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Schwarze Romantik im Stummfilm - Teil 2

Der Vampir im Bann des Okkultismus

14.01.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Transit Film
© Nosferatu
Transit Film
Teufel, Untote und künstliche Lebensformen gehören zum festen Figurenrepertoire der Schwarzen Romantik. In dieser fünfteiligen Artikelreihe durchleuchten wir die Beziehung zwischen jener künstlerisch-literarischen Strömung und dem Kino des frühen 20. Jahrhunderts.

Eine Aura des Gespenstischen und Bizarren durchdringt die Werke der Schwarzen Romantik, weshalb sie bereits in frühen Kinojahren als gestalterische Blaupausen für düstere Stimmungsbilder (Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst) dienten. Hierbei unterschied sich der Grad der kinematographischen Aneignung mitunter stark. Die Spannweite reichte von direkten Referenzen mit größtmöglicher Nähe zum anvisierten Gemälde bis hin zur rein atmosphärischen Nachempfindung der Vorlage. Kunstaffine Regisseure wie Carl Theodor Dreyer und F.W. Murnau erkannten das Potential derartiger intermedialer Verquickungen und schöpften es wiederholt aus. Der zweite Artikel der Reihe Schwarze Romantik im Stummfilm wandelt auf den Spuren des Blutsaugers. Im Fokus stehen dabei die finsteren Meisterwerke Vampyr – Der Traum des Allan Grey (1932) und Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922), deren literarische Ursprünge in der gothic fiction – der englischsprachigen Ausprägung der Schauerromantik – liegen.

Carl Theodor Dreyer und das Wesen der Nacht
Neben den deutschen Stummfilm-Regisseuren weisen die nordeuropäischen Kollegen jener Epoche einen ähnlich starken Hang zu schwarzromantischen Motivwelten auf. So besitzt beispielsweise Carl Theodor Dreyers Vampyr – eine deutsche Produktion unter dänischer Regie – mannigfaltige Querverbindungen zu den Werken jener Künstler, die sich im Geiste den unheimlichen und metaphysischen Aspekten des Daseins verpflichtet fühlten. Der zwischen Stumm- und Tonfilm angesiedelte Vampyr lockt die Zuschauer in eine entmaterialisierte Schemenwelt, in der Traum und Realität beinahe übergangslos verschmelzen. Im Mittelpunkt steht der junge Student Allan Grey (Julian West). Während einer Reise lernt der Flaneur die kränkliche Léone (Sybille Schmitz) kennen. Als Bettlägerige fristet sie ihre Tage im elterlichen Schloss. Die Familie sowie der Hausarzt scheinen bezüglich ihres gesundheitlichen Zustands machtlos. Erst das mysteriöse Buch Die seltsame Geschichte der Vampyre bringt ein Stück weit Licht ins Dunkel. Wie darin nachzulesen ist, leidet die gesamte Ortschaft unter dem Bann der Vampirin Marguerite Chopin. Zur Erweiterung ihrer Gefolgschaft versucht diese nun, die wehrlose Léone gefügig zu machen.

Aufgrund eines langjährigen Rechtsstreits mit seiner Produktionsfirma Société Générale des Films sah sich Carl Theodor Dreyer gezwungen, neue Geldgeber für die Produktion von Vampyr zu akquirieren. In Nicolas de Gunzburg (aka Julian West) fand der Regisseur einen bereitwilligen Gönner, der ihm die nötigen Mittel im Gegenzug für eine Rolle im anstehenden Projekt zur Verfügung stellte (Carl Th. Dreyer). Interessanterweise offenbaren sich die Bezüge zur Schwarzen Romantik insbesondere im Charakter des von de Gunzburg verkörperten Allan Grey, der unverkennbare Merkmale einer romantischen Seele aufweist. Bezeugt wird dies primär durch eine ausgesprochene Empfänglichkeit für alles Unheimliche und Irrationale, wovon die kleine Ortschaft Courtempierre mehr als genug zu bieten vermag. Ein Zwischentitel zu Beginn proklamiert zudem Greys akademisches Interesse an Vampiren und Teufeln. Mit derartigen Neigungen durfte sich der junge Student in bester Gesellschaft wähnen. Geistesverwandte Seelen fanden sich unter den vielen schwarzromantisch geprägten Künstlern des 19. Jahrhunderts. So widmeten sich Maler und Schriftsteller wie E.T.A. Hoffmann, Victor Hugo und Edvard Munch mit Eifer der Untersuchung metaphysischer Erscheinungen. Letztgenannter glaubte beispielsweise an die Existenz übernatürlicher Wesen und sah allein in der Beschaffenheit unserer Augen den limitierenden Faktor im Hinblick auf Geistersichtungen. (Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst)

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