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Zum Geburtstag von Werner Herzog

Nosferatu: Phantom der Nacht - Die Ehrfurcht vor der Furcht

Nosferatu: Phantom der Nacht Trailer
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© Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
Nosferatu
05.09.2017 - 10:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Zum Geburtstag des gepriesenen Regisseurs Werner Herzog schenke ich mein Herz für Klassiker den Ehrfurcht erweckenden Bildern des unterbewerteten Horror-Remakes Nosferatu - Phantom der Nacht.

Verborgen hinter den Gruften und Klippen des Borgo-Pass, einem Weg, auf dem sich Licht und Dunkelheit trennen, liegt ein Ort, von dem noch niemand zurückgekehrt ist. Ein Geisterschloss, eine Ruine, das Land der Phantome und Vampire. In diesem finsteren Ort, an dem Leichen ihr eigenes Fleisch verdauen, herrscht die mächtige Teufelsgestalt Graf Dracula, deren Anblick dir unter die Haut krabbelt. Sein blasses totenähnliches Gesicht leuchtet in der Schwärze der Nacht, seine langen messerscharfen Nägel ähneln Klauen, die zu wachsen scheinen und nach dir greifen. Doch diese furchteinflößende Gestalt ist verziert von einer tiefgreifenden und bemitleidenswerten Trauer und der Sehnsucht der Lebenszeiten hunderter Männer.

F.W. Murnaus Dracula-Verfilmung Nosferatu, eine Symphonie des Grauens, der ewig währende Horror Klassiker, hat seit seinem Start 1922 große Begeisterung bei Film-, Vampir- und Schauer-Freunden finden können. Kaum ein anderer Film seiner Zeit ist derart häufig in der modernen Popkultur zu finden, von David-Bowie-Videos bis zum Spongebob-Cameo. Für viele ist es die gruselige Ästhetik, für andere der stark repräsentierte Zeitgeist des Expressionismus. Ich schenke mein Herz für Klassiker jedoch dem von mir bevorzugten Remake von 1979, Werner Herzogs majestätischem Schauerwerk Nosferatu - Phantom der Nacht.

Nosferatu: Phantom der Nacht


Die Geschichte Stokers, die Vision Murnaus und die Ästhetik Herzogs

Die Liebe ist eine der Hauptthematiken aus Nosferatu - Phantom der Nacht. Lieben, geliebt werden, der Ursprung von Liebe, sexuelle Liebe und was wir bereit sind für Liebe verschiedener Arten aufzugeben. Jonathan Harker (Bruno Ganz) ist überglücklich vor Liebe. Er lebt in Wismar gemeinsam mit seiner Frau Lucy (Isabelle Adjani), die keine Minute fern von ihm verbringen möchte. Obwohl Lucy nach nicht mehr fragt als der Liebe ihres Mannes, hat Jonathan das Verlangen, ihr ein wohlhabenderes Leben bieten zu können. Er beschließt einen gut bezahlten Arbeitsauftrag anzunehmen, für den er nach Transsilvanien reist, um mit Graf Dracula (Klaus Kinski) den Verkauf eines Hauses zu verhandeln, nichtsahnend, dass er sich freiwillig in die Fänge einer Kreatur der Finsternis begibt, einer Kreatur, die neben Jonathans Blut auch seine Ehefrau begiert. Eine Reise unvorstellbaren Grauens, aus der er nur Tod und Frustration für Lucy und die Bewohner Wismars mit sich bringt.

Ich denke, die Geschichte aus Bram Stokers Dracula-Roman sollte den meisten unter euch bekannt sein. Als Murnau sie zuerst verfilmte, konnte er die Filmrechte nicht ersteigern, weshalb die Namen der Figuren sowie ein paar andere kleine Details verändert wurden. Jonathan Harker heißt in der alten Fassung Thomas Hutter, seine Frau heißt Ellen und Graf Dracula wird Graf Orlok genannt. Auch Draculas mächtige und sexuell zu begehrende Erscheinung wird gegen die einer Ratten-ähnlichen Gestalt mit gekrümmter Figur eingetauscht. Da Stokers Roman im Jahre 1979 lizenzfrei wurde, konnte Werner Herzog die Original-Namen verwenden, orientierte sich dennoch visuell an Murnaus Film. In den Augen von Herzog ist Nosferatu, eine Symphonie des Grauens der wichtigste deutsche Film und seine Version ist eine einzige 107-minütige Hommage an den von ihm verehrten Schwarz-Weiß-Streifen.

Nosferatu: Phantom der Nacht - Werner Herzog, Klaus Kinski


"Der beste Vampirfilm aller Zeiten?" oder "Furcht durch Schönheit"

Es hat in der Geschichte des Vampir-Films kaum einen derart tödlichen Blutsauger gegeben wie die Verkörperung von Klaus Kinski. Als er in der späteren Hälfte des Films in Wismar sein Unwesen treibt, wird die Ankunft der Pest vermutet. Die Infektion verbreitet sich schneller und in weitaus größeren Maßen als jemals zuvor gesehen. Dies verdeutlicht Herzog besonders mit seinen pompösen und poetischen Bildern.

Nosferatu: Phantom der Nacht

Wie auch Murnaus Version ist Herzogs Graf Dracula absolut kein Brad Pitt oder Robert Pattinson. Diese Version ähnelt jedoch weniger einem Nager und statt mit gekrümmtem Rücken steht er aufrecht und blickt majestätisch auf die Menschen herab, wie eine Naturgewalt, die sich nicht mit derart niederen Wesen befassen sollte. Dennoch gehört jede Sekunde, in der wir Kinski zu sehen kriegen, zu den gruseligsten Momenten die mir aus dem Horror-Genre bekannt sind. Der Rhythmus des Films ist sehr geruhsam und so bewegt sich auch Kinski. Jump Scares gibt es auch keine. Dementsprechend liegt der wahre Horror darin, die von Herzog kreierten Bilder zu betrachten. Jeder Frame ist eine kunstvolle Komposition des Grauens, die sich ruhig und bedrohlich bewegt und den Terror im Zuschauer weckt. In einer der furchteinflößendsten Szenen geht Dracula sehr langsam den Korridor zu Jonathan Harkers Zimmer entlang, sein Verlangen nach Blut scheint trotz des Tempos mit jedem Schritt zu steigen. Selbst in Harkers Schlafzimmer gibt es keine raschen Bewegungen, als er sich über sein entsetztes Opfer beugt (so entsetzt wie auch der Zuschauer) und seine langen Krallen nach ihm greifen.

Nosferatu: Phantom der Nacht

Ein weiterer Unterschied zu anderen Vampir-Filmen liegt darin, dass Dracula in Nosferatu: Phantom der Nacht erst relativ spät, nach einer halben Stunde, erscheint. Dennoch ist die Atmosphäre des Grauens lange vor seinem ersten Auftritt spürbar, nämlich in den Ehrfurcht erweckenden Bildern der Natur. Auf Jonathans Weg nach Schloss Dracula zeigt uns Werner Herzog sehr viele Naturaufnahmen und verdeutlicht die elementaren Gewalten, die um Harker existieren, ihn winzig erscheinen lassen und, wie Dracula selbst, unaufhaltsam herumwandeln. Die Landschaften sind zwar außergewöhnlich schön zu betrachten, jedoch nicht anziehend. Die Welt erscheint kalt und grau, mit kahlen scharfen Bergen, vielen Schatten und einem dramatischen Kontrast zwischen der massiven Dunkelheit und dem kahlen Licht (wie auch Draculas blasse Gestalt im Dunkeln hervorscheint). Die ständige Präsenz der Bedrohung und des Todes wird durch die Gruselgeschichten und Furcht einiger Zigeuner geschürt, denen Harker in Transsilvanien begegnet und die ihn davor warnen nicht das Schloss aufzusuchen. Als Dracula schließlich selbst als Naturgewalt und Personifizierung des Todes erscheint, ist der Zuschauer nicht erschrocken, die Angst durchflutet aber seinen ganzen Körper.

Nosferatu: Phantom der Nacht - Lucy wartet auf die Rückkehr von Jonathan


Wenn ein Regisseur seinen Darsteller kennt

Auch wenn das stärkste Element von Nosferatu: Phantom der Nacht die bildlichen Kompositionen sind, ist der Horror-Faktor dieses Meisterwerks auf Werner Herzogs Wahl seines Hauptdarstellers zurückzuführen. Es ist altbekannt, dass Klaus Kinski ein leicht aufbrausender und aggressiver Schauspieler war. Egal wie viel auch an den Geschichten wahr und wie viel eventuell Übertreibung ist, allein seiner Darbietung als Graf Dracula ist die Aggressivität anschaubar. Doch Moment, Dracula bewegt sich doch ständig langsam und zurückhaltend. Es ist gerade diese Zurückhaltung, die seine Rolle ausmacht. Das ständige Verlangen nach Blut und Lucy ist geradezu unkontrollierbar, doch dennoch hält sich Dracula zurück, um nicht als übermenschliches Monster entlarvt zu werden. In einer Szene sitzen Jonathan und Dracula beim Abendmahl und Jonathan schneidet sich am Finger. Während sich hier im Gesicht Kinskis das Monster wiederspiegelt, das sich auf den verängstigten Menschen zubewegt und ihn scheinbar in der nächsten Sekunde in Stücke reißt, unterdrückt der Vampir gerade noch sein Verlangen.

Nosferatu: Phantom der Nacht

Klaus Kinski hatte bereits zuvor mit Werner Herzog an Aguirre und Woyzeck gearbeitet und die Partnerschaft wurde anschließend mit Fitzcarraldo und Cobra Verde fortgeführt. Die traumhafte Kombination von Herzogs visuellen Verständnisses mit Kinskis nuancierter Art, seine eigene Persönlichkeit in eine Rolle einfließen zu lassen, führte immer zu überwältigenden Resultaten. Doch nur in Nosferatu: Phantom der Nacht schuf sie die Wahrnehmung des Todes und blanker Angst.

Was ist eure Meinung zu Nosferatu: Phantom der Nacht?

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