natur aus, alle unzuverlässige Erzähler.
Wir nehmen alles was wir erleben für bare Münze und können auch nicht anders, weil wir sonst permanent an unserer Wahrnehmung zweifeln müssten und damit schon den Vorhof zur Psychose betreten hätten, und doch ist diese bare Münze in der Sekunde in der sie in unseren Gehirnschlitz fällt schon zu subjektivem Kleingeld verarbeitet. Jedes Erleben sofort sortiert nach Farbe, Geschmack, Empfinden, Bewertung und dann einsortiert in die große Wechselgeldkasse unseres Ichs.
Selbst Empathie als große Übereinkommenslüge, dass unser Gegenüber die gleiche Währung benutzt wie wir.
Für Film und Literatur ist dieses Konzept natürlich nichts furchtbar Neues, hat man sich doch schon vor Hunderten Jahren den "allwissenden Erzähler" herbeierfunden, um seinen Geschichten den gleichen Anspruch von Realität und Gemeingültigkeit zu geben, den unser Gehirn täglich behauptet.
Auch wenn es nur voller Scheiße ist.
Gerade dann!
Klar, auch der unzuverlässige Erzähler treibt seit Ewigkeiten sein Unwesen, Edgar Allen Poe hat ihn meisterlich benutzt und seine bekannteren Vertreter im filmischen Universum, Norman Bates und der namenlose Narrator aus Fight Club, sind heute jedem geläufig.
Aber kein filmisches Werk ist so dicht in den Kopf dieses Erzählers vorgedrungen wie David Lynch in LOST HIGHWAY.

"I like to remember things my own way, not necessarily the way they happened," lässt Lynch seinen Fred Madison schon ganz am Anfang des Filmes sagen, und zerschlägt damit schon jeden Anspruch auf die Allgemeingültigkeit seiner Bilder. Ironischerweise passiert dann auch so gut wie Nichts in Fred Madisons Story in der Jetzt-Zeit, in der man sich in einem Apartment rumlangweilt und bedroht fühlt, sondern wird entweder zurückerinnert oder von einer dritten Person erlebt, deren Anwesenheit später in Frage gestellt und damit ihr Wirken wieder auf Fred Madisons Erinnerung zurückgeworfen wird.
Solch ein erzählerisches Konstrukt ist immer sehr risikoreich, nicht umsonst gibt es unzählige Mindfuck-Filme die in das offene Messer der Beliebigkeit laufen, weil sie dem Zuschauer keinen Halt im Hier und Jetzt geben, um abzugleichen was sich dies- und jenseits der Erzählers, falls es denn einen gibt, wirklich zuträgt und man denke nur an den bekannten Vorwurf an Die üblichen Verdächtigen, der Film sei nichts weiter als ein zweistündiger, ersponnener roter Hering, weil alles was der Zuschauer rückschließend überprüfen könnte nur an den wenigen Überschneidungen zwischen Kevin Spaceys Bericht und dem ausgebrannten Schiff aus dem Filmanfang hängt.
Aus dem schreiberischen Kapitalverbrechen "Alles nur geträumt" wird so in schlechten Mindgamefilmchen ein "Alles nur im Kopf des Erzählers".

LOST HIGHWAY begegnet diesem Umstand mit einem eleganten, äußerst klugen Kunstgriff, ohne auf eine lange Expositionsrede, wie z.B. am Ende von Psycho, zurückzugreifen. Er stellt Fred Madison einfach einen weitern, unzuverlässigen Erzähler zur Seite bzw. direkt gegenüber.
So amplifiziert LOST HIGHWAY zwar das Stimmengemurmel seiner beiden unzuverlässigen Erzähler, aber indem der Plot Korealitäten zwischen den beiden Innenleben auftreten lässt, und Gegenstände, Personen sowie Taten in beiden Episoden wiederholt, bekommt der Zuschauer plötzlich etwas an die Hand womit er arbeiten kann.
Seien es Videotapes, ein Mord, Motive, seien es Personen (die Namen mögen sich ändern, was in Erinnerungen genauso unwichtig wie das Aussehen einer Person ist) gewisse Dinge zementiert LOST HIGHWAY so als unumstößlichen Ist-Zustand der von zwei Seelen erlebt worden ist.
Nur aus anderen Augen.
Sie bilden die Brotkrumen an die sich der Zuschauer am Plot entlanghangeln und abarbeiten darf.
Es ist für das Verständnis von LOST HIGHWAY dann auch gar nicht mehr wichtig, ob diese zwei Seelen in einer Brust schlagen, oder nicht.
Wer so weit die Selbstbeobachtungsleiter heraufgeklettert ist, um zu erkennen, dass in uns allen nicht nur zwei, sondern im Laufe unseres Lebens hunderte Seelen in die Brust genietet werden, und unseren Mitmenschen gleich mit, das wir also alle hier, das Projekt Menschheit, permanent am morphen und verschieben und entstehen sind, und Evolution nicht nur im biologisch-zellulären, sondern vor allem als gedankliches Konzept austragen, der kann auch LOST HIGWHAY ganz von seinen Genrefesseln lösen und als Innensicht auf Persönlichkeiten begreifen, die an dem manischen Versuch erkranken, diese so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Ich weiß, was ich weiß, und ich bin wer ich bin, und du hast unrecht!
Basta!

Wir verlieren nicht gerne Diskussionen, und geben es noch weniger gerne zu, denn darin liegt immer der Makel, "falsch" gewesen zu sein, unvollständig. Wir sehen unsere ganze Persönlichkeit dadurch hinterfragt. Und gleich Fred Madison ziehen wir uns dann zurück.
In unsere Häuser und Gedanken und Erinnerungen.
Wir suchen so dringend die eine Interpretation dieser Welt, dieses Filmes, dieses Gefühls, dass uns in "Recht" versetzt, weil wir so unsere geistige Stabilität zusammenhalten können.
Sowohl Fred Madison als auch Pete Dayton geraten im Laufe von LOST HIGHWAY in Situationen, die ihnen jedoch keinen Ausweg, keinen Rückzugspunkt mehr lassen. Der Versuch der Selbstbewahrung wird auf ihrer Flucht vor dem, was vermeintlich wirklich "ist", zur Selbstauslöschung. Sie kollabieren in sich selbst, um neuen Persönlichkeiten, neuen Wegen diese Welt vielleicht dieses Mal "richtig" zu sehen, Platz zu machen. Und solange sie nicht die Unmöglichkeit dieses Unternehmens er- und anerkennen, werden sie ewig Kreise auf dem LOST HIGHWAY drehen.
Ein innerer Amoklauf ohne Aussicht auf Erlösung.

Über seine Thrillerkonventionen hinauszielend, ist LOST HIGHWAY deswegen ein so ungewöhnlicher, und ungewöhnlich guter Film, weil er die Urangst des "Falschseins" , des "Nie wirklich Begreifen könnens" aus den Köpfen seiner Hauptdarsteller herausfiltert und direkt auf unsere eigenen Seelenleinwände projiziert.
Die Verunsicherung und Verstörung, die der Film evoziert, ist nur vordergründig aus einem Thrillerplot gespeist, der uns ohne konkrete Antwort entlässt, sie ist vor allem auch den Sequenzen geschuldet, in denen die Protagonisten sich einfach still im Spiegel betrachten (wer kennt das nicht?) oder schreiend versuchen, ihren Köpfen, ihrem Leben, ihrer Realität zu entkommen.
Wir sehen ein Video, ein Foto mit uns, und sind verblüfft, erschreckt :
So seh ich doch nicht aus? Nicht in meinem Empfinden, nicht in meinem Kopf! Aber wie dann? Sehen die anderen mich SO?? Oder noch ganz anders??

LOST HIGHWAY ist das Rütteln an Gitterstäben, die uns unser Leben lang umgeben, ist das Flüstern in unser Ohr, dass wir alle nur unzuverlässige Erzähler sind.
Dass nichts einen Sinn ergibt, außer dem, den wir Sachen kurzzeitig verleihen.
Wir mögen vom gleichen Wasser trinken, so wie Fred und Pete der gleichen Frau begegnen, aber es wird für jeden von uns anders schmecken und anders aussehen.
LOST HIGHWAY ist mitnichten ein bewusst gewollter Affront gegen klassische Erzählstrukturen, die so viele an diesem Werk vor den Kopf stoßen, sondern die Schlusserkenntnis, das der unzuverlässige Erzähler der einzige ist, den wir jemals hatten.
Selbst Rapunzel malt sich ihren rettenden Prinzen mit jeder Nacherzählung ein kleines Bisschen anders aus.
Das ungute Gefühl, das LOST HIGHWAY generiert, es kommt weder aus der wummernden Tonspur, noch aus den grauenhaften Dingen, die der Film uns zeigt.
Es sitzt vor dem Fernseher.

Den Originalkommentar findet ihr übrigens hier.

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