Der Sicario 2-Autor brilliert mit wortkargen Geschichten über Amerika

Taylor Sheridan-Filme: Hell or High Water, Wind River, Sicario 2
© Paramount/Wild Bunch/Central Film/Studiocanal
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"I am what I am and I do what I can."

Diese Woche kam Sicario 2 in die Kinos, der genau wie sein Vorgänger nach einem Skript von Taylor Sheridan entstand. Wer wie ich diesen mittlerweile 38-jährigen US-Amerikaner und seine beachtenswerten Drehbücher verfolgt hat, der dürfte wissen, dass es sich lohnt, gespannt auf alles zu warten, was aus seiner Feder fließt und das Licht der Leinwand oder des Bildschirms erblickt. Denn Taylor Sheridan versteht es, amerikanische Geschichten zu erzählen.

Taylor Sheridan: Der Schauspieler, der zum Drehbuchautor und Regisseur wurde

Ich gebe zu: Als Schauspieler ist Taylor Sheridan völlig an mir vorbeigegangen, was bei einem Blick auf seine Filmografie nicht allzu verwunderlich ist: Von 1995 an trat er nur in einzelnen Serienepisoden und kleineren TV-Filmen in Erscheinung. Erst 2008/2009 hatte er in 21 Episoden von Sons of Anarchy die Chance, ein schauspielerisches Profil zu gewinnen. Doch da ich die Serien nie sah, blieb ein Mattscheiben-Kennenlernen bei mir aus. Das änderte sich erst, als Sheridan als Drehbuch-Neuling mit Sicario die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Der Thriller Sicario war für mich eines der Highlights des Kinojahres 2015. Allerdings kann es für einen Zuschauer schwer sein, zu beurteilen, wie viel von einem guten Film auf das Skript und wie viel auf andere Faktoren wie einen großartigen Regisseur wie Denis Villeneuve zurückzuführen ist. So mussten erst Hell or High Water und Wind River folgen, um mich endgültig davon zu überzeugen, dass Taylor Sheridan jemand war, dessen Werke ich weiterverfolgen sollte. Auch die Filmbranche honorierte sein Auftauchen als Autor mit einer Nominierung der Writers Guild of America für Sicario und einer Drehbuch-Oscar-Nominierung für Hell or High Water, der lange Hollywoods Black List der beliebtesten unverfilmten Drehbücher veredelt hatte.

Dass Taylor Sheridan Wind River anschließend nach eigenem Drehbuch selbst inszenierte und auch für die derzeit beim Paramount Network in den USA ausgestrahlte Serie Yellowstone Drehbuch und Regie für alle 10 Folgen übernahm, war da nur der nächste Schritt seiner Karriere hinter den Kulissen.

Worin liegt die Besonderheit der Filme von Taylor Sheridan?

Wer bereits mehr als einen Film mit einem Drehbuch von Taylor Sheridan gesehen hat, wird feststellen können, dass bestimmte Charakter-Typen und Themen bei dem Amerikaner einen hohen Stellenwert haben. Seine männlichen Hauptfiguren sind wie derzeit Benicio del Toros Alejandro in Sicario 2 häufig einsilbig, ernst und wirken rau, obwohl sie durchaus ein Innenleben besitzen und gelegentlich Gefühle zeigen. Die Frauenfiguren kommen ebenfalls nicht als zimperliche Damen in Not daher, sondern wissen sehr wohl, was sie wollen. Die immer wieder zu bemerkende Vereinfachung und Wortkargheit in Sheridans Filmen mag als Lob für einen Skript-Schreiber zunächst ungewöhnlich wirken. Doch warum muss ein Charakter viele Worte verlieren oder alles ausdiskutieren, wenn es sich ebenso gut durch kleine Gesten zeigen lässt? Taylor Sheridan muss kein Meister geschliffener Dialoge wie Aaron Sorkin sein, um eine eindringliche Figurenzeichnung zu vollbringen - manchmal ist Schweigen sowieso viel aussagekräftiger als jeder Dialog.

Außerdem funktioniert dieses Zeigen-statt-Sagen in der Verlängerung für mich auch gut als Verschmelzungen von Personen und Landschaften. Ob es nun Elizabeth Olsen in der schneeweißen Eiseskälte von Wyoming in Wind River oder Emily Blunt in der brütenden Hitze an der mexikanischen Grenze in Sicario ist: Die Umgebung ergänzt die Geschichte zu einem Gesamtbild, dass die Härte, aber auch die Schönheit der USA betont. Der schnörkellose Stil tut in seiner Verknappung ein Übriges, um sich authentisch anzufühlen. In diese Realismus anstrebende Kerbe schlägt auch die Gewalt als wichtiger Bestandteil von Sheridans Erzählungen, die sich meist plötzlich und unmittelbar Bahn bricht und damit der Verherrlichung entgeht.

Taylor Sheridan: Das Gesamtbild der USA im Blick

Obwohl sich Taylor Sheridans Erzählungen wie Sicario 2 durchaus als Genre-Filme lesen lassen, fügen sie ihrer Thematik immer noch einen Mehrwert hinzu: Auch wenn sein Fokus stark auf den Figuren liegt, wird ein größeres Gesamtbild angedeutet, das im Zuschauer ein soziales Bewusstsein weckt - egal ob es sich dabei um den nicht zu gewinnenden Drogenkrieg, die amerikanische Wirtschaftskrise oder die Probleme amerikanischer Ureinwohner handelt. Insbesondere das Leben der Indianerstämme in den US-Reservaten ist für Taylor Sheridan anscheinend immer wieder ein besonderes Anlegen, schließlich tauchen die Native Americans in wichtigen Funktionen in Hell or High Water, Wind River und Yellowstone auf.

Wie der Guardian berichtet, wurde Sheridan durch einen indianischen Freund an das Leben der amerikanischen Ureinwohner herangeführt und fand Freunde bei den Dakota, Arapaho und Shoshonen. Als Weißer sei er sich jedoch stets bewusst gewesen, dass er ihre Kultur nicht für seine Filme instrumentalisieren wollte, etwa indem er behauptete, einer von ihnen zu sein. Das ist seinen Werken, insbesondere Wind River und Yellowstone, anzumerken, wo ein Außenseiter (Jeremy Renner bzw. Luke Grimes) zwar versucht, sich eng in die Indianer-Gemeinschaft eines Reservats einzufügen, aber eben doch "weiß" bleibt. (Wäre es für Sheridan eine Anmaßung, aus Indianer-Sicht zu erzählen, oder wird das als nächster Schritt noch folgen?) Durch diese Positionierung seiner Hauptfiguren schlägt Sheridan die Brücke zu einer komplexen Kultur, deren Probleme in einem Land der Moderne er aufzeigen will, ohne sie dabei zu einer reinen Kulisse für seine Filme werden zu lassen. Diese Herangehensweise einer differenzierten Auseinandersetzung lässt sich auch auf seine Behandlung von Drogenkartellen und deren Bekämpfung in Sicario 2 übertragen.


Den feinfühlige Umgang mit den Problemen einer Bevölkerungsminderheit mögen viele dem Cowboyhut-tragenden, weißen Texaner mit dem kantigen Gesicht auf den ersten Blick gar nicht zutrauen. Doch zum Glück legt es Sicario 2-Schreiber Taylor Sheridan nach eigenen Angaben immer wieder darauf an, zu überraschen und von der Norm abzuweichen. Wenn er sich fragt "Wie werde ich die Regeln dieses Mal brechen?" (via Fast Company), dann kann auch ich nur voller Vorfreude auf die Antwort in seinem nächsten Projekt warten.

Lest hier die Gegenmeinung: Der Sicario 2-Autor ist einer der überschätztesten Schreiber Hollywoods

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