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Aktion Lieblingsmonster

Monster und Meute - Bestien in bester Gesellschaft

Ein Blick als Anklage.
© Universum Film/moviepilot
Ein Blick als Anklage.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.

Der dunkle Keller einer ehemaligen Schnapsfabrik in Berlin. Die brüchige Steintreppe wird Hans Beckert heruntergeworfen. Hans Beckert ist ein Monster. Er lockt Kinder mit Geschenken an und ermordet sie anschließend. Doch damit ist nun Schluß. Beckert wurde gefasst. Ihm wird der Prozess gemacht. Darauf hat sich der Serientäter seit seiner Ergreifung eingestellt. Doch als der Kindermörder seinen Blick von den großen Gestalten, die ihn die Treppe hinabgeschubst haben abwendet und ihn durch das Kellergewölbe wandern lässt, weiten sich die Augen dieser triebgesteuerten Bestie in blankem Entsetzen. Der provisorische Gerichtssaal ist nicht mit Vertretern von Presse, Polizei und Oberschicht gefüllt und auf der Richterbank sitzen auch keine ehrenwerten Rechtssprecher. Stattdessen hat sich hier die Berliner Arbeiterklasse und Unterwelt versammelt. Vorsitzender ist der ebenso mächtige wie kaltblütige Kriminelle Schränker. Über Monate hat Beckert mit seinen Kindermorden Angst und Schrecken über die Millionenbevölkerung Berlins gebracht. Die entstandene Hysterie und die erfolglosen Ermittlungen der Polizei haben dazu geführt, dass das Volk Recht und Strafverflogung selbst in die Hand genommen hat. Unter Führung der verbrecherischen Ringvereine zog sich das Netz um Beckert immer enger. Bis eine verräterische Melodie schließlich zu seiner Erfassung führte. Doch was macht das Volk mit einem Täter, der sich an den unschuldigsten und wehrlosesten Mitgliedern der Gesellschaft versündigt hat? Hans Beckert kennt die Antwort und sie ist es, die sein Gesicht mit schierem Horror überzieht. Schränker fasst das Schicksal des Angeklagten noch vor Prozessbeginn zusammen: "Ganz sicher unschädlich bist du nur, wenn du tot bist." Die Bestie, das absolut Böse hat Angst. Vor einem Monster, das mächtiger und furchteinflößender ist als jeder axtschwingende Psychopath, Werwolf oder Drache zusammen. Eine Gesellschaft in blindem Zorn.

"Wer weiß denn, wie's in mir aussieht?"


Die oben beschriebene Szene bildet das Ende von Fritz Langs M - Eine Stadt sucht einen Mörder. Und sie ist es, die aus dem bis dahin herausragenden Film von 1931 den wahrscheinlich wichtigsten der bundesdeutschen Geschichte macht. Ähnlich wie dem Film, geht es auch mir in diesem Text nicht darum mit Hans Beckert das naheliegende Monster zu dämonisieren. Dabei bietet die Figur beileibe genügend Angriffsfläche. Ein Kindermörder, dessen Gesicht wir bis weit in den Film hinein nicht sehen und der die Ermittler mit Bekennerschreiben auch noch verhöhnt. Eingeführt wird die Geschichte mit einer Mutter, die auf die Heimkehr ihrer Tochter aus der Schule wartet. Während das Mittagessen abkühlt und die Stunden verrinnen, wissen wir als Zuschauer bereits, was die Mutter nicht wahrhaben will. Die verzweifelten Schreie nach der kleinen Elsie verhallen im Treppenhaus. Betroffener kann der Beginn eines Films nicht machen. Jedoch vollzieht die Handlung einen Wandel im Laufe der Spielzeit. Peter Lorre gibt Beckert ein Gesicht und dieses ist nicht die Fratze, die man sich vorgestellt hat. Beinahe schutzbedürftig wirkt das Anlitz mit seinen großen Kulleraugen.



Ab der Mitte des Films ist Beckert der Gejagte. Als er von den Schergen der Unterwelt schließlich umzingelt wird und sich Panik bei ihm breit macht, entsteht bei dem Zuschauer das erste Mal so etwas wie Empathie für den Täter. Im Keller der Schnapsfabrik sieht sich Beckert den tausend verständnislosen Augen der Ankläger gegenüber. Er unternimmt einen letzten verweifelten Versuch dem Schafott zu entgehen und hält ein Plädoyer, das seine Morde nicht verharmlost, aber begründet. Er berichtet von den inneren Zwängen, die ihn vor sich hertreiben. Nur das Morden gibt ihm kurrzeitig Ruhe. Der kraftvolle Monolog endet mit drei entscheidenden Worten: "Will nicht, muss." Beim Zuschauer verfehlt dieser Vortrag nicht sein Ziel. Doch bei seinen Anklägern stößt Beckert auf taube Ohren. Sie fordern kollektiv seinen Kopf. Dass wir anschließend nicht Zeuge von den brutal ausgelebten Rachephantasien des Lynchmobs werden, ist der eintreffenden Polizei zu verdanken, die als Deus Ex Machina den Kindermörder doch noch der Justiz übergibt und ihm damit vielleicht nicht unbedingt das Leben rettet, ihm aber immerhin einen humanen Tod ermöglicht.

Zum Ende von Langs M gibt sich also der wütende Mob als das wahre Monster zu erkennen, das nicht tötet, weil es den psychologischen Zwängen eines Triebes unterliegt, sondern aus reiner Rachsucht. Doch wieso sollte man einer keifenden Masse mit Schaum vor dem Mund einen Artikel zum Thema Lieblingsmonster widmen?

Wahrscheinlich ist diese Entscheidung einfacher zu vermitteln, wenn man sich Filmen zuwendet, in denen der Fokus nicht auf dem Täter liegt, es stattdessen einen oder mehrere Protagonisten gibt, die dem Ideal eines Helden nahe kommen. Denn die gegenüber dem Protagonisten verständnislose Gesellschaft spielt in vielen Filmen eine tragende Rolle, bekommt aber, gemessen an ihrem Einfluss, vergleichsweise wenig Raum zugestanden in Rezensionen oder Inhaltsangaben. Konflikte zwischen Individuen lassen sich einfach leichter erzählen und filmisch darstellen.

Jedoch werden viele Figuren für uns erst deshalb zum Helden, weil ihr Umfeld im Film ihnen feindselig gegenübersteht. Wären Marlon Brando und James Dean heute Ikonen von Coolnes und Rebellentum, wenn sie in ihren Rollen nicht die Wut einer ganzen Gemeinschaft auf sich gezogen hätten? Würde das Ende von Die Reifeprüfung funktionieren, ohne die hasserfüllten Blicke der Hochzeitsgesellschaft? Ob in Coming of Age-Filmen oder Milieustudien wie Die Jagd: Es sind die Anderen, die unsere Sympathie auf die Seite der Außenseiter lenken. Es sind Gesellschaften ohne Fantasie, die Genies den finalen Ritterschlag zum verkannten Genie geben. Ob in Thelma & Louise, Fluchtpunkt San Francisco oder Easy Rider: Wirklich unsterblich wurden die Aussteiger und ihre motorisierten Vehikel erst durch den selbstgewählten Tod und die Einsicht, dass man sich zu Lebzeiten niemals freimachen kann von den Erwartungen der Gemeinschaft. Die Gesellschaft teilt das Schicksal vieler Filmmonster: Sie beansprucht den Part des Gegenspielers und leistet somit gleichzeitig einen Dienst für den Protagonisten. Erst durch die Abgrenzung zur Masse wird der Held zum Helden.



Diesen Anspruch kann Hans Beckert in M natürlich nicht für sich geltend machen. Er ist so weit von einem Held entfernt, wie überhaupt nur möglich. Doch auch hier leistet das Zusammenkommen der Unterwelt in einem Prozess der Lynchjustiz einen wichtigen Dienst für den Außenseiter. Wenn die Gesellschaft ihr wahres Gesicht offenbart und sich in ein Monster verwandelt, macht auch Beckert in der Wahrnehmung des Zuschauers einen Wandel durch. Er wird von einem Monster zu einem Menschen.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Sponsoren der Aktion Lieblingsmonster:


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