Fliegendes Baby

François Ozons Ricky gefällt den Franzosen und irritiert die Deutschen

© Concorde Filmverleih

“Selten fiel das Urteil über eine Regisseur kürzer und einfacher aus: François Ozon hat einen Vogel” – dies fasst den Grundton der deutschen Kritiken zu François Ozon s neuestem Film Ricky – Wunder geschehen im Wesentlichen zusammen. Das Drama, welches im Rahmen der Berlinale in Deutschland gezeigt wurde, läuft nun hierzulande an und könnte nicht offensichtlicher zeigen, dass ein tiefer Graben zwischen Deutschland und Frankreich verläuft. Die kulturellen Unterschiede bedingen wohl, dass die Deutschen den Kinosaal ziemlich irritiert verließen, während die Franzosen Ozons Regietalent rühmen.

Die Französische Filmkritik ist herausragend!

“Schande auf die Produzenten! Schande auf diejenigen, die laut François Ozon gegen die Finanzierung dieses Films gemurrt haben” läutet so Jean-Luc Douin von Le Monde seine positive Kritik ein, die “das das Werk eines Filmemacher” lobt, der “sich dem Subversiven verschrieben hat”. Mit diesen Worten spielt Douin auf die Entscheidung der langjährigen Produzenten der Ozonschen Filme an, deren Firma Fidélité die früheren Erfolge des Ausnahmetalents finanzierte, Ricky – Wunder geschehen nicht produzieren zu wollen. Sie sahen keinen Erfolg in der Kurzgeschichten-Adaption. François Ozon schon. In diese Lobeshymne fällt auch Pascal Mérigeau vom Nouvel Observateur ein, der ebenso begeistert über das Baby mit Flügeln spricht und die Rolle der mutigen Produzenten hervorhebt, die den 6 Millionen Euro teuren Film trotz aller Bedenken produzieren wollten. Romain le Vern schreibt im Magazin DVdrama, Ricky evoziere Rainer Werner Fassbinder (denn der Vater sei wie der Ali in Angst essen Seele auf der angstschürende Fremde). Die Inszenierung zwischen Sozialrealismus und magischer Realität erinnere an M. Night Shyamalan, die Botschaft des Films sei die schönste Botschaft im Werk des Filmemachers: Dass glückliche Liebe möglich sei.

Die feutsche Filmkritik fragt sich: Hat der einen Vogel?

Die Deutschen sehen dies – gelinde gesagt – etwas anders. Ein Blick über die deutschen Kritiken zeigt, dass Ricky – Wunder geschehen hier keinerlei Referenzen zugesprochen werden, kein tieferer Hintergrund, keine Botschaft. Das Drama über ein fliegendes Baby sei schlichtweg bescheuert. “Ricky ist ein Witz, und in jeder Hinsicht ein schlechter”, meint "Ekkehard Knörrer. “Ein fantastischer Familienfilm, der vielleicht die Gefühle der vernachlässigten Erstgeborenen ausdrückt, aber auf jeden Fall als äußerst seltsam zu interessieren oder irritieren weiß”, schreibt Günther Jekubzik. “Im Kino jedenfalls wachsen der Fantasie manchmal Flügel – und so mancher Absturz ist damit – wie in diesem Falle – quasi einprogrammiert”, so Joachim Kurz.

Es scheint tatsächlich so, als liege mit Ricky – Wunder geschehen ein Fall von kultureller Auseinandergleisung vor. Wo die Franzosen interreferentielle Bezüge sehen, das Werk deuten, in den Kontext des Schaffens von Ozon stellen, da schmettern die Deutschen den Film als Blödsinn ab. Ob ihr euch eher zur franko- oder germanophilen Interpretation hingezogen fühlt, könnt ihr vielleicht schon nach Betrachten erster Bilder betrachten:

Ricky – Wunder geschehen startet am 14. Mai 2009 in den deutschen Kinos.

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