Der große Sat.1-Film - Kritik

Restrisiko - Pfui böse Atomenergie pfui!

19.01.2011 - 07:00 Uhr
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Restrisiko - Der große Sat.1-Film
Sat.1
Restrisiko - Der große Sat.1-Film
Gestern zeigte Sat.1 den neusten Beitrag ihrer “Der große Sat.1-Film”-Reihe. In Restrisiko wurde Hamburg Opfer eines katastrophalen Super-GAUs und der Zuschauer durfte sich mit dem Restrisiko herumschlagen.

Die Liste der Katastrophen, denen der deutsche TV-Zuschauer bislang anheimfiel, ist lang und schmerzvoll. Stromausfälle (380.000 Volt – Der große Stromausfall), Vulkanausbrüche (Vulkan), Lawinen (Val Montana – Die Jahrhundertlawine), Gebäudeeinstürze (Der Einsturz – Die Wahrheit ist tödlich) und nun auch ein Super-GAU in einem alten Atommeiler in der Nähe Hamburgs. Das Schöne dabei: die Havarie passierte in Restrisiko bereits und musste nicht erst in stereotyper Manier verhindert werden. Das bringt etwas frischen Wind und apokalyptische Stimmung in das deutsche Fernseh-Allerlei. Besser gesagt ein laues Giftwölkchen, denn der Rest blieb formatbedingt katastrophal.

Fotoshow: Bilder zu Restrisiko

Tschernobyl war gestern

Das Unvorstellbare trat ein: In einem alten Atommeiler, der durch politische Tricks und Bestechungsgelder am Laufen gehalten wurde, war ein Störfall aufgetreten, der zu einem Super-GAU im Norden Deutschlands führte. Hamburg und das Umland wurden zur radioaktiv verseuchten Quarantänezone erklärt und hermetisch abgeriegelt. Aber wer trug die Schuld an dieser Katastrophe?

Möchtegern-Stalker und typisch deutsches TV-Theater in einem

Restrisiko setzte sich aus zwei parallel erzählten Handlungsverläufen zusammen. Einerseits folgte man als Zuschauer der Gegenwart, die drei Monate nach dem Super-GAU ansetzte und schilderte, wie sich die Schuld geplagte Sicherheitschefin aufmachte, um die wahren Verantwortlichen zu überführen. In bester monochromer Endzeitmanier schlich sie dabei durch die verlassenen Straßen von Hamburg. Bilder, die so manchen alten Klassiker in Erinnerung riefen. Dem gegenüber stand die Vorgeschichte, die die unabwendbaren Entwicklungen aufzeigte. Das Tragische: Beide Erzählstränge übertrumpften sich mit völliger Spannungsfreiheit. Bestenfalls konnte die Reise der Protagonistin in die Quarantänezone als verzweifelter Versuch anerkannt werden, etwas postapokalyptischen Flair einzubauen, um die Ökokritik zu untermauern.

Der Film trieb seine Moralkeule soweit, dass selbst die grünsten und umweltbewusstesten Zuschauer sich fortan am liebsten die Sonnenkollektoren vom Dach reißen und guten alten Atomostrom aus der Dose zapfen möchten. Anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger hätten die Macher von Restrisiko gut daran getan, die Charaktere zu entschlacken und das Szenario einfallsreicher umzusetzen – welches grundsätzlich interessant wäre. Wann hat man schließlich schon die Hansestadt so verlassen gesehen?

Die Hauptrollen spielten Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts, Matthias Koeberlin und Kai Wiesinger. Daneben waren noch Schauspieler wie Gerhard Garbers, Thomas Sarbacher oder Franziska Weisz zu sehen. Ulrike Folkerts mimte die unbeirrbare Sicherheitschefin souverän, wenn auch reichlich unterkühlt. Matthias Koeberlin durfte als smarter Kommunikationsberater mit Herz die vielschichtigste Rolle sein eigen nennen. Kai Wiesinger dagegen blieb nur der Part eines schablonenhaften, korrupten Unsympaths von Vorgesetzten. Inszeniert wurde Restrisiko von Urs Egger, ein Regisseur, der eine Folge Tatort und diverse TV-Filme wie Opernball vorzuweisen hat.

Warum Restrisiko? Darum!

Wikipedia sagt: “Als Restrisiko wird die Gefährdung bezeichnet, die einer Tätigkeit, einer Methode, einem Verfahren oder einem (technischen) Prozess nach dem Stand der Wissenschaft selbst bei Anwendung aller theoretisch möglichen Sicherheitsvorkehrungen noch anhaftet.”

Die Tätigkeit war in diesem Fall das Einschalten des Fernsehgeräts und die Wahl des Sat.1-Films wider besseren Wissens. Anstatt Sicherheitsvorkehrungen hatte der Zuschauer Hoffnungen, dass dieser deutsche TV-Film vielleicht – nur einmal – aus seinem Schema herausbrechen und nicht durch Einfältigkeit und Langeweile, sondern durch Raffinesse und Spannung überzeugen könnte. Die Hoffnung auf eine sauberen Fernsehunterhaltung verwandelte sich aber jäh in einen verstrahlten Super-GAU-Abend.

Was ist mit euch? Restrisiko ja bitte oder nein danke?

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