Dschungelcamp 2019 - Sorge statt Vorfreude

Dschungelcamp-Moderatoren Daniel Hartwich und Sonja Zietlow
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Viele Einwände gegen das Dschungelcamp sind gleichermaßen hartnäckig wie langweilig. Zu den Klassikern gehört der Mythos vom Fake und die profunde Erkenntnis, dass es sich bei RTL um einen Fernsehsender mit produzierten Inhalten handelt. Wer noch origineller sein möchte, greift zu schwereren Geschützen, den moralischen Bedenken nämlich, die ebenso ein Wegbegleiter der ersten Stunde sind. Seit 15 Jahren hört und liest man, dass Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! seine Teilnehmer ausnutze, bloßstelle und dem Publikum gewissenlos zum Fraß vorwerfe. Nicht einmal Roger Willemsen konnte erfolgreich dagegen anschreiben, weil dieser Einwand von Beginn an wirkmächtig genug sein musste, um den Diskurs für sich zu entscheiden. Trotzdem oder gerade deshalb ist den mit glühenden Herzen der Dschungelliebe verfallenen Anhängern des Formats keineswegs egal, wer sich zu welchen Bedingungen ins TV-Experiment begibt. Gehässigkeit war immer schon die uninteressanteste Art der Beschäftigung - echte Fans lachen und leiden mit, wenn Dschungelcamper um ihre Würde ringen.

Eher Sorge statt Vorfreude bereitet daher Sibylle Rauch, die der bestimmt abermals unabsichtlich gut informierten Bild-Zeitung zufolge eine der mutmaßlichen ersten Kandidaten für das Dschungelcamp 2019 ist. Vor allem durch Mitwirkung an der deutsch-israelischen Filmreihe Eis am Stiel erlangte das ehemalige Model ("Playmate") in den 1980er Jahren Bekanntheit, später wechselte Rauch von Soft- zu Hardcore-Produktionen und machte Schlagzeilen mit ihrer Kokainsucht, einem Selbstmordversuch und der Arbeit in österreichischen Bordellen. Zuletzt hatte die 58-jährige in der vom NDR produzierten Dokumentation Eskimo Limon - Eis am Stiel. Von Siegern und Verlierern einen denkwürdigen Auftritt. Sie wartet dort im Hotelzimmer auf ihre Freier und erinnert sich unter Tränen an einstige Erfolge, von denen offenbar nichts außer Geldnot geblieben ist. Regisseur Boaz Davidson spricht ihr dann noch rückwirkend jegliches Talent als Schauspielerin ab. Es ist ein zynischer, niederschmetternder Moment, der allzu deutlich macht: Die Frau braucht professionelle Unterstützung und kein Kamerateam.

Es ist schwer zu beurteilen, wann Kandidaten geeignet sind, ihr möglicherweise zweifelhaftes Image im Dschungelcamp zu reflektieren und sogar gewinnbringend gegen das Format zu richten (alles schon passiert), oder wann RTL sie stattdessen lieber vor sich selbst schützen sollte. In der Vergangenheit gab es zumindest Grenzfälle. Helmut Berger wurde 2013 nach nur zwei Tagen aus dem Camp getragen, auch Rolf Zacher musste es 2016 aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Wir sahen den lethargischen, gedankenverlorenen Harry Wijnvoord täglich abbauen. Und beobachteten erstaunt, wie der dauermuntere Gunter Gabriel zum tieftraurigen Grübler wurde. Solche Wendungen können dem Dschungelcamp zu einer besonderen Komplexität verhelfen. Es gab Staffeln, in denen die Anforderungen und Erwartungen komplett unterlaufen wurden, bis hin zu Teamrevolten, die das Wesen von Reality-TV grundsätzlich infrage stellten. Der Auseinandersetzung scheuende Vorwurf des Voyeurismus greift oft zu kurz, doch natürlich gibt es Kandidaten, die ins Dschungelcamp zu lassen grob fahrlässig wäre. Wer behauptet, die Show sei "mein größtes Herzensprojekt" (Sibylle Rauch), gehört vielleicht dazu.

Bedenkenlos durchwinken lassen sich hingegen Namen wie Bastian Yotta, Domenico de Cicco und Evelyn Burdecki, die ebenfalls zu den vorgeblichen Teilnehmern der 13. Staffel zählen. Sie sind erstens so unbeschrieben, dass es etwaiger tief greifender Häme an jedwedem Material fehlte, und nutzen das Dschungelcamp zweitens nicht als existenzielle Revitalisierung, sondern überhaupt erst mal zum Erlangen von Prominenz. So fällt beispielsweise Selfmade-Millionär Bastian Yotta in die sonderbare Kategorie jener Kandidaten, die sich aus reiner Lust an der Freude ins Trash-Fernsehen begeben. Das ist ein wachsender Trend: Jens Hilbert gewann mit seinem Millionärscharme im letzten Jahr die 5. Staffel von Promi Big Brother - und das gefallsüchtige RTL2-Paar Geiss lässt sich weiterhin in zahllosen Sendungen dafür feiern, mit dem Verkauf hässlicher Klamotten ein Vermögen gemacht zu haben. Im Ersatz-Dschungelcamp Adam sucht Eva zeigte Bastian Yotta jedenfalls alles, was er hat. Wie übrigens auch Nicht-Millionär Achi "Mr. Torpedo" Satorovic, der ein ungleich spannenderer Kandidat wäre.

Bliebe noch Tommi Piper, der Mann mit der Stimme, als Synchronsprecher von Alf und Tony Danza ein akustischer Begleiter diverser Kindheiten. Gewissermaßen fällt so jemand ganz aus dem Raster. Er wird, körperliche Unversehrtheit vorausgesetzt, das Dschungelcamp unbeschadet überstehen, und wie bei Mariella Ahrens, Björn-Hergen Schimpf oder Günther Kaufmann erinnert sich anschließend kaum ein Mensch, dass er jemals teilgenommen hat. Für RTL sind solche Kandidaten ein zweischneidiges Schwert, populär zwar, aber ohne Prägung. Seit Jahren scheint sich der Sender verstärkt um Asse zu bemühen, die er überraschend aus dem Ärmel ziehen kann, publikumswirksame Schwergewichte wie Brigitte Nielsen, mit der ihm damals ein Besetzungscoup gelang. Vergangenes Jahr sprang Nastassja Kinski auf den letzten Drücker ab, Wunschkandidat Roberto Blanco hat trotz angeblicher Rekordgage von 300.000 Euro gar nicht erst zugesagt. Obwohl das Dschungelcamp tatsächliche Stars nie brauchte, wollen seine Macher große Namen. Etwas mehr Grundvertrauen und weniger Sibylle Rauch stünden dem Format besser.

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