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Schreibwettbewerb 2017

Drei Jungen, Käsesauce und Bier

The Dark Knight
© Warner Bros.
The Dark Knight
moviepilot Team
sciencefiction Andrea Wöger
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Bei jedem Besuch bietet die Lichtburg in Essen eine Magie, die man nicht in jedem Kino findet. Zwischen all den großartigen Filmen und Erlebnissen gibt es jedoch einen Moment, der die Faszination für die große Leinwand auf den Punkt bringt.

Es war einer der heißeren Tage im ohnehin heißen Sommer 2008, doch uns war es egal. Statt zum Freibad, See, Kanal oder an welches Gewässer auch immer zu fahren, hatten wir uns vor dem Kino verabredet. Wir waren drei Sechzehnjährige, Tim, Daniel und ich. Das Kino war die Lichtburg in Essen, eins dieser alten Lichtspielhäuser, von denen es heutzutage viel zu wenige gibt. 1928 gebaut, wenige Jahre später von einem jüdischen Betreiber für einen lächerlichen Obolus abgenommen, im Krieg wie fast alles in unserer Stadt von Bombenangriffen zerstört und ausgebrannt, kurz darauf wiederaufgebaut. Heute kann man von dieser Geschichte kaum mehr etwas erahnen, sieht man nicht zufälligerweise auf die kleine Gedenktafel vor dem Eingang, wie wir es damals aus Langeweile taten. Denn tatsächlich stand eine Schlange vor den Glastüren des Kinos, in der Hitze mutmaßlich ein Gradmesser dafür, dass uns etwas Besonderes erwartete. Noch konnten wir darauf nur hoffen und beschäftigten uns mit Geplänkel über Fußball, bis unser Blick auf die Tafel fiel und wir das erste Mal an diesem Tag aus unserer kleinen Welt gerissen wurden. Denn die Geschichte der Lichtburg entzog sich unserem damaligen Denkhorizont.

An der Kasse holten wir Tickets, im Innenraum Nachos, Popcorn und Bier, Käsesauce hatten wir hereingeschmuggelt. Der Kinosaal der Lichtburg ist unterteilt in den gewöhnlichen Innenraum und einen Balkon darüber, von dem aus wir auf den unendlich langen roten Vorhang sahen, der gerade auseinandergezogen wurde. Werbungen und Trailer, an die ich mich nicht mehr erinnere, flimmerten über die Leinwand, während wir uns gemeinsam durch die Popcorn kämpften. Dann schloss sich der Vorhang wieder.

Kurz darauf ertönte ein Gong, der Raum dunkelte sich langsam ab. Begleitet von einem konstanten Quietschen fuhr der Vorhang erneut auseinander, diesmal viel weiter als zuvor, sodass das gesamte Blickfeld vom riesigen Schwarz der Leinwand erfüllt wurde. Auch wenn ich es noch nicht wusste, sprang ein 70mm-Projektor an. Das Bild eines Mannes von an der Kreuzung einer Großstadt. Dann fokussierte die Kamera eine Clownsmaske in seiner Hand, während ein langgezogener schriller Ton sich in die Nervenbahnen fraß. So beginnt eine der brilliantesten Auftaktsequenzen der jüngeren Filmgeschichte. Der Joker aus Christopher Nolans The Dark Knight raubt eine Mafiabank aus, bringt all seine Komplizen um und macht sich ungeschoren mit der ganzen Beute aus dem Staub der von einem Schulbus zertrümmerten Außenfassade. Es könnte schlicht keine bessere Einführung für den Joker geben, obwohl der erst kurz vor Schluss der Sequenz sein Gesicht zeigt, diese gelben Zähne bleckt und sich mit seinem irren Lächeln verabschiedet.

Man weiß, dass man einen besonderen Film sieht, wenn einem so die Kinnlade herunterklappt wie uns drei Sechzehnjährigen damals. Mein liebster Kinomoment geschah dennoch an einer auf den ersten Blick unscheinbareren Stelle von The Dark Knight. Kurz nach der Massenverhandlung vor Gericht scheint alles im Lot. Gothams Straßen so frei von Verbrechern wie nie zuvor, der Bürgermeister hält Harvey Dent in seinem verglasten Büro zwar eine kleine Standpauke, aber mehr als ein paar bürokratische Tadeleien befürchtete niemand im Kinosaal. Bis einer der falschen Batmans an die Fensterscheibe des Büros krachte und Tim vor Panik all seine Nachos mitsamt Käsesauce von seinem Schoß warf sowie die Bierflasche vor ihm mit dem Fuß umstieß. Doch wir hoben nichts auf, machten uns nicht über Tims schreckhaften Aussetzer lustig, würdigten das ganze Spektakel in unserer Kinoreihe noch nicht einmal eines Blickes. Stattdessen blieben wir regungslos in der Käsesauce sitzen, während sich um unsere Schuhe eine Bierpfütze bildete. Gebannt vom Gesicht des Mannes im Batmankostüm, der kopfüber gegen die Scheibe tockte. Auf seinen leblosen Lippen prangte das Lächeln des Jokers. Wir vergaßen alles um uns herum, die Leinwand hatte uns aufgesogen, wir waren in Gotham. Dem nun einsetzenden blanken Entsetzen entkamen wir nicht mehr.

Zumindest ließ es uns nicht mehr los, bis wir wieder auf der heimischen Straße vor dem Kino standen und einen letzten Blick zurück auf die Lichtburg warfen, diesem alten Tor zu einer anderen Welt gleich zwischen Foot Locker und Café Solo. In jenem Augenblick hatten wir die bescheuerte Idee, uns den Abend so volllaufen zu lassen, dass wir vergessen, wie der Film war und ihn noch einmal zum ersten Mal sehen könnten. Trotz jugendlichen Durstes, zapfwütigen Menschen in Bierwagen und der schlechten Schlagermusik eines Pfarrfestes gelang es uns nicht. Ein paar Tage später gingen wir trotzdem noch einmal ins Kino. Es war großartig, wie The Dark Knight noch heute bei jeder Sichtung großartig ist. Aber es war nie mehr so wie beim ersten Mal, als wir getränkt von Käsesauce und mit den Füßen in einer Bierpfütze dabei zusahen, wie der Joker das Chaos ins ach so sichere Gotham brachte. Denn wir waren damals eigentlich nicht mehr in den Kinosesseln, sondern auf der Leinwand, ebenso entsetzt wie der Held neben uns und doch wollten wir um keinen Preis der Welt wieder weg. So muss sich Kino anfühlen.

***

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