James Bond – Der größte Superheld der Filmgeschichte

Der größte Superheld der Filmgeschichte

Es gibt so viele Interpretationen der James Bond-Reihe wie Haare auf der Brust des 32-jährigen Sean Connery in Dr. No. Für die einen verkörpert James Bond eine Bastion frauenfeindlicher Ideologie, während andere die Bond-Girls als frühe Vertreter der sexuellen Revolution feiern. Einige der Filme gehen als Parodie des aufgeblasenen Selbstverständnisses des britischen Kolonialreiches durch. Mit einem leicht verschobenen Blickwinkel mag der Agent Ihrer Majestät trotzdem wie eine irre Allmachtsfantasie wirken, die den realen Zerfall des Empires kompensiert, rassistische Stereotype inklusive. Martini-Schüttler Bond stolziert als Idealbild der britischen Oberschicht durch Ken Adams Kulissen und nimmt sie anschließend als kantiger Held des kleinen Mannes auseinander. Aus heutiger Sicht spiegeln seine Abenteuer vielfach den politischen Wandel während des Kalten Krieges wider. Dennoch schütteln die Filme spätestens dann jeden Realismus ab, wenn Bond größenwahnsinnigen Genies in futuristischen Behausungen entgegentritt, um deren absurde Pläne zu vereiteln.

James Bond ist all das und ein kleines bisschen mehr und ein kleines bisschen weniger. Die schriftstellerische Schöpfung von Ian Fleming nimmt im Kino übermenschliche Züge an, ganz zu schweigen von ihrer bemerkenswerten Langlebigkeit. Seit seinem Einstand 1962 in James Bond 007 jagt Dr. No hat sich der Heroe durch 23 offizielle und 2 inoffizielle Kino-Abenteuer geschlagen. Nun startet mit Spectre der 24. Bond-Film von Eon Productions. Doch wo Bond in früheren Jahrzehnten durch den Wandel der Geschmäcker oder seine eigene Überalterung in Bedrängnis kam, fügt sich die Ära Daniel Craig offenbar nahtlos in die Epoche der Remakes und Reboots ein, wie sie durch den Superheldenfilm idealtypisch repräsentiert wird. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von über einer Milliarde Dollar bewies Skyfall, dass James Bond der Reichweite des mittlerweile gängigen Blockbuster-Kinos in nichts nachsteht. Obwohl sich die Markenzeichen eines Bond-Films seit den 1960ern kaum verändert haben. Das werden wir im folgenden Special näher betrachten. Dabei konzentrieren wir uns anlässlich des Kinostarts von Spectre auf den offiziellen Bond-Kanon von Eon-Productions, was die Parodie Casino Royale (1967) und das zweite Connery-Comeback Sag niemals nie (1983) ausschließt. Damit ihr einen Überblick bekommt, könnt ihr euch durch die Bubble-Grafik mit allen Bond-Filmen klicken. Wir haben für euch weltweite und US-Einspielergebnisse, den Trailer zum Film sowie die Wertung der moviepilot-Community zusammengestellt.


Die Bond-Filme und ihre Vorlagen

Wie Superheldenfilme schöpft auch die James Bond-Reihe aus einem reichen Vorlagen-Fundus: Ian Fleming verfasste 12 Romane und 9 Kurzgeschichten über den Geheimagenten, die den Filmen seit Jahrzehnten als Inspiration dienen. Dabei orientieren sich Bonds Kino-Abenteuer mal mehr, mal weniger eng an den Büchern: Waren die meisten Filme der Connery-Ära noch sehr nah an der jeweiligen Vorlage, teilten sich Roman und Kino-Version danach zumeist nur noch den Titel und wenig in Bezug auf den Inhalt. Versatzstücke der Romane tauchten jedoch immer mal wieder in Filmen mit anderem Titel auf. Die genauen Zusammenhänge von Vorlage und Kino-Umsetzung könnt ihr in der folgenden Galerie in Augenschein nehmen.

Unterschiede zwischen den Romanen und Filmen

Aber nicht nur die Handlungen, auch die Figuren weichen im Kino oft deutlich von den Vorlagen ab. So hat Bond in den Romanen eine sehr viel höhere Meinung von M, als er in den Filmen erkennen lässt; die Geplänkel mit Miss Moneypenny finden sich wiederum in den Büchern nicht, stattdessen hat Bond seine eigene Sekretärin. Ebenso glänzt Tüftler Q in den Vorlagen mit Abwesenheit, die (auch bei Weitem nicht so ausgefallenen) Gadgets werden von der anonymen Q-Abteilung hergestellt. Eine Erfindung der Film-Autoren sind auch die zahlreichen One-Liner, die Bond in schöner Regelmäßigkeit von sich gibt. Zu kurz kommen im Kino hingegen Bonds Privatleben, wenn er gerade nicht im Einsatz ist, und die Bürotätigkeiten, die er als Romanheld über sich ergehen lassen muss. All das macht den Kino-Bond zu einer Figur, die dem echten Leben ziemlich weit entrückt ist, teilweise noch mehr, als es bei Superhelden oft der Fall ist. Schließlich verfügen diese ja auch meist über eine bürgerliche Identität, während James Bond stets James Bond ist; im Kino – von wenigen Ausnahmen abgesehen – immer im Einsatz. Ihm bleibt also gar nichts anderes übrig, als filmein, filmaus im Helden-Modus zu agieren. Wer ihm dabei zur Seite steht, zeigt die Galerie.

Ms, Qs und Moneypennys

In der Büroarbeit dürfte auch eine der größten Übereinstimmungen zwischen Ian Fleming und seiner Schöpfung liegen, der ansonsten all das widerfährt, was Fleming selbst gerne erlebt hätte. Denn während des Zweiten Weltkriegs war er zwar beim Marine-Nachrichtendienst tätig, ging jedoch nie selbst auf gefährliche Missionen, sondern plante sie höchstens für andere. James Bond ließ er dann Jahre später all die Abenteuer überstehen, die ihm persönlich nie vergönnt waren. Dafür erschuf Ian Fleming oft fast ebenso cartoonhafte Verbündete und Feinde für Bond, wie sie auch in Superhelden-Comics zu finden sind: Unfassbar schöne Frauen mit Namen, die jeden Standesbeamten vor Scham erröten lassen würden, und tödliche Gegner, deren ausgefeilte Mord-Fähigkeiten sie fast schon zu Karikaturen werden ließen. Ihre in den Romanen oft noch halbwegs realistischen Pläne wurden im Kino dann oft zu Lehrstunden in Größenwahn: Wer ein Superheld sein will, der braucht schließlich auch Superschurken als Gegenspieler.

Bei den Drehbüchern der Filme wurde von Seiten der Produzenten seit jeher auf Kontinuität gesetzt: Richard Maibaum war bis zum Ende der Dalton-Ära an allen bis auf drei der Skripte beteiligt und prägte so wesentlich den Stil des Film-Bonds. Nach Maibaums Tod arbeitet seit Die Welt ist nicht genug mit Neal Purvis und Robert Wade ein Autorenduo an allen Drehbüchern mit. Ihnen fiel auch die Aufgabe zu, sich gänzlich neue Bond-Abenteuer auszudenken, denn bis auf Casino Royale stützen sich die neueren Filme des Geheimagenten Ihrer Majestät so gut wie gar nicht mehr auf Ian Flemings Romanvorlagen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich der Film-Bond also (notgedrungen) von seinem literarischen Ursprung emanzipiert und sich mehr und mehr zu einem unzerstörbaren Helden entwickelt, auch wenn zwischendurch regelmäßig realistischere Töne angeschlagen werden.

Die Top 10 Bond-Filme der moviepiloten


Die Bond-Darsteller und die Reboots


Der zweite Herr von links: Hoagy Carmichael, Ian Flemings Vorbild für James Bond. Szene aus Die besten Jahre unseres Lebens.

Bond-Schöpfer Ian Fleming war recht klar, was das Aussehen seines Geheimagenten angeht. In Liebesgrüße aus Moskau beschreibt ihn ein Dossier als 183 Zentimeter groß, 76 Kilogramm schwer, dementsprechend schlank, mit blaugrauen Augen, einem harten Mund, kurzem schwarzen Haar und einer dünnen, fast acht Zentimeter langen senkrechten Narbe auf der rechten Wange. Wie eine kühlere und gnadenlosere Version des Sängers und Schauspielers Hoagy Carmichael, so bemerkt Vesper Lynd in Casino Royale. Dementsprechend zeigte sich Fleming zunächst nicht allzu begeistert von der Verpflichtung des fast 1,90 m großen Hobby-Bodybuilders Sean Connery als erstem Kino-Bond in Dr. No, konnte sich aber schon nach kurzer Zeit für Connerys Interpretation seines Geheimagenten erwärmen. Bekanntermaßen blieb es jedoch nicht bei diesem einen James Bond-Darsteller, denn bis heute schlüpften im Kino insgesamt sechs Schauspieler in die Rolle des berühmtesten Spions der Filmgeschichte. Dabei erhielt Bond dann nicht nur jedes Mal ein neues Aussehen, auch der Ton der Filme änderte sich. Bisher schlüpften sechs Schauspieler in die Rolle des Geheimagenten, und die haben wir in der Galerie verewigt.

6 mal 007: Die Bond-Darsteller

Ähnlich wie bei Superhelden im Laufe der verschiedenen Comic-Zeitalter und später auch im Kino ergab sich durch die Schauspielerwechsel die Möglichkeit, die Filmreihe neu auszurichten und dem Zeitgeist anzupassen. Auf einen kompletten Neustart wurde dabei jedoch, anders als bei Superheldenfilmen üblich, verzichtet: Auch Roger Moores Bond pilgerte zum Grab seiner Ehefrau, obwohl diese doch von George Lazenbys Agent geheiratet wurde. An ihrem Ableben war wiederum Erzschurke Blofeld beteiligt, der erstmals Sean Connerys Spion begegnete (dort allerdings auch durch einen anderen Darsteller verkörpert). Und selbst bei seinem als erste Mission deklarierten Reboot-Abenteuer in Casino Royale hatte Daniel Craig dieselbe Vorgesetzte wie Pierce Brosnan, nur war Judi Dench inzwischen über zehn Jahre älter als bei ihrem Debüt in GoldenEye.

Auf jeden Fall führten die Bond-Produzenten schon 1969 mit dem Wechsel von Sean Connery zu George Lazenby bei Im Geheimdienst Ihrer Majestät erstmals einen kleinen Neustart ihrer Reihe durch, auch wenn dies Lazenbys einziger Bond-Auftritt blieb. Wie später Batman oder Spider-Man blieb der Charakter bei jedem Schauspielerwechsel im Grunde genommen derselbe, bekam durch einen neuen Darsteller aber einen frischen Dreh und wurde damit an den jeweiligen Geschmack der Zeit angepasst. Wie sich die einzelnen Bonds im Hinblick auf ihre Gegner, Frauen, ihr Alter, ihre Vorstellung und ihr Trinkverhalten unterscheiden, zeigt die interaktive Statistik.

Von Connery über Lazenby, Moore, Dalton, Brosnan bis hin zu Craig wechselten sich dabei eher ernste Herangehensweisen und spaßige Leichtigkeit mit verlässlicher Regelmäßigkeit ab. Während Sean Connery durch seine unter der charmanten Oberfläche hervorscheinende Härte überzeugte, ging es bei George Lazenbys einzigem Bond-Auftritt (abgesehen natürlich von Bonds tragischem Verlust seiner Ehefrau) ähnlich ironisch und belustigt zu wie bei den meisten Abenteuern von Roger Moore, der nach einer kurzen Rückkehr Connerys übernahm. Wesentlich realistischer und menschlicher stellte dann Timothy Dalton den Geheimagenten dar, während Pierce Brosnan seine Missionen deutlich vergnügter absolvierte, dabei aber nicht an Blei sparte. Daniel Craigs Bond schließlich hat wohl von allen am wenigsten Spaß an seinen Einsätzen. Und das, obwohl auch er die Bond-Tradition seiner Vorgänger fortführt und bei seinen Einsätzen vom einen Ende der Welt zum anderen reist, wie uns die interaktive Weltkarte zeigt.

Die wichtigsten Handlungsorte der Bond-Filme

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Weltmacht ohne Weltreich – Bond und die Politik

„Wir mussten quasi warten, bis sich die Welt verändert hat“. Das gab Matt Damon vor einer Weile zu Protokoll, als er gefragt wurde, warum Regisseur Paul Greengrass und er ausgerechnet jetzt zur Bourne-Reihe zurückkehren. Die ersten Filme handelten demnach von der Präsidentschaft George W. Bushs. Mit den Enthüllungen von Edward Snowden habe sich der Globus nun weit genug gedreht, um Jason Bourne wieder durch Verschwörungen stürzen zu lassen. Aus Sicht der Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson (und vielleicht auch des Bourne-Studios Universal) dürfte dies nach der Definition eines Luxusproblems klingen. In den vergangenen Jahrzehnten war James Bond durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre im Einsatz, was sowohl auf seine ungebrochene Popularität als auch Eons recht übersichtliches Portfolio zurückzuführen sein dürfte. Geduld können sich die Bond-Produzenten nicht leisten und sie müssen es auch nicht. Der Geheimagent ihrer Majestät stieg zur Spielwiese der (Pop-)Kultur-Analysten auf, weil ihm welt- und sozialgeschichtliche Umwälzungen noch weniger anhaben können als verführerische Damen oder physiognomisch auffällige Helfershelfer. So oft wie der Bond-Reihe kreative Krisen attestiert wurden, so oft bewies sie ein erstaunliches Vermögen zur Erneuerung – ohne an den Grundzutaten auch nur ein Iota zu ändern.

Bereits in den 1960er Jahren wurde Bond in Kritiken als filmisches Vehikel der Großmachtfantasien einer Nation gelesen, deren Großmachtstatus ihr gerade entglitten war. Ausgestattet mit der neusten Technik, den heißesten Autos und einem umwerfenden Charme rettet inmitten des Kalten Krieges ein Brite die Welt, gegebenenfalls unterstützt von einem amerikanischen Nebendarsteller. Schon bei Dr. No hinkte die Reihe der Zeitgeschichte hinterher. In seinem ersten Kino-Abenteuer spazierte Bond noch durch das von der britischen Krone kontrollierte Jamaika. Dabei feierte das Land zwei Monate vor der Filmpremiere, nämlich im August 1962, seine Unabhängigkeit vom Britischen Empire. Machte 007 in exotischen Schauplätzen dem Geheimdienst alle Ehre, erschütterte Großbritannien daheim der Fall des MI6-Agenten Kim Philby. Der lief 1963 zur Sowjetunion über. Ein zeitnaher Kommentar zum Weltgeschehen, wie ihn sich Matt Damon wünscht, ist Bonds Sache auch in späteren Filmen nicht. Vielmehr scheinen politische und kulturelle Veränderungen für die Drehbuchautoren der Bond-Reihe einen praktikablen Gemischtwarenladen abzugeben. Ian Fleming lässt Bond in den Büchern gegen Agenten des fiktiven sowjetischen Geheimdienstes SMERSH antreten. In den Filmen gibt die grenzen- und zeitlose Geheimorganisation SPECTRE den diabolischen Ton an. Der Wettlauf ins All beschäftigt auch Bond, der Vietnamkrieg wird indes ausgeblendet. Keine Frage, im Laufe der Jahre leistete James Bond nichtsdestotrotz seinen Beitrag zum Kalten Krieg gegen die Sowjets. In Der Hauch des Todes tat Timothy Dalton es sogar an der Seite afghanischer Gotteskrieger.

Wir haben euch eine Zeitleiste aus weltpolitischen Ereignissen zusammengestellt. Weiter unten folgen alle Bond-Filme. Wer Lust hat, möge beide Reihen parallel durchforsten.

Weltpolitische Ereignisse


Die frühzeitige Verlagerung auf profitorientierte Organisationen und exzentrische Einzelgänger als Antagonisten trug jedoch maßgeblich dazu bei, dass die Bond-Reihe über die Jahrzehnte diverse Trends in der Branche überdauerte, darunter die Innovationen des New Hollywood und das Reagan’sche Muskelkino der 1980er Jahre. Ihr genialischer Baukasten, mit der Titelsequenz, M, Moneypenny, Q, Bond-Girls, Schurken, Standard-Zitaten usw., wirkt rigide. Zwischen Kubakrise, Mauerfall und 11. September hat sich diese filmische Schablone allerdings als stabiles Grundgerüst erwiesen, von dem aus zeitgeschichtliche Verweise getätigt werden. Zu beobachten ist das beispielsweise in Lizenz zum Töten, dessen Bösewicht dem Diktator Manuel Noriega aus Panama ähnelt. Wenn Brosnans Bond in GoldenEye mit einem Panzer durch St. Petersburg rollt und lässig seine Krawatte zurecht zupft, scheint ein Gewinner des Kalten Krieges seine Siegesparade nachzuholen.

Alle offiziellen James Bond-Filme mit ihren britischen Startdaten


Aus 50 Jahren und 20 weiteren Bourne-Filmen Entfernung wird Jeremy Renners Solo-Einsatz in Das Bourne Vermächtnis also möglicherweise als George Lazenby-Moment der Reihe erscheinen; wird Matt Damon nochmal gegen CIA-Verschwörungen vorgehen, bevor das Zepter an einen Nachfolger überreicht wird. Oder Bond überdauert auch dieses Franchise. Immerhin findet sich die entscheidende Zutat der Reihe im Kontrast zur Robert Ludlum-Adaption. Die Bond-Produzenten müssen nicht auf die richtigen Konstellationen warten, die geben sie schließlich jedes Mal selbst vor. Deswegen wird die Reihe bis heute am häufigsten wegen ihrer unveränderten Elemente kritisiert: dem weißen Bond und seinen willigen Girls. Spannend wird es vor allem in den Zwischenräumen, in denen die Filme Facetten ihrer Zeit einfangen, weil es eben nicht ihr Auftrag ist.


Agent in Aktion – Das Unmögliche möglich machen

Das Einzige, was in der klimaktischen Unterwasser-Schlacht in Feuerball fehlt, ist Bond, der auf dem Rücken eines freudig klickenden Delfins ins Gefecht reitet. Davon abgesehen zwingt die ehrgeizige Konzeption dieser Actionszene aus dem Jahr 1965 noch heute die Zuschauerkinnladen in Richtung Wohnzimmerteppich. Navy SEALs, Largos böse Buben, der Geheimagent Ihrer Majestät und ein paar unglückliche Haie liefern sich da einen rund acht Minuten langen Kampf unter Wasser samt Messern, Harpunen und feuchtem Faustgerangel. Heraus kommt nicht unbedingt die dynamischste Actionszene der Bond-Historie, verwandelt sich der physische Widerstand des Meerwassers doch zum Teilzeit-Protagonisten. Die eigentliche Action wird freilich von der offensichtlichen Ambitioniertheit der Sequenz als Schauwert überlagert. Wie bei anderen Actionfilmen wollen wir bei Bond Spannung, Spiel und Kunstblut. Dass die Reihe gewissermaßen der Goldstandard des Genres im Blockbusterkino geworden ist, können wir auf dieses gewisse Extra zurückführen: Spannung ja, Spiel ja, Kunstblut in Maßen, insbesondere aber ein Reiz, der über die Geschehnisse im Film hinausgeht. Können sich die Macher nach 3, 30 oder 50 Franchise-Jahren übertreffen?

Action gab es Jahrzehnte vor den Bond-Filmen (Edwin S. Porter sei Dank) und der Actionfilm bildete sich in Hollywood der gängigen Darstellung nach erst in den 1970er Jahren heraus. Die Bond-Reihe nimmt in dieser Entwicklung eine Schlüsselstellung ein. Ehrgeizige Stunts finden sich auch in Filmen wie Der General oder Höllenfahrt nach Santa Fé mit ihren rasenden Lokomotiven und holpernden Pferdekutschen. Auf vergleichbare Weise bildete die Action in den ersten beiden Bond-Abenteuern eine untergeordnete Bereicherung der Spionagefilm-Konventionen, ebenso wie es Schießereien im klassischen Western tun. Nach Liebesgrüße aus Moskau verlagerte sich diese Gewichtung allerdings. In einem einschlägigen Sight & Sound-Essay schrieb Drehbuchautor Larry Gross 1995, dass sich James Bond ab Goldfinger durch eine Art „komplett neuen, superkinetischen, trickfilmartigen Actionfilm“ kämpfte. Spionage und Plot gerieten in den Hintergrund, reine Action-Sequenzen und Science-Fiction-Elemente nahmen zu. Der in der Gegenwart mit futuristischer Technik gesegnete „Superheld“ Bond (so Gross) wird damit zum Ahnen des „großen lauten Actionfilms“, wie er von Steven Spielberg und George Lucas aus der Taufe gehoben wurde.

Nach und nach setzte sich in den Agentenabenteuern die Strukturierung der Handlung durch mehrere aufwendige „Set-Pieces“ (Prolog, Verfolgungsjad, Finale) durch. Mithin ähneln die Bond-Filme mit wachsender Zahl dem Blockbuster, wie wir ihn heute kennen. Dessen finanzielle und technische Möglichkeiten wurden nach dem Erfolg von Jurassic Park und Titanic trotzdem zur dauerhaften Gefährdung der „Einzigartigkeit“ der Reihe. Schon eine Erinnerung an die Rezeption von Stirb an einem anderen Tag genügt, um den eigentümlichen Charakter der Action in den James Bond-Filmen herauszuarbeiten. New York Times-Kritiker A.O. Scott lobte seinerzeit die Charakterentwicklung in Brosnans letztem Bond-Film, verglich ihn gar mit dem Franchise-Höhepunkt Der Spion, der mich liebte. Die billig wirkenden Computereffekte, zu bestaunen in der Eisberg-Surfsequenz, hätten laut Scott trotzdem eher in die Spy Kids-Filme gepasst. Ein Kritikpunkt, der wohl wesentlich dazu beigetragen hat, dass der erfolgreichste Brosnan-Bond als einer der schlechtesten des Franchise gilt. Aber ist die absurde Surf-Action im Prinzip lächerlicher als ein Roger Moore, der von einem Pferd auf einen Privatjet springt, mit in die Höhe fliegt und durchs Fenster winkt? Oder die 270-Grad-Drehung eines PKWs bei einem Sprung über einen Fluss? Letztere, eine berühmte Sequenz aus Der Mann mit dem goldenen Colt, gilt als erster Stunt, der am Computer entworfen wurde. Die Berechnungen dienten dann als Grundlage für seine Durchführung vor der Kamera.

So „trickfilmartig“ und „superkinetisch“ die James Bond-Filme nach Liebesgrüße aus Moskau wurden, zeichnet sich die Belastbarkeitsgrenze der Reihe ab, wenn aktuelle Trends des jungspündigen Blockbusterkinos bei Onkel Bond anklopfen: etwa im Spezialeffektewettlauf von Krieg der Sterne und Moonraker - Streng geheim, der CGI-Extremsport-Action von xXx - Triple X und Stirb an einem anderen Tag oder der hyperkinetischen Inszenierung von Die Bourne Verschwörung und Ein Quantum Trost. Der „Superheld“ Bond avanciert nicht allein durch übermenschliche Taten zum Actionheroen. Sonst würden wir den auffälligen Einsatz von Computereffekten ebenso willig in Kauf nehmen, wie wir es bei Comic- oder Jugendbuchverfilmungen tun. Nicht allen, wohlgemerkt. Im aufwendigen Flugzeug-Heist von Christopher Nolans The Dark Knight Rises klingt die innovativ konzipierte und geschnittene Action von Bond-Veteranen wie Scott Glenn und Peter R. Hunt nach. Beide stiegen innerhalb der Reihe jeweils vom Schnittmeister zum Regisseur auf. Gemeinsam arbeiteten sie beispielsweise an der zeitlos dynamischen Ski-Verfolgungsjagd aus Im Geheimdienst Ihrer Majestät, der Nolan in Inception Tribut zollt.

Die Bewunderung für eine Sequenz wie den patriotischen Union Jack-Fallschirmsprung zu Beginn von Der Spion, der mich liebte entspinnt aus einer Gratwanderung zwischen Authentizität und Künstlichkeit. Es ist ein echter Sprung mit einem echt geschmacklosen Ski-Overall und ein falscher Roger Moore, der durch Rick Sylvester gedoubelt wird. Spätestens seit dem Effektefehltritt Stirb an einem anderen Tag muss sich Bond trotz und mithilfe von unsichtbaren Computereffekten in seiner Supermenschlichkeit regelrecht beweisen. Ob nun Daniel Craig in einer filmischen Abbitte per Parkour über das Casino Royale-Set hastet oder im Promomaterial von Spectre handgemachte Stunts beschworen werden: Der unerschütterliche Recke Bond hat das Genre mit aufgebaut und muss dessen Handwerk offenbar noch dringlicher als seine Nachahmer bewahren. Denn wir lieben es, wenn Bond das Unmögliche gelingt. Aber nur wenn es möglich aussieht.


Bond – Bodenständig an der Kasse

Bond – Bodenständig an der Kasse

Superhelden und so manche Actionhelden bringen zwar aktuell mehr an den weltweiten Kinokassen, aber welcher von diesen neuen Heroen könnte behaupten, auch im Alter von 50 Jahren immer noch in der ersten Box Office-Liga zu spielen? Der Geheimagent Ihrer Majestät ist einfach nicht totzukriegen, obwohl er bereits 1962 das Licht der Filmwelt erblickte und damit fast ein Opa unter den Kinogängern von heute sein könnte. Weltweit dürften es über 6 Milliarden Dollar sein, die über die Jahre aufs Konto von James Bond gewandert sind.

Beständigkeit ist für uns die perfekte Umschreibung für das Bond-Franchise. Über die Jahre sind neben den Superhelden mit bunten Kostümen auch Helden ohne Strumpfhosen an den Kinokassen an Bond vorbeigezogen. Aber immer nur partiell. Der Agent ihrer Majestät hat sie letztlich überlebt, im Blick auf die Kasse im Durchschnitt sogar wieder überholt. Rambo (1982 bis 2008), John McClane (1988 bis 2013) sowie die beiden direkten Genre-Konkurrenten Ethan Hunt (1996 bis 2015) und Jason Bourne (2002 bis 2007) machten sich als Gegenentwürfe des Gentleman-Agenten daran, globales Terrain von 007 zu erobern. Auch wenn dem einen oder anderen Film der Franchises rund um Bourne, Stirb Langsam oder Mission: Impossible Achtungserfolge gelungen sind: Dauerhaft konnte kein Nachfolger James Bond vom Thron stoßen - selbst wenn sie augenscheinlich zeitgemäßer daherkamen.

Bond wirkt wie ein in die Jahre gekommener Marathonläufer, der sein ganz eigenes Tempo für die Distanz vorlegt, sich mal überholen lässt, aber am Ende doch wieder auf dem Treppchen steht. Genaueres zeigt euch die interaktive Statistik. Wenn Iron Man, Batman sowie Spider-Man in eben diese Jahre kommen, bleibt abzuwarten, ob sie noch wie 007 in der oberen Liga eine Rolle spielen. Auf der interaktiven Karte könnt ihr vergleichen, welcher Held in welcher Welt-Region die Oberhoheit besitzt. Während Bond in Europa definitiv auf Platz 1 steht, teilen sich Batman, Iron Man und Spider-Man andere Gebiete auf.

Wer hat die Weltmacht: Bond oder die Superhelden?

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Bond – Ein Superheld in Smoking und Fliege

Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern. Giuseppe Tomasi di Lampedusa (Autor von Der Leopard)

Als Daniel Craig 2006 seine Amtszeit als offizieller James Bond-Darsteller antrat, stand die Reihe wieder einmal unter dem Druck der Zeit. Pierce Brosnan war als Bond in einer Pose ironischer Kultiviertheit erstarrt. Weder ins alte noch ins neue Jahrtausend wollte er so richtig passen, eben wie es sich für einen Vertreter der 1990er mit ihren politischen Umbrüchen gehörte. Er rettete den klassischen Bond in ein neues Zeitalter, wenn es auch eine ganze Weile dauerte, bis sich dieser wieder aufrappelte. Denn die Ära Craig mit ihrem Soft-Reboot und Ansätzen serieller Geschichten bildete zunächst eine Übung in der Entsagung. Als Zuschauer konnten wir in Casino Royale und besonders in Ein Quantum Trost einen künstlerischen Exorzismus beobachten. Klassische Elemente der Reihe wurden wie Dämonen ausgetrieben, um den vermeintlich altersschwachen Agenten mit der dynamischen Konkurrenz auf ein Leistungslevel zu bringen. Und so stieg er in einer Hommage wie Ursula Andress und Halle Berry vor ihm aus dem Meer. Er stellte die herkömmliche Dynamik rund um lustvoll begutachtete Bond-Girls auf den Kopf und entschlüpfte gleichzeitig einem Jungbrunnen.

Die erste Dollar-Milliarde für ein Einzelabenteuer verantwortete trotzdem ein Craig-Bond mit Moneypenny und Q, ein Agentenabenteuer, das mit Ralph Fiennes’ M sogar wieder einen männlichen Vorgesetzten einführte. Die Austreibung hatte im dritten Craig-Film ihre Kreisbewegung vollendet. Als hätte jemand erkannt, dass Bond ohne diese „Dämonen“ aus einem anderen Jahrhundert nur ein weiterer Schläger mit eigenem Blockbuster wäre, kehrten sie auf die Leinwand zurück. Soft-Reboot hin oder her, hat also auch James Bonds dramatisches Facelifting unter Daniel Craig die Kernelemente der Reihe gewahrt. Sie wurden ein paar Jahre beiseite geschoben, um just in dem Moment entstaubt zu werden, in dem das US-Mainstream-Kino sich in Reboots, Re-Imaginings und Remakes der nostalgischen Wiederverwertung verschrieb.

Skyfall bietet nun einen Bösewicht mit Julien Assange-Mähne, während Sam Mendes’ erster Bond-Film anderswo The Dark Knight in Erinnerung ruft. Deswegen geht Skyfall als klassischster Bond seit langer Zeit durch: in seinen zaghaften, aber zeitgemäßen Verweisen auf die Wirklichkeit, aber auch in seiner für Bond typischen cartoonesken Übertreibung. Letztere enthebt den Agenten Ihrer Majestät wiederum der Zeit. Darin gleicht er den Helden in Strumpfhosen. Der größte unter ihnen, Superman, blieb als Kostüm und personifiziertes Ideal über die Jahre flexibel genug, um in verschiedenen Comics gegen Nazis zu kämpfen, bei Kommunisten aufzuwachsen oder als eine Art Alien-Blumenkind mit traurigen Augen auf die Menschheit zu blicken. Christopher Reeve, der erste Kino-Darsteller von Superman, galt trotzdem lange Zeit als unersetzbar. Und ein Blick auf die jüngere Kinogeschichte von Batman und Spider-Man zeigt, wie schwer sich die großen Studios damit tun, ihre ikonischen Kostüme durch wechselnde Besetzungen zu retten.

Insofern können wir Bond als Lehrbeispiel für eine Reihe betrachten, die sich aus dem Schatten ihres Stars gekämpft und eine dauerhafte Marke erschaffen hat. Sie rang bereits in den 1960er und 1970er Jahren mit jenen Problemen, welche den Produzenten der Superheldenfilme von heute schlaflose Nächte bereiten. Doch Bond steht mittlerweile über seinen wechselnden Gesichtern, weil sich ein Stück jenes Agenten aus Dr. No idealerweise in all seinen Inkarnationen wiederfindet. Das sicherte ihm das Überleben: durch den Zerfall des Studiosystems hindurch zum Aufkommen des Blockbusters und schließlich in unsere Ära der Franchisierung. Mit dem nostalgischen Spectre scheint der Erneuerungszyklus unter Daniel Craig nun an sein Ende gekommen zu sein. Vielleicht hat der Star wirklich die Nase voll, vielleicht ist sein Gerede über einen Ausstieg nur Teil inoffizieller Vertragsverhandlungen. Craig mag gehen. Bond, der Superheld mit Smoking und Fliege, bleibt.


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