Aktion Lieblingsfilm

Haie der Großstadt - Billard als Metapher für das Leben

25.07.2011 - 08:50 Uhr
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Aktion Lieblingsfilm: Haie der Großstadt
© Centfox/moviepilot
Aktion Lieblingsfilm: Haie der Großstadt
Haie der Großstadt ist für diesen User weniger ein Film über einen Billardspieler, als über einen Mann, der alles verliert und trotzdem nicht aufgibt.

The Hustler, der auf dem gleichnamigen Roman von Robert Tevis basierende englische Originaltitel, deutet überaus offensichtlich an, dass jener vom bisher nicht großartig aufgefallenen Robert Rossen inszenierte Haie der Großstadt keine sich in abgestandenen Standardformen suhlende Zockerparabel per se ist, auch nicht der Billardfilm schlechthin. Vordergründig geht es nicht darum, die Bälle mit dem Queue zu stoßen, sondern – ganz im Sinne der Übersetzung des Titels – um Menschen, die für Leib und Seele alles verkaufen. Das Billardspiel als solches verkörpert lediglich den Rahmen für Rossens Bebilderung einer psychischen Deformation seiner Hauptfigur.

Haie der Großstadt zeigt die Gewinner und Verlierer; und inwiefern beide Pole sich miteinander ergänzen, wie das eine das andere am Leben erhält. Nach einem fast halbstündigen, virtuosen Billard-Marathon-Match (im Film wird über einen Tag gespielt) – so geschnitten, gefilmt, dass man gern glauben darf, Billard war nie spannender – konstruiert Robert Rossen seine, sich in den klaustrophobischen Billardhallen Amerikas manifestierende, Tragödie vom großen Scheitern, vom großen Absturz Eddie Felsons (Paul Newman), dessen spielerische Niederlage in Wirklichkeit eine seelische ist.

Dass der Film in erster Linie differenziert seine Figuren auszuleuchten vermag, Figuren aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten, dass er ebenso jene gefährliche Spielsucht reflektiert respektive hinterfragt, ohne zwingend zu verurteilen, lässt sich allein schon für Eddie Felson beweisen. Dieser Eddy ist ein leidenschaftlicher Spieler, jähzornig, aber leidenschaftlich. Allerdings weitet sich seine Leidenschaft regelmäßig zur krankhaften Leidenschaft aus. Dieser Mann will siegen, immer, auch wenn es ausweglos erscheint, selbst wenn er gar geschlagen ist.

Ein größenwahnsinniger Poser, das ist er, dieser Eddie Felson. Ein guter Spieler, der mit den Bällen umgehen kann, der mit dem Gegner umgehen kann, ihn derart täuschen, um ihm eine Menge Geld zu entlocken, zweifellos, aber auch ein hemmungsloser Trinker. Für ihn gibt es nichts außer Pool, dem daraus resultierenden Geld und Whiskey. Alles andere? Nebensache. Seine Freundin? Kann warten; so kalt wie er ist, lässt er sie sogar zu Grunde gehen. Schwächen? Werden elegant retuschiert und nach außen gekehrt. Kennt Eddy überhaupt den Begriff?

Einer Billardkugel ähnlich wird Eddy ins Netz gestoßen und nicht wieder freigegeben, ins Netz von Bert Gordon (beängstigend gefühlsarm: George C. Scott), dem zwielichtigen, erbarmungslosen Geschäftsmann, dem Hai in der Großstadt, der Eddy ausnutzt um des Profites wegen, und nur darum. Als sich Eddy schließlich befreien kann aus den Klauen Gordons, ist es bereits zu spät: Seine Freundin Sarah verliert den Kampf gegen sich selbst. Liebe und Macht stehen sich diametral gegenüber. Eddy muss sich entscheiden.

Und Eddy entscheidet sich für die richtige, wahre Seite. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie sehr er Sarah geliebt und wie sehr er sie zerstört hat. Sein erneutes Match gegen seinen Erzrivalen präsentiert sich allenfalls äußerlich als die obligatorische Revanche (die vorher schon entschieden ist), als im Kern vielmehr um psychologische Reinigung und Wiedergutmachung. Eddy hätte sowieso nichts verlieren können. Eddy hat schon alles verloren.

Dieses feinfühlige Drama hinterlässt beim Zuschauer definitiv Spuren, weil es oftmals unter die Haut geht. Getragen von nuancierten Darstellern und deren mannigfaltigen Charakteren, avanciert Haie der Großstadt zur vielschichtigen Kost. Paul Newman ist sowohl der Star, von dem der Film lebt, als auch der Star, mit dem der Film fällt. Newman meistert die Angelegenheit, einen unsympathischen wie narzisstischen Egomanen dennoch sympathisch und menschlich darzustellen, mit Bravour und Ausdrucksstärke. Hervorzuheben auch Jackie Gleason, der zwar nur am Billardtisch glänzen soll, dafür sind seine wenigen Auftritte umso bemerkenswerter.

Wenn man so will, ist Gleason nicht nur Eddys Konkurrent um den besten Spieler der Welt, sondern das komplette Gegenteil im Charakter. Er hat all das, was Eddy nicht hat: innere Ruhe, Konzentration, Erfahrung, Besonnenheit, Taktik. Besonders beim Spielen. Nach zig Stunden ist Eddy betrunken, müde und kaputt, unfähig, noch einen Ball zu stoßen. Ganz anders Fats: er trinkt genau dasselbe, aber sein Plan ist ein anderer. Fats geht bei Stress in Ruhe ins Badezimmer, wäscht sich seine Hände, sein Gesicht, er kommt wieder zurück an den Tisch, er sieht wie neugeboren aus, kein Anflug von Schweiß und Erschöpftheit, da kann Eddy nur staunen. Weiter geht’s.

Piper Laurie verkörpert Sarah Packard dagegen komplex und derart intensiv, dass es schwer fällt, mit dieser Frau nicht zu leiden. Die Leistung sämtliche Emotionen derart virtuos auf die Leinwand zu schmettern, von tiefgreifender Verzweiflung, über latent aufflammende Freude – und man muss sie lange suchen, bis man sie im resignierten Gesicht Sarahs zu finden glaubt – bis zur besoffenen Trinkerin, das ist beeindruckend.

Haie der Großstadt ist eine ebenso präzise wie atmosphärische Milieustudie über die ganz alltägliche Geld- und Erfolgssucht, welche ihre Schatten auswirft, lange bevor die Erkenntnis über das Verlangen triumphiert. Siege für sich allein garantieren noch lange keinen Erfolg, Macht ebenso wenig, denn Opfer wird es andernfalls immer geben, einsame Verlierer, die auf der Strecke bleiben. Du brauchst vor allem eines: Charakter. Wir hoffen, dass Eddy seine Lektion gelernt hat. Frame, Set and Match, Robert Rossen!


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