Don't worry - Keine Sorge, Joaquin Phoenix ist für uns da

Don't worry, weglaufen geht nicht
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Don't worry, weglaufen geht nicht
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Joaquin Phoenix' John sitzt einmal in seiner Selbsthilfegruppe. Er wirft den Kopf leicht zurück, blickt zur Decke. Sein Mund klafft zu einem breiten Lächeln, das er selbst nicht wahrhaben will. "... I like you guys", entfährt es ihm in dieser schelmischen, einen Tick zu hohen Stimmlage, die seinen gebrochene Seelen und Slackern manchmal entfährt. Es gibt viele kleine Erleuchtungen in Don't worry, weglaufen geht nicht, die dieser einigermaßen zerstreut aneinanderreiht. John Callahan durchläuft nach einem Unfall, der ihn querschnittsgelähmt zurücklässt, schließlich die 12 Schritte der anonymen Alkoholiker, stets auf der Suche nach der großen Erleuchtung, die sein verkorkstes Lebens ins rechte Licht rücken wird. Die kleinen, so die Crux des neuen Films von Gus van Sant, sind dabei viel wichtiger. Die Erkenntnis zum Beispiel, sich in der Gruppe von Fremden geborgen zu fühlen. Zu der gehört neben Jonah Hill und Gossip-Sängerin Beth Ditto übrigens auch Udo Kier, der viel zu wenig machen darf. Sein Casting deutet aber schon mal an, dass hier irgendwo in diesem leicht sentimentalen Wust an Biopic-Ideen mit dem unglücklich denglischen Titel etwas richtig laufen muss.

Eine konventionelle Geschichte in idealen Biopic-Maßen

Wer keine Sorgen macht: Joaquin Phoenix. Mit dem Darsteller des 2010 verstorbenen Cartoonisten John Callahan steht und fällt und humpelt Don't worry, weglaufen geht nicht über die Ziellinie. Rückblende schachtelt sich in Rückblende, bis der Film an jenem Abend angelangt, an dem der 21-jährige Callahan in Los Angeles betrunken, wie eigentlich immer, ins Auto des ebenfalls hackedichten Dexter (Jack Black) steigt. Der schläft am Steuer ein. Dexter kommt mit Kratzern davon. Alkoholiker John sitzt fortan im Rollstuhl, was an seinem ohnehin fragilen Willen zur Trockenheit zehrt. Hin und zurück verschachtelt sich der Film danach zwischen Reha-Maßnahmen und späterer, hart erkämpfter Nüchternheit. Darin verloren geht beinahe die konventionelle Geschichte mit idealen Biopic-Maßen.

In Don't worry wird einem Trinker nachgespürt, der nach einem Schicksalsschlag zu seiner wahren Bestimmung findet. Er beginnt mit dem Zeichnen von schwarzhumorigen Cartoons, etwa über Ku Klux Klan-Männer, die sich über ihre fluffigen Bettlaken frisch aus dem Wäschetrockner freuen. Es ist eher der Gus van Sant aus Good Will Hunting oder Finding Forrester, den wir hier zu sehen bekommen, weniger der aus Elephant oder Gerry, und zum Glück nicht der aus The Sea of Trees. Trotzdem wirkt die parallele Erzählung von drei bis fünf Zeitebenen über die Länge des Films eher kontraproduktiv in der Erkundung von Johns Werdegang. Wäre da nicht Joaquin Phoenix.

Joaquin Phoenix ist die chaotische Ruhe in Person

Trotz der die Glaubwürdigkeit strapazierenden Perücken (er spielt John als 21-Jährigen) und ständigen Erzählsprüngen durch seine verschiedenen Phasen der Ausnüchterung bildet Joaquin Phoenix den notwendigen Ruhepol des Films. Ruhe ist wohl das falsche Wort. Nennen wir es "relaxt". Phoenix ist beileibe nicht unerfahren im Modus vollständiger Überspannung. In solchen Rollen, allen voran in The Master, scheint sich jeder Muskel seines Körpers der Rolle zu beugen und wir dürfen/müssen diesem Akt der Zähmung zusehen. Daneben gab er sich vermehrt der Zurückhaltung hin. Als philosophischer Flaneur und angehender Mörder in Irrational Man zum Beispiel. Oder als bärtiger Killer in A Beautiful Day. Seine Arbeiten mit James Gray, insbesondere Two Lovers, bleiben zwar unübertroffen in der Auslotung des Phoenix'schen Spiels. In welche Richtung sein Joker Movie gehen wird, bleibt ungewiss. Eine Neigung zu vom Chaos getriebenen Figuren besitzt er, und die Vorstellung, dass er in kürzester Zeit Jesus und den Joker spielt - mehr Joaquin Phoenix geht eigentlich nicht, oder?

Don't worry, weglaufen geht nicht zeigt Phoenix indes von seiner besten Seite, mit welcher der Film als Ganzes nicht mitzuhalten vermag. Rooney Mara taucht als engelsgleiches Norwegian Pixie Dream Girl auf, das statt eines Eigenlebens die Liebe zu unserem Helden hat. Besser ergeht es Jonah Hill als Selbsthilfe-Guru mit Goldkettchen und verletzlicher Seite, der einige der berührenderen Momente innehat, vermutlich weil Phoenix ein generöser Darsteller ist. Seine Präsenz verschlingt Szenenpartner nicht, selbst in den Augenblicken von Johns seelischer Öffnung. Sie bestärkt vielmehr. In der irgendwie egalen Erzählweise von Don't worry nimmt Phoenix einen von Anfang an die Hand. Das Durchhalten wird sich noch lohnen. Keine Sorge.

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