Marvel-Filme sind kein Kino? Doch und das zu 100 Prozent

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© Walt Disney Pictures
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Chefredakteurin von Moviepilot, sozialisiert von Gerippchen Unsterblich, David Lynch und Kirk aus Stars Hollow. Einziges Redaktionsmitglied, welches Mathe mag. Wertet deshalb am liebsten Daten aus.

Es ist bizarr. Filmemacher Martin Scorsese ist in Hollywood eine Institution. Er hat Oscars gewonnen, maßgeblich das New Hollywood geprägt und uns solch großartige Filme wie Taxi Driver, Wie ein wilder Stier und The Wolf of Wall Street geschenkt. Nun sagte er in einem Interview: Marvel-Filme sind kein Kino.

Die Aussage verwundert. Immerhin haben wir seit 2008 allein 23 Filme aus dem Marvel Cinematic Universe gesehen, die Millionen von Zuschauern weltweit in die Kinos gelockt haben, die Box Office-Ergebnisse pulverisieren und auch Oscars ihr Eigen nennen dürfen. Marvel-Fans sind entsetzt, die nicht so großen Freunde des MCU frohlocken und Beteiligte wie etwa James Gunn, Karen Gillan und Robert Downey Jr. rechtfertigen sich.

Kino - Ein kurzes Wort mit vielen Bedeutungen

Sinnvoll ist es immer, den Begriff zu klären, über den wir reden. Kino ist vieles und seit über 100 Jahren stetig in Veränderung. Drei wichtige Bedeutungen listen wir hier auf.

  • Kino ist der Ort, in dem wir Filme erleben. Hier werden seit mehr als 100 Jahren viele Arten von Filme in diversen Formaten gezeigt. Es ist eine kulturelle Institution, in der wir die Magie der Filme ästhetisch erfahren.
  • Kino wird häufig auch als die Filmkunst an sich bezeichnet. Wieder treffen wir dabei auf diverse Spielarten, etwa das expressionistische Kino, das Kino des New Hollywood, des Neorealismus, der Superhelden-Ära etc.
  • Zudem besteht die Möglichkeit, Kino als Erlebnis zu begreifen, als ein Ins-Kino-Gehen. Damit wird die alltägliche Handlung ebenso beschrieben wie der Event-Charakter, den die Blockbuster-Kultur mit sich bringt.

Mit den oben genannten Begrifflichkeiten ist für mich klar: Marvel-Filme sind Kino. Etwas anderes zu behaupten, ist - sorry, Marty - schlichtweg falsch.

Welchen Begriff von Kino Martin Scorsese in seiner Aussage meint, kann ich nur vermuten. Aus der Filmografie des Altmeisters und Oscar-Gewinners lässt sich erahnen, dass er Marvel-Filme nicht als hohe Filmkunst schätzt, ihnen aber eine Erlebnis-Funktion (Vergnügungspark) zugesteht. Das ist absolut okay. Aber ihnen damit zugleich ihr Hauptmerkmal abzusprechen, Kino zu sein, ist fatal.

Martin Scorseses Behauptung hilft dem Kino nicht

Dem Kino als Filmkunst wurde die Wehrhaftigkeit bereits in die Wiege gelegt. In seinen Anfängen behauptete es sich gegen jene, die es abfällig als Kintopp bezeichneten und meinten, nur Theater sei die wahre Kunst. Später wurde der Tonfilm verteufelt, dann die Farbe, zuletzt auch 3D. Genres wie Animation, Komödien oder Musicals werden häufig als die vermeintlich leichteren benannt, Blockbuster gar als der Niedergang der Filmkunst.

Letztlich geht es darum, eine bestimmte Filmkunst zu einer bestimmten Zeit als die wahrhaftige zu bezeichnen. In der Regel wäre dies jene mit Tiefgang, mit Charakterzeichnung, mit Ernsthaftigkeit. In meinen Augen war dies schon immer elitär und arrogant. Jede Art von Kino hat seine Berechtigung, eine psychologische Charakterstudie genauso wie ein bunt-lautes Spektakel.

Dieses Marvel-Spektakel hat trotz zahlreicher Schwächen viel zu bieten. Wer möchte, entdeckt nämlich auch Tiefe, Charakter und Ernst. Einige subjektive Beispiele erhellen dies für euch:

  • Thor zeigt uns einen klassischen Bruder-Twist, der schon auf den Bühnen der Antike präsent war. Regisseur Kenneth Branagh brachte uns nicht nur schnöde die beiden Brüder näher, sondern packte diese Geschichte auch in ein echtes Shakespeare-Drama.
  • Die ganze Geschichte um Captain America präsentiert uns die Entwicklung eines Helden. Er wird zur moralischen Instanz der Superhelden-Gruppe, wirft Fragen nach Gewaltenteilung, Selbstjustiz und Verantwortung auf. Wenn sich Captain America mit Iron Man über das Grundverständnis von Demokratie und über unterschiedliche Auffassungen zum bürgerlichen Recht streiten, ist dies ein hochaktueller Beitrag Hollywoods zum Trump-Zeitalter.
  • In den Avengers-Filmen wird jedes Superhelden-Ego in die Gruppe integriert und leistet seinen Beitrag, ohne seine Individualität aufzugeben. Das ist besonders im ersten Teil von Regisseur Joss Whedon gut in Szene gesetzt. Für die gesamte Avengers-Reihe ist es zudem eine dramaturgische Meisterleistung, denn hier werden mehrere Solo-Geschichten vereint. Das ist so noch nie dagewesen.

Statt zu sagen, dass die Marvel-Filme nicht zum Kino dazu gehören, sollten wir uns eher fragen, wie sie es seit über 10 Jahre schaffen, uns derart zu beschäftigen. Statt die längst überholte Spaltung von U- und E-Kunst wieder hervorzukramen, sollten wir eher den Diskurs über das vielfältige Kino fördern. Damit ist dem Ort, den wir am liebsten aufsuchen und auch in Zukunft aufsuchen wollen, wohl am besten geholfen.

Was ist Kino für euch? Welche Position habt ihr zu Martin Scorseses Aussage?

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