Interview

Jaco van Dormael brauchte 13 Jahre für Science Fiction Mr. Nobody

Jaco van Dormael lässt es ruhig angehen.
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Jaco van Dormael lässt es ruhig angehen.

Am kommenden Donnerstag startet das romantische Science-Fiction-Drama Mr. Nobody in den deutschen Kinos. Wir begleiten Nemo Nobody (Jared Leto) auf dem Weg durch sein facettenreiches Leben, in dem er in drei möglichen Varianten jeweils seine große Liebe trifft und im Jahre 2092 als 118jähriger Greis reflektierend auf das Erlebte zurückblickt.

Keiner kann behaupten, der belgische Regisseur und Drehbuchautor Jaco van Dormael hätte sich keine Gedanken über seinen neuen Film Mr. Nobody gemacht. Zeit hatte er auf jeden Fall genug dazu. Denn mittlerweile liegt es bereits 13 Jahre zurück, seit sein letzter Film Am achten Tag (1996) in den Kinos zu sehen war. Gefragt scheint er offensichtlich immer noch zu sein, bekommt er doch mit Mr. Nobody die Möglichkeit, seinen ersten englischsprachigen Film in Hollywood zu drehen, und das mit einem beachtlichen Budget von 47 Millionen Dollar. Dafür bietet er uns ein dramaturgisch komplexes Science-Fiction-Drama, das mit überwältigenden digitalen Effekten daherkommt.

Im Interview verrät uns Jaco van Dormael, warum er sich die lange Auszeit vom Filmgeschäft gönnte und was ihn zu Mr. Nobody inspiriert hat.

Warum haben Sie so lange gewartet, bis sie wieder einen Film machten?
Jaco van Dormael: Ich habe gelebt. Und ich habe geschrieben. Natürlich hätte ich nie gedacht, dass dieser Film so lange dauern würde. Aber je mehr ich schrieb, um so mehr musste ich noch dazuschreiben. Ich experimentierte in unterschiedliche Richtungen, bis ich endlich zufrieden war. Vielleicht bin ich auch ein zwanghafter Monomane. Jedenfalls brauchte ich sieben Jahre, um dieses Drehbuch zu schreiben. Ich saß täglich von 10 Uhr bis 15.30 Uhr nachmittags daran, um diese Zeit kamen dann meine Kinder aus der Schule. Der große Vorteil des Schreibens ist, dass es sich wunderbar ins Familienleben einfügen lässt. Ich fühlte keinerlei Druck. Im Filmbusiness ist ein Film, der fünf Jahre alt ist, ein alter Film. Als Regisseur eines solchen Films gehöre ich zum alten Eisen, was ich außerordentlich bequem finde.

Was war der Anstoß zu dem Projekt Mr. Nobody?
Jaco van Dormael: Mr. Nobody ist ein Film über Komplexität. Die Herausforderung war, so etwas in einem Medium unterzubringen, das zur Vereinfachung neigt. Außerdem ist es ein Film über das Leben. In einem Film ist jede Szene unentbehrlich und am Ende fügt sich alles sinnvoll zusammen. Das Leben hingegen ist voller Löcher, voll sinnloser Szenen und zufälliger Erscheinungen, und es bewegt sich unausweichlich auf den Tod zu. Das macht es so schön.

Mr. Nobody ist ein Film über den Zweifel… aber ich könnte mich auch irren. Es ist vor allem ein Film über Entscheidungen. Welche Rolle spielt der Zufall bei den Entscheidungen, die wir treffen? Warum wählen wir eine Sache und nicht eine andere? Wie wird unser Leben zu dem, was es ist? Wie viel davon ist wirklich freie Entscheidung, und wie viel ein Zusammenspiel unzähliger winziger Ursachen, von denen wir keine Ahnung haben? Kann ein Fremder auf der anderen Seite des Planeten unwissentlich mein Leben verändern, indem er ein Ei kocht? Wenn ich mich unsterblich verliebe und überzeugt bin, ich könne ohne diese Frau nicht leben, was wäre dann aus mir geworden, wenn ich ihr nie begegnet wäre?

Mein Ausgangspunkt war ein 12-minütiger Kurzfilm den ich 1982 gemacht habe, er hieß E Pericoloso Sporgersi. Dort rennt ein Kind einem Zug hinterher. Es hat genau zwei Möglichkeiten zur Auswahl: entweder es bleibt bei seiner Mutter, oder es bleibt beim Vater, und von diesem Punkt an entwickelt sich eine jeweils unterschiedliche Zukunft.
Ich entwarf für Mr. Nobody anfangs eine Version, in der eine junge Frau auf einen Zug springt – oder eben nicht. Dann kam Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht (Sliding Doors, 1998) von Peter Hewitt heraus, im selben Jahr gefolgt von Lola rennt (1998) von Tom Tykwer.

Diese Filme waren zu nahe an meinem Thema, ich musste etwas Neues suchen. Allmählich wurde mir klar, dass die Geschichte, die ich eigentlich erzählen wollte, gar nicht nur zweigleisig war. Was mich vor allem interessierte, war der komplexe Vorgang einer Entscheidung. Wenn man eine Wahl trifft, hat man niemals nur zwei Alternativen, denn die erste Entscheidung birgt sofort die nächste in sich, es entsteht eine Vielzahl an Möglichkeiten, die sich ständig weiter verästeln. Jeder Entschluss verzweigt sich in einen nächsten. Ich wollte, dass der Zuschauer durch mein Drehbuch erkennt, in welchen Abgrund von zahllosen Möglichkeiten uns jede Entscheidung führt.

Außerdem wollte ich eine neue Art erfinden, eine Geschichte zu erzählen. Ich wollte, dass der Blick eines Kindes auf den Blick eines alten Mannes trifft, der eine sieht die Zukunft, der andere seine Vergangenheit. Ich wollte diese Vielschichtigkeit im Kino erklären, obwohl das ein Medium ist, das gern simplifiziert. Unsere Realität wird immer komplexer, die Informationen darüber werden jedoch immer knapper, mit dem Ziel, alles möglichst vereinfacht darzustellen. Aber was mich interessiert, ist die Komplexität. Ich mag keine simplen Antworten, die uns beruhigen sollen, aber selten stimmen.

Mit Material von Concorde

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