Adam sucht Eva - und RTL ein neues Dschungelcamp

Adam sucht Eva - Promis im Paradies
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Adam sucht Eva - Promis im Paradies
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Meint es gut mit den Menschen.

Im weitesten Sinne ist Adam sucht Eva eine Dating-Show. Gedreht wird sie auf dem Atoll Tikehau ("einsame Insel"), produziert für den Privatsender RTL. Ihr Konzept könnte simpler nicht sein: Single-Männer ("Adams") und -Frauen ("Evas") verbringen gänzlich unbekleidet eine gemeinsame Zeit vor tropischem Ambiente, um sich kennen (seltener lieben) zu lernen. Stets dabei und der Intimität bestimmt sehr zuträglich sind Kamerateams, Redakteure, Setdesigner (die Moderatorin hat der Sender in Staffel 2 wegrationalisiert). Es wird geredet, geflirtet, manchmal auch gefummelt, und wenn gar nichts geht, funkt RTL mit einer Aufgabe dazwischen. Dann ziehen ausgewählte Probanden vom Hauptspielort ("Insel der Versuchung") auf einen Nebenschauplatz ("Insel der Liebe"), wo Candle-Light-Dinner zu TV-Scheinwerfern und kuschelige Schlafplätze unter Nachtsichtkameras organisiert werden. Gefallen sich ein Adam und seine Eva, dürfen sie ihre Klamotten wieder anziehen und entscheiden, ob tatsächliche Privatsphäre in einer Hotelanlage oder der Flug zurück in die Heimat auf dem Plan stehen. Die Pointe: Angezogen und zurechtgemacht wirken einige Teilnehmer für potenzielle Herzblätter nicht mehr attraktiv genug, es droht die einsame Abreise.

Anno 1987, als das Kuppelfernsehen auch in Deutschland populär wurde, genügte es freilich noch, harmlose Fragen hinter Trennwänden zu beantworten, um mit einem verschämten Lächeln allenfalls Händchen haltend hinter der Bühne zu verschwinden. Damit lässt sich bei RTL, lässt sich wahrscheinlich nirgendwo noch Quote machen. Weshalb der Kölner Sender die Grenzen des Reality-TV wieder dahin zurück verschiebt, wo seine spätabendliche Unterhaltung von Balders Gnaden einmal ihren Ursprung nahm: Unterhalb der Gürtellinie. Das klingt zwar ausgesprochen furchtbar, ist aber eigentlich ganz geil! Die unmissverständliche Prämisse von Adam sucht Eva macht nämlich keinerlei Anstalten, ihren exploitativen Charakter zu verhüllen (wortwörtlich, so gesehen). Es fehlt der Show an doppeltem Boden und ironischen Brechungen. An Möglichkeiten, sie sich intellektuell schön zu gucken. Und als "Sozialstudie" (akademisch für: Beine hoch, Fernseher an) taugt das Nackidei-Format sowieso nicht: Ernsthaft zanken tun sich die Teilnehmer selten, meistens genießen sie tiefenentspannt ihren gut bezahlten Urlaub. Falsche Romantik statt falsches Rambazamba, davon braucht sich wirklich keine pädagogische Medienkritik ("voyeuristisches Trash-TV") in Aufruhr versetzt fühlen.

Weil Adam sucht Eva also auf durchaus sympathische Art etwas langweilig ist, schien der Sender – obwohl sich der Marktanteil seit 2014 stetig verbesserte – nachjustieren zu wollen. Neben "Normalos" gab es in der heute endenden 3. Staffel auch allerhand "Promis" auf Liebesurlaub zu sehen, wobei die Normalos nicht gewusst haben, dass sie sich ihr Inselglück mit ungleich bekannteren (und ebenso unbekleideten) Prominenten teilen müssen. Daraus ergaben sich einige Ulkigkeiten. Der Normalo-Adam Kushtrim etwa fand die neue Konzeption total "für’n Arsch", weil Prominente hier ja gar nicht nach einem echten Traumpartner suchen, sondern sich nur profilieren würden (später rückte er ausgerechnet einer Promi-Eva auf den Leib, die genau das am offensichtlichsten tat, und war dennoch ganz doll enttäuscht). Normalo-Adam Jesse hingegen konnte gar nicht fassen, dass in der nackten Haut von Promi-Adam Peer Kusmagk auch nur ein ganz normaler Mensch steckt. Es dauerte folglich eine Weile, ehe der Saarländische Stripper den Berliner Dschungelkönig von 2011 überhaupt erkannte ("Bär Kussmark"), "das ist wie ein wahr gewordener Traum", schwärmte er daraufhin. Und versprach (bzw. drohte), mit dem schnell zum besten Freund erklärten Kusmagk auch privat in Kontakt bleiben zu wollen.

Allein: Der wahr gewordene Traum währte nicht lang. Für Promi-Eva Leo Bartsch, die sich im Paradies meist an unparadiesische Zeiten mit ihrer Popstars-Band Queensberry erinnerte, hatte Normalo-Adam Jesse zwar viele Tränen der Rührung über, als sie am Lagerfeuer zur Gitarre griff (großes Kino übrigens). Doch geizte er bei der Sängerin mit seinen sonst sehr großzügig verteilten Komplimenten, was einen kräftigen Disput mit dem neuen besten Freund nach sich zog (der ganz normale Mensch hielt sich offenbar doch "für was Besseres", die Tiefenentspannung trieb RTL der Show damit erfolgreich aus: Seit Mathieu Carrière wurde Peer Kusmagk nicht mehr so enttäuscht). Den Ruf eines gelegentlichen Sexismen zugeneigten Charmeurs hatte der während seiner Inselzeit vor allem recht fingerbegabte Jesse allerdings schon länger inne. Auch Promi-Adam und Ex-Tennisprofi Daniel Köllerer ("Platz 55 in der ATP-Weltrangliste") ging auf Distanz zu den ruppigen Flirtoffensiven des Kontrahenten, der schließlich ohne Eva (und vermutlich deutlich gekürzter Gage) freiwillig aus der Show ging. Schön war es trotzdem mit ihm und seinem "Free Willy" getauften Gemächt, die liebevolle Mischung aus Enthusiasmus und Erektion fehlte der Show bereits am Tag darauf.

Dass es die regulären Teilnehmer sein würden, die die Promi-Variation des Formats derart beleben, hat womöglich auch RTL überrascht. Gegen den eingeschlagenen Kurs, ein weiteres Dschungelcamp-Surrogat nebst IBES-Sonderausgabe und dem Sommerhaus der Stars zu etablieren, steuerten die Normalo-Adams und -Evas nach Leibeskräften an. Das kontrollierte Auftreten der durch zahlreiche vergleichbare Shows getingelten TV-Kompetenz wurde von denkwürdigen Zitaten (Kushtrim: "bei meiner Eva würde ich direkt auf die Pflaume schauen.", Matthias: "Mir haben schon viele Frauen gesagt, dass ich einen sehr schönen Penis habe.") sowie pikanten Twists der wesentlich unbedarfter agierenden Mit-Insulaner vereitelt: Grandios vor allem die Wendung, als Normalo-Eva Iwona sich und Normalo-Adam Max ("nackt ist sie eine Granate, angezogen eine Atombombe") spektakulär gelassen aus der Show katapultierte, obwohl alle Zeichen auf Romanze standen. Demgegenüber bediente sich der einhundertste Bohlen-Story-Neuaufguss des - Triggerwarnung: sexistischer Boulevardmedienduktus - "Teppichluders" Janina Youssefian nur totgelaufener Reality-TV-Konventionen. Bei "Richter Gnadenlos" Ronald Schill sehnte man sich derweil nach den Pixeln und Balken aus dem US-Pendant der Show.

Im Dschungelcamp, wo Youssefian und Schill durch ihre Teilnahme bei Promi Big Brother glücklicherweise unerwünscht wären, hätte man derart verzichtbare Selbstinszenierungen noch reizvoll gegen sich selbst wenden können. Hier standen den eingespielten TV-Profis jedoch Menschen gegenüber, die sich wenig bis gar nicht für deren Promi-Meriten interessierten. Und weil die Show aufgrund ihrer dynamischen Kandidatenkonstellationen keine Lagerkolleratmosphäre zulässt, braucht es den allzu noblen Vergleich mit Ich bin ein Star - Holt mich hier raus ohnehin nicht. Stattdessen bestand der Reiz des modifizierten Formats gerade in allem Nicht-Dschungelhaften: Im Kontrast zwischen geschulten Prominenten und unerfahrenen Normalos, aber auch - wenn Nacktheit kommunikative Barrieren überwindet - in Annäherungen auf Augenhöhe und kuriosen Kumpaneien (Jesse und Bär aka. Peer). Daraus ergaben sich nicht zuletzt auch vergnügliche Entfremdungseffekte, die Kushtrims gewagter These Recht geben sollten. Promi-Eva Sarah Joelle Jahnel jedenfalls konnte nach eigener Auskunft niemanden in der Show "als interessant deklarieren" (sic) - und Lust, "irgendeinen Pillemann zu berühren", hatte sie sowieso nicht. Danke dafür, mein RTL.


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