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Indie-Metropole

London bei Nacht mit Alexis dos Santos

11.08.2010 - 08:50 Uhr
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Axl sucht seinen Vater in London Nights
© Koolfilm
Axl sucht seinen Vater in London Nights
Neben all den vielen Blockbustern, die sich stetig durch die Kinoprogrammhefte jagen, ist es schön zu wissen, dass einige Regisseure sich auch für kleine Filme begeistern können. Alexis dos Santos ist einer von ihnen, der mit seinem Film London Nights nicht nur Fans der britischen Metropole ansprechen will.

Eine Millionenstadt und mittendrin zwei Menschen auf der Suche. Während Vera auf der Suche nach einer flüchtigen Bekanntschaft ist, die sich vielleicht als die große Liebe herausstellen könnte, sucht Axl seinen Vater, der er noch nie vorher gesehen hat. Doch schon bevor sich die Wege der beiden Hauptfiguren überhaupt kreuzen, erfährt der Zuschauer nicht nur von ihren tiefsten Gedanken und Wünschen, sondern auch, wie man sich im Strudel der Londoner Indieszene und dem Nachtleben der Metropole einfach treiben lassen kann. Im Interview erzählt uns der Regisseur Alexis Dos Santos die Hintergründe zu seinem Film London Nights.

Alexis dos Santos, mit wem haben Sie an London Nights gearbeitet, warum haben Sie ihn gemacht? Geben Sie einen verkürzenden, höchstens 25 Worte langen „X meets Y“- Pitch und verraten Sie uns dann, was dieser kurze schmutzige Verkaufsslogan auslässt!

Alexis dos Santos: London Nights schildert eine Epoche und einen Ort: junge Leute im heutigen London. Ich habe diesen Film mit internationaler Besetzung in London gedreht: Fernando Tielve (The Devil’s Backbone), Déborah François (Das Kind), Michiel Huisman (Victoria, die junge Königin), Iddo Goldberg (The Tournament) und Richard Lintern (Bank Job). Wäre dieser Film ein Ding, dann wären das zwei Schachteln, gefunden in einer leeren Lagerhalle, mit Bildern, Polaroids, CDs, Tagebüchern, Konzerttickets, Comics, Zeichnungen und eine Menge leerer Flaschen. Die eine Schachtel würde einem Jungen namens Axl gehören, die andere einem Mädchen, das Vera heisst. Wenn man sich ihre Dinge anschaut, kann man darauf kommen, wie sie leben, was sie denken, wovor sie Angst haben und wonach sie sich sehnen. Man sieht ihr Leben und wie sich ihre beiden Geschichten allmählich verweben. Okay, das war nun nicht gerade der erbetene „schmutzige kurze Verkaufsslogan“, nächster Versuch: Meine Anregungen finde ich meist in der Musik, Kunst, Literatur und Fotografie, nicht so sehr in Filmen. Also: „Es ist, als würden Fotos von Nan Goldin zu einem Soundtrack von Daniel Johnston zusammengestellt“.

Haben Sie Ihren Film durch einen anderen Job finanziert? Was haben Sie gemacht, bevor Sie Filmemacher wurden?

Alexis dos Santos: Ich habe keinen einzigen Tag in meinem Leben gearbeitet. Okay, ich habe ein paar Musikvideos und etwas Werbung gemacht, aber das kam mir nicht wie Arbeit vor. Ich würde ja gern sagen können, ich hätte gestrippt oder Pornos gedreht, um das Geld für diesen Film anzuschaffen, aber so war es leider nicht. Ich wurde während der Projektentwicklung bezahlt, das war eine große Hilfe. Und dann durfte ich einige Monate in Paris in der Residenz der Filmstiftung Cannes bleiben, das hat auch geholfen.

Sie sind Argentinier, Sie leben in London, Sie sprechen Französisch und Sie haben für London Nights eine belgische Schauspielerin engagiert…

Alexis dos Santos: Ich habe mich in den letzten zwölf Jahren viel in Europa aufgehalten, erst in Barcelona, dann in Paris, und nun in London. In London Nights wollte ich die Stadt in einem neuen Licht zeigen: Dort kreuzen sich die Wege von jungen Menschen aus aller Welt, sie sprechen verschiedene Sprachen, aber sie verständigen sich auf Englisch. In London mischt sich alles. Wir bilden dort Ersatzfamilien fern vom Land unserer Geburt und unseren Wurzeln. Wir erschaffen uns eine neue Identität durch die Musik, die wir hören, die Leute, die wir treffen, und die Orte, die wir besuchen. Das ist das Milieu, in dem ich die Figuren meines Films angesiedelt habe.

Hätten Sie sich vorstellen können, den Film anderswo als in England zu drehen?

Alexis dos Santos: Ich wollte immer London als Drehort. Die Figuren hätten vielleicht auch in Berlin oder Barcelona leben können, nirgends sonst, aber London hat etwas ganz Besonderes an sich. Ich wollte das hippe East End zeigen, wo zeitgenössische Musik und Kunst sich verbinden und Kunststudenten in Rockbands mitmachen. Ich kenne die Stadt sehr gut, ich habe lange genug dort gelebt, um sie so zu schildern, wie ich sie erlebe. Natürlich hätte ich auf Spanisch drehen können, aber da meine Figuren aus verschiedenen Ländern kommen, benutzen sie die Sprache, die sie gemein haben: das Englische. Und wenn sie sich in ihre Gedanken zurückziehen, gebrauchen sie ihre eigene Sprache. Ein ganz natürliches Phänomen…

Sie fotografieren Ihre Figuren gern in Nahaufnahmen und verwenden kaum Totalen. Warum?

Alexis dos Santos: Bei der Nahaufnahme eines Gesichts erscheint durch die geringe Tiefenschärfe das Gesicht ganz klar und der Hintergrund verwischt. Ich wollte dadurch eine größere Intimität erreichen. Ich wollte die Poren ihrer Haut spüren, und wenn man sie von ihrer Umgebung isoliert, wirken sie sexier. Durch die Nähe wird vieles abstrakter – und die Sexszenen werden subjektiver. Man sieht nur Körperteile.

Die Musik ist von größter Bedeutung in Ihrem Film.

Alexis dos Santos: Die Musik war mir von Anfang an sehr wichtig. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens richtet sich London Nights an junge Leute. Für die ist die Musik ganz wesentlich. Sie baut uns auf, weckt die Gefühle, reißt uns mit und verändert unsere Stimmung. Zweitens hat jeder Ort seine eigene Musik: die Bars mit Live-Rockmusik, die nächtlichen Szenen, nicht zu vergessen die Musik vom MP3-Player oder Ipod. Ich wollte, dass die Musik eine Hauptrolle spielt, und dass sie eklektisch ist. Ich habe eine Liste von Titeln mir bekannter Gruppen aufgestellt. Ich habe Daniel Johnston und Kimya Dawson um Hilfe gebeten. Es gibt Freunde wie die Tindersticks. In London ist die angesagte Musik mehr von heute als anderswo. Das verdanken wir Mary and the Boy, Connan Mockasin oder Plaster of Paris. Ich bewundere diese Musiker. Darum habe ich sie gewählt. Ihre Stücke akzentuieren den Film mit Augenblicken wahren Gefühls.

London Nights startet morgen in unseren Kinos. Wer sich für einen kleinen Film mit großartigen Bildern und einem fantastischen Soundtrack begeistern kann, sollte unbedingt einen Blick in unser Kinoprogramm werfen.

Mit Material von KoolFilm.

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