Die 3. Staffel von Tote Mädchen lügen nicht schadet der Serie noch mehr

Tote Mädchen lügen nicht, Staffel 2
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Tote Mädchen lügen nicht, Staffel 2
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Achtung, Spoiler zu Tote Mädchen lügen nicht, Staffel 1 und 2: Diese Woche wurde bekannt, dass Netflix Tote Mädchen lügen nicht mit einer 3. Staffel weiterführen wird. Die Nachricht ist nicht wirklich überraschend, die Zugriffszahlen werden mindestens ordentlich gewesen sein. Außerdem stieß das Finale der 2. Staffel das Tor für eine Fortsetzung weit auf. Dennoch wirkt die Entscheidung des Streaming-Dienstes schal. Schon die Verlängerung von Tote Mädchen lügen nicht um eine 2. Staffel stieß vor einem Jahr nicht nur auf Gegenliebe, was natürlich daran liegt, dass die Serie grundsätzlich polarisiert. Die Nachbereitung der schwierigen Themen der 1. Staffel gelang in der Fortsetzung zwar auf häufig feinfühlige Art, machte den Schrein für Hannah Baker aber noch größer, was Psychologen kritisieren. Die Entscheidung für eine 3. Staffel ist auch aus erzählerischer Sicht überaus fragwürdig, schon Staffel 2 reproduzierte die dramatische Tonleiter der 1. Wir (drei unvoreingenommene Tote Mädchen lügen nicht-Beobachter) haben 5 Thesen aufgestellt, in denen wir darlegen, weshalb jede weitere Staffel Tote Mädchen lügen nicht eher schaden als nützen wird.

1. Die Verantwortlichen um Tote Mädchen lüge nicht sitzen auf einem hohen moralischen Ross

In der Verteidigung der Serie gegen die nicht abreißende Kritik (die nicht nur von konservativen Medienverbänden in den USA kommt) herrscht bei Tote Mädchen lügen nicht und Netflix einheitliche Sprachlosigkeit. Jedes Cast-Mitglied und jeder Autor weist in den zahlreichen Diskussionen und Interviews gebetsmühlenartig darauf hin, dass die Serie mit ihrer offenen Ansprache sensibler Themen doch nur Diskussionen anstoßen wolle. Die fundiert vorgebrachten Warnungen vor und Vorwürfe gegen Tote Mädchen lügen nicht

werden dabei jedoch größtenteils ausgeblendet und fließen nicht in die Besprechungen ein.

In der 2. Staffel kommentiert die Figur Clay die Kontroverse in einem Meta-Dialog: "Wie soll Schweigen uns beschützen?", fragt er seinen Rektor, als der vor einer "Suizid-Epidemie" warnt, was auch Psychologen und Pädagogen nach Staffel 1 taten. Das alles deutet daraufhin, dass sich die Verantwortlichen im Erschaffungsprozess von der Debatte um die Serie abgeschottet haben und sie nur noch als störendes Summen wahrnehmen, dem man nicht viel Beachtung schenken muss. Soll die Serie weitergehen, müssen die Autoren die Debatten um die Show aber eher noch ernster nehmen. Warnungen vor und nach den Episoden reichen nicht. Eine Serie, die sensible Themen anspricht, muss sensibler auf ihr Umfeld reagieren. (HB)

2. Die Charaktere in Tote Mädchen lügen nicht sind auserzählt

Das Finale von Staffel 2 hätte das perfekte Serienende sein können. Die vielen Figuren des Ensembles fanden einen Abschluss ihrer Handlungsbögen und erhielten sogar eine Art Epilog, mit Aussichten, was die Zukunft für sie bringen könnte. Mit dem Abschied von Hannah Bakers Geist und ihrer Mutter Olivia wurde der wohl größte Handlungsbogen der Serie zu einem finalen und emotionalen Abschluss gebracht. Nachdem Katherine Langford kürzlich klarstellte, dass Hannah für eine 3. Staffel nicht zurückkehren würde, muss die Serie eine neue zentrale Person finden. Denn ohne Hannah Bakers Charakter fehlt der Serie in Zukunft der Mörtel, der alle Story-Steine zusammenhält.

Wie viel Leid müssen die Hauptcharaktere in Zukunft noch ertragen? Nachdem die Schüler der Liberty High über 2 Staffeln Probleme und Traumata am eigenen Leib erfahren haben, durften sie zum Ende der 2. Staffel das erste Mal so etwas wie Hoffnung und Freude verspüren. Doch fast schon krampfhaft werden sie nun zurück in den Strudel aus Hot Topics und Highschool-Soap gezogen, was unseren Lieblingscharaktere mehr schaden wird als sie zu heilen. Da die Autoren schon in Staffel 2 Probleme damit hatten, für einige Charaktere (zum Beispiel Tony) einen sinnvollen Handlungsbogen zu finden, sollte die Serie einen baldigen Neustart mit neuen Charakteren in Betracht ziehen. (MW)

3. Tote Mädchen lügen kann sich nicht zwischen Soap und Drama entscheiden

Wo wir es gerade angesprochen haben: Knifflige Themen und unangenehme Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch alle bisherigen Episoden von Tote Mädchen lügen nicht. Durch verschiedene Perspektiven will die Serie ihren schwierigen Themen gerecht werden, was durchaus ein lobenswerter Ansatz ist. Auf Hannahs Wahrheit folgt die Wahrheit ganz vieler anderer junger Menschen, die Teil des Systems Liberty High sind. Daraus ergibt sich zunehmend ein komplexes Mosaik aus Bruchstücken, Scherben und Splittern, die sich freilich nicht allesamt miteinander vertragen.

Tote Mädchen lügen nicht schafft es an diesem Punkt selten, einen angemessen ernsthaften Bogen zu schlagen, sondern flüchtete sich gerade in der 2. Staffel zunehmend in ein soapiges Metier, das kontraproduktiv im Hinblick auf eine seriöse Auseinandersetzung wirkt. Damit sei gar nicht gesagt, dass sich eine Highschool-Soap nicht mit ernsten Themen beschäftigen sollte. Im Gegenteil: Riverdale bei The CW beweist aktuell mit Bravour, wie sich diese Ansprüche mit einer klaren Stimme, mit einer klaren Identität vereinen lassen. Tote Mädchen lügen nicht steckt aber zweifelsohne in einer Identitätskrise, was nicht zuletzt Resultat der zwanghaften Verlängerung ist. (MH)

4. Die Tendenz zum Spektakel von Tote Mädchen lügen nicht ist beängstigend

Damit einhergehend lässt sich in Tote Mädchen lügen nicht eine ganz unglückliche Tendenz ausmachen: Zusätzlich zu der bestürzenden Suizid-Thematik hat es sich die Serie mit der 2. Staffel zur Aufgabe gemacht, zum Stellvertreter für alle Probleme zu werden, die an einer Highschool passieren können. Das unterstützt einerseits den Soap-Charakter, andererseits ist die Überschätzung der Serie deutlich beängstigender. Weiter oben haben wir schon festgestellt, dass die Macher dringend von ihrem hohen moralischen Ross runterkommen sollten.

Wenn fortan nur noch mit reißerischen Story-Gesten (Amoklauf, ungewollte Schwangerschaften etc.) um sich geworfen wird, verrät sich die Serie im Grunde selbst. Hannah Bakers Geschichte hat ihren Endpunkt erhalten. Natürlich geht das Leben weiter - die große Kunst ist es allerdings, zu wissen, wann die Geschichte auserzählt ist. Ansonsten torpediert der krankhafte Drang zum Spektakel, zum nächsten Skandal alle aufklärenden, den Diskurs fördernden Ansätze, die ohne Frage vorhanden sind. Aktuell verbreitet Tote Mädchen lügen nicht vorzugsweise Angst und Panik, anstelle einen Weg nach vorne aufzuzeigen. (MH)

5. Tote Mädchen lügen nicht hat in Deutschland ein großes Problem

Das vielleicht größte Problem, welches sich durch den Abschied von Hannah Baker aus der Serie für die 3. Staffel ergibt, ist der deutsche Titel der Serie. Während die Serie im Original 13 Reasons Why betitelt ist, wurde in Deutschland der Buchtitel Tote Mädchen lügen nicht übernommen, was für Netflix eine kurzsichtige Entscheidung war. Denn ohne das "tote Mädchen" hat der Serientitel nicht mehr viel mit dem eigentlichen Produkt zu tun. Und es ist schon ziemlich unwahrscheinlich, dass die Kreativen hinter der Serie extra eine weibliche Figur in Staffel 3 sterben lassen, damit der Titel der Serie auch in Deutschland seinen Sinn nicht verliert. Daher sollte sich Netflix Gedanken darüber machen, die Serie hierzulande einer Titelanpassung zu unterziehen. (MW)

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