Morgen hör ich auf und der verdammte Breaking Bad-Vergleich

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Morgen hör ich auf
09.01.2016 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Kaum eine Rezension von Morgen hör ich auf kommt ohne Breaking Bad-Vergleich aus. Woher kommt diese Hartnäckigkeit? Sie rührt her von einem traumatischen Minderwertigkeitskomplex, den die Serienkritik sich jetzt wegtherapiert. Die Geschichte einer verfluchten Serie.

Norbert Himmler, aktuell Programmdirektor des ZDF und mit 44 Jahren für diesen Posten selbst noch relativ jung, ist einer von denen, die der Jugend-Bewegung des ZDF ein Gesicht geben. Im Juli 2013 tat der schmucke Norbert Himmler allerdings etwas furchtbar Dämliches. Er kündigte im Rahmen seiner Verjüngungsinitiative ein „Breaking Bad auf deutsch“ an und entsprach damit wortgetreu dem vielfach von Zuschauern und Kritikern mitgeteilten Wunsch nach selbigem. In dem FAZ-Interview  verwendete Himmler, wie es Fernsehredakteure gerne tun, die Weasel Words „innovativ“ und „kreativ“ wie Satzzeichen. Das catchy „Breaking Bad auf deutsch“-Etikett fügt sich in die ölige Hipsterbeamten-Rhetorik Öffentlich-rechtlicher Redakteure. An der mittlerweile gedrehten, fertiggestellten und gar ausgestrahlten Serie klebt stur der drückende BB-Nimbus. Die Rede ist natürlich von Morgen hör ich auf, eben besser bekannt als das deutsche Breaking Bad.

Wir machen „Breaking Bad“ auf deutsch. [FAZ, Juli 2013]

Diesen Samstag zeigt das ZDF die zweite Episode von Morgen hör ich auf mit Bastian Pastewka in der Hauptrolle. Und sind wir glücklich damit? Nein, natürlich nicht. Weil man mit etwas, das das Etwas von irgendwas ist, nicht glücklich sein kann. Der Walter White von Bad Nauheim, wie die taz  titelte, kann nie so gut sein wie der Walter White von Albuquerque, also das Original, das Genuine, das damals grundlegend Neue. Morgen hör ich auf war vom Moment seiner Ankündigung dazu verflucht, mit Breaking Bad verglichen zu werden. Warum das Ganze? Warum tut Norbert Himmler seiner Vorzeige-Serie so ein Schicksal an?

Pastewka bei deutschem "Breaking Bad" dabei [HNA, März 2014]

Nun, das ist die Geschichte des deutschen Serien-Minderwertigkeitskomplexes. Die vollmundige Ankündigung, dem deutschen Publikum endlich sein Breaking Bad zu schenken, war ein Reflex auf die gewaltige US-Serienwelle so um 2010, die die Öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF irgendwann nicht mehr zu ignorieren vermochten. Aber viel pubertärer konnte später im Jahr 2013 die Reaktion des Programm-Direktoren Himmler auf die beeindruckenden Erfolge von Game of Thrones und The Walking Dead nicht ausfallen. Die deutsche Version dieser amerikanischen Wunderserie, von der gerade alle sprechen, will er ins Programm nehmen. Die Öffentlich-rechtlichen waren seinerzeit zutiefst gekränkt, sahen die Serienkönige von AMC und HBO und wie das junge deutsche Publikum deren Serien anhimmelte und sich dabei dem deutschen Fernsehen endgültig abzuwenden drohte. Das ZDF gebar sich in Person Norbert Himmlers wie ein erniedrigter Schuljunge, der so hipp sein möchte wie die coolen Kids der Klasse und den derben Witz, der alle zum Johlen brachte, ein zweites Mal, aber noch lauter schreit. Jedoch ersetzt ein nacherzählter Witz eben nicht echtes Charisma oder, im Falle des ZDF, Wagemut und Erfindungsgeist. Die Serie selbst kann dafür nichts, muss sich nun aber dem Vergleich stellen, an dem sie nur scheitern kann.

ZDF-Antwort auf „Breaking Bad“: Brechend schlecht [taz, März 2014]

Die deutsche Serien-Kritik gibt Himmlers Breaking Bad-Vergleich jetzt dankbar an Morgen hör ich auf weiter. Dem allgemeinen Rezeptionstenor schadet das, denn Morgen hör ich auf wird im Kontext seiner Berichterstattung rezipiert. Zu frappierend sind die Übereinstimmungen auf den ersten Blick. Ein Familienvater sucht die Rettung aus seinen Existenznöten in der Kriminalität und verstrickt sich dabei mit gefährlichen Kleinganoven. Jochen Lehmann (Pastewka) fertigt in seiner mittlerweile nutzlosen Druckerei Falschgeld, Walter White kochte Meth. Beide machen ihre ordentlich erlernten Berufe illegal fruchtbar.

Deutsches „Breaking Bad“: ZDF dreht Mini-Serie mit Bastian Pastewka [Meedia, April 2015]

Die deutsche Serien-Kritik suchte schon lange die Distanz zu heimischen Produkten und ergeht sich in desillusioniertem Verachtungsvokabular. Das kann man ihr kaum vorwerfen. Gleichzeitig werden US-Produktionen oft einhellig in den Himmel gelobt, meist natürlich ebenfalls zu recht. Zitiert dann aber ein deutscher Sender, was erstmal keine schlechte Idee ist, den weisen Serienvater Breaking Bad, kann das nur scheiße werden. Oder brechend schlecht, wie die taz  vor mehr als eineinhalb Jahren schrieb und sich dabei mit verdrießlichem Ton ausmalte, wie so ein deutsches Breaking Bad den aussehen möge. Es spielen in dieser Version Hella von Sinnen und Matthias Schweighöfer tragende Rollen. Ein deutsches Breaking Bad? Ne, das kann einfach nicht gut werden.

Wie gut ist das deutsche "Breaking Bad"? [Stern, Dezember 2015]

Tut es auch nicht, schreibt die FAZ. Tut es wohl, sagt Die Zeit , aber nur bedingt, weil, Bastian Pastewka ist eben eigentlich witzig und kann deshalb nicht ernst genommen werden. Zudem wüchse weiterhin, selbstverständlich, Innovatives „in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat [...] massentauglich ist.“ Ok.

Eine gewisse Massentauglichkeit lässt sich Morgen hör ich auf zweifellos unterstellen (genauso aber Breaking Bad). Allerdings wird hier eine Unser Charly-Vorabend-Familienwelt dekonstruiert und das sollen dann doch auch möglichst viele mitbekommen. Das Endprodukt sieht Breaking Bad genauso ähnlich wie American Beauty - nämlich so gut wie gar nicht.

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