Dschungelcamp 2018 – Der Mythos vom Fake

Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!
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Meint es gut mit den Menschen.

Die Überschriften ähneln sich: "So wird im Dschungelcamp geschummelt", "so trickst RTL im Dschungelcamp", "so werden die Zuschauer getäuscht". Ergänzt um ebenso ähnliche und wohl im Sinne der Suchwortoptimierung konkretisierte Dachzeilen ("alles Fake", "alles Lug und Trug") präsentieren sie sich und die dazugehörigen Artikel trotz weitgehender Inhaltsgleichheit als exklusiv-aufklärerische Enthüllungsgeschichten. Zum einen korrelieren solche Meldungen mit dem lange totgetretenen Gag vom Dschungelcamp, das "eigentlich" in einem Kölner Studio oder dem brandenburgischen Freizeitpark Tropical Islands produziert werde – wo immer sich Berichte über das Format finden lassen, darf dieser Hammergag nicht fehlen.

Zum anderen untermauern sie das ungleich weniger scherzhafte und dafür besonders hartnäckige Gerücht, Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! sei eine Scripted-Reality-Show, deren Kandidaten lediglich Regieanweisungen befolgten und sowieso gar nicht mit der australischen Natur in Berührung kämen (jedenfalls keiner Natur ohne verlegte Fernsehkabel, was augenscheinlich die Erwartung ist). Seit 2004, als erstmals deutsche Promis das RTL-Camp bezogen, werden entsprechende Artikel pünktlich zum Start einer jeweils neuen Staffel umdatiert: Die ewige Wiederholung eines Gerüchts, herangetragen an wissbegierige TV-Skeptiker. Auch gegenüber Unterhaltungsfernsehen will oberste Vorsicht geboten sein, zu groß ist offenbar die Angst vor Fake-News bzw. Fake-TV.

Ähnlich verhält es sich im Mutterland der Sendung, dem Vereinigten Königreich. Dort deckte kürzlich das Boulevardblatt Daily Mail die "Geheimnisse" des (an gleicher Stelle wie die deutsche Ausgabe produzierten) Formats auf, wobei sich ihr Bericht vor allem an Menschen gerichtet haben dürfte, die nie eine Folge Dschungelcamp sahen. Bewiesen nämlich wurde nichts, eher Altbekanntes und Offenkundiges zusammengetragen: Krokodile mit abgebundenem Maul (gut sichtbar für jeden Zuschauer und in der deutschen Ausgabe sogar hervorgehoben) oder Dschungelprüfungen, die bereits von Mitgliedern der Produktion durchgespielt wurden (übliche Praxis, um Licht- und Kamerapositionen zu testen und den zeitlichen Rahmen zur Bewältigung der Aufgaben festzulegen), sollten als Beleg für vermeintliche Schwindeleien dienen.

Geheimnisse seien folglich auch das zur Verfügung gestellte Reinigungsmittel, mit dem die Promis ihre Wäsche säubern (obschon der Artikel diesen Punkt mit einem Bild versieht, das die mutmaßlich geheime Seife deutlich zeigt), oder der extra angelegte Teich und die zur atmosphärischen Verschönerung hinzu gebastelten Kunstpflanzen entlang des Camps (worüber seit Staffel 1 gelacht wird, eben weil es von Beginn an erkennbar künstlich war). Überhaupt spiele sich die Show allenfalls "technisch" in einem Dschungel ab, denn untechnisch wird sie auf dem Gelände einer stillgelegten Bananenplantage gedreht, das viel Platz für die mehrere hundert Mitarbeiter umfassende Crew und deren Equipment bietet.

Jenes Gelände nahe der australischen Stadt Murwillumbah besuchten vor zehn Jahren Reporter des ZDF-Magazins Frontal21, um ihrerseits Licht ins Dunkel der verborgenen RTL-Machenschaften zu bringen. "In diesem Dschungel wird der Zuschauer hinters Licht geführt", moderierte ein sichtlich um Aufhellung bemühter Theo Koll das Rechercheergebnis damals an – mit dem selbstgefälligen Hinweis natürlich, dass es normalerweise nicht der Würde des Formats entspreche, über solche Art von Unterhaltung zu berichten (vielleicht fand sich zwischen den seinerzeit sehr aufgebrachten Beiträgen über "Killerspiele" oder das "Video-Gemetzel im Kinderzimmer" ein freier Sendeplatz, der noch gefüllt werden musste).

Auch Frontal21 "enthüllte", was Zuschauer mit voll funktionstüchtigen Sinnesorganen bereits wussten oder sich ganz undramatisch zusammenreimen konnten. Das Team befragte Ortsansässige und Experten, die von Baurarbeiten erzählen oder sich über die "ohne System hingeklotzte" Teichfolie amüsieren sollten, und verlieh der angeblichen Offenlegung des "Lügen-Camps" eine scheinbar politische Brisanz. Gezeigt wurde außerdem ein Werbevideo der Produktionsfirma Granada (heute ITV), das den Um- und Aufbau der ehemaligen Farm zum TV-Dschungel dokumentiert. Schließlich verwies ein süffisant-ironischer Off-Kommentar auf das eigentliche Anliegen von Frontal21, nämlich die Verachtung des Publikums im Allgemeinen und der Konkurrenz im Besonderen ("Millionen Zuschauer können doch irgendwie nicht irren").

Leider blieben für die demnach so doofen Fans der Show trotzdem manche Fragen ungeklärt. Warum beispielsweise RTL ein großes Geheimnis um den Drehort machen sollte, wenn das zu Werbezwecken angefertigte Video seiner Entstehung genau diesen Drehort auch als solchen kennzeichnet. Und ob es damals wie heute tatsächlich Zuschauer gibt, die das Dschungelcamp für ein Format halten, bei dem im Urwald ausgesetzte Promis buchstäblich ums nackte Überleben kämpfen, während zufällig aufgestellte Kameras das Geschehen filmen. Dabei ist aufmerksamen Dschungelfreunden seit jeher bewusst, dass die Show in einem abgesperrten Areal und logischerweise zu Fernsehbedingungen produziert wird – handelt es sich bei ihr doch um eine, nun ja, Fernsehshow.

Von Beginn an war ihr Hauptspielort unmissverständlich als ein mit Hängematten und Liegen, Gängen und Wegen, Toilette und Badestelle hergerichtetes (Dschungel-)Camp identifizierbar. Hoch über den Bäumen liegende Moderationsposten gaben jederzeit den Blick auf ein gut organisiertes Gelände frei, zu dem sich Teilnehmer wie Mitarbeiter selbstverständlich nicht erst mühsam unter Einsatz von Macheten durchkämpfen müssen, sondern leichten Zugang haben. Gerade in der ausgestellten Gemachtheit und den gewitzten, oft auch das eigene Format durch den Kakao ziehenden Moderationstexten liegt ein besonderer Reiz der Show. Anders gesagt: Das Dschungelcamp war und ist auch Fernsehen über das Fernsehen selbst.

Keine schockierenden Wahrheiten also. Bei RTL stammen Kakerlaken und sonstiges Krabbelvieh aus kontrolliertem Anbau. Hinter "Dr. Bob" steckt lediglich der Rettungssanitäter und ehemalige Spezialeffektkünstler Bob McCarron. Und echte Stars gibt es auch eher selten zu sehen. Wenn das bereits Fake-TV ist, hat es im Fernsehen nie eine Wahrheit gegeben. Die Kritik der Künstlichkeit – ausgerechnet am vergleichsweise transparent inszenierten Dschungelcamp – verkennt nicht nur das selbstreflexive Potenzial des Formats. Sie irritiert vor allem durch sonderbare Authentizitätsansprüche gegenüber Unterhaltungssendungen, die mehr oder weniger tun, was ihr Name verspricht: Unterhaltung senden.

Die 12. Staffel Dschungelcamp ist ab 19. Januar 2018 bei RTL zu sehen.

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